Plaquenil gegen die Pandemie?

Wie man einen Patienten mit dem neuen Coronavirus am besten behandelt ist noch bei weitem nicht klar. Als virale Infektion lässt es sich sehr schlecht direkt angehen (uns fehlen einfach die Mittel), momentan behandelt man vor allem die Symptome und vielleicht noch die Überinfektion mit Bakterien. Experimentell versucht man es mit schon bekannten antiviralen Mitteln, die gegen andere Viren und Erkrankungen eingesetzt werden. Sehr in den Medien ist aktuell Choroquin und Hydroxychoroqin.

Chloroquin ist ein entzündungshemmender, immunmodulierender, antiparasitärer und antiviraler Wirkstoff aus der Gruppe der Malariamittel. Er wird für die Vorbeugung und Behandlung der Malaria, bei einem Lupus erythematodes und bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. (Quelle Pharmawiki). 1953 in der Schweiz zugelassen wurde das letzte im Handel erhältliche Mittel (Nivaquine) letztes Jahr (2019) ausser Handel genommen. Es gab neuere und „bessere“ Mittel für die Anwendungen und zu wenig Nachfrage.

Hydroxychloroquin ist ein eng verwandter Wirkstoff für die selben Anwendungen und noch im Handel (Plaquenil). Während es in hohen Dosen weniger toxisch ist, hat es neben denselben Nebenwirkungen (Übelkeit, Bauchschmerzen, Hautreaktionen) zusätzlich noch negative Auswirkungen auf das Herz. Ausserdem bestehen diverse Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (Cortison, Methotrexat, Antibiotika etc.)

Beide Wirkstoffe werden aktuell untersucht, ob sie für die Behandlung beim neuen Coronavirus eingesetzt werden können. Obwohl sie in vitro (das heisst: im Reagenzglas) antivirale Wirkung zeigen – unter andererm auch gegen das alte SARS-Covid, lässt sich das nicht automatisch als geeignete Virenbehandlung am Patienten übersetzen. Studien am Mensch sind praktisch nicht vorhanden. Trotzdem hat die FDA – die amerikanische Arzneimittelbehörde – die Medikamente zum Einsatz in Notfällen (im Spital) bei Covid-19 freigegeben. Das vor allem, weil es kaum Alternativen zur Behandlung gibt. Trumps fragwürdige Aussage, das Medikament sei ein „Game Changer“ hat zusätzlich dazu beigetragen, dass die Nachfrage danach weltweit ansteigt.

Das zeigte schon diverse Auswirkungen.

In den USA haben sich einige Menschen selber vergiftet und sind gestorben, nachdem sie das Chloroquin, das auch (frei verkäuflich) zur Behandlung von Parasiten im Aquarium eingesetzt wird, getrunken haben. (Ich schrieb ja, das Zeug ist toxisch?)

Die beiden Wirkstoffe werden vor allem in Indien produziert. Die hätten die Kapazitäten die Welt damit zu versorgen (vorausgesetzt, die Firmen liegen wegen dem Virus nicht flach), aktuell ist die Nachfrage aber so hoch, dass sie nicht nachkommen. Deshalb hat Indien die Ausfuhr eingeschränkt um erst mal den eigenen Markt zu bedienen. Und deshalb haben jetzt auch Firmen, die vorher wegen Qualitätsmangeln geschlossen wurden die Erlaubnis bekommen, das zu produzieren.

Die Nachfrage nach dem zugelassenen Medikament, Plaquenil stieg auch in der Schweiz an. In der Apotheke bekamen wir bald telefonische Anfragen, ob wir das an Lager haben. Wir haben. Aber: das was ich habe, brauche ich für die Behandlung unserer Rheuma-Patienten … und nicht für den fragwürdigen Einsatz an wahrscheinlich noch-nicht-mal-Patienten, die das einfach haben wollen für sich, weil es vielleicht funktioniert beim Coronavirus. Diese „Vorsorger“ liessen sich auch durch den Hinweis, dass das rezeptpflichtig ist nicht abhalten. Ausser neu ausgestellten Rezepten von Ärzten nicht aus der Umgebung oder aus dem Ausland sahen wir hier sogar gefälschte Rezepte dafür.

