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Was kann ein Apotheker?

… und wann braucht es einen Arzt? Das ist das Thema des dosis, einem Heft des Schweizer Apothekervereins, bei dem der Kantonsarzt von Bern, Dr. Jan von Overbeck zur Sprache kommt – und dabei schön zeigt, dass Apotheker und Ärzte sich nicht allgemein gegenseitig bekriegen, wie es einem die Presse momentan suggerieren will. Er schreibt (wie ich auch) Zusammenarbeit gross:

in der Grundversorgung haben beide Berufsgruppen absolut Interesse, zusammenzuarbeiten, denn ihre Tätigkeiten ergänzen sich gegenseitig. Auch für die Gesellschaft ist es von Vorteil, wenn sie zusammenarbeiten, denn es gibt zu wenige Hausärzte. Apotheker sind am nächsten an unserem Beruf. Sie können problemlos die Erstabklärung übernehmen. So können wir gemeinsam die Lücken in der Grundversorgung schliessen.

Es geht im Artikel um das neue Heilmittelgesetz, wonach Apotheker das Recht bekommen sollen, mehr bisher rezeptpflichtige Medikamente abzugeben.

Ja, der Apotheker müsste gewisse medizinische Beschwerden tragieren und die entsprechende Medikation selbständig abgeben können. In Notfallsituationen ist das schon der Fall. Zur Zeit darf die akute Harnweginfektion im Notfall vom Apotheker diagnostiziert und behandelt werden, aber nicht während der normalen Arbeitszeiten, was ein klarer Widerspruch ist.

Er spricht hier die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente “in begründeten Ausnahmefällen” an .. darüber habe ich schon ein paar Mal geschrieben. Wir dürfen das. Und bevor ich den Aufschrei aus Deutschland höre, noch rasch der Nachsatz: wir können das auch. Wir haben Ausbildung und Weiterbildungen dafür besucht. Dr. Jan von Overbeck hatte offenbar die Gelegenheit an solchen Weiterbildungen dabei zu sein – er hat im Rahmen von netCare (das ist das Projekt hier) mit den Apotheken gearbeitet.

Natürlich hat das Grenzen, die er (wie ich) sieht:

Es ist genau wie bei uns Medizinern: Man muss die eigenen Grenzen kennen. Ein Kardiologe wird auch keine Magenspiegelung machen. Die Grenzen für den Apotheker liegen nicht unbedingt nur bei bestimmten Medikamenten, sondern im jeweiligen medizinischen Fall. Ein Apotheker kann eine junge und gesunde Person mit banalen Symptomen triagieren und die entsprechenden Medikamente abgeben. Wenn aber jemand mit Komplikationsrisiken wie Diabetes oder Herzinsuffizienz wegen der gleichen Beschwerden kommt, braucht es klar Abklärungen durch den Arzt – das Gleiche gilt natürlich auch für primär komplizierte Fälle. Apotheker, die die entsprechende Ausbildung und Erfahrung haben, sind durchaus in der Lage abzuklären, ob sie selber ein Medikament abgeben können oder den Patienten zum Arzt schicken müssen. Die Verantwortung liegt dann beim Apotheker.

Und sehr schön finde ich auch dies:

Wenn wir höhere Durchimpfungsraten erreichen wollen, müssen wir die Apotheker involvieren – mit einer Zusatzausbildung, die bereits jetzt viele haben, sind sie für diese Aufgabe absolut qualifiziert.

Au ja, bitte! Wenn es wieder eine Pandemie gibt – wir wollen dafür vorbereitet sein und mit den Ärzten arbeiten.

Originalquelle dosis 9.2014 Nr. 66 zu finden hier bei pharmasuisse.

Über diese Anzeigen

Die Apotheke als Notaufnahme …

Kommentar von gerade vorhin:

Jetzt bist Du auch noch Notaufnahme :)

Das bin ich schon länger … ihr habt ja keine Ahnung. Ich weiss nicht, ob das in anderen Apotheken auch so ist, aber … hier mal ein Überblick, was ich alleine letzten Monat so alles hatte in der Apotheke:

Bauarbeiter, dem ein Backstein auf den Kopf gefallen ist. Das hört sich schlimmer an, als es war: es stellte sich einfach als eine 1cm Platzwunde auf der Kopfhaut heraus, die höllisch blutete (tun die meistens). Druckverband gemacht und ins Spital geschickt zum Nähen und für die Tetanus-Spritze.

Jüngere Dame mit Schwindel und hyperventilierend. Hingesetzt und einen Plastiksack zum reinatmen gegeben, sowie Traubenzucker und etwas zu trinken. Blutdruck okay – und es wurde rasch besser mit dem Plastiksack-atmen. Vermutlich eine kleine Panikatacke – wofür auch spricht, dass sie nach eigener Aussage vom Arzt schon Beruhigungsmittel bekommen hat. Sie ging, nachdem sie sich bei uns erholt hat selbständig wieder nach Hause.

Handwerker, der sich mit der Kreissäge in den Daumen gesägt hat. Zum Glück nicht wirklich tief und geblutet hat es auch nicht mehr (das wurde wohl gleich kauterisiert). Gründlichst desinfiziert, verbunden und ihm gesagt, er soll das sauber und geschlossen halten mit regelmässigem Verbandswechsel und beobachten. Falls es anfängt mehr zu schmerzen oder rot wird, sofort zum Arzt. Der hier hatte eine Tetanusspritze gemacht bei seinem Unfall vor einem Jahr …

Ältere Dame mit von Sturz förmlich zerfetztem Unterarm. Die Haut (bei älteren eh’ schon dünner und reisst eher) hing in diversesten Fetzen und sie blutete stark: Blutverdünner. Ich habe den groben Dreck entfernt und steril abgedeckt bis die Sanität kam um sie ins Spital zu bringen.

