Patienten (um)Sorgen

2

Zu meinem Erstaunen ruft Herr Vacuoli an um „seine Spritze“ zu bestellen. Erinnert Ihr Euch noch?  Es ist jetzt einen Monat seit dem letzten Besuch von ihm. Ich bin am Telefon. Und auch ohne die Kommentare im Computer in seinem Dossier … ich habe die Episode letzten Monat noch nicht vergessen, also weiss ich, um welche Spritze es geht. Das war er, der das teure Ding irgendwo „verloren“ hat und dann eine neue brauchte. Und jetzt braucht er dafür ein neues Rezept – und natürlich wieder einen Termin beim Arzt, der es ihm spritzt.

Pharmama: „Ich bestelle ihnen die Spritze gerne. Ich brauche allerdings ein neues Rezept dafür. Welcher Arzt wird es ihnen spritzen?“

Herr Vacuoli: „Oh … ich habe noch keinen Termin … der Hausarzt, denke ich?“

Angesicht seiner Probleme biete ich ihm folgendes an:

Pharmama: „Ich kann das Rezept beim Arzt verlangen – und ich kann das Medikament auch an den Arzt bringen, damit er es ihnen spritzen kann. Aber den Termin müssen Sie selber mit ihm machen.“

Das ist für ihn in Ordnung, also frage ich nach, welcher Arzt sein Hausarzt ist. Dem faxe ich die Bitte um ein Rezept … und bekomme tatsächlich auch prompt eines ausgestellt.

Das Problem beginnt dann, als ich dort telefonisch nachfrage, wann der Patient denn den Termin hat, damit ich das Medikament vorher dorthin bringen kann.

Praxisassistentin: „Hmm. Ich sehe keinen Termin für Herrn Vacuoli.“

Pharmama: „Okay – er braucht aber einen, der ihm das spritzt. Er … ist etwas unzuverlässig, deshalb dachte ich eigentlich, wir bringen das Medikament gleich dem Arzt vorbei, der das macht. Könnten Sie vielleicht ausnahmsweise mit dem Patienten telefonieren wegen dem Termin und uns dann informieren?“

Sie willigt etwas widerwillig ein … ich denke, sie sind das auch nicht gewohnt, wegen dem dem Patienten hinterherzulaufen ?

Am Nachmittag bekomme ich diese Nachricht der Praxis: Zuständiger Arzt für die Spritze sei eigentlich gar nicht er, sondern der Psychiater von Herrn Vacuoli. Er soll dorthin das spritzen gehen.

Das macht Sinn. Allerdings ist das nicht das, was Herr Vacuoli gesagt hat. Und der Hausarzt stellt das Rezept auch einfach so aus?

Nächster Kommentar im PC:  Zuständiger Arzt für Spritze eig. Psychiater (nicht Hausarzt).

Okay – nächster Anruf. Diesmal an den Psychiater von Herrn Vacuoli – den habe ich zum Glück im Patientendossier festgehalten, da er schon einmal mit einem Rezept von dem bei uns gewesen ist.

Ich erkläre der Praxisassistentin die Situation. Herr Vacuoli hat allerdings auch bei ihnen keinen Termin, aber sie verspricht nach Rücksprache mit dem Arzt einen zu machen. „Herr Vacuoli braucht diese Spritze unbedingt, also geben sie sie ihm bitte.“ Lässt der Psychiater mir ausrichten.

Ich biete an, das direkt zu ihnen zu bringen, aber sie meint, ich solle warten, bis ich Bescheid bekomme.

Ich höre und sehe 2 Tage nichts mehr. Dann kommt Herr Vacuoli vorbei. Seine Spritze holen.

Pharmama: „Guten Tag Herr Vacuoli. Ich habe inzwischen ein Rezept bekommen für die Spritze. Haben Sie denn auch einen Termin?“

Herr Vacuoli: „Hmm … jaaa?“

Pharmama: „Bei Dr.? (dem Psychiater?)“

Herr Vacuoli: „Nein, bei Dr. (dem Hausarzt). Heute nachmittag.“

Huh ?

Und weil jetzt kurz nach12 Uhr ist keine Chance für mich das nachzuprüfen und die Spritze vielleicht doch noch vorher direkt zu bringen.

Nun gut. Beide Ärzte sind zumindest überzeugt davon, dass er sie braucht (ich auch), ein Rezept habe ich auch dafür – und der Rest ist nicht wirklich meine Verantwortung. Selbst wenn ich langsam die „Mündigkeit“ dieses Patienten anzweifle.

Also habe ich sie ihm gegeben. Und nur noch gemahnt: „Aber bitte nicht wieder verlieren!“

Ich drücke die Daumen.

Advertisements

Patient mit besonderen Bedürfnissen

7

Beim kontrollieren der Rezepte vom Vortag fällt mir ein … etwas spezieller Kommentar bei einem Patienten auf. Nennen wir ihn Herr Vacuoli.

Rezept mit …Spritze von der Klinik abgegeben am 4.12 .; wenn er Spritze nicht bestellt bei uns bis 15. Januar bitte ihn anrufen und fragen, ob er Termin bei einem Arzt hat für Spritze und fragen, ob wir für ihn Spritze bestellen sollen. (Er scheint etwas vergesslich und schlecht organisiert).

Huh? Speziell.

