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No pain …

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Nicht ganz tierisch ernst gemeintes Motivationsplakat. Passt zum Post gestern (und meinem Muskelkater heute). Aber ist doch irgendwo so: Schmerzmittel gehören in der Apotheke zu den meistverlangten und meistverkauften Medikamenten überhaupt.

Meinen Muskelkater allerdings bekämpfe ich nicht mit Schmerzmitteln – den sehe ich wirklich als eine kleine Errungenschaft an 🙂

Autschie!

Ihr kennt das: Ihr seid grad daran einen Kunden zu bedienen (oder in meinem Fall einen Patienten am beraten) und dann … schliesst ihr die Schublade direkt auf euren Finger. Fest.

„Autsch.“ sage ich  und rede normal weiter mit dem Kunden. Oder besser, ich versuche normal weiter zu reden und das Gesicht nicht zu verziehen, denn mein Finger macht WEH! SEHR!

Unter dem Tisch schüttle ich ihn unauffällig und hoffe, dass der Nagel dran bleibt.

Wenigstens blutet es nicht, so dass ich die Beratung ohne weitere Unterbrechung beenden kann. Sowas ist wirklich peinlich / doof.

Nein, der Nagel bleibt wohl dran, aber der Finger wird schon schön blau.

Und Ihr so?

 

Moment!

Minnie, der Lehrling kommt zu mir: „Darf ich der Frau gleich 3 Packungen Voltaren dolo forte Tabletten geben?“

Ich: „So kann ich das nicht sagen. Weshalb gleich 3?“

Minnie: „Das weiss ich nicht.“

Pharmama: „Das musst Du fragen … Warte, ich komme mit.“

Vor der Kundin:

Pharmama: „Guten Tag, … warum grad 3 Packungen?“

Die mittel-alte Frau am Stock vor mir holt tief Luft …

(‚Auweh‘, denke ich. Enzweder gibt das jetzt eine lautstarke Tirade … oder eine längere Erklärung).

Dann legt sie los:

„Ich brauche die Voltaren, weil ich Rheuma habe und ziemlich Schmerzen. Und meine Hüfte sollte schon lange ersetzt werden, die ist kaputt, deshalb bin ich auch beim Arzt unter Kontrolle, da war ich erst letzte Woche, aber der hat mir etwas mit Ibuprofen aufgeschrieben, und das wirkt bei mir nicht genug, darum dachte ich, bis das mit der Hüfte gemacht werden kann – das wird dann irgendwann im Herbst sein, denn vorher muss ich noch arbeiten und das geht dann nicht – also bis dahin brauche ich ein Schmerzmittel das wirkt, Dafalgan habe ich auch schon probiert, aber das reicht einfach nicht und von den Olfen habe ich Hautausschlag bekommen, die Ibuprofen vom Arzt die sind okay, aber auch nicht so stark und da hat meine Freundin gesagt, ich soll doch die Voltaren Dolo Tabletten nehmen, die helfen ihr immer genug. Ich nehme auch …“

Pharmama: „Moment!“

… (bis jetzt habe ich kein Wort reingebracht, nicht mal seitwärts, aber jetzt)

„… Sie haben gesagt, sie bekommen Hautausschlag von den Olfen?“

Die Frau ist etwas irritiert: bei dem Thema war sie doch schon durch?: „Ja, darum nehme ich die nicht mehr.“

Pharmama: „Olfen ist Diclofenac, Voltaren ist auch Diclofenac.“

Frau: „Oh.“

Pharmama: „Es besteht also die gute Möglichkeit, dass Sie auch von denen Hautausschlag bekommen.“

Frau: „Oh! Also … dann bleibe ich vielleicht doch besser bei den Ibuprofen.“

Pharmama: „Ja. Im Prinzip können Sie die Kombinieren mit den Dafalgan. Aber das würde ich auch dem Arzt sagen, wenn Sie das machen.“

Frau: „Gut. Dann .. lassen wir das mit den Voltaren. Ich versuche es mit den Dafalgan zusätzlich.“

 

Mein Job: die Leute beraten und davon abbringen etwa 30 Franken auszugeben und sich zu schaden, um dann eine Packung für nicht mal 3 Franken zu verkaufen.

Trotzdem werte ich das als Erfolg. Speziell, wenn sie wiederkommt.