Auch wenn wir das Plaquenil tatsächlich für unsere Rheuma-Patienten zurückbehalten haben – es gibt sicher genug Apotheken, die diese Rezepte beliefert haben. Deshalb haben wir jetzt alle diese Vorgaben bekommen: Apotheker und Ärzte dürfen Plaquenil nur im Rahmen der zugelassenen Indikationen verschreiben und abgeben. Das heisst für Patienten mit Lupus erythematodes, chronischer Polyarthritis oder Photodermatose. Und ich kann nur noch Bestellen, wenn ich ein spezielles Formular beilege, auf dem ich das oben schriftlich bestätige. Pro Patient / Packung ein Formular.

Daneben sind Studien im Gange, die die Anwendung der Wirkstoffe beim Covid-19 untersuchen. Es sieht nicht wirklich gut aus. In den nötigen hohen Dosen kommt es zu Nebenwirkungen – und eine der Studien wurde wegen erhöhter Sterblichkeit wegen Herzproblemen jetzt eingestellt.

Maskierte Apothekenpreise?

Das mit den Masken … es mehren sich in der Apotheke wieder die Anfragen danach – aktuell grad mit viel Unverständnis, wenn wir sagen müssen, dass wir (immer noch) keine haben – ausser für uns beim Arbeiten zum gegenseitigen Schutz und Schutz der einkaufenden Patienten. Die Leute wollen welche – da kommen inzwischen auch Aussagen wie „egal was es kostet“. Ich verstehe, dass Masken gesucht sind … vor allem, wenn man mitbekommt, dass andere Länder eine Maskentragepflicht einführen und bei uns halblaut darüber nachgedacht wird, vor allem im Zusammenhang mit einem Ausstieg aus dem aktuellen Lockdown.

Während wir in meiner Apotheke immer noch die Masken auftragen, die von der Schweinegrippe-Pandemie von den Personalausrüstung übriggeblieben sind (abgelaufen, aber gehen noch), ist es immer noch sehr schwierig an Masken zu kommen. Was auf den Markt kommt, landet (vernünftigerweise) in den Spitälern zuerst. Masken werden inzwischen in China abgefangen (und offenbar an den meistbietenden verkauft). Masken werden an den Grenzen aufgehalten und von manchen Ländern praktisch anekdiert. Dafür sieht man im Fernsehen, wie Masken jetzt auch in der Schweiz produziert werden – allerdings in Mengen, die den Bedarf noch bei weitem nicht decken. Inzwischen könnte ich theoretisch Masken bekommen – zumindest bekommen wir in der Apotheke regelmässig Angebote welche zu kaufen. Die haben alle Gemeinsamkeiten:

  • ich muss sie direkt bestellen (sie liefern nicht via Grossisten)
  • die Vertriebsfirma hat vorher meist keine Masken angeboten (oder hergestellt), macht das aber jetzt.
  • die Einkaufspreise sind hoch* – und ich muss eine Mindeststückzahl nehmen
  • die Qualität der Masken lässt sich nicht nachprüfen. Sie versprechen zwar alle Qualitätsware, aber so ein CE-Aufdruck und frisch hergestellt in China? … hmmm? Oder neu aus der Schweiz ohne Tests?
  • Lieferbarkeit in „wenigen Tagen bis Wochen“

*Zum hohen Preis: Vor der Pandemie habe ich Hygienemasken eingekauft in ganzen Packungen zu 50 Stück je mit einem Verkaufspreis von um die 25 Franken. Packungsweise.

Jetzt kann ich die Hygienemasken einkaufen zu einem Einkaufspreis von mindestens 0.99 Franken (bis 1.50 Franken) pro Stück (!) mit Mindesteinkaufsmengen von 1000 Stück. Je mehr man nimmt, desto günstiger wird es. Das heisst aber, dass ich im Einkauf schon für so eine 50er Packung etwa 50 Franken zahle und davon gleich 20 Stück nehmen muss und da kommt vielleicht noch Porto und Handling dazu.

Das sind im übrigen nur die Hygienemasken – diejenigen, die nicht den Träger schützen, sondern die Umwelt. FFP2 Masken fangen inzwischen bei einem Stückpreis von etwa 8 Franken an. Im Einkauf.

So die Frage an alle, die jetzt Masken verlangen in der Apotheke „egal zu welchem Preis“: Seid ihr bereit, für die Maske (Qualität unbekannt) pro Stück einen Preis von mindestens 1.00 zu zahlen – und wieviel nehmt ihr davon? Pro Tag braucht ihr (mindestens) 2.

Ich höre jetzt schon dieselben Leute schreien, dass wir „Apothekenpreise“ hätten und uns an der Pandemie bereichern wollen.