Der nette Tourist, der sich am kaputten Regenschirm geschnitten hat. Verbunden und Pflaster / Desinfektionsmittel verkauft.

Mittelalte Dame mit diffusen Beschwerden (“fühle mich einfach nicht wohl”) und Schwindel, will Blutdruck messen. Der ist viel (!) zu hoch: über 190. Ins Spital geschickt, auch weil ihr Hausarzt momentan in den Ferien ist und sie (wirklich!) gleich gehen soll das zeigen.

Da waren noch mehr, aber das sind nur die, die mir grad einfallen. Daneben natürlich noch die üblichen kleineren Beschwerden, Erkältungen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Durchfall nach Reisen, Durchfall ohne Reisen etc.

An der Stelle noch ein Hinweis auf den letzten Artikel in 3min: Hausarzt gesucht? Nein, neue Modelle sind gefragt.

 Dabei wäre doch zum Beispiel ein Gesundheitszentrum mit Apotheke und angeschlossener Hausarztpraxis eine vernünftige Lösung. Davon würden beide profitieren. Die räumliche Nähe erlaubt eine enge Zusammenarbeit bei der Betreuung der Patienten. Die Apotheke weist dem Arzt die Fälle zu, die die Kompetenz des Apothekers übersteigen, und der Arzt überlässt der Apotheke die Medikation. Wetten, dass die Apotheke bei einem solchen Zusammenschluss eine wesentliche Entlastung für den Hausarzt bringt. Sie könnte zum Beispiel – warum nicht? – Arzttermine vereinbaren und erste Massnahmen wie Schmerzlinderung, Wundversorgung und ähnliches einleiten, bis der Arzt wieder da ist. Es kommt ja nicht jeder mit dem Kopf unter dem Arm. Nach einer Erstbetreuung können mit Sicherheit die meisten Patienten auch mal ein paar Stunden oder einen Tag auf die ärztliche Untersuchung warten. Ausserdem wäre durch die enge Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker letzterer viel besser informiert und könnte besser abschätzen, ob das Haus in Vollbrand steht oder der Feuerlöscher genügt.

Ja … siehe oben. Das wäre vielleicht wirklich etwas für die Arztpraxen / Apotheken auf dem Land.

Kleines Hallo an einen deutschen Arzt …

Einen der vielen, die in der Schweiz arbeiten:

Foto-3

Es “muss” ein deutscher Arzt sein, der das Rezept ausgestellt hat. Das erkenne ich an der N1 …
Allerdings muss ich hier zugeben, dass ich damit nichts anfangen kann. Welche Grösse soll das sein? Hierzulande schreibt man die Anzahl g dazu … oder lässt die Grössenangabe ganz sein (dann ist es automatisch die kleinste Grösse) oder schreibt dazu “grosse OP”

Aber das macht nicht viel – der Rest stimmt wunderbar – schreibt doch (endlich) einmal ein Arzt den Inhaltsstoff auf, statt einen Markennamen. Das dürfte wirklich öfter vorkommen. Und die Dosierung ist auch genau angegeben. Toll!

Von dem her: wink! Lieber Arzt: mach weiter so! Egal woher Du kommst.

Bei Bedarf

Das finde ich eine der problematischten Methoden, eine Dosierung anzugeben:

Bei Bedarf 1 Tablette einnehmen

Zunächst einmal muss der Patient wissen, was denn der “Bedarf” ist. Das kann sein (je nach Medikament): Schmerzen, Panikattacken, Übelkeit … also das, was dann dazu führt, dass man etwas dagegen nehmen muss. Man könnte auch sagen: “falls nötig“. Noch besser: “falls nötig bei …

Und dann weiss ich (und oft auch der Patient) mit der Dosierung meist nicht, ob er (oder sie) danach an dem Tag noch mehr nehmen darf.

Im Normalfall heisst aber  “Eine Tablette bei Bedarf”  nicht: “4 oder mehr pro Tag”.

Wieviel man pro Tag maximal nehmen darf sagt einem die Packungsbeilage. Wieviel man maximal nehmen soll – der Arzt.

First world problems …

rpnummer

Ja, was mache ich denn jetzt? Die Climavita gibt es nur in 30er und 90er Packungen …

Antwort: rede mit der Patientin. Die Frau hatte noch ein paar Tabletten zu Hause, also reicht eine Packung zu 90 Stück.

Nur: Wieso schreibt der Arzt das so genau auf???

Und süss fnde ich den Textblock auf der rechten Seite: das dient nur als Gedankenstütze für den Arzt. Oder?

Hah!

Dass in der Schweiz auch vernünftige Urteile gefällt werden, zeigt heute das Bundesgericht.  Es geht um die Umgehung des Selbstdispensations-Verbotes einiger Ärzte, die den Patienten die Medikamente via die Versandapotheke “Zur Rose” gleich nach Hause liefern lassen und für die “Vermittlung” der Patienten Geld kassieren – ich habe darüber berichtet im Post Diese Rose stinkt!

Das Bundesgericht bestätigt, dass es sich dabei um illegale Praktiken handelt. In Zukunft darf ein Arzt nur noch dann dem Patienten die Medikamente verkaufen (direkt via Selbstdispensation oder indirekt via Versand zur Rose), wenn er auch eine kantonale Bewilligung zur Selbstdispensation hat. Das ist also vor allem für die Kantone wichtig, wo die Selbstdispensation nicht oder nur teilweise erlaubt ist.

