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Frage- und Antwort-Spiel

Ich hatte einen Physiklehrer, der häufiger mit den Leuten spielte, indem er ihre Fragen wörtlich nahm. Mit der Zeit merkte man das natürlich und fing im Normalfall an, die Fragen auch korrekt zu stellen, denn oft genug macht man das heute falsch, ohne dass das einem bewusst ist.

Beispiel:

Auf die Frage: „Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?“ Oder gar: „Haben Sie die Uhrzeit?“ hat er immer mit „Ja.“ (und fertig) geantwortet. Immerhin hat man da nicht gefragt wieviel Uhr es gerade ist.

Dasselbe mit: „Kann ich auf die Toilette?“ (während der Unterrichtsstunde.) Da kam statt der Antwort dann oft die Gegenfrage: „Keine Ahnung. Kannst Du?“

Ausserdem hatte er die Angewohnheit, wenn jemand niesen musste „Hunds-cheib“ zu sagen statt „Gesundheit“ – in den meisten Fällen antwortet die Person dann mit „Danke“, da das nicht erwartet und (deshalb) nicht richtig gehört wurde … aber darum geht es jetzt nicht.

Ich kann mir nur vorstellen, wie er in der Apotheke jemanden beraten würde.

Patient: „Kann ich mit diesem Medikament etwas trinken?“

Er: „Können Sie sicher, immerhin soll man das mit Wasser nehmen und wenn Sie gar nichts trinken, verdursten Sie ja innert etwa 3 Tagen.“

Patient: „Ich meine: Kann ich Alkohol trinken?“

Er: „Sie können sicher – ich meine, wenn Sie Wasser trinken können und andere Flüssigkeiten, bekommen Sie wahrscheinlich auch Alkohol runter.“

Patient: „Nein. Was ich meine ist: Ist es eine gute Idee, dieses Medikament zusammen mit Alkohol einzunehmen?“

Er: „Was? Nein! Auf gar keinen Fall.“

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Arzt-Patient-Apotheke-Interaktionen

Auf dem Rezept des Patienten, der schon länger nicht mehr bei uns in der Apotheke war (ja – das kommt vor: manchmal eckt man aus irgendeinem Grund an und dann suchen sie sich eine andere Apotheke, manchmal wechseln sie den Arzt und dann sind wir nicht mehr die nächste Apotheke auf dem Weg, manchmal machen sie einen Abstecher in die Versand-medikation) Jedenfalls: alter Patient kommt mit neuem Dauerrezept für diverse Medikamente. Torasemid, Aspirin cardio, Aldactone, Amlodipin und KCl.

Logischerweise zeigt der Computer Wechselwirkungen an – dafür hätte ich in dem Fall allerdings nicht mal den Computer gebraucht. Kaliumsparendes Diuretikum (Aldactone) und dann Kalium selber. Torasemid mit dem Aspirin zeigt mir auch eine Wechselwirkung an, da das Aspirin aber in niedriger Dosierung genommen wird, kann ich das in dem Fall ignorieren. Das mit dem Kalium, das beim Diuretikum zusätzlich noch erhöht sein kann und eine ziemlich direkte Wirkung auf das Herz haben kann allerdings nicht.

Telefonanruf an den Arzt (da dem Patient nicht bewusst ist, dass es da ein Problem gibt) ob das so gewollt ist. Die Interaktion ist doch eher schwerwiegend – mein liebes Programm zeigt das sogar als kontrainduziert an.

Antwort: Der Patient hat tatsächlich einen niedrigen Kalium-spiegel. Sie messen ihn auch unter den Medikamenten regelmässig und das ist schon länger so. Also soll er das Kalium dazu bekommen.

Der Arzt fand das aber sehr positiv, dass wir das angeschaut haben und rückgefragt.

Aber nicht alle Ärzte reagieren so. Von facebook habe ich mal ein paar Beispiele gesammelt … die wir aber fast alle schon so oder ähnliche auch schon bei uns hatten.