(In dem Zusammenhang muss ich an die Pressemeldung letztens denken, nach der SVP Nationalrätin Martullo-Blocher aus China Masken einfliegen lies – für die Coiffeure, damit die wieder aufmachen können. Ganz so altruistisch ist das jedoch nicht … die Masken werden den Coiffeuren auch verkauft werden. Stückweise. VP etwa 0.9 Franken)

Oder dann doch lieber eine Stoffmaske (selbstgenäht), die ähnlichen Fremdschutz aufweist und waschbar ist?

Also: vorläufig haben wir immer noch keine Masken zum verkaufen. Dafür gibt es inzwischen Desinfektionsmittel wieder (genug?) und auch Handschuhe bekommen wir gelegentlich wieder – allerdings nicht alle Grössen.

Testen auf Covid-19

Das waren etwas seltsame Ostern.

Mittwoch mittag fing es an mit Müdigkeit, leichten Kopfschmerzen (nicht der üblichen Migräne) und Gliederschmerzen. Ich ging schlafen in der Hoffnung, dass es morgens besser sein würde. Das war es nicht. Also nahm ich eine Kopfschmerztablette und ging arbeiten – die üblichen Sicherheitsmassnahmen, die wir in der Apotheke implementiert haben, schützen ja auch die Mitarbeiter untereinander. Während der Arbeit fühlte ich mich schlapp, hatte abwechselnd Schweissausbrüche oder Kältegefühl und war sehr froh, dass ich wegen Karfreitag früher abgelöst wurde.

Zu Hause legte ich mich ins Bett im Gästezimmer und sagte Mann und Kind, dass sie mich besser einfach komplett in Ruhe lassen sollen und Abstand halten. Ich hatte kein Husten oder Schnupfen nur gelegentlich etwas Halsschmerzen, die zeitweise in die Ohren „hochzogen“. Donnerstag und den ganzen Freitag verbrachte ich im Bett liegend – ich fühlte mich wie von einer Dampfwalze überfahren, aber ausser dem intensiven Krankheitsgefühl hatte ich kein messbares Fieber. 37,4 Grad zeigt das Quecksilbethermometer (alle anderen 3 digitalen war die Batterie ausgegangen …). Ich hatte kein Hunger, aber zwang mich zu essen (der Kuschelbär brachte es aufs Zimmer) – und schwor, dass wenn das Samstag immer noch so ist, ich mich testen gehen würde auf das Coronavirus. Ich meine: was mag das sein, was mich da praktisch niedergestreckt hat? Gegen die Grippe bin ich geimpft, FSME ist etwas früh (und bin ich auch geimpft) und „nur erschöpft“ wie meine Mutter meinte … das hier fühlte sich sehr anders an.

Samstag morgen ging es mir etwas besser, gut genug mich zum Testzenter zu begeben. Ich muss auch wissen, ob ich am Dienstag wieder in die Apotheke würde gehen können – oder ob ich mich weiter isolieren sollte. Mein Mann brachte mich hin, im Auto, ich ausgerüstet mit Maske, Krankenkassenkarte und einer Bescheinigung, dass ich in der Apotheke arbeite.

Im Testzenter bekam ich erst mal eine neue Maske (die wohl weniger schützte als diejenige, die ich anhatte, aber – Procedere) und viel Händedesinfektionsmittel.

Dann wurde meine Krankenkassenkarte eingelesen, meine Natelnummer abgefragt und ein Test-SMS darauf gesendet wurde.

Dann bekam ich einen Fragebogen mit dem die restlichen Daten aufgenommen wurden: Welche Symptome? Welche anderen Krankheiten? Beruf? Kontakt mit möglicherweise Infizierten?

Weiter ging es zum Fiebermessen im Ohr. 37.4 Grad (immer noch)

Dann zum Arzt, der nochmal alles abfragte, bestätigte, dass ich getestet werde und mich darauf hinwies, dass der Test ein falsch negatives Resultat von bis zu 30% anzeigen könnte. Das Testresultat würde ich per SMS bekommen, wenn negativ oder als Telefonanruf wenn positiv, ich solle das Telefon immer griffbereit halten.

Dann wurde mir mit einem langen Wattestäbchen ein Rachenabstrich gemacht (durch den Mund – ich habe gehört, dass das an manchen Orten via Nase gemacht wird).

