Gründe, warum man einen Vorbezug braucht

ältere Kundin in der Apotheke:

„Kann ich meine Blutdruckmedikamente vom letzten Rezept noch einmal beziehen? Ich weiss, ich brauche ein neues Rezept, aber mein Arzt ist im Moment in den Ferien und jemand hat mir die Medikamente aus der Wohnung geklaut.“

– die Blutdruckmedis? Da hat wohl jemand nicht gut aufgepasst, als er die mitgenommen hat.

Apotheken aus aller Welt, 475: Beirut, Libanon

Danke vielmals an Johannes für diese spezielle Apotheke:
Ich habe noch Bilder von einer Reise in den Libanon (2011). Die Apotheke liegt in dem palästinensischen Flüchtlingslager Chatila in Beirut. Das Flüchtlingslager ist offiziell exterritoriales Gebiet, also die libanesische Polizei und das Militär haben dort nichts zu sagen. Mittlerweile hat sich die Lage dort wohl noch deutlich verschärft im Vergleich zu meinem Besuch 2011, da auch sehr viele Palästinenser aus Syrien fliehen mussten.
Das Flüchtlingslager Chatila hat durch ein Massaker im Bürgerkrieg traurige Berühmtheit erlangt (siehe z.B. den Film „Waltz with Bashir“)
Beirut1 Beirut2Beirut4

Metoclopramid (MCP) – Rückruf (in Deutschland)

Reichlich überraschend kam letzte Woche die Meldung, dass das in Deutschland per sofort (!) „alle flüssigen Zubereitungen zur oralen Anwendung mit einer Konzentration von mehr als 1mg/ml Metoclopramid vom Markt genommen werden müssen.“ Einfacher hätte man wohl schreiben können: alle Metoclopramid-Tropfen dürfen nicht mehr verkauft werden. Denn so ich weiss, gibt es keine niedriger dosierten (die sind alle zwischen 4 und 5 mg/ml) und auch keine Sirupe. Ebenfalls betroffen sind Präparate zur rektalen Anwendung (lies: Zäpfchen) mit mehr als 20 mg.

Metoclopramid ist ein Arzneistoff, der die Magenentleerung beschleunigt und damit Übelkeit und Erbrechen lindert. Es ist ein Dopamin-Antagonist, der auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Das ist einerseits für die Wirkung (Dopamin kann Erbrechen auslösen) als auch für die möglichen neurologischen Nebenwirkungen wichtig. Das ist auch der Grund, warum das rezeptpflichtig ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass bei dem Wirkstoff etwas läuft. Metoclopramid ist zwar ein alter und damit etablierter Wirkstoff, trotzdem wird sein Einsatz in Frage gestellt. Bei uns wurden 2011 die Formulierungen, die eigentlich für Kinder gedacht waren vollständig gestrichen. Unter einem Jahr wurde die Anwendung verboten, darüber nur noch als 2. Wahl eingesetzt. Der Wirkstoff selber stand in Folge auch für die Anwendung bei den Erwachsenen unter Beobachtung – man führte eine Risikobewertung durch. … Die nun nach dem Bericht der europäischen Aufsichtsbehörde EMA letzen Oktober negativ ausgefallen ist.

Nach der soll der Wirkstoff MCP – von dem lange bekannt ist, dass er vor allem bei Überdosierung und bei Langzeitgebrauch Probleme machen kann – nur noch jeweils für 5 Tage verordnet werden. Die Dosierungsempfehlungen wurden herabgesetzt – und der Wirkstoffgehalt der Tropfen wird auf 1mg/ml beschränkt.

Bis die allerdings kommen, wird es dauern – denn das bedeutet für die Herstellerfirmen, dass sie das Medikament entwickeln, herstellen und vor allem neu zulassen müssen.

Ganz toll ist das auch für die (vielen) betroffenen Patienten und die Apotheken, die die neue Verordnung jetzt durchführen müssen.