Die pharmasuisse (der Dachverband der Schweizer Apotheker) schreibt dazu:

Die Wahlfreiheit der Patienten muss gewährleistet sein. Deshalb hat auch der Nationalrat anlässlich der Heilmittelgesetzrevision grossmehrheitlich entschieden, dass der Patient Anspruch auf die Ausstellung eines Rezepts hat, dies auch dann, wenn der Arzt selber Medikamente abgeben darf. Es geht nicht an, dass Ärzte den Patienten gegen Entgelt die eigene Versandapotheke empfehlen und ihre Vorteile und Interessen gegenüber dem Patienten nicht offenlegen.

Trotz der Monopolstellung des Arztes bei der Verschreibung von Arzneimitteln wird dieser nicht vom Korruptionsstrafrecht erfasst. Sein Verhalten fällt bisher nicht unter den Tatbestand der Privatbestechung.

Dass das mit der Wahlfreiheit ein echtes Problem ist, zeigt zum Beispiel der facebook-Beitrag der Apotheke Schaffhauserplatz (in Zürich):

Nicht einmal unserer Lehrtochter, die sich klar als angehende Pharma-Assistentin zu erkennen gibt, händigt ihr Arzt ein Rezept aus. Sie müsse die Medikamente in der Praxis kaufen, es sei schon alles parat. Das sind die üblen Auswüchse der Selbstdispensation.

Dagegen hilft das Urteil oben nicht – aber es zeigt, auf welcher Seite das Problem liegt, wenn die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und selbstdispensierenden Ärzten so … schwierig wird. Und darum hoffe ich darauf, dass im neuen Heilmittelgesetz dann festgehalten wird, dass jeder Patient ein Recht auf ein (in die Hand gedrücktes) Rezept hat – dann kann er nämlich wirklich selber entscheiden, wo und wie er das einlösen will !

Sound alike und Verwechslungsgefahr

Jüngere Frau in der Apotheke: „Haben Sie mir Elloane? … ich bin nicht ganz sicher, ob ich das richtig ausspreche.“

Ich: „Ella One?“ (ich sprech das englisch aus)

Die Ella One ist die hier neu zugelassene Pille danach– die dürfen wir aber nur auf Rezept abgeben. Die Pille danach Norlevo nach einer Beratung mit Patientin und Apothekerin auch ohne. Aber … von vorne:

Pharmama: „Haben Sie ein Rezept, oder sind sie Ärztin?“ frage ich sie.

„Ich bin Ärztin.“ Sie zeigt mir ihren Arztausweis.

Pharmama: „Die Ella One habe ich noch nicht hier, aber die Norlevo. Anderer Wirkstoff, gleiche Wirkung.“

Ärztin: „Norlevo? Meine Frauenärztin hat mir einen anderen Namen gesagt als Generikum. Haben sie das Yaz hier?“

Jetzt bin ich etwas verwirrt. Yaz ist eine der normalen Verhütungspillen.

„Ja, die habe ich hier …“

Aber zuerst gehe ich mal an den Computer.

Ich schaue die Generika von Yaz nach. Eines davon nennt sich Eloine. Aha!

Pharmama: „Oh, meinten Sie Eloine?“

Sie hat das französisch ausgesprochen, also mache ich das auch.

Ärztin: „Ich bin nicht sicher. Das ist ein Generikum vom Yaz.“

Pharmama: „Ja, das ist so. Ich dachte, sie fragten nach der Ella One – der Pille danach.“

Ärztin: „Nein, die Eloine. Aber wenn Sie mir eine Yaz haben, ist das auch gut.“

Hoppla! Die hören sich viel zu ähnlich an für meinen Geschmack. Da sind wir knapp um eine Verwechslung herumgekommen. Gut – sie hätte das spätestens gemerkt, wenn da nur 1 Pille in der Packung ist …

Blutzucker-Verschwörung

“Könnten Sie mir den Blutzucker messen?” fragt mich die etwas müde aussehende Frau um die 40. Es ist Nachmittag ca. 4 Uhr … natürlich in der Apotheke.

Pharmama: “Ich kann – allerdings wäre es besser, wenn Sie das entweder am Morgen früh messen kämen – bevor sie noch etwas gegessen oder getrunken haben oder 2 Stunden nach einem Essen, ansonsten kann ich da nicht wirklich eine Aussage machen.”

Frau: “Das ist kein Problem. Ich habe seit heute morgen nichts gegessen.”

Pharmama: “Es kostet … Franken.”

Frau: “Das ist okay. Beim Arzt zahle ich ja auch. Ich möchte das lieber von ihnen machen lassen, beim Arzt hatte ich so hohe Werte – dem traue ich einfach nicht, dass das stimmt.”

Ich setze sie in den Beratungsraum und bereite meine Instrumente vor: Blutzuckermessgerät, Blutzuckerteststreifen, Stechhilfe, neue Nadel. Mit dem Alkoholtupfer reinige ich den Finger und während der Alkohol verdunstet nehme ich noch einen Tupfer und ein kleines Pflaster raus. Dann schiebe ich die Nadel auf die Stechhilfe, den Teststreifen ins Messgerät …

Währendem plappert die Frau munter weiter. „Wissen Sie, ich schaue sehr, was ich esse …“

Ich nicke nur ein bisschen und mache ein unbestimmtes “Hmhmm.” Sie ist nicht gerade dünn, eher ein bisschen mollig, aber nicht gesund aussehend mollig, eher aufgetrieben – aber das muss nichts heissen.

Frau; „…und mein Arzt, das ist so ein neuer Arzt, der alte, mit dem bin ich immer gut ausgekommen, wurde pensioniert und der neue … der will immer etwas ändern.“

Pharmama: „Nehmen Sie denn Medikamente? Speziell gegen hohen Blutzucker?“

Frau. „Ja, ich bekomme Metformin, das nehme ich auch regelmässig, darum glaube ich auch nicht, dass der Blutzucker wirklich hoch war…“

Metformin ist so die Standard-Anfangs-Therapie bei erhöhtem Blutzucker vom Typ II Diabetes. Nichts ungewöhnliches hier.