Schliesslich wurde ich entlassen, nachdem ich die Unterlagen wieder abgeben durfte (und den Stift, der desinfiziert werden würde) und die Blätter mit den Verhaltensempfehlungen zu Selbst-Quarantäne und Selbstisolation bekommen habe.

Alles in allem sehr unspektakulär und effizient. Ich war nach 20 Minuten wieder draussen – zugegebenermassen waren ausser mir und vielen die dort arbeiteten kaum jemand da.

Zu Hause legte ich mich gleich wieder ins Bett im Gästezimmer. Selbst das bisschen war anstrengend. Und dann wartete ich auf das Testergebnis.

Das kam nachts um 2 Uhr. Per SMS: (das ist an sich schon die Antwort)

Also Negativ. Puh. Das bedeutet, ich kann wieder arbeiten am Dienstag, wenn das weiter so besser wird. Und ich kann aus der Isolation raus. Damit habe ich noch gewartet bis Sonntag morgen, aber seitdem essen wir auch wieder zusammen.

Jetzt bin ich wieder fit genug, nicht nur zum schreiben, sondern auch zum arbeiten morgen. Aber ich frage mich schon, was das jetzt war. Vorsicht ist natürlich weiterhin geboten – wie gesagt, kann der Test auch falsch-negativ sein.

Medikamentenversand in der Schweiz (Jetzt)

Nun – eigentlich ist es klar und hat sich auch mit dem neuen Virus nicht geändert: Das Heilmittelgesetz trägt dem Umstand Rechnung, dass Medikamente halt keine normalen Konsumgüter wie Essen, Kleidung, Elektronik etc. sind, sondern etwas, das direkt Auswirkungen (positive und negative) auf die Gesundheit haben kann. Deshalb ist der Versand von Medikamenten grundsätzlich verboten:

Art. 27 Versandhandel

1 Der Versandhandel mit Arzneimitteln ist grundsätzlich untersagt.

2 Eine Bewilligung wird nur erteilt, wenn:

a.    für das betreffende Arzneimittel eine ärztliche Verschreibung vorliegt;

b.   keine Sicherheitsanforderungen entgegenstehen;

c.   die sachgemässe Beratung sichergestellt ist;

d. eine ausreichende ärztliche Überwachung der Wirkung sichergestellt ist.

Nur wenige Apotheken haben eine Ausnahmebewilligung und verschicken Medikamente – und auch diese dürfen nur Medikamente gegen Rezept verschicken. Ja, auch OTC-Medikamente wie normaler Nasenspray etc. brauchen ein richtiges Rezept! Das ist die Absicherung, dass vor der Einnahme oder Anwendung die Beschwerden professionell abgeklärt wurden und eine persönliche (direkte) Fachberatung stattgefunden hat. Dazu genügt es auch nicht, wenn der Patient einen Onlinefragebogen ausfüllt, auf den dann (vielleicht) ein Arzt rasch einen Blick wirft.

Die Zur Rose ist die grösste Versandapotheke in der Schweiz – und hat das mit dem Online-Fragebogen gemacht – die Praxis wurde 2015 vom Bundesgericht verboten. Ebenso verboten wurde das Zuweisen der Rezepte durch Ärzte an die Zur Rose (für die sie Provision bekommen haben) vor allem, wenn sie nicht in einem Kanton sind, in dem Selbstdispensation (Verkauf der Medikamente durch den Arzt) erlaubt ist. Der Patient hat ausdrücklich ein Recht auf ein Rezept und die freie Wahl, wo er das einlöst.

Der Versandhandel von Medikamenten ist vielleicht noch praktisch bei Patienten, die weit weg wohnen von Arzt und Apotheke, aber : Gerade bei akuten Beschwerden wie Durchfall, Kopfschmerzen, Schnupfen oder Husten ist so ein Versandhandel nicht sinnvoll – in dem Fall braucht es nämlich sofort (oder möglichst gleich) eine Lösung und der Patient kann nicht tagelang auf den Briefträger warten … die im Moment sowieso ziemlich überbelastet sind.