Detektei Apotheke

Relativ junger Mann in der Apotheke: „Haben sie mir etwas gegen Rückenschmerzen?“

Pharmama: „Was sind das für Rückenschmerzen? Sticht es? Zieht es?“

Mann: „Es sticht. Wenn ich mich bewege. Macht ziemlich weh.“

Pharmama: „Und wie lange schon?“

Mann: „Ein paar Wochen. Ziemlich.“

Pharmama: „Haben Sie schon etwas dagegen genommen?“

Mann: „Panadol, Saridon. Das hilft ein bisschen, aber nicht viel.“

Pharmama: „Und der Schmerz – wie hat der angefangen? Kam das plötzlich oder nach einer Anstrengung?“

Mann: „Das kam sehr plötzlich. War ziemlich furchtbar.“

Pharmama: „Haben Sie etwas schweres Aufgehoben?“

Mann: „Nein.“

Pharmama: „Oder vorher überanstrengt – wie Sport? Oder Gartenarbeit?“

Mann: „Nein, ich denke nicht.“

Pharmama: „Dann hat es einfach so angefangen? Am Morgen beim Aufstehen? Oder am Abend?“

Mann: „Ja, das war Abends so gegen 6 Uhr.“

Pharmama: „Und das wissen Sie weil …?“

Mann: „Das war gleich, nachdem ich vom Velo aufs Trottoir* gefallen bin.“

Pharmama: „Äh – das hätten sie auch vorher sagen können.“

Mann: „Ich dachte nicht, dass das wichtig wäre.“

Doch, doch, das denke ich schon …

 

*(Für Nicht-Schweizer: Trottoir = Gehsteig)

Woher kommen unsere Medikamente – am Beispiel Lidocain und Lokalanästhetika

Als doch gelegentlicher Zahnarztbesucher ist das ein Thema, wo ich sehr dankbar bin, dass es lokal betäubende Mittel gibt.
Heute ist das selbstverständlich, aber bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war die einzig wirkungsvolle Methode, den Schmerz bei Operationen zu begrenzen, den Eingriff möglichst kurz zu halten. Alkohol war eine andere Variante – aber das hatte so viele gesundheitsschädliche Wirkungen, dass das auch keine optimale Lösung war.

Dann kamen Ether, Chloroform und Lachgas – die eine ganz neue Welt der Operationsmöglichkeiten auftaten.

Manche Ärzte– zum Beispiel der Augenarzt Carl Koller – suchten jedoch nach weiteren Methoden, um nur bestimmte Körperregionen in Schlaf setzen zu können.

Siegmund Freud (ja, der Wiener Psychiater) machte Koller schliesslich auf Kokain, ein Wirkstoff des Coca-Strauches aufmerksam.
Der Coca-Strauch wurde in Peru und Bolivien traditionellerweise als Stimulans und Appetitzügler benutzt (heute noch) und der Schmerzstillende Effekt war dort bekannt und wurde medizinisch genutzt.

In einem Experiment, bei dem die beiden Wissenschaftler das Kokain einnahmen, bemerkten sie die anästhetische Wirkung des Kokains – ihre Zungen waren betäubt.
Das war die Geburtsstunde der Lokalanästhesie – das Wort kommt vom griechischen Anaisthesia = Unempfindlichkeit, Gefühllosigkeit und dem lateinischen locus = Ort, Stelle.

Kokain wird auch heute noch als Lokalanästhetikum (LA) gebraucht – z.B. in der Ophtalmologie, weil es das einzige ist, welches die Gefässe verschliesst (die anderen weiten die Gefässe) so dass es nicht so sehr blutet und langsamer abgebaut wird. Man gibt heute aus diesem Grund Adrenalin, Noradrenalin oder Phenylephrin mit manchen LA – es blutet weniger und wirkt länger.

Das Kokain gewann bald an Beliebtheit, aber man merkte dann, dass von dem neuen Wunderstoff, der auch schon zur Behandlung der Morphinabhängigkeit eingesetzt wurde selbst eine hohe Suchtgefahr ausging.

Um das Problem zu lösen, versuchten Forscher neue Lokalanästhetika zu synthetisieren.
Die ersten Wirkstoffe mussten wegen Nebenwirkungen oder Gewebeunverträglichkeiten verworfen werden.

Dann fand 1890 der Apotheker und Chemiker Dr. Eduard Ritsert das Benzocain, das er Anästhesin nannte. Irgenndwie ging das aber unter und wurde erst ab 1900 der Öffentlichkeit bekannt.

1904 fand Alfred Eichhorn das Procain, das dem Benzocain prompt die Schau stahl und als „glorreicher Schritt“ gefeiert wurde.
Der Nachteil der neuen Lokalanästhetika war ihr allergenes Potential. Dieser Risikofaktor wurde versucht durch weitere Synhtesen und neue Substanzen zu beseitigen.