Pharmama: „Nun, dann wollen wir doch mal sehen und messen.“ sage ich und piekse sie in den Finger, halte den Streifen an den kleinen Tropfen Blut und tupfe das ab, klebe ein Pflaster drauf, während die Maschine misst.

Biep macht sie und zeigt … 20.7 mmol/l

„Holla“ sage ich „– das ist wirklich hoch.“

Zur Info: Obwohl man besser erst mal nüchtern und 2 Stunden nach dem Essen misst – laut Diabetes Weiterbildung letztes gilt alles ab 11.7 mmol/l im Plasma gemessen als Diabetes. Egal wann man misst …. und sie sagt sie habe seit über 8 Stunden nichts gegessen. Zum Vergleich: Normale Werte liegen nüchtern unter 5.

Interessant ist, dass die Frau meine Messwerte zwar nicht anzweifelt … aber sofort anfängt nach Ursachen zu suchen. Das fände ich noch verständlich, nur … die Richtung, wo sie sucht …

Frau: „Heute kann man einfach gar nichst mehr essen! Das ist doch alles vergiftet und verstrahlt. Nicht nur oben im Norden, auch bei uns. Das liegt alles an der schlechten Qualität vom Essen! Ansonsten gäbe es sowas wie Diabetes gar nicht …“

„Naja“ sage ich. „Es gibt ja zwei Arten von Diabetes und die eine kommt ganz sicher nicht vom Essen…“

Frau: „Ja, aber wie kommt das dann, das die Medikamente, die ich bekomme nicht wirken? Das ist doch alles nutzloses Zeug. Da ist wahrscheinlich gar nichts drin an Wirkstoff, das hört man doch immer in der Presse!“

Pharmama: „Das kommt vielleicht bei Arzneimittelfälschungen vor, aber bei uns hier eigentlich nicht. Ich versichere Ihnen, dass die Medikamente hier getestet und zugelassen wurde und auch das enthalten, was draufsteht.“

Frau: „Aber wie kommt es dann, dass sie nicht mehr wirken? Häh?“

Pharmama: „Das wird daran liegen, dass Diabetes eine fortschreitende Erkrankung ist. Ihr Blutzuckerspiegel wird ja kontrolliert durch Insulin. Und das wird in ihrer Bauchspeicheldrüse produziert. Beim Diabetes Typ II produziert sie einfach nicht mehr genug Insulin. Das nimmt dann über die Zeit weiter ab. Da kann es schon sein, dass die Medikamente, die man am Anfang hatte dann irgendwann nicht mehr genug sind. Von daher hat ihr Arzt Recht, wenn er das anpassen möchte. Das würde ich bei Ihnen und den Werten auch dringend empfehlen.“

Frau (abwehrend): „Ich will aber nicht Insulin spritzen müssen.“

Pharmama: „Nun ja, vielleicht geht es ja noch mit etwas anderem, das muss der Arzt anschauen. Das kommt darauf an, wie der Diabetes ist …“

Frau: „Ich glaube langsam, dass dieses Diabetes eine Erfindung der Ärzte ist und eine neuzeitliche Erscheinung. Früher gab’s das nicht …“

Autsch. Jetzt muss ich vielleicht deutlicher werden.

Pharmama: „Natürlich gab es das früher auch schon! Nur wurde es weniger häufig so früh gefunden. Und dann konnte man auch kaum etwas machen. Bei meiner Urgrossmama zum Beispiel – die hatte Diabetes … und der mussten sie beide Beine abnehmen wegen den Folgeerscheinungen. Sagen Sie mir nicht, das gab’s früher nicht.“

Ich kannte tatsächlich noch meine Urgrossmama, die lebte eine Zeitlang bei uns … da habe ich das als Kind noch (gut) mitbekommen.

Frau: „Aber das hat trotzdem mit dem Essen heutzutage zu tun, dass es das mehr gibt.“

Jaaa … vor allem gelegentlich mit dem mehr oder zuviel Essen … das mit dem ungenügenden Insulin kommt auch, wenn die Körpermasse ansteigt.

Pharmama: „Wer weiss. Jedenfalls reicht es bei ihnen nicht mehr, darauf zu achten, was sie essen um den Blutzucker in den Griff zu bekommen. Bitte machen Sie mit dem Arzt einen Termin.“

Frau: „Aber ich fühle mich gut!“

Pharmama: „Ja, das glaube ich gerne, einen hohen Blutzucker merkt man auch nicht so. Aber das macht ihnen trotzdem die Gefässe zu. Das kann überall sein und dann teils recht plötzlich. Das ist gefährlich. Gehen Sie zum Arzt. Bald!“

Frau: „Ja, ja, okay, mache ich.“

Sie zahlt, erhält ihre Werte und eine Broschüre mit und geht.

Ich hoffe sie geht zum Arzt, aber ich habe da echte Bedenken. In der kurzen Zeit, die ich sie im Beratungsraum hatte, hat sie mir diverse umm … Theorien präsentiert. Angefangen von: ‘Unser Essen ist alles nicht gut / verstrahlt / die Ursache für alle Krankheiten’, über: ‘Medikamente enthalten teils keine Wirkstoffe’ über ‘der Arzt will ihr nur neues verschreiben, weil er daran verdient’, bis zu ‘Diabetes ist eine Erfindung der Ärzte’.

Echt schwierig.

Kurz habe ich mir überlegt, ihr zu zeigen, dass mein Blutzucker (mit demselben Gerät gemessen) normal ist. Aber … ob das reichte, sie zu überzeugen? Dass ihre Werte sehr hoch sind, wusste sie ja eigentlich schon.  Dass das etwas sehr schlechtes ist wohl auch … nur verdrängt sie das lieber.

