Schlangengift-vergiftung?

Telefon:

beunruhigte Mutter:

„Mein Kind hat alle meine Lachesis C5 Globuli gegessen – ist das Schlimm?“

Ich würde mir da ja keine allzu grossen Sorgen machen, auch wenn es sich bei Lachesis ursprünglich um Schlangengift handelt. In C Potenzen (100er Verdünnungsschritt) ist da wirklich nicht mehr genug drin, dass es auch nur ansatzweise für eine Vergiftung reichen würde – selbst mit dem ganzen Fläschen (30g?) nicht. Beobachten reicht.

Augen-Aua

Ein junger Teenager (so um die 12) kommt in die Apotheke, gefolgt von seiner beunruhigten Mutter. Er hält sein eines Auge zu.

Mutter: „Sag was Du hast!“

„Mein Auge macht weh“ – sagt der Junge.

Pharmama: „Seit wann denn? Ist etwas damit passiert?“

Junge: „Ich … (zögert) … habe etwas ins Auge bekommen.“

Pharmama „Ah ja?“

Mutter: „Ja, er hat mit seinen Freunden draussen gespielt.“

Mehr muss ich hier nicht mal wissen. Wahrscheinlich hat er seine Hornhaut verletzt. Ich schicke ihn direkt ins Augenspital.

Später am Tag kommen sie mit einem Rezept für Augentropfen zurück, da erfahre ich dann auch noch den Rest der Geschichte.

Die Mutter ist am kochen. Warum?

Das erzählt sie mir:

Im Spital hat der Arzt das Auge untersucht und ihn dann gefragt, wie das passiert ist.

Junge (murmelt) „… Habe einen Ast ins Auge bekommen beim Spielen.“

Der Arzt: „Das kann es nicht gewesen sein, da war mehr Kraft dabei. Mich anzulügen ist gar keine gute Idee – Sagst Du mir jetzt was wirklich passiert ist?“

Junge: „Mein Freund hat die Luftdruckpistole von meinem Vater aus der Schublade genommen … und versehentlich abgedrückt. Ich habe es direkt ins Auge bekommen.“

Mutter: „Waaaas? Du weißt ganz genau, dass du die nicht nehmen darfst!“

Arzt: „Es ist gut, dass Du mir das gesagt hast. So bekommst Du die richtige Behandlung.“

Er hatte übrigens Glück, das Auge war wohl sehr gequetscht und er hatte einen Riss in der Hornhaut, aber es wird wohl keine Folgeschäden haben.

Mutter in der Apotheke zu mir: „Wir müssen es dem Vater ja nicht unbedingt sagen ….“

Der Junge nickt daneben eifrig.

Mutter zum Jungen: „Aber das hat noch ein Nachspiel, glaub mir das!“

Gedämpft verlassen beide die Apotheke.

Gratuliere! Es ist ein Kind.

In der Apotheke steht eine junge Familie mit Migrationshintergrund und mit 2 Mädchen, das eine davon erst wenige Monate alt.

Vater: „Hätten sie mir nicht eine Tablette, damit meine Frau das nächste Mal einen Jungen bekommt?“

Nein. Das gibt es nicht.

Aber ich habe das schon ein paar Mal gesehen, wenn auch seltener in den letzten Jahren. In manchen Kulturen gelten Jungen halt immer noch mehr … und wenn es keinen gibt, wird so lange weitergemacht, bis. Auch wenn es dann 5, 6, 7 Kinder sind …

Auf der anderen Seite scheint es inzwischen bei uns eher umgekehrt zu sein. Da sind Mädchen beliebter, vielleicht weil angenommen wird, dass sie „einfacher“ seien. Die Sache mit der Erbfolge oder dem Namen erhalten ist heute nicht mehr so wichtig.

Bauchgefühl

„Buscopan, Algifor Sirup“

Ein krampflösendes Mittel und ein Schmerz-/Fiebersirup. Das stand auf dem Rezept des 5 jährigen Kindes, das ich vorher zum Arzt geschickt hatte.

Ich habe das Kind geschickt, weil mir Bauchschmerzen bei Kindern immer etwas … unangenehm sind. Vor allem, wenn die Eltern es schon mit Paracetamol – einem Schmerzmittel und Fencheltee zum Krämpfe lösen versucht haben und die Beschwerden damit nicht wirklich weggehen.

Bauchschmerzen können alles Mögliche sein. Bei Kindern muss man speziell im Hinterkopf halten, dass das auch vom Blinddarm aus kommen kann … die Symptome sind oft sehr unspezifisch.