1930 Tetracain – 10x stärker wirksam als Procain, aber auch 10 giftiger

1943 gelang es dem schwedischen Chemiker Nils Löfgren das Lidocain zu erzeugen – dieses besitzt statt der anderen Lokalanästhetika keine estertypische COO-Bindung in der Zwischenkette, sondern eine Amidgruppe .. und durch diesen kleinen Unterschied gibt es kaum noch allergische Reaktionen. Es ist schnell und gut wirksam und findet sich neben der Anwendung in Operationen (Stichwort: Zahnarzt-Kokain) heute auch in einer Menge OTC-Produkte wie Halswehmitteln, Zahnungsgels für Babies, Sprays zur Unterdrückung eines vorzeitigen Samenergusses …

Löfgren erkannte auch, dass viele der zur Betäubung eingesetzten Substanzen ähnliche Strukturen aufwiesen:
Lipophiler Teil (aromatisch, heterozyklisch)-ZwischenketteHydrophiler Teil (Amino-Gruppe)
Anhand dieses Schemas wurden in der Folgezeit weitere Narkotika entwickelt.

1957 Bupivacaine
1959 Prilocaine

… (man merkt, dass sie alle auf -cain enden. Wer bei den Wirkstoffen eines Mittels das sieht, weiss also, dass es ein LA ist).

Moderne Lokalanästhetika werden zur örtlichen Betäubung eingesetzt und besitzen keine euphorisierende oder Suchterzeugende Wirkung.
Sie entfalten ihre Wirkung an der Zellmembran von Nervenzellen, wo sie Natriumkanäle und Kaliumkanäle blockieren und die Bildung und Erregungsübertragung abschwächen oder unterbrechen. Dadurch werden Reize und Empfindungen wie Temperatur, Druck oder Schmerz und in höheren Dosierungen auch die motorischen Impulse beeinflusst.

Nebenwirkungen: Lokalanästhetika könnten nicht nur die Peripheren Nerven blockieren, sondern auch in anderen Bereichen, wie Hirn oder Herz. Das passiert im Normalfall nicht, weil sie direkt in die Nähe von peripheren Nerven oder Rückenmark appliziert werden. Gelangt aber eine zu grosse Menge in den Kreislauf (z.B. bei unbemerkter intravenöser Applikation) kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen: Geschmacksstörungen, Taubheit, Zittern, Müdigkeit, bei noch höheren Dosen Konvulsionen bis Koma, Atemstillstand und Herzrhythmusstörungen bis Kreislaufkollaps.

Woher kommen unsere Medikamente? Am Beispiel Opioide Schmerzmittel

Wer würde denken, dass unsere stärksten heute gebräuchlichen Schmerzmittel von diesem Pflänzchen abstammen:

Opioide Schmerzmittel wie Morphium sind Abkömmlinge von Opium … und das wird aus Mohnblumensamensaft gewonnen.

Wichtigste Wirkung der Opioide ist eine starke Schmerzlinderung und Beruhigung – zusammen mit einem euphorisierenden Effekt – man wird high.

Praktischerweise produzieren wir selbst in unserem Körper Opioide, die eine Rolle bei der Schmerzunterdrückung im Rahmen von Stressituationen spielen … sie werden ausgeschüttet bei Verletzungen, nach starker emotionellen Reaktionen (Endorphine)und bei UV-Licht (Sonnenstrahlung) … leider fehlt hier noch viel Verständnis über Wirkung etc.

Opioide werden in Form von Opiumzubereitungen schon seit Jahrhunderten angewendet. Beschreibungen der Wirkung des Safts des Schlafmohns finden sich schon bei Theophrastus (im 3. Jahrhundert vor Christus).
Dann ging das Wissen einige Zeit verloren. Paracelsus ist es zu verdanken, dass das Opium in Europa seit dem 16. Jahrhundert wieder in Gebrauch kam.

Im Jahr 1806 entwickelte Sertüner ein Verfahren zur Isolierung von Morphin aus Opiumextrakt – Morphin ist der Standardwirkstoff der Opioide.

Pre-war Bayer heroin bottle, originally contai...