Gefälschte Rezepte

Merke:

Die Wahrscheinlichkeit eines gefälschten Rezeptes ist direkt proportional zur Zeit an der man schliesst – oder zu der Zeit, in der der Arzt sicher nicht erreichbar ist.

Gefälschte Rezepte, darüber habe ich schon ein paar Mal geschrieben:

Gefälscht und verfälscht: Rezepte (mit meinem ersten gefälschten Rezept)

Gefälschte Rezepte – und eine Bitte an die Ärzte

Comic Rezeptfälschung

Das seltsame Rezept

heilsamer Schreck

 

Aber heute will ich von Euch wissen: habt Ihr Geschichten dazu? Was war Euer erstes / Euer auffälligstes / Euer erinnerungswürdigstes gefälschtes Rezept?

Tell me!

kein Generikum aus medizinischen Gründen?

rezeptgenerika

Mein endgültiges Urteil zu dem Rezept-Aufdruck ist noch ausstehend. Was haltet ihr davon?

Da steht: Ich übernehme für die Abgabe von Generika ohne meine ausdrückliche Verordnung eines Generikums keine Verantwortung. Wenn auf diesem Rezept ein Originalpräparat verordnet ist, habe ich kein Generikum aus medizinischen Gründen verordnet.” (Emphasis übernommen)

Wer will, kann mir jetzt schon, ohne weiterlesen zu müssen sagen, was er davon hält (auch Bauchgefühl-Antworten sind interessant). Für den Rest kommen hier noch ein paar Zusatzinfos.

Bei uns in der Schweiz gibt es keine Rabattverträge. Die Apotheke wird aber dem Patienten ein Generikum für sein Medikament anbieten, wenn das möglich ist: Das heisst, wenn es welche gibt, wenn ein Austausch verantwortbar ist (dazu gehört, dass man es bei manchen Klassen nicht einfach so macht – darüber habe ich hier schon geschrieben), wenn der Patient damit einverstanden ist (und er versteht, was ich da mache – bei manchen muss ich hier einfach passen, wegen Sprachschwierigkeiten oder Verständnisproblemen).

Der Arzt hat auch bei uns die Möglichkeit von sich aus einen Austausch zu verhindern. Er kann auf das Rezept schreiben “sic” (So will ich das), oder besser: “aus medizinischen Gründen keine Generika” – wenn das handgeschrieben (!) draufsteht, dann sollte die Krankenkasse auch dann nur 10% Selbstbehalt verlangen statt der sonst 20% für ein (einiges teureres) Originalpräparat. Vor-Aufdrucke auf dem Rezept zählen dafür übrigens laut einem Urteil vor ein paar Jahren nicht. Stempel eigentlich auch nicht.

Der Arzt hier verschreibt (berufsbedingt) viele psychoaktive Medikamente. Da ist eine Einstellung nötig und Wechsel in der Medikation (auch zu Generika) können problematisch sein. Von daher … verstehe ich den Nachsatz. Allerdings würde ich das als verantwortungsvolle Apothekerin genau aus dem Grund sowieso nicht so einfach machen hier. Das heisst … irgendwo fühle ich mich dadurch ein bisschen beleidigt. Und ich finde das auch ziemlich irritierend für den Patienten selber, der das liest.

Und zuallerletzt: Was mache ich jetzt mit dem Sequase XR 50? Mir ist schon klar, was er will: Vom Seroquel XR 50 (dem Original) das Generikum – am liebsten das Auto-Generikum. Nur … Sequase XR gibt es noch gar nicht. Was es gibt wäre das Quetiapin Actavis XR … nur: will der Arzt das? Hier ist der Nachtrag doch arg verwirrend.

Also: gefragt ist Eure Meinung (ob Fachperson oder nicht): Was denkt ihr, wenn ihr das auf dem Rezept lest?

Lieber Zahnarzt: Bitte nicht.

Kundin bestellt bei uns eine spezial-Zahnpasta. Die braucht tatsächlich ein Rezept, muss aber (wie eigentlich alles auf Zahnarztrezept in der Schweiz) bezahlt werden.

Das Ding ist nicht exorbitant teuer.

Pharmama: “Das macht 9 Franken 50.”

Kundin: “Mein Zahnarzt hat gesagt es kostet 8 Franken.”

Pharmama: “Es kostet 9.50.”

Kundin: “Oookay. 9.50.”

Sie knübelt das Geld aus dem Portemonnaie und zahlt. Leicht widerwillig.

Lieber Zahnarzt. Das Ding kostet mich im Einkauf schon etwas über CHF 7.50.-. Bitte sieh’ davon ab, dem Kunden irgendwelche Preise zu sagen. Die sind bei Sachen, die sowieso nicht von der Krankenkasse bezahlt werden Marktabhängig … und Du weckst Erwartungen beim Kunden, die wir dann enttäuschen müssen. Ich geh’ ja auch nicht hin und sag der Kundin: “Oh, ein Loch flicken im Backenzahn – das kostet Sie nicht mehr als … Franken beim Zahnarzt.”

Also: Bitte nicht.

Pro Zusammenarbeit Ärzte und Apotheker

Bei der Diskussion von wegen “Apotheker sind unnötig” habe ich erwähnt, dass es Studien gibt, die beweisen, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker ist – für den Patienten und das Gesundheitswesen.

Damals war ich zu faul zu beschreiben, welche. Das hole ich hiermit nach.