Da das eine Entscheidung aufgrund einer EU Richtlinie war, hat die Schweiz (noch) nicht nachgezogen. Vielleicht kommt das noch – wir sind hier immer etwas langsamer und prinzipiell geht es hier nicht um überragend neue Erkenntnisse. Ich muss auch sagen, aus meiner Erfahrung nach wird das zumindest in meiner Gegend nicht übermässig verordnet. Auf Dauerrezepten sehe ich das kaum – und soweit ich sehen kann, wird das hier auch nicht gegen Dinge wie „Völlegefühl“ oder Verdauungsstörungen eingesetzt … alles Gründe, die in Deutschland jetzt dafür angeführt werden, weshalb das zurückgezogen wird.

Aber für die Patienten in Deutschland reisst der abrupte Rückzug eine ziemliche Lücke. … die manche über Einkäufe bei zweifelhaften Quellen zu überbrücken suchen. (Don’t!)

Was kann alternativ eingesetzt werden?

Metoclopramid / MCP – das gibt es ja noch, einfach vorläufig nicht mehr in Tropfenform. Man frage den Arzt nach Tabletten oder Zäpfchen. Tabletten kann man auch mörsern und in Wasser aufschwemmen. Die individuelle Dosierung ist so einfach schwieriger.

Domperidon (wie in Motilium) ist auch gegen Übelkeit und zur Anregung der Magenentleerung eingesetzt. Es überwindet die Blut-Hirn-Schranke kaum und macht darum nicht die (parkinsonähnlichen) Nebenwirkungen von MCP. Es kann allerdings Herzrhythmusstörungen verursachen, weshalb man es nicht anwenden soll, wenn man dauernd Magen-Darm Probleme aufgrund verminderter Darmbewegung hat.

Diphenhydramin wäre eine weitere Möglichkeit – ein H1-Antihistaminikum der ersten Generation, deshalb nicht nur gegen Übelkeit, sondern auch gegen Allergien, Husten etc. Macht allerdings auch müde … weshalb es bei uns vor allem als Schlafmittel eingesetzt wird und sonst in Kombinationen in Erkältungsmitteln.

Bei Übelkeit nach Operationen Ondansetron (Zofran: Neu und teuer)  … in der Indikation ist die Substanz dem MCP sogar überlegen.

Und jetzt will ich von Euch hören: betrifft Euch der Rückruf? Wie reagieren die Leute?

Die „falsche“ Frage …

„Können Sie herausfinden, wieviel Prozentig die Salpetersäure noch ist?“

Die Frau um die 50 stellt mir eine Flasche Acidum nitricum 65% auf den Tisch und fährt gleich weiter:

„Ich benutze die zur Schmuck-herstellung und in der letzten Zeit ist sie nicht mehr gleich … wirksam wie auch schon.“

Pharmama: „Ja. – Wieviel wollen Sie denn dafür zahlen?“

Frau: „Wie meinen Sie?“

Pharmama: „Ich kann es herausfinden. Dazu müsste ich wohl eine Säuretitration machen. Das braucht diverses an Material und viel von meiner Zeit, ist aber theoretisch möglich. … Günstiger wäre es allerdings wohl, einfach eine neue Flasche zu kaufen und uns diese hier entsorgen zu lassen.“

Frau: „Wieviel kostet 1 Liter?“

Pharmama: „Etwa 22 Franken.*“

Frau: „Ui. Und was verlangen Sie für die Analyse?“

Pharmama: „Hmmm … angesichts der Tatsache, dass ich da ein paar Stunden beschäftigt bin – mindestens 40 Franken. Dazu kommen aber noch die Analyse-Chemikalien … “

Frau: „Ich nehme eine neue Flasche!“

Gute Entscheidung.

(*hängt mich nicht an den Preisen auf – das sind hier Schätzwerte)

Sparmassnahmen am falschen Ende: bitte nicht bei der Arzneimittelinformation!

Nach neuen gesetzlichen Vorschriften von Anfang 2013 gibt es die swissmedicinfo, wo die Pharmafirmen alle ihre Arzneimittelinformationen und Änderungen derselben angeben müssen.

Das wäre schön und gut, wenn nicht ein paar Pharmafirmen daraufhin beschlossen hätten, dass sie es sich in dem Fall sparen können, diese Info auch noch an die Documed und die emediat weiterzuleiten.

