Rätselaufgabe in der Apotheke

Da kam letzthin ein älterer Mann in die Apotheke mit einem Dosett, in dem genau noch 3 Tabletten waren. Genauer gesagt: eine oblonge weisse Tablette, eine halbe weisse runde Tablette mit 2 Bruchrillen und eine rosa Kapsel.
Der Mann wollte wieder diese Medikamente.
Problem: er war noch nie bei uns gewesen, die Medikamente seien aber auch nicht rezeptpflichtig. Er hat keine Ahnung für was die Medikamente sind (O-Ton: „für die Gesundheit“ ), und er hat auch keine der Packungen mehr zuhause. Er weiss nicht einmal mehr, woher er die Medikamente ursprünglich hatte.

??? – Ich habe alles versucht, ich habe die identa hervorgenommen – das ist ein Büchlein mit Fotos von Tabletten, allerdings hauptsächlich rezeptpflichtigen. Ich habe versucht genauere Angaben zu bekommen, was die Medikamente denn machen. Ich habe einzelne Packungen aufgemacht, um zu schauen, ob es eventuell diese sind. Nichts.
Am Schluss musste ich passen.

Es hat mir dann aber doch keine Ruhe gelassen (ich mag Rätsel wirklich). Ich habe im Internet gesucht, ob es die identa, eventuell dort gibt – und etwas aktueller, denn die letzte Druckversion ist von 2002 und seitdem hat sich viel getan. Es ist schon ein echtes Problem.
Wenn früher jemand kam und sagte: „ich brauche wieder die weissen Tabletten gegen das Wasser“, dann konnte man fast sicher sein, es waren die Lasix. Heute sind es entweder die Lasix, oder die Oedemex, oder Fursol, oder Furodrix oder Furosemid Helvepharm. Wobei letztere die aktuellen Generika sind. Dasselbe gilt für eine Menge der anderen Medikamente. Wir führen natürlich auch aus genau dem Grund Patientendossiers, wo genau festgehalten wird, was der Patient wann bekommen hat und in welcher Dosierung (und von welchem Arzt und welche Krankenkasse etc.).

Aber all das nützt natürlich nix, wenn der Patient noch nie bei uns war. Oder die Medikamente nicht über Rezept bezogen wurden – wobei, bei den meisten freiverkäuflichen Medikamente kenne ich das Aussehen.
Diejenigen, die er gebracht hat, kamen mir eher vor wie Rezeptpflichtige. Deshalb suchte ich weiter, bis ich im Internet eine identa fand – allerdings nur für Deutschland :-(. Aber eine Menge Medikamente sind ja trotzdem die gleichen, weil sie von den gleichen Firmen hergestellt und vertrieben werden.

Dort fand ich dann auch eine rosa Kapsel, die verdächtig nach der aussah, die er gebracht hat.
Es war ein Mittel gegen Alzheimer …
… Das erklärt doch einiges…

P.S. die Suche nach den weissen runden Tabletten habe ich dann aufgegeben: „Die Suche nach ihren Vorgaben erbrachte über 500 Ergebnisse. …“

Update: seit Compendium.ch nicht mehr nur die Fachinformationen veröffentlicht, sondern auch Bilder der Medikamentenpackungen und Tabletten/Kapseln, gibt es auch für die Schweiz eine Identa!

 

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Paracetamol: Wundermittel oder Teufelszeug?

Paracetamol – wie in Panadol oder den unzähligen Generika wie BenURon, Dafalgan,Tylenol, Acetalgin … ist ein altbekannter Wirkstoff über den man nicht nur viele Erfahrungswerte, sondern auch Studien hat.

Es ist das Standardmittel gegen Schmerzen und Fieber und neben Aspirin eines der ältesten Medikamente die wir haben.
Es ist das einzige Schmerzmittel das man ohne Probleme in der Schwangerschaft und Stillzeit geben kann und auch Säuglinge und Kleinkinder vertragen es gut. Ausserdem ist es so ziemlich das einzige Schmerzmittel das nicht auf den Magen schlägt und das man zusammen mit Blutverdünnern nehmen kann ohne eine erhöhte Blutungsneigung befürchten zu müssen. Es geht auch nicht so stark an die Nieren wie die anderen Schmerzmittel.

Das tönt alles wunderbar – und eigentlich ist es das auch. Aber es hat auch eine Schattenseite. Und das ist die Wirkung auf die Leber.

Paracetamol wird zum grossteil über die Leber abgebaut. Dazu muss die Leber den Wirkstoff an andere Stoffe binden, damit er wasserlöslich wird und über die Niere ausgeschieden werden kann. Nimmt man aber zuviel Paracetamol, bindet sich dieses (weil die normalen Bindestoffe aufgebraucht werden) direkt an die Leberzellen, wodurch diese absterben. Wenn ihre Leber stirbt, stirbst auch Du – ausser Du bekommst eine neue gespendet.

Die Vergiftungsgrenze ist nicht einmal besonders hoch – für einen Erwachsenen beträgt sie etwa 8g (das sind 16 Tabletten zu 500mg), für Patienten mit vorgeschädigter Leber, z.B. wegen Alkoholkonsum ist sie noch niedriger.