Thierry Philbet hat im  Pharmajournal 18 vom 9.2013 die Arbeit dazu schon gemacht:

Eine lückenlose Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten – sowohl im Spital als auch im ambulanten Bereich – kann mithelfen die Patienten mit der besten Medikation zu versorgen. Sie kann die Therapietreue stärken, Fehler verhindern und die Pharmakovigilanz verbessern. Die Zusammenarbeit um Team von Ärzte und Apothekern kann helfen eine der grössten Herausforderungen der heutigen Medizin erfolgreich zu bewältigen: die mikrobielle Resistenz. Die Ausbildung und das Know How der Apotheker sind viel zu wertvoll, um nur für den Verkauf verwendet zu werden.

und da sind ein paar Studien, die zeigen, dass die Zusammenarbeit erfolgreich ist:

Ramsey et al.: Physician-Pharmacist Collaboration in the Management of patients with Diabetes Resistant to usual Care. Diabetes Spectrum Volume 21 Number 3, 2008 Dabei geht es um eine Verbesserung der Betreuung schlecht eingestellter Diabetiker Typ 2. Im Vergleich zur normalen Behandlung durch einen Arzt brachte die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker grössere Verbesserungen des Metabolischen Syndroms: 39.1% (Arzt mit Apotheker) gegenüber 24.7% (nur Arzt).

Eine in der Fachzeitschrift „Archives of Internal Medicine“ veröffentlichte Studie 2010 zeigt, dass eine von Ärzten und Apothekern gemeinsam getroffene Wahl der besten Therapieoption und Empfehlung einer angepassten Lebensweise und ernährungsbezogener Massnahmen brachte eine bessere Adhärenz, Senkung des Blutdrucks (Systolisch und diastolisch) und zwar signifikant: Die Zusammenarbeit bringt bei 75% der ambulanten Patienten eine Senkung des Blutdrucks auf akzeptable Werte, jedoch nur bei 50% wenn sich ausschliesslich der Arzt damit befasst hat.

Aus den „Annals of Pharmacotherapy“ 2010: da untersucht eine Studie den Einfluss der Zusammenarbeit im Rahmen eines Schweizer Pilotprojektes in Freiburg auf die Gesundheitskosten. 6 geschulte Offizinapotheker dämpften die Verschreibungspraxis von 24 Allgemeinmedizinern. Über einen Zeitraum von 9 Jahren sah man in der Zielgruppe im Vergleich zu einer Kontrollgruppe eine Senkung der Arzneimittelkosten um 42%. D.h. Einsparungen von 225000 Dollar pro Allgemeinpraktiker allein im Jahr 2007. Bei diesem Pilotprojekt ging es um die Bildung von Qualitätszirkeln. Ärzte und Apotheker bilden sich gemeinsam weiter und tauschen in mehreren Treffen jährlich Informationen aus über den rationellen Arzneimittelgebrauch.Das führte bei den Ärzte zu einer besseren Einhaltung der klinischen Behandlungsprotokolle, zu einer häufigeren Anwendung von Generika.

Da ist noch Luft drin. Sowohl bei den Studien als auch bei der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker. Gut, die Apotheker in den oberen Studien waren darauf vorbereitet und entsprechend weitergebildet. Die Grundlagen haben wir im Studium bekommen. Danach kann man sich weiterbilden und auch Spezialisieren. Es gibt Richtlinien für die Behandlung von Krankheiten – und die ändern gelegentlich, auch weil man sowohl neue Medikamente als auch neue Erkenntnisse bekommt. Da ist es beim Arzt wie beim Apotheker: wenn er/sie länger eine Praxis hat, hat er wohl viel Erfahrung, aber vielleicht nicht die neusten Erkenntnisse. Dann geht es darum die so anzuwenden, dass es den besten Effekt hat. Und da kommen die Apotheker ins Spiel. Ich finde diese Qualitätszirkel eine wirklich gute Sache!

Inzwischen engagieren sich rund 500 Ärzte und 100 Apotheker schweizweit in 65 Qualitätszirkeln – das scheint auch bei den Ärzten gut anzukommen.

Das Problem sind hier oft die Ärzte in den Kantonen, die SD: selbstdispensierend sind. Da wird der Arzt zur Konkurrenz der Apotheker und benimmt sich leider oft auch so: kein Interesse mehr an Zusammenarbeit :-(

Der engagierte Arzt

Ich schreibe (zu oft) negatives über Ärzte. Unleserliche Rezepte, seltsame Dosierungen, unhöfliche Reaktionen am Telefon … — Dabei habe ich im Normalfall gar nicht so grosse Probleme mit den Ärzten hier. Mit den allerallermeisten arbeite ich auch gut zusammen und empfinde sie als durchaus kompetent und fähig.

Heute aber mal ein wirklich ausserordentliches Exemplar von einem engagierten Arzt. Und dann erst noch einer aus dem Spital!

Ich habe nämlich diesen Fax bekommen. Als „CC“ sozusagen. Das Original hat der Arzt brieflich so an die Patientin geschickt.

engagierterarzt

Finde ich toll! Ich bin gespannt, ob das was bringt.

Die angeschriebene Patientin war nie einfach. Aufgrund einer (psychologischen) Grunderkrankung ist sie zutiefst misstrauisch gegenüber medizinischem Personal, was sich dann hauptsächlich darin niederschlägt, dass sie ihre Tabletten nicht nehmen will.

Ihre Tabletten, das sind hauptsächlich Blutdruckmedikamente und ein Cholesterinsenker. Frau Leery hat nämlich, wenn sie ihre Medikamente nicht nimmt einen wirklich hohen Blutdruck. Da läuft sie durchaus mit knallrotem Kopf durch die Gegend und beklagt sich über „Klopfgeräusche“ in den Ohren und Kopfschmerzen. So hoch.