Image via Wikipedia

Der englische Chemiker Charles Robert Alder Wright entwickelte 1873 ein Verfahren zur Synthetisierung von Diacetylmorphin, aus Morphin und Essigsäureanhydrid.
Die Farbenfabriken (heute Bayer) vermarkteten das Diacetylmorphin ab 1874 als  Heroin. Heroin wurde in einer massiven Werbekampagne in zwölf Sprachen als ein oral einzunehmendes Schmerz- und Hustenmittel vermarktet. Es fand auch Anwendung bei etwa 40 weiteren Indikationen, wie Bluthochdruck, Lungenerkrankungen, Herzerkrankungen, zur Geburts- und Narkoseeinleitung, als „nicht süchtigmachendes Medikament“ gegen die Entzugssymptome des Morphins und Opiums. – letzteres war dann etwas wo sie wieder zurückkrebsen mussten, denn inzwischen weiss man, dass alle Opioide den Nachteil haben, dass sie stark Suchtgefährlich sind – auch die anderen halbsynthetischen Derivate die entdeckt wurden:

Um 1900: Oxycodon, Hydromorphon

Und auch die vollsynthetisch hergestellten:
1939 Pethidin
1945 Methadon
1962 Tramadol
1964 Fentanyl
1975 Buprenorphin – die letzten beiden können auch via Haut aufgenommen werden – in Pflasterform

Wie alle Medikamente haben Opioide nicht nur Wirkung, sondern auch Nebenwirkungen:

Atemdepression: man atmet nicht mehr so tief / der Rhythmus verlangsamt sich. In niedriger Dosierung kann man dem aktiv und willentlich gegenwirken, indem man sich bemüht mehr zu atmen. In höherer Dosierung (höher als zur normalen Schmerzstillung nötig) kann es aber zu Atemstillstand kommen – an dem sterben diejenigen, die es missbrauchen.

Dämpfung des Hustenzentrums: Hustenmildernde Wirkung. Das war schon lange bekannt und man hat versucht die Wirkung zu isolieren. Gefunden hat man Codein (1833 auch aus Mohn extrahiert) und dann dessen Derivate: Dihydrocodein, Dextrometorphan … die meisten hustenstillenden Mittel heute sind Opiat-abkömmlinge. Man hat es leider nicht geschafft die Missbrauchs-Gefahr ganz zu eliminieren. Bei den neueren ist das allerdings besser, selektiv ist die hustenstillende Wirkung z.B. bei Noscapin.

Übelkeit, Erbrechen

sie machen Verstopfung  … und darum sind sie auch eigentlich gut gegen Durchfall. Eine Weiterentwicklung des Wirkstoffs nimmt die Rauschwirkung weg (und die Schmerzstillung), behält aber die Nebenwirkung – und schon hat man Loperamid – heute bekannt als *das* Mittel gegen Durchfall: Imodium.

Wegen dem Missbrauchspotential und der durch sie verursachten Abhängigkeit unterliegen Opioide dem Betäubungsmittelgesetz je nach Sucht- bzw. Missbrauchspotential entweder in allen Konzentrationen, ab einer bestimmten Konzentration (Codein, Tilidin mit Naloxon, Dextropropoxyphen) oder aber überhaupt nicht (Tramadol).

Potente Mittel – mit einem einfachen Anfang.

Schmerzhaft.

Die eher komplizierte ältere Kundin kommt am Samstag in die Apotheke.

Vielleicht zuerst etwas Vorgeschichte: Es ist eine Schmerzpatientin, die schon die verschiedensten Mittel durchprobiert hat. Gelegentlich denkt man, jetzt hat man etwas gefunden, was wirkt und sie nehmen kann, dann beklagt sie sich wieder, dass sie das Medikament nicht verträgt … wegen Schwindel, Magenbeschwerden etc. und man sucht etwas anderes. Dabei kann es sein, dass sie einmal das normale verträgt (z.B. Tramal) und das retard überhaupt nicht – und in der nächsten Woche will sie wieder unbedingt das „andere“, weil das doch besser ist. Namen kann sie sich überhaupt nicht merken – alle ihre Medikamente sind supergenau angeschrieben und die Spitex kommt und hilft ihr gelegentlich, auch dass sie nicht zuviel nimmt. Mit der Spitex ist sie auch nicht zufrieden … aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls kommt sie also an einem Samstag mit einem Zettel. Darauf hat sie das Schmerzpflaster aufgeschrieben, das „meiner Freundin so gut genützt hat“„Durogesik Matrix“ (so geschrieben, ja). Das hätte sie jetzt gern!