Die aktuelle Situation ist dann auch der Grund, weshalb ich diesen Blogpost schreibe. Momentan ist allgemein „Social Distancing“ angesagt (Abstand halten, Leute!) und gerade die ältere Generation soll dadurch geschützt werden. Die brauchen aber weiterhin ihre Medikamente, sowohl die chronischen als auch für akute Beschwerden – weshalb wir, wie ganz viele Apotheken auch, den Hauslieferdienst massiv aufgestockt haben und aktiv propagieren. Das wird dann direkt gebracht – und möglichst kontaktlos überreicht. Die Patienten kennen wir dazu schon, es sind meist Stammkunden. Abklärungen erfolgen telefonisch, bei Unsicherheit verweisen wir an den Hausarzt, der jetzt auch viel „Telemedizin“ betreibt. Rezepte kommen optimalerweise per Fax (ja, immer noch) oder per email direkt vom Arzt zu uns. Nein, Rezepte ohne Originalunterschrift vom Arzt gelten auch jetzt noch nicht als Rezept, da gab es keine Ausnahmebewilligung.

Auch der Versand von OTC-Medikamenten ohne Rezept ist weiterhin verboten – das gilt für alle, für die Zur Rose Versandapotheke, die Corona sei Dank da Aufwind spürt genau so wie für die Apotheken vor Ort, die das aus Kundenfreundlichkeit vielleicht in Betracht ziehen. TUT DAS NICHT! Ich weiss, ihr bekommt auch Anfragen. Wenn die Person nicht schon Patient bei Euch ist und das Medikament auf Rezept schon hatte (und ihr abklären konntet, dass das noch so gebraucht wird), dann ist eine Lieferung per Post verboten! Ausgenommen sind eben nur Nachlieferungen von chronischen Medikamenten an Stammkunden, die jetzt irgendwo fern einer Apotheke festhängen, ansonsten sollte besser an den Hauslieferdienst einer Apotheke in der Nähe verwiesen werden.

Bild von pharmasuisse

Homeschooling? Geht doch

Die Schule ist geschlossen. Alle Kinder sind zu Hause und machen Homeschooling. Und es geht – irgendwie. Einfach ist anders … für uns ist das ein ausgewachsenes Organisationsproblem. Sowohl ich (als Apothekerin) als auch mein Mann (als selbständiger Mechaniker) arbeiten weiter, da „systemrelevant“.

Ich gebe zu, ich habe mir das mit dem Homeschooling früher schon überlegt, da ich gesehen habe, wie Junior in der Schule kämpft (mit POS, was einfach die „schweizer“ Diagnose für ADHS ist). Er hatte jegliche Hilfe von aussen, wirklich besser wurde es tatsächlich mit Methylphenydat, nur war dann das Problem, dass sie trotz Kleinklasse mit unerfahrenen Lehrern (sorry) den nötigen Stoff einfach nicht durchbekommen haben. So kam er im letzten Herbst in die Sekundarstufe – und zwar in eine Regelklasse – und hatte von Anfang an viel aufzuholen. Dafür sind die Lehrer jetzt von gut bis super. Das Homeschooling in der Primar musste ich verwerfen, denn: wer hätte das machen sollen? Technisch gesehen hätte ich das machen können (meinem Mann fehlen tatsächlich einige schulische Grundlagen), aber die Familie ist vor allem von meinem Einkommen abhängig. Mein Mann ist selbständig und arbeitet alleine, seine Werkstatt (die er geerbt/übernommen hat) wirft grad genug ab, damit eine Person davon leben kann, müsste er Miete zahlen, sähe es auch damit nicht so gut aus. Dafür habe ich den Handwerker und den Hausmann – er macht wirklich, was er kann. Schule gehört dazu aber weniger, vor allem weil Junior doch noch ziemlich Hilfe braucht/e.

Homeschooling haben wir jetzt seit 2 Wochen. Die erste Woche nach den Ferien war noch normal Schule im Schulhaus mit allen Schülern – minus diejenigen, die in Quarantäne sassen. da Rückkehrer aus einem Hochrisikogebiet. Damit sich nicht alle auf dem Pausenhof trafen, haben sie die Anfangszeiten und Pausen gestaffelt. Kontaktsport (und auch sonst berühren) war verboten, Händewasch- und Hygienelektionen wurden gemacht (ihr kennt den Drill). Dann kam der Notstand. Nix mehr Schule gehen, bis …unbestimmt?