Trotzdem fand sie, sie „vergesse halt“ gelegentlich die Tabletten zu nehmen, das sei ja nicht so schlimm. Dafür nehme sie dann am nächsten Tag einfach je 2 Tabletten – „das wird es ja wohl schon richten“. Dass sie dafür dann statt Kopfschmerzen Schwindelgefühle hat, hilft natürlich auch nicht: „da sieht man wieder, dass die Tabletten nicht gut sind für mich!“

Einen Hausarzt hat sie übrigens nicht – sie geht zur Konsultation ins Spital. Widerwillig … wie gesagt, sie hat ein (krankhaftes)  Misstrauen gegen Ärzte.

Mit viel Geduld und noch mehr gutem Zureden haben es der Arzt dort und wir es geschafft, eine Lösung zu finden, dass sie ihre Medikamente nimmt – und zwar richtig. Wir richten ihr das Doset anhand einer Dauerrezeptes einmal wöchentlich.

Das funktionierte sogar ziemlich gut. Frau Leery kam jeden Freitag in die Apotheke gewackelt und tauschte leeres gegen neues Dosett und ein paar freundliche Worte mit den Angestellten.

Wochen und Monate gehen so vorbei.

Dann … kam sie auf einmal nicht am Freitag.

Man telefonierte … sie versprach zu kommen … und liess es einfach sein.

Wiederholte Telefonanrufe unsererseits brachten gar nichts. Sie hängte dann einfach auf.

Jetzt … zwingen kann ich sie nicht.

Und da sie im Spital ist und nicht beim Hausarzt habe ich nach der Zeit auch keine wirklich zuständige Anspruchsperson dort. Ich hab’s versucht.

Ein paar Wochen vergehen, dann bekommen wir einen Anruf aus dem Spital.

Der Arzt fragt nach Frau Leery: „Sie ist doch Patientin bei Ihnen. Was für Medikamente und in welcher Dosierung nimmt sie im Moment?“

„Ich kann ihnen sagen, was sie bisher hatte – Momentan nimmt sie aber wohl gar keine, da sie seit ein paar Wochen nicht mehr ihr Dosett holen gekommen ist.“

Arzt: „Oh, das erklärt dann auch ihren wahnsinnig hohen Blutdruck.“

Jaahaaa.

So jetzt also der Brief.

Und wenn sie darauf nicht reagiert und kommt, dann schreibe ich auch noch einen.

Irgendwie muss sie sich doch davon überzeugen lassen, dass wir nur das Beste für sie wollen. Bei soviel Engagement.

Eine Antwort.

… auf den deutschen Arzt, der ganz offensichtlich der Meinung ist, dass der Apothekerberuf überholt ist und der sehr gerne die ganzen Medikamente auch bei sich in der Praxis abgeben würde.

(Siehe Kommentare auf den Post: Änderungen in Sichtweite …)

Zuallererst einmal: Ich nehme das als Affront, das mir von Ihnen jegliche Diagnosefähigkeit abgesprochen wird. Ich triagiere zuerst einmal und schicke zum Arzt, was dahin gehört. Wenn es sich um ein gesundheitliches Problem handelt, das ich mit meinem Mitteln behandeln kann, dann mache ich das (und zwar nach einer Befragung über die Vorgeschichte und andere Medikamente etc.). Dafür bin ich auch ausgebildet worden! Unsere Ausbildung wurde schon lange an die aktuelle Situation angepasst – und das funktioniert.

Ganz offensichtlich sogar so gut, dass uns hier in der Schweiz wohl bald noch mehr Kompetenzen in die Richtung gegeben werden. Vor allem was die Weiterbehandlung und Kontrolle von diagnostizierten gesundheitlichen Problemen betrifft. Ich möchte hier vor allem auf Diabetes und Blutzuckerkontrolle und Hypertonie und die Einstellung und Überwachung des Blutdruckes hinweisen. Es gibt in der Schweiz schon Zirkel wo Ärzte und Apotheker in diesen Bereichen zusammenarbeiten – zum Wohle des Patienten. Das ist nicht nur eine „Arbeitswegnahme“ bei den Ärzten. Die Ärzte, die da mit den Apothekern zusammenarbeiten sehen die nicht als Konkurrenz, Sie sehen das als Ergänzung und als Entlastung. Die Ärzte untersuchen und diagnostizieren die Patienten, die Apotheker beraten dabei die Ärzte bei der Wahl des Medikamente und machen die Nachsorge: Adhärenzkontrolle und Blutdruck- Blutzucker-Kontrolle bei den Patienten. Bei auftretenden Therapieproblemen, wie wenn zum Beispiel das Mittel nicht genügend wirkt, wird mit den Ärzten Rücksprache genommen und neu eingestellt. Das spart nicht nur dem Gesundheitssystem Kosten wegen weniger Arztbesuchen, sondern auch, weil diese Patienten tatsächlich einen besser eingestellten Blutdruck / Blutzucker haben … und demnach weniger Folgeprobleme.

Es existieren Studien, die den Erfolg dieses Systems nachweisen (ich bin jetzt bloss zu faul zum suchen).

Aber zur Selbstdispensation des Arztes: In der Schweiz mag das mit dem Medikamentenlager beim Arzt noch (halbwegs) funktionieren – speziell weil die leider immer noch nicht die gleichen Voraussetzungen erfüllen müssen, wie wir in der Apotheke. Aber angenommen, das würde in Deutschland eingeführt mit dem Gesundheitssystem, das ihr jetzt habt?