Für Laien: Das ist ein Schmerzpflaster, ja, eins auf Morphiumbasis und dementsprechend nicht nur rezeptpflichtig sondern dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. No way, das sie das von mir einfach so auf Verdacht bekommen kann.
Ausserdem habe ich bei ihr da so gewisse Bedenken. Sie ist ein älteres, gebrechliches Fräulein und läuft nicht sehr gut. Zumindest die ersten Tage sollte jemand bei ihr sein, wenn sie das Pflaster hat– nicht dass sie umkippt.
Dann macht ihr das Tramal das sie hat schon so Verstopfung, dass sie Abführmittel nehmen muss. Das kann mit dem Durogesic nur noch schlimmer werden. Dann sieht sie nicht mehr sehr gut und das Gedächtnis … die Pflaster müssen alle 3 Tage gewechselt werden.

Aber ich rufe dem Arzt an, wenn sie drauf besteht – der auch tatsächlich da ist (am Samstag!) und mir erwarteterweise sagt, dass er sie dafür vorher sehen will. Ich weise ihn dann noch darauf hin, dass sie vor 2 Jahren von einem anderen Arzt schon Fentanyl Pflaster verschrieben bekommen hat (was dasselbe ist) – Einmal nur, demnach hat sie das damals nicht sehr gut vertragen…. sie selbst erinnert sich nicht mehr daran.
Jedenfalls hat sie jetzt für nächste Woche einen Termin.

Nachtrag:

Der Arzt hat ihr dann tatsächlich die Pflaster aufgeschrieben. Sie hat eines aufgeklebt und ihr ist (Überraschung! Nein, eigentlich nicht) schwindlig geworden – trotz gleichzeitig genommener Paspertin, das dem eigentlich entgegenwirken soll–

Und jetzt … nimmt sie sie nicht mehr.

Seufz.

Nächster Versuch?

Hab ich dich!

Der Lehrling der Drogerie kommt zu mir, um zu fragen, ob es ok ist, der Frau 2 Packungen Panadol Extra zu verkaufen.
Meine Anweisungen sind eigentlich die: Fragt, warum es mehrere Packungen sein sollen.
Ich finde, mindestens 1 offene Frage sollte gestellt werden. Aber es muss nicht diese sein.
Das geht auch: „Wieviel Tabletten davon nehmen sie täglich?“
Eigentlich erwarte ich eine Antwort im Sinn von “Oh, ich nehme sie nur, wenn ich sie brauche…“
Antwort der Frau: „3 Tabletten.“
Ich: „Täglich?“
Frau: „Ja.“
Ich: „Haben sie schon einmal davon gehört, dass Schmerzmittel, wenn man sie regelmässig nimmt, selbst Kopfschmerzen auslösen können?“
Frau: „Oh.“ (nachdenklich) „Nein.“

Die Fakten: 5-8% aller Kopfschmerzpatienten entwickeln eine Medikamentenabhängigkeit, Frauen sind davon 10x häufiger betroffen als Männer. Grundsätzlich können das alle Schmerzmittel machen, die mit Coffein oder Codein drin sind aber häufiger betroffen.
Die Theorie ist, dass bei regelmässiger Einnahme von Schmerzmitteln die Schmerzschwelle sinkt. Normalerweise nicht schmerzhafte Reize werden als Schmerz wahrgenommen und man nimmt noch mehr Schmerzmittel. Die Einnahme der Medikamente dämpft den Schmerz, er kommt aber immer wieder zurück.
Die einzig wirksame Behandlung ist der Medikamentenentzug – dass das nicht einfach ist, kann man sich vorstellen. Etwa 10 Tage lang kann man Schmerzen erwarten – und auch nachher wird man gelegentlich Kopfschmerzen haben (wegen dem hat man ja vermutlich auch angefangen die Medikamente zu nehmen) und muss sich hüten wieder in den Kreislauf reinzufallen.

Ich konnte die Frau (noch) nicht davon überzeugen, aufzuhören die Tabletten zu nehmen – aber zumindest habe ich sie nachdenklich gemacht – und sie wird sich hoffentlich weiter informieren.

Schmelztabletten

Kundin in der Apotheke: „Haben sie mir andere Schmerztabletten? Diejenige, die ich meiner Mutter gegeben habe, wirken nicht.“
Apotheker: „Was für welche haben sie denn probiert?“
Kundin: „Imodium lingual.“
Apotheker: „Imodium?? Aber das ist gegen Durchfall, das sind doch keine Schmerztabletten!“
Kundin: „Das steht aber drauf: Schmerztabletten.“

Sie hatte den Aufdruck „Schmelztabletten“ falsch gelesen. Üble Sache!

.

(mit besten Dank für die Geschichte an den übermittelnden Apotheker!
Wenn Du auch eine kennst und sie nicht selbst veröffentlichen kannst / willst … ich nehme sie gerne!)

