Jeder Fehler zählt

„Jeder Fehler zählt“ ist eine Datenbank, die (anonym) Fehler sammelt, die in Arztpraxen oder Spitälern passiert sind. Die Website ist von Deutschland, aber ich bin sicher, es kommt überall vor. Die Idee dahinter ist, dass andere Ärzte und Medizinpersonal aus bisher gemachten Fehlern und Erfahrungen anderer lernen.

Ich lese noch gerne darin, weil einiges – auch überraschendes – darin steht, was auch in der Apotheke eine Rolle spielen kann.
Z.B. der folgende Bericht (Nr. 198)

Pflaster sind nicht gleich Pflaster

Was ist passiert?
Der Ehemann war nach langer Krankheit an Krebs im Krankenhaus verstorben. Seine Medikamente, darunter Fentanyl-Pflaster (Durogesic 100 mg), hatte die Patientin noch zu Hause aufgehoben. Die Patientin erhält im Krankenhaus (nach Krampfadern OP) ein Tegaderm-Pflaster (wasserdicht) für den Verbandswechsel zu Hause. Als diese Tegaderm-Pflaster ausgegangen sind, verwendet sie ein Durogesic-Pflaster als Hautschutzpflaster (!) und sucht dann am nächsten Morgen meine Praxis wegen Müdigkeit, Schwindel und Atemnot auf.
Ich entdecke das Pflaster am Oberschenkel.

Was war das Ergebnis?
Verwechslung von Tegaderm („Duschpflaster“) mit Durogesic Schmerzpflaster. unkorrekter sorgloser Gebrauch durch Patientin

Kleine Erläuterung von mir: die Durogesic sind Schmerzpflaster und enthalten recht hochdosiert ein Opioid. Morphium und Heroin sind Beispiele für andere Opioide. Wenn man das unvorbereitet anwendet (in dem Fall aufklebt) hat man eben die zu erwartenden Wirkungen samt Nebenwirkungen: starke Schmerzstillung, Bewusstseinstrübung, Verlangsamung der Atmung …

Wie hätte man das Ereignis verhindern können?
Nach Tod des Ehemannes Depotpflaster und Suchtgifte von Angehörigen anfordern und entsorgen.

… das wäre etwas, an was auch eine Apotheke denken sollte, wenn der Partner die nicht verwendeten Medikamente nicht von selbst zurückbringt.

(Interessant ist auch Nr. 395)

Es gibt noch Hoffnung

… und tatsächlich Patienten, die wissen, was sie tun.

Aber erst mal von vorne. Apotheker sind genauso wenig unfehlbar wie andere Menschen auch. Darum – und weil es bei unserem Beruf teilweise um Leben und Tod gehen kann, ist es bei uns usus, dass Rezepte vor der Abgabe normalerweise von 2 Paar Augen angesehen werden. Ganz sicher geht kein Rezept heraus, ohne dass es ein Apotheker kontrolliert hat. Am Tag danach werden die ganzen Rezepte von der nächsten Apothekerin nochmals kontrolliert, ob alles richtig eingegeben wurde, die Krankenkasse  aktuell ist usw. Gelegentlich kann man dabei den einen oder anderen Fehler finden und nachprüfen. Z.B. wenn eine 7 Tages Kur Antibiotikum aufgeschrieben wurde und die abgegebene Menge reicht nur für 5 Tage. Z.B. wenn Rhinopront gelesen wurde und die nächste Person liest Rhinocort. Ich bin dankbar sagen zu können, dass derartiges selten vorkommt, aber es ist nicht „nie“.

Für den Fall, dass ein Fehler entdeckt wird, bin ich dahinter, dass er baldmöglichst behoben wird. Das heisst, man muss den Patienten gegebenenfalls informieren, sich entschuldigen und eine Lösung finden (z.B. gratis Austausch des falsch abgegebenen Mittels, z.B. dass er noch eine Packung bekommt, wenn er zuwenig Tabletten bekommen hat, oder dass die erhaltenen anders eingenommen werden. etc.)

Wir haben eine gute Kundin, die schon seit vielen Jahren kommt. Bislang hatte sie wenig Probleme, etwas Diabetes wegen ihrem Übergewicht, den sie aber mit Tabletten im Griff hatte, gelegentlich eine Erkältung. Jetzt wurde bei ihr aber Brustkrebs diagnostiziert, offenbar schon mit Metastasen. Sie hatte eine Brust –OP und jetzt noch eine Chemotherapie und Bestrahlung, die aber gottseidank anzuschlagen scheint.