Herr Vacuoli ist etwa halb so alt, wie ich. Den Rest der Medikamente vom Rezept der Klinik hat er bekommen. Weil mir das Medikament (die Spritze) so noch nicht sehr bekannt ist, nutze ich die Gelegenheit, mich darüber zu informieren. Das hilft beim Verständnis der Situation: die Spritze wird verwendet als Depotmedikament bei Shizophrenie. Zum Krankheitsbild gehören auch sogenannt kognitive Störungen, womit hier nicht Intelligenzdefizite gemeint sind, sondern Probleme mit Aufmerksamkeit, Gedächtnis und der Planung von Handlungen.

Trotzdem … das ist ein ungewöhnlicher Service, wenn die Apotheke dem Patienten hinterhertelefoniert, ob und wann er einen Arzttermin hat. Den Termin braucht er wegen dem Spritzen des Medis – das kann er kaum selber machen. Und das Rezept war von der Klinik, wahrscheinlich spritzt das aber sein Hausarzt oder Psychiater.

Jedenfalls mache ich einen Vermerk in unserer Agenda, dass man Herrn Vacuoli dann kontaktiert.

Am 13. Januar schaue ich nach: Die Spritze ist noch nicht bestellt, also rufe ich ihm an.

Nach dem Telefonanruf weiss ich, was die Kollegin gemeint hat mit „scheint etwas vergesslich“. Verwirrt trifft es vielleicht eher. Am Telefon kommt Herr Vacuoli direkt etwas „vollgedröhnt“ herüber. Nach der dritten Erklärung, weshalb ich anrufe, scheint die Info aber trotzdem angekommen und er bestätigt, dass er noch keinen Arzttermin hat, sich aber darum kümmern will.

Zur Sicherheit schicke ich ihm ein SMS mit der wichtigsten Info nach: welche Apotheke, Arzttermin, melden bitte … Und hinterlasse nun selber einen Kommentar im PC:

Tel am 13.1. – hat noch keinen Arzttermin. Er soll sich bei uns melden, sobald er einen hat. Ph

Am nächsten Tag bestellt Herr Vacuoli telefonisch die Spritze für uns, damit er sie am Termin den er am 26.1. hat dabei hat.

Alles okay … sollte man denken. Vor allem, als ich ein paar Tage später sehe, dass sie abgeholt wurde.

Nö.

Am Donnerstag 26. Januar abends um kurz vor 7 Uhr steht Herr Vacuoli in der Apotheke. Es ist das erste Mal, dass ich ihn sehe, deshalb bin ich mehr als nur etwas verwirrt, als er nur sagt: „Ich soll … meine Spritze abholen.“

Der junge Mann ist Mitte 20 und macht einen freundlichen, wenn auch etwas abwesenden, vielleicht sogar leicht hilflosen Eindruck. Er ist so der Typ, der in einem unbewusst Mamainstinkte weckt – man will ihm wirklich helfen. Das erklärt für mich auch der Kommentar im Computer. Meiner Kollegin ging es wohl gleich.

Nachdem ich seinen Namen verifiziert habe – und nachgeschaut, dass „seine Spritze“ vor ein paar Tagen wirklich abgegeben wurde – an ihn – äussere ich meine Verwirrung darüber. Erstens dass er sie jetzt nochmals (?) will .. und zweitens: ist es jetzt nicht nach dem Termin mit dem Arzt?“

Herr Vacuoli : „Nein, den Termin habe ich erst morgen, ich habe ihn verschieben müssen. Aber ich habe die Spritze verloren.“

Waaas? Das Ding kostet ein paar hundert Franken … und so klein ist die Packung auch nicht!

Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig als noch eine zu bestellen.

Dass er sie braucht, steht nicht in Frage, aber … echt jetzt? Verloren?

Das belastet mich tatsächlich so sehr, dass ich mir überlege, ob man die Spritze das nächste Mal nicht besser direkt an den Arzt liefert? Denn wahrscheinlich wird es ein nächstes Mal geben. Das ist zwar eine Depotspritze – also langwirksam – aber mehr als einen Monat wirkt sie auch nicht. Wer sich fragt, weshalb man ihm keine Tabletten gibt (die wären zumindest etwas günstiger)? Nun … ich denke, die Episode oben dürfte das erklären: so unzuverlässig / verwirrt wie er ist, ist kaum anzunehmen, dass er in der Lage ist, die Tabletten regelmässig zu nehmen.

Das gibt noch ein Kommentar im PC:

… Spritze verloren! 26.1. Ersetzt. Für nächstes Mal: Er braucht neues Rp bei neuem Bezug. Ev. beim Arzt selber verlangen (und zu dem bringen?)

Den Empfang lasse ich ihn am nächsten Tag ausserdem visieren: er soll zumindest wissen, was das Teil kostet, das er da verloren hat.

(Wird fortgesetzt?)

Shizophrenie erklärt

1

In der Apotheke kommt man noch häufiger in Kontakt mit Kunden mit Persönlichkeitsstörungen und psychischen Störungen. Shizophrene stellen davon einen nicht unerheblichen Teil dar. Ich fand Shizophrenie lange Zeit als „schwierig“, da für mich schlecht greifbar.

Es geht bei der Krankheit nicht um das in Medien oft dargestellte „Mensch mit multiplen Persönlichkeiten“. Shizophrenie ist oft subtiler. Jetzt habe ich eine gute und gutgemachte Darstellung im Internet gefunden, die ich gerne mit Euch teilen möchte:

Darryl Cunningham hat das, was er über die Krankheit – und auch etwas über die Medikamente zur Behandlung- gelernt hat als Comic verarbeitet. 11 Seiten, aber unbedingt lesenswert – auch für nicht Gesundheitsberufe.

Zum Comic geht’s hier.