Entscheidungshilfe

Kunde: „Was ist besser? Algifor-L forte oder Saridon 400?“ *

Pharmaassistentin: „Das ist eigentlich dasselbe, da ist keines besser oder schlechter.“

Kunde: „Ok, also für meine Knieschmerzen, welches nehme ich da?“

Pharmaassistentin: „Welches sie wollen, sie sind gleich.“

Kunde: „Ok, welches wird besser wirken?“

Pharmaassistentin: „Schauen Sie, DA steht Ibuprofen 400mg und HIER steht Ibuprofen 400mg – es ist das gleiche drin!“

Kunde: „Jaaaa … aber da steht ein anderer Name drauf, also MÜSSEN sie unterschiedlich sein.“

Pharmaassistentin: „Nun, die Herstellerfirma ist unterschiedlich.“

so ging es noch ein paar Minuten weiter, dann:

Kunde: „Können sie nicht die Kollegin fragen, welches ich nehmen soll?“

Pharmaassistentin: „Ja, klar.“

Sie kommt zu mir, ich habe das ganze mitbekommen, also mache ich es kurz: „Sag ihm einfach er soll das Saridon* nehmen, das ist kleiner und leichter zu schlucken …“

– manchmal muss man dem Kunden die Entscheidung einfach abnehmen … meist mache ich das mit „Also ich würde …, weil …“

*Es könnte auch Alges-X, Perskindol dolo, Iproben, Dismenol, Dolo-Spedifen, Nurofen, Treupel dolo  oder sonst was gewesen sein. Ich will hier keine Markenwerbung machen, sondern nur zeigen, dass in verschiedenen Medikamenten dasselbe drin sein kann.

Gefälscht und verfälscht: Rezepte

Es kommt immer wieder einmal vor, dass in der Apotheke versucht wird, Rezepte einzulösen, die gefälscht sind. Am meisten haben wohl die richtig grossen Apotheken damit zu tun – und solche, die zu ungewöhnlichen Zeiten offen haben: z.B. im Notfalldienst am Wochenende oder abends vor 10 Uhr.

Gefälschte Rezepte zu erkennen ist manchmal gar nicht so einfach. Es gibt allerdings ein paar Warnzeichen:

  • das Rezept lautet auf ein oder mehrere der folgenden Medikamente: Schlafmittel, starke Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel
  • es sind meistens die Grosspackungen
  • der Kunde (oder die Kundin) kommt zu einer Randzeit, wenn der Arzt nicht erreichbar ist. Z.B. Samstag Nachmittag, abends nach 6 Uhr, Sonntags im Notfalldienst, zur Mittagszeit zwischen 12 und 2 Uhr
  • der Kunde zahlt sein Rezept selbst (das ist deutlich)
  • er/sie ist sehr nervös und oder macht auf eilig
  • das Rezept selbst kann manchmal auffällig sein: zu deutlich geschrieben, nicht im typischen Stil gehalten (z.B. 1 Packung statt 1 OP), Farbkopien…

Ich kann mich noch gut an mein erstes gefälschtes Rezept erinnern, das war im 4. Studienjahr zu meiner Praktikumszeit. Es war Mittagszeit, fast 1 Uhr als dieser Junge Mann in die Apotheke kommt. Ich nehme das Rezept entgegen, darauf steht:

1 Packung Dormickum 30 Stück

So ausgeschrieben. In einer Schrift, die eher der eines Schulkindes gleicht (Ärzte schreiben ja oft unleserlich, aber nicht so). Der Stempel fehlt, die Unterschrift ist ebenso lächerlich lesbar. Das Rezept sieht aus wie eine Kopie von einem tipexierten Rezept.

Ich schaue das Rezept an, ich runzle die Stirne und schaue (wohl etwas ungläubig) den Kunden an. Der Gedanke „meint der das wirklich ernst?“ schiesst mir durch den Kopf, dann schaue ich wieder das Rezept. Ich überlege, was ich jetzt wohl tun soll. Offensichtlich hat der junge Mann das gemerkt, denn als ich das nächstemal den Kopf hebe, sehe ich ihn nur noch von hinten aus der Tür verschwinden. Das Rezept hat er mir gleich hiergelassen.