„Gut“, dachte ich, als ich das Rezept sah- „dann war es diesmal nichts.“ Hat mich mein „Bauchgefühl“ getäuscht.

Aber: ein paar Tage darauf steht die Mutter wieder in der Apotheke mit einem Rezept für Antibiotika. Vom Spital.

„Oh!“ sage ich – „Was hat er denn?“

Mutter: „Einen Blinddarmdurchbruch.“

Oy.

Mutter: „Bis sie operieren können, müssen wir jetzt warten, bis die schlimmste Entzündung und Infektion weg ist.“

Ich dachte immer, das machen sie gleich? Jedenfalls: im selben Fall würde ich das Kind wieder schicken. Es ist nicht zu erwarten, dass das nochmal passiert (nein, dem Arzt auch nicht).

Kind + Medikamente = Vorsicht!

Es passiert fast täglich. Ein Kind erwischt ein Medikament.

Was können wir tun, damit das nicht passiert?

  1. Medikamente ausserhalb der Reichweite von Kindern halten. – Jedes Medikament (ja, auch Vitamine) können schaden, wenn man sie falsch nimmt. Auch Medikamente, die man ohne Rezept bekommt. Das bedeutet alle Tabletten, Kapseln und Flaschen sollten an Orten aufbewahrt werden, wo Kinder nicht hinkommen – oder sie sehen können.
  2. Nichts draussen stehen lassen. Auch wenn man das Medikament vielleicht in ein paar Stunden wieder geben muss, lass es nicht herumstehen. Nicht auf dem Küchentisch, nicht auf dem Nachttischchen des kranken Kindes. Einfach: jedes Medikament und Vitamin sollte weggestellt werden nach dem Gebrauch. Jedes Mal.
  3. Richtig schliessen. Wenn man eine Flasche oder eine Box mit Sicherheitsverschluss hat, sollte man sie immer richtig schliessen – bis man das Klick hört. Kinder können nicht richtig verschlossene Flaschen öffnen (– manchmal auch richtig verschlossene) – darum: wegstellen-
  4. Informiere Dein Kind über Medikamente. Manche Eltern erzählen ihren Kindern, ein Medikament sei wie eine Süssigkeit – damit sie sie eher nehmen. Das ist ein Fehler. Man sollte seinem Kind sagen, was ein Medikament ist, warum man es nehmen muss, und warum es die Eltern sein müssen, die es dem Kind geben. Wenn das Kind nicht versteht was die Wirkung der Medizin ist, wird es auch eher zu viel davon nehmen.
  5. Wenn man Gäste hat, sollte man sie vielleicht daran erinnern, dass sie eventuelle Medikamente in der Handtasche oder im Mantel auch so platzieren, dass die Kinder nicht dran können.
  6. Für einen Notfall sollte man vorbereitet sein. Im Falle eines Falles ist schnelles Handeln notwendig – die Nummer des Tox-Zentrums muss griffbereit sein, wenn man denkt, das Kind könnte etwas genommen haben. Am besten programmiert man die Nummer ins Telefon ein. Für die Schweiz ist die Nummer 145.

Es ist wirklich schnell passiert. Ich erinnere mich noch daran, dass ich ein paar der „Sugus“ von meiner Grossmama erwischt habe – da war ich nachher eine Zeitlang auch ziemlich aufgedreht und hatte Herzklopfen. Die Sugus – das war nämlich das Glycoramin von ihr – ein Kreislaufanregendes Mittel. Manche Medikamente sind kaum als solche zu erkennen, schmecken sie doch teilweise recht gut. Auch der Ibuprofen-Sirup zum Beispiel, oder manche Multivitamin Kautabletten … darum gilt wirklich: Immer wegstellen.

Nur ein paar Zahlen vom Toxikologischen Institut für 2011:

  • Von den betroffenen Patienten waren: 52% Kinder, 43% Erwachsene, 5% Tiere.
  • Von den Ereignissen waren 80% Unfallsituationen, 18% intentionelle Vergiftungen, 2% andere/unbek.
  • Was für Produkte/Gifte waren es?  36% Medikamente, 25% Haushaltprodukte, 11% Pflanzen, 6% technische und gewerbliche Produkte, 3% Produkte für Landwirtschaft und Gartenbau, 5% Produkte der Körperpflege und Kosmetika, 3% Genussmittel, Drogen, Alkohol, 4% Nahrungsmittel und Getränke, 1% Gifttiere, 2% Pilze, 3% andere/unbek.

Oder (kurz): Es waren hauptsächlich Kinder, die unbeabsichtigt Medikamente (oder Haushaltsprodukte) erwischten.