Bei uns wurde das ziemlich pragmatisch gelöst. Da etwas absehbar, wurde den Schülern der Umgang mit dem Programm „Teams“ beigebracht, das jetzt auch für den Schulunterricht benutzt wird. Daneben gibt es einen Whatsapp Chat der Klasse mit dem Lehrer, des Lehrers mit den einzelnen Schülern und des Lehrers mit den Eltern als Gruppe. Wir haben einen neuen (vereinfachten) Stundenplan bekommen – nur noch 2 verschiedene Lektionen am Morgen und 1-2 am Mittag. Sie müssen morgens am Computer sein (es wurde erst eine Umfrage erstellt ob jeder einen hat – und auch Drucker/Scanner etc.) – dann bekommen sie im Teams Aufgaben zugeschickt, die sie zu lösen haben und dann wieder zurückschicken müssen. Teils müssen sie Sachen ausdrucken, dort drauf schreiben oder zeichnen und das wieder einscannen oder Fotografieren und zurückschicken. Anderes können sie direkt in der Datei bearbeiten oder sie müssen ein Word-Dokument schreiben. Das funktioniert … nach kleineren technischen Anfangsschwierigkeiten.

Beispiel: Erster Tag mittags, ich in der Apotheke am arbeiten, Kuschelbär sollte eigentlich zu Hause sein, da bekomme ich reihenweise Whatsapp-Nachrichten, weil Junior erstmalig etwas ausdrucken muss. Wie? Wo? Und wo ist das Papier? Es hat keines mehr. Hilfe? Hilfeeee! Es hatte natürlich schon noch. Nur dass dann die Druckpatrone anfing zu vermelden, dass sie bald leer sei … und wo finde ich jetzt rasch eine, wenn alle Läden geschlossen sind?

Das funktioniert jetzt vor allem deshalb, weil Junior das doch recht selbständig machen kann (ich bin so stolz auf ihn!). Trotzdem muss das von zu Hause aus gehen – wenn er dann mal ins Tagi muss (das bei uns noch offen ist für Fälle wie unseren, wo beide arbeiten müssen), klappt das nicht mehr, da er – auch wenn er den Computer mitnimmt – dort keinen Drucker hat und auch nicht ins WLAN darf, dafür muss er via Hotspot mit dem Smartphone eine Verbindung einrichten. Auch deshalb versuchen wir, dass er das möglichst nicht muss. Das bedeutet, entweder arbeite ich oder ich bin zu Hause und schaue, dass das mit Junior funktioniert – und er nicht zu viel für Spiele am Compi sitzt. So wirklich Zeit für mich hatte ich in den letzten Wochen nicht – und ein Ende ist nicht abzusehen.

Ich bin sicher, es kämpfen auch andere mit ähnlichen Problemen. Ich meine … auch der Lehrer ist Vater und hat zu Hause kleinere Kinder und muss daneben den Stoff vorbereiten und Sachen kontrollieren von unseren. Auch er arbeitet mit dem was er hat und wie er kann. Was er wohl von der Anfrage im Elternchat gestern hielt nach der Wochenrückmeldung und den neusten Nachrichten der Behörden zur Schule?:

Ich hätte eine allgemeine Frage zu dem Ganzem, wenn Sie sagen „Falls die Schule bis zu den Sommerferien geschlossen bleibt“; Die Schule/Kanton erspart sich ziemlich viel Material und Stromkosten und Diverses, welches sich auf unsere Privathaushalte auswirkt. Ist Ihnen bekannt, ob wir da Unterstützung bekommen? Und wenn nicht, wo und wie könnten wir das einfordern? Ich denke, die finanzielle Situationslage trifft auch uns Privatpersonen und nicht nur die Geschäfte!

Ich bin jetzt nicht sicher, was sie sich da zusammenrechnet. Für’s Internet zahlen wir sowieso monatlich, Stromkosten und Heizen dürfte nicht wesentlich nach oben gehen, nur wenn 1-2 Personen jetzt für ein paar Stunden mehr täglich zu Hause sind. An Papier zum Ausdrucken haben wir jetzt auch nicht mehr gebraucht als sonst für die Hausaufgaben und das Z’Nüni mussten wir vorher auch schon mitgeben – eine Schule ist ja kein Hotel. … Vielleicht verpasse ich da etwas, aber die Anfrage finde ich jetzt … frech. So wie ich das sehe, erhalten die Schulen schon dermassen weniger finanzielle Unterstützung als früher um dem Bildungsauftrag nachzukommen – und jetzt wo sie die Betreuung nicht im Gebäude selber machen können will man als Privatperson Geld dafür verlangen, dass der Schüler zu Hause ist?

Homeschooling – geht doch. Soll ich jetzt auch was extra dafür verlangen? Ah, nein, das wäre dann frech von mir – immerhin „darf“ ich weiterhin arbeiten.