Für Ihre Chemotherapie brauchte sie Tabletten, die wir bestellen mussten. Die Einnahme ist ziemlich ungewöhnlich , immer ein paar Tage morgens 3, abends 4 Tabletten, dann ein paar Tage Pause, dann wieder Einnehmen…

Meine Kollegin hat die Tabletten am Donnerstag abend bestellt, ich habe sie am Freitag bereitgemacht und angeschrieben, die Kundin kam sie am Nachmittag holen.

Am Samstag bekomme ich zuhause ein Telefon von der 3. Apothekerin, dass auf dem Rezept ihrer Meinung nach 500mg steht, bestellt – und abgegeben- wurden aber 150 mg, ob das stimmt. Autsch. Ja, kann leider sein, ich weiss noch, wie konzentriert ich war wegen dem Anschreiben (ich brauchte 2 vollgeschriebene Etiketten) und da habe ich offensichtlich nicht genug auf die mg geachtet. Gar nicht gut!

Ok, was tun? Gestern abend musste sie die letzten 4 Tabletten nehmen (4x500mg = 2000mg), ab heute ist wieder Pause. Bringt es etwas, wenn sie heute noch die Menge nachnimmt?

Ich sage meiner Kollegin, sie soll im Spital nachfragen (bei denen, die das Rezept ausgestellt haben) und mir wieder anrufen.

Die Antwort vom Spital ist: „Nein, bringt es nicht, sie soll sich am Montag im Spital melden, ob man die nächste Chemotherapie verschiebt“ – Mist! Ich sage meiner Mitapothekerin, dass ich der Patientin anrufe und sie informiere – einerseits, weil die Verantwortung bei mir liegt (als Verwalterin) und schliesslich war es ja auch mein Fehler.

Also mache ich lieber gleich das unangenehme Telefon.

„Ah“, sagt die Kundin, als ich es ihr erkläre “das ist aber toll, dass sie anrufen. Das mit den Tabletten habe ich schon gestern Abend gemerkt – die sehen anders aus, als die, die ich vom Spital hatte. Dann habe ich nachgerechnet und zu der einen 500mg Tablette, die ich noch hatte, musste ich also 10 Tabletten zu 150 mg nehmen, damit ich auf die gleiche Menge komme. Das habe ich dann getan – ich bin doch nicht blöd.“ Ganz offensichtlich nicht! Ich drücke meine Erleichterung aus, sie dankt mir noch für das Telefon und am Montag informiere ich das Spital, dass die Einnahme doch korrekt war.

Puh!

Tote Flamingos und Noncompliance

Unter Compliance versteht man in der Medizin „Die Bereitschaft des Patienten zur aktiven Mitwirkung an den vom Arzt vorgeschlagenen Massnahmen (z.B. die Zuverlässigkeit bei der Einnahme von Arzneimitteln)“.

Noncompliance ist also das Gegenteil davon, das Nichtbefolgen von Massnahmen und Einnahmevorschriften.

Was hat das jetzt mit Flamingos zu tun?

Nun, im Garten des Basler Universitätsspitals hielt man früher einmal Flamingos. Bedauerlicher– und Unerklärlicher-weise starben die Tiere häufig.

Man liess also ein paar der toten Flamingos untersuchen, an was es lag – das war noch lange vor der Vogelgrippe, ansonsten hätte man wahrscheinlich den ganzen Bestand gekillt.

Jedenfalls, als man die Vögel aufschnitt, fand man in ihren Mägen massenweise Tabletten und Kapseln!

Wie kamen die dahin?

Wie gesagt waren sie im Garten des Spitals und offensichtlich entsorgten eine Menge Patienten, die ihre Tabletten nicht nehmen wollten, diese aus dem Fenster – und die bunten, kleinen Dinger reizten natürlich die Vögel sie zu fressen. Der Mix aus Bluthochdruckmitteln Schmerzmitteln, Cholesterinmitteln, Schlafmitteln und was weiss ich noch alles war … ihnen nicht gerade bekömmlich.

Darum: keine rosa Vögel mehr im Spitalgarten. Eigentlich schade.