Das korrekte Vorgehen in einem solchen Fall wäre: Abgabe verweigern (oder höchstens eine kleine Packung abgeben wenn man sich nicht sicher ist). Eine Kopie des Rezeptes machen (oder noch besser: einziehen). Bei nächster Gelegenheit beim Arzt nachfragen, ob ein Missbrauch vorliegt. Und wenn das bestätigt ist, macht man ein Fax mit den Angaben an den Kantonsapotheker, der die Info an die anderen Apotheken weiterleitet. Dann sind diese gewarnt und es wird immer schwieriger derart Missbrauch zu treiben.

Es gibt übrigens auch den Fall von verfälschten Rezepten. Dabei handelte es sich um Originalrezepte, auf denen etwas verändert wurde – meistens die Menge oder Dosis. Diese kommen auch bei Stammkunden vor, die auch via Krankenkasse abrechnen können. Meist handelt es sich um die gleiche Art Medikamente. Es gab Kunden, die machten aus einem normalen Rezept ein Dauerrezept. Oder aus einer 100er Packung 200 Stück.

Meist ist der Umgang mit diesen weniger problematisch, als man denkt. Ich kläre derartige Fälle rasch mit dem Arzt ab (das müssen die Kunden nicht unbedingt mitbekommen) und mache sie dann darauf aufmerksam, dass sie halt nur die Menge bekommen, die der Arzt auch verschrieben hat.

Abhängigkeiten in der Apotheke

Allgemein könnte man sagen: Den typischen Medikamentenabhängigen gibt es nicht. Man findet sie in allen Schichten und Altersklassen. Manchen sieht man es schon von weitem an, anderen gar nicht.

Für nicht in Gesundheitsberufen arbeitende mag es erstaunen, von was man denn alles abhängig sein kann.

Hier die wichtigsten Abhängigkeiten – und die Typenbeschreibung dazu. Ja, ich weiss es ist voller Vorurteile, leider bestätigt sich das zu oft.

Abführmittel – darüber habe ich schon geschrieben. Werden die darmreizenden Abführmittel regelmässig genommen, wird der Darm träge, er kann nicht mehr ohne den zusätzlichen Reiz funktionieren.

Ich bin ja froh, dass es die 200er Packung Dulcolax nicht mehr gibt. Angeblich macht ja die Langanwendung nichts, aber wenn ich mir die Leute ansehe, die das so nehmen …. hmmm.

Typischer Kunde: Weiblich, zwischen 20 und 40, meist superdünn, sehen oft wie ausgemergelt aus und die Haut hat so einen seltsamen gelblichen Ton, v.a. wenn sie älter sind.

Hustenmittel – (mit Codein oder Dextrometorphan) vielleicht nicht immer wirklich eine Abhängigkeit sondern eher Missbrauch, aber für manche Jugendliche ein Mittel zum aufputschen und um euphorische Zustände hervorzurufen. Natürlich gibt es auch da genug, die immer weitermachen, immer mehr brauchen etc.

Typischer Kunde: entweder die Frau um die 40, die einfach ein „Resyl plus verlangt, oder der Jugendliche, der mehr um die Sache herumdruckst: „diese Tabletten gegen Husten, wie heissen sie noch?“. Immer verdächtig ist, wenn sie schon mit Fachwörtern um sich werfen: „Gegen Reizhusten“, oder „ich nehme es nur abends zum schlafen“.

Schmerzmittel – auch die normalen Schmerzmittel (Aspirin, Panadol, Voltaren, Contra Schmerz, Saridon …) können abhängig machen. Wenn man sie regelmässig nimmt (täglich) z.B. weil man oft Kopfschmerzen hat, gewöhnt sich der Körper daran, dass er sie bekommt und wenn man dann einmal nicht mehr nimmt, macht er sogenannte Rebound-Kopfschmerzen. Ein Teufelskreis.

Typischer Kunde: eigentlich keiner, kann allen passieren. Oft aber sind es Männer oder Frauen ab 30.

Opioide Schmerzmittel – solche mit Codein darin oder morphiumähnlichen Substanzen erzeugen körperliche Abhängigkeit. D.h. wenn man sie eine Zeitlang nimmt und dann nicht mehr, reagiert der Körper mit Entzugssymptomen wie Übelkeit, Schwitzen, Zittern etc. Ausserdem erzeugen diese Schmerzmittel in höheren Dosen Rauschzustände, weshalb sie gerne von Drögelern missbraucht werden. Je länger man sie nimmt, desto mehr muss man nehmen, um den gleichen Effekt zu erzielen (sei das Schmerzstillung oder Rausch).