Einer meiner Dozenten hat dazu einmal gesagt: „Du kannst dich mit Paracetamol umbringen. Du nimmst einfach genug davon ein, Dir wird schlecht, dann fällst Du in die Bewusstlosigkeit. Wenn Du Glück hast, findet dich niemand. Wenn Du Pech hast, stolpert bringt man dich ins Spital, wo man Dir den Magen auspumpt und Du wieder aufwachst. Aber bis dahin ist es zu spät weil Deine Leber schon kaputt ist. Du seuchst noch ein paar Tage qualvoll vor dich hin, dann stirbst auch Du. Das ist NICHT ein angenehmer Tod.“

Es gibt übrigens ein Gegengift, das aber nur nützt, wenn man es früh genug nimmt – oder aber schon während man Paracetamol einnimmt (empfiehlt sich bei Langzeiteinnahme)- Das ist Acetylcystein, ein Stoff den man übrigens in der Apotheke auch als Schleimlöser verkauft (z.B. in Fluimucil, Solmucol).

Wegen der Leberschädlichkeit werden in Deutschland bald einmal die Packungsgrössen verkleinert, so dass nur noch maximal 20er Packungen frei verkauft werden dürfen, der Rest wird Rezeptpflichtig. In der Schweiz ist das bereits so.

Zusammenfassend ist zu sagen: Paracetamol ist ein wunderbares Medikament (sicher, Nebenwirkungsarm, wenig Wechselwirkungen), wenn es mit der nötigen Sorgfalt angewandt wird.

Bitte, bitte halte Dich an die angegebene oder verschriebene Dosierung.

Keine gute Idee

Wer in den letzten Tagen in die Zeitung geschaut hat, weiss wohl, wovon ich rede. Ich meine die Artikel über den Bexin Missbrauch.
Mal ernsthaft: Ja, Dextrometorphan-Missbrauch ist ein Thema in Schweizer Apotheken. Das ist nichts Neues.
Aber ich halte es für eine ausgesprochen schlechte Idee das praktisch via Medien derart zu „promoten“. Und dann noch mit einem Markennamen! Angemerkt sei noch, dass das bei weitem nicht das einzige Mittel ist mit dem Inhaltsstoff.
Mir ist schon klar, dass interessierte Jugendliche die Info von Kollegen bekommen können. Aber praktisch Werbung zu machen, wie man zu einem Kick kommt – und wo -nein. keine gute Idee!

Dextrometorphan ist ein gutes und relativ sicheres Hustenmittel (wie immer vorausgesetzt, es wird richtig angewendet). Es wird schon für Kleinkinder verwendet. Es ist ein Abkömmling von Morphin und Codein, ist aber nicht schmerzstillend und macht weniger abhängig.
Trotzdem hat es bei Einnahme hoher Dosen einen berauschenden Effekt, der aber bald in die Überdosis-erscheinungen wie Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Aufregung, Bewegungsstörungen, Herzklopfen etc. übergeht. In schweren Fällen kann es zu Koma, Krämpfen, Muskelschäden und Psychosen kommen.
Nichts sehr angenehmes, aber Süchtige nehmen derartige Nebenwirkungen in Kauf, wenn sie nur zu ihrem Rausch kommen.

Im übrigen ist die Wirkung bei verschiedenen Personen sehr unterschiedlich. Während manche kaum einen Effekt haben, haben die anderen schon Überdosis-erscheinungen.

Dass immer mehr Jugendliche das Medikament kaufen um es zu missbrauchen, ist ein zunehmendes Problem (und dank den Artikeln wird es wohl jetzt noch schlimmer werden).
Ich als Apothekerin habe das Recht, bei Verdacht auf Missbrauch eines Medikaments dessen Abgabe zu verweigern. Und ich habe davon schon mehrmals (aber nicht öfter) Gebrauch gemacht. Im Normalfall versuche ich bei einem Verdacht jedoch erst mal, den Kunden auf ein anderes Medikament (ohne Suchtpotential) umzulenken. Das zeigt schnell einmal, ob er auf dieses spezielle fixiert ist – oder doch wirklich etwas gegen Husten braucht.
Ich kann auch sagen, dass ich in einer Gegend arbeite, wo nicht sehr viele die besagten Medikamente verlangen. Und von jetzt an werden wir noch schärfer schauen, wer denn dieses Medikament verlangt. Irgendwann kommt es wohl zum gleichen „Stigma“, wie bei den Leuten, die Resyl plus verlangen (dazu irgendwann später mehr).

Ich denke übrigens nicht, dass es Sinn machen würde, Medikamente mit diesem Inhaltsstoff rezeptpflichtig zu machen, oder gar ganz vom Markt zu ziehen. Denn das würde uns allen eines guten und wirksamen Hustenmittels berauben. Das ist, wie wenn man aus einer Werkzeugkiste den einen Schraubenzieher entfernt, nur weil gewisse Leute Schraubenzieher des gleichen Typs missbraucht haben, um sich zu verletzen …