Hört sich nach nicht viel an, hat aber ziemliche Konsequenzen für die Apotheke (und andere im Gesundheitssystem).

Die Documed und emediat welche Kompendium und galdat veröffentlichen, sind private Firmen. Ihre Leistung wurde insgesamt etwa zur Hälfte durch die Pharmafirmen und die Leistungserbringer finanziert.

Das Kompendium ist das Standart-Nachschlagewerk für Informationen zu Medikamenten in der Schweiz. In ihm sind (im Buch und online) die Informationen gesammelt, die vereinfacht in den Packungsbeilagen stehen – nur viel ausführlicher. Wirkung, Nebenwirkung, Kontraindikationen, Pharmakologie, Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit – an was man denken kann: alles drin. Plus die Identa: wie die Tabletten aussehen.

Der pharmINDEX der galdat ist der Stamm mit Medikamenteninformationen, auf dem die Programme mit denen wir in der Apotheke arbeiten fundiert. Darin stehen die Arzneimittelinformationen (wie im Kompendium) aber auch zusätzlich Informationen wie Fabrikabgabepreis, Verkaufspreis (sofern von der Spezialitätenliste vorgeschrieben), ob und wie das Medikament von der Krankenkasse übernommen wird. Ob es Limitationen gibt – etc. Das benutzen nicht nur wir, sondern auch die Ärzte und Spitäler und auch die Drogerien.

Es ist für die Medikamentensicherheit und Praktikabilität immens von Vorteil eine zentrale und zuverlässige allgemeingültige Datenquelle zu haben. Bevor es die gab mussten Ärzte, Apotheker und Pflegepersonal die wichtigen Informationen mühsam aus den einzelnen Firmenkatalogen zusammenklauben.

Der Entscheid der Pharmafirmen bedeutet, dass es da für (immer mehr) Medikamente keine Updates gibt bei Änderungen. Und wir haben häufig Änderungen.

Das sah man dann auch sehr rasch daran, wie sich im Apothekenprogramm die Medikamente mit dem Nachsatz (qap?) = quality approved? vermehrten. Das war die Kennzeichnung, die an die Medikamente der Firmen gehängt hat, wo in der Fachinformation eine Änderung stattgefunden hat, welche noch nicht ins Computersystem übertragen werden konnte.

qap

Nach einer Weile hat man die Kennzeichnung übrigens geändert zu (!) … wahrscheinlich wegen der Reaktionen der Patienten, die das so auch auf den Dosierungsetiketten wiederfanden. Was mich persönlich allerdings stört an dem Ausrufezeichen … das wurde früher von Ärzten dazu verwendet auf aussergewöhnliche Dosierungen hinzuweisen, oder dass sie keine Änderung des Medikaments wünschen. Auf den Computergenerierten Rezepten findet sich das (!) jetzt aber (die benutzen ja auch den galdat Stamm) – und das irritiert mich gewaltig.

(!)

Das sorgt natürlich allgemein für Unsicherheiten – nicht nur wegen der Bezeichnung. Demnach müsste man jetzt die Daten – wie vorher – bei den Firmen einzeln nachfragen/nachschauen gehen. Oder auf der swissmedicinfo – nur sind dort die Informationen eben nicht verknüpft.  Da steht nichts davon, wie die Kasse das zahlt, wie der Preis ist, einen Interaktionscheck kann ich da auch nicht machen – das ist aber neben den Medikamenteninfos das, was ich zum arbeiten brauche!

Die Medikamentensicherheit sollte den Pharmafirmen eigentlich wichtiger sein, als der eingesparte Betrag … für den ein Vasella vielleicht eine Woche gearbeitet hat …

Das gab tatsächlich entsprechend starke Reaktionen bei den Apothekern, die (angeführt durch die IFAK) eine Petition dagegen gemacht haben. Und das hat etwas bewirkt. Jedenfalls sind einige der Pharmafirmen wieder dazu übergegangen die Info wieder selber weiterzugeben.

Ich hoffe, der Rest folgt auch noch. Sowas hier:

prontolaxstreuli

… Ist einfach nicht wirklich gut. Auch für die Patienten nicht.