In der Schweiz scheinen diese meiner Erfahrung nach nicht so häufig missbraucht zu werden, offensichtlich haben auch eine Menge Ärzte Bedenken, diese zu verschreiben. Sie sind dann oft nur das letzte Mittel z.B. bei Krebsschmerzen und dann kann man auch in hohen Dosen kaum von Missbrauch reden.

Schnupfensprays – ja, ehrlich! Die abschwellenden Nasensprays wie Triofan, Otrivin, Nasivin, Olynth sowie deren Generika verengen ja die Gefässe in der Nase, wodurch nicht mehr soviel Wasser „heraus-leckt“. Wenn man das aber eine Zeitlang (über 1 Woche reicht) macht, geht die Nasenschleimhaut kaputt, sie bildet sich zurück. Man nennt das Prinismus. Der Körper reagiert, indem er die Durchblutung erhöht – die Nase geht zu und läuft. Man nimmt noch mehr Nasenspray – ein Kreislauf.

Typischer Kunde: kann jedem passieren, dementsprechend sieht man auch Männer und Frauen in allen Altersklassen. Typischerweise verlangen sie dann gleich 2 Packungen Nasenspray. Manche versuchen es auch etwas abzuschwächen, indem sie Nasenspray für Kinder nehmen.

Alkohol –ja, auch das gibt es in der Apotheke. Obwohl es günstiger ist, seine Alkoholdosis in einem Discounter zu besorgen, benutzen manche Leute die Möglichkeit von diversen Mitteln, um ihre Alkoholsucht vor der Umwelt zu verbergen. Das sind dann die, welche fast täglich Klosterfrau Melissengeist (79%) oder Baldriantinktur Fläschchenweise holen kommen. Früher auch sehr beliebt war das Frauengold. Manche nehmen auch Vicks Medinait, welches neben Alkohol (18%) noch ein paar psychisch aktive Substanzen enthält.

Typischer Kunde: Weiblich oder Männlich, eher älter (40 aufwärts). Oft berufstätig und versuchen so ihre Sucht zu verschleiern. Eine Zeitlang hatten wir sogar einen Taxifahrer, der offenbar von Apotheke zu Apotheke ging für sein Klosterfrau. Erschreckend!

Schlafmittel und Beruhigungsmittel– von der rezeptpflichtigen Sorte (Benzodiazepine, Zolpidem, Xanax). Noch etwas, das recht schnell abhängig macht.  Einerseits wegen der von manchen Menschen als angenehm empfundenen Wirkung des „abschaltens“, respektive „Abstandes“ andererseits weil es in körperliche Mechanismen eingreift. Ein Schlaf unter Schlafmitteln ist nicht dasselbe wie ohne. Abruptes Absetzen führt auch wieder zu Schlaflosigkeit oder bei den Beruhigungsmitteln zum Wiederauftreten der Symptome.

Typischer Kunde: Entweder eher Junge aus dem Drogenbereich oder dann Frauen ab 40 Jahren und älter. Man sieht es ihnen nicht an, egal wie viel sie nehmen, was ich immer erstaunlich finde. Würde ich auch nur die Hälfte derer Tagesdosis nehmen, würde ich wohl wie eine Pflanze irgendwo in der Ecke sitzen und vor mich hinlächeln … oder Tagelang tief schlafen.

Was machen wir dagegen?

1. Wir versuchen Vorzubeugen, denn wenn man mal von etwas abhängig ist, ist es sehr schwierig, das wieder rückgängig zu machen. Also: Info, Info, Info: „Der Nasenspray darf nur 1 Woche am Stück angewendet werden“. „Das Abführmittel/Schlafmittel ist nur für kurzfristigen Gebrauch gedacht“. ..

2. Aufmerksam machen: wir sagen den Leuten immer wieder, wie sie die Medikamente anzuwenden haben. Kommt jemand öfter, machen wir ihn/sie auf ihren Missbrauch aufmerksam – respektive, dass wir bemerkt haben, dass sie immer dasselbe verlangen.

3. Einschränken. Bei offensichtlichem Missbrauch von Medikamenten dürfen und sollen wir die Abgabe verweigern. D.h. keine Bexin Tabletten für Jugendliche, statt dessen gibt es Sirup. D.h. nur 1 Nasenspray und nicht 2. Schwieriger ist es bei Rezepten, v.a. Dauerrezepten, da muss man sich mit dem Arzt absprechen, wie man das handhabt.

4. Beraten / Hilfe zum wieder wegkommen. Wir geben Tips und Hilfestellungen, wie man von der Abhängigkeit wieder loskommen kann, bieten Alternativen an… – leider wird diese Hilfe viel zu wenig in Anspruch genommen.

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