Ach ja, ich denke (nach dem was ich lese), dass das System der Rabattverträge in Deutschland von Ihnen noch nicht ganz verstanden wurde (was ich erstaunlich finde, aber es zeigt vielleicht auch, dass Sie nicht soviel Ahnung haben von der Abgabe der Medikamente, wie Sie denken). Lassen Sie mich erklären, wie das funktioniert (und die deutschen Apotheker mögen mich korrigieren, wenn etwas davon nicht stimmt). Die verschiedenen Krankenkassen machen alle paar Monate für verschiedene Wirkstoffe Ausschreibungen. Die Pharmafirmen geben Gebote ab, wieviel sie für die Medikamente verlangen würden. Die Krankenkasse macht mit der für sie günstigsten Firma Verträge – die Rabattverträge. Wieviel die Firmen dann tatsächlich für die Medikamente von den Kassen verlangen und wieviel die Kassen da sparen, weiss keiner, da die Kassen das nicht offenlegen müssen. Sie beharren aber entsprechend bei den Apotheken darauf, dass nur die Medikamente abgegeben werden, wo die Kasse die entsprechenden Rabattverträge hat.

Ich persönlich finde das eine unglaubliche Sache, dass derartiges überhaupt gemacht wird! Da schreibt die Krankenkasse – die nun wirklich nur wirtschaftliche Interessen hat und keinen medizinischen oder pharmakologischen Hintergrund – den Ärzten und Apothekern vor, welches Generikum sie verschreiben / abgeben müssen. Da müssen Sachen substituiert  werden, wo ein Wechsel eine so grosse Änderung der Bioverfügbarkeit zu Folge hätte, dass man den Patienten faktisch neu einstellen müsste. Das kann man (mit Mühe) in der Apotheke verhindern – allerdings nur mit grossem Bürokratischen Aufwand (muss alles festgehalten werden und ein Formfehler führt auch zur Nullretaxation: siehe unten). Da müssen den Patienten ständig wechselnde Generika abgegeben und erklärt werden … und gerade bei älteren Patienten sorgt das für Verwirrung und Falscheinnahmen.

Was hat die Apotheke davon? Nur die Arbeit, noch mehr Bürokratischer Aufwand und nichts von dem „ersparten“ Geld. Tatsächlich wird sie auch noch bestraft – und zwar mit sogenannter Nullretaxation – wenn mal ein anderes Generikum abgegeben wurde als das von der Krankenkasse gewünschte oder ein Formfehler auf dem Rezept vom Arzt nicht bemerkt wurde oder etwas nicht ganz korrekt (in den Augen der Kasse) protokolliert wurde.

Eine Nullretaxation ist, wenn die Kasse nicht nur die Differenz des Preises zwischen den Generika zurückverlangt (das machen sie nie), sondern gleich das ganze abgegebene Medikament nicht bezahlt. Je nach Medikament geht es da um hunderte bis tausende von Euros. Das lohnt sich für die Kasse immer.

Übertragen wir diese Situation jetzt also auf die Arztpraxis.

Als erstes müsste der Arzt auch ein Computersystem haben, das auch die aktuellen Rabattverträge der Krankenkassen anzeigt. – Kein Problem. Einfach ein bisschen teuer und muss regelmässig (und zwar nicht nur alle paar Monate, sondern mindestens wöchentlich) upgedatet werden.

Dann die Lagerhaltung der Medikamente:  wie gesagt: verschiedene Krankenkassen, verschiedene verlangte Generika. Es reicht also nicht (wie bei uns möglich) nur 1 Generikum von einer Firma und vielleicht nur 1 oder 2 Grössen davon von einem Medikament an Lager zu halten.  Das sind pro Wirkstoff mehrere.

Und: sie wechseln gelegentlich.

Damit müssen Sie auch alle paar Monate auch ihr Lager anpassen.

Viel Spass mit der Lagerhaltung in der Arztpraxis – aber Sie haben ja gesagt, das sollte für eine frisch eröffnete kein Problem sein? Platzmässig nicht und finanziell wohl auch nicht?

Natürlich … könnten Sie die Medikamente dann auch bestellen. Das geht in der Apotheke innerhalb eines halben Tages, für die Schweizer Ärzte (nach dem was Sie gesagt haben) innerhalb eines Tages … aber dann muss der Patient ja auch wieder zu Ihnen zurück-kommen. Da existiert dann kein Vorteil mehr gegenüber der Abgabe in der Apotheke.

Dann … angenommen, die Krankenkasse setzt bei Ihnen die gleichen Mass-stäbe an, wie bei den Apotheken und retaxiert „falsch“ abgegeben Generika auf Null. Ich könnte mir vorstellen, dass das  finanziell so belastend würde, dass selbst Sie Sich das mit der Medikamentenabgabe nochmals überlegen würden. Aber es ist ja alles für das Patientenwohl, richtig?

Bei Ihren ganzen Überlegungen, dass das ja die Apothekenhelferin in der Praxis ja auch könnte mit dem entsprechendem Interaktionsprogramm vergessen Sie, dass die Anzeige der Interaktionen nur das eine ist. Die Interpretation das zweite. Nicht jede Interaktion ist gleich schwerwiegend.

Eigentlich hätte ich gedacht, dass so etwas in den Arztpraxen jetzt schon passiert, bevor ein Rezept herausgeht.  Wäre doch überaus sinnvoll, oder?

Das Gefühl habe ich allerdings nicht, wenn ich die Rezepte hier in der Apotheke sehe. Ich muss täglich mehrmals eingreifen wegen Wechselwirkungen, wegen Dosierungsproblemen etc – selbst bei Sachen, die vom gleichen Arzt verschrieben wurden. Und: ich sehe bei mir in der Apotheke viele Patienten die verschiedene Ärzte besuchen. Bei mir kommt diese Information zusammen. Ja, auch wenn es Ihnen nicht passt – als Apothekerin bin ich die zweite (und unabhängige) Kontrollinstanz der Medikamente. Und ja: es braucht mich auch in Zukunft noch, auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen.

Übrigens: die Öffnungszeiten der Apotheken in der Schweiz sind durchgehend (Notfallapotheken sei Dank) und damit genauso lang wie die der Ärzte (mit dem Notfalldienst). Also *das* ist jetzt wirklich kein Argument gegen Apotheken.