Neue Medikation des Patienten: Amlodipin zum bestehenden Simvastatin 40mg.
Problem: die Kombination führt zu signifikant erhöhnten Blutleveln von Simvastatin (dem Cholesterinsenker). Das erhöht auch die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen wie der seltenen, aber schwerwiegenden Rhabdomyolyse – die Muskeln lösen sich auf. Die Kombination braucht also entweder eine Verringerung der Simvastatin-Dosis und/oder regelmässige Kontrollen.
Reaktion des Arztes: Das ist kein Problem, deswegen ändere ich das Statin nicht.
Apotheke: Okay, wir halten das im Dossier fest, dass wir mit ihnen gesprochen habe und dass sie unseren Rat ignorieren. Und wir werden den Patienten darauf hinweisen auf Nebenwirkungen zu achten. (Das sind Muskelschmerzen).

Apotheke: Rät dem Patienten auf Atorvastatin der Muskelschmerzen zurückmeldet (siehe Problem oben), er soll unbedingt sein Blut beim Arzt testen lassen.
Arzt: Reklamiert nach dem Patientenbesuch bei ihm deswegen telefonisch in der Apotheke, dass das nicht deren Aufgabe sei und dass das eine seltene Nebenwirkung sei.
Die nächsten Rezepte vom Arzt sind dann aber alle für verschiedene Statine – offenbar ist es am durchprobieren. Ja, die Werte waren wohl etwas hoch.

Apotheke ruft Arzt an: die Alzheimer-Patientin ist auf ein von ihm verschriebenes Medikament allergisch – sie haben das in ihrem Patienten-Dossier festgehalten.
Reaktion des Arztes: Weshalb hat der Patient das nicht bei ihm erwähnt ?
Apotheke: Nun, sie hat Alzheimer und es könnte sein, dass sie sich vielleicht nicht mehr an alles in ihrer Medikationsgeschichte erinnern kann – aber die Familienangehörigen haben das so mitgeteilt bei der Entlassung aus dem Spital letztens.
Arzt: Sie soll das trotzdem nehmen und halt ein Cetirizin dazu. (Das ist ein Antiallergikum).
Apotheke: Rät stark von diesem vorgehen ab.
Der Arzt besteht darauf.
Der für die Patientin zuständigen Betreuungsperson wurde das mitgeteilt –sie haben dann den Arzt gewechselt.

Apotheke: teilt dem Arzt mit, dass der Patient vom Co-Lisinopril ein Angioödem bekommen hat: Ihre Lippen hatten die Grösse von kleinen Bananen.
Arzt: Ist der Meinung, dass die Apotheke sich irrt und das kein Angioödem sei und dass sie es weiter nehmen soll.
Patientin: hat auf den Arzt gehört und nicht auf die Apotheke.
Ratet mal, wer später im Notfall landete?

Arzt: verschreibt auf Rezept 1000 Einheiten Lantus pro Tag – das entspricht einem ganzen Fläschchen des Insulins.
Apotheke: ruft an, das abzuklären.
Praxisassistetin meint: Ich weiss nicht, aber das ist das, was der Arzt aufgeschrieben hat.
Apotheke: Und ich sage ihnen, das ist nicht richtig, so eine Dosis ist tödlich. Gehen Sie und fragen noch einmal nach.
Natürlich wurde die Dosis dann angepasst.

Nicht immer muss man wegen einem Problem dem Arzt anrufen. Manches lässt sich auch in direktem Patientenkontakt klären. Vieles ist dem Arzt auch schon bewusst und manchmal ist es auch gewollt so verschrieben. Allerdings sollte dem Arzt bewusst sein (auch wenn es manche nervt), dass die Apotheke nicht grundlos und aus reiner Freude an der Sache telefoniert. Und dass wir was Medikamente angeht doch mehr als nur ein bisschen Ahnung haben. Das ist das, was wir studiert haben: Medikamente, ihre Wirkung, ihre Anwendung, ihre Nebenwirkungen, ihre Wechselwirkungen. Wenn wir anrufen um etwas abzuklären, das uns aufgefallen ist, dann erwarte ich eigentlich, dass das auch ernst genommen wird. Und ich freue mich (auch wenn es wie in meinem Fall eigentlich doch nicht nötig war, anzurufen) wenn das gut ankommt.

Dialoge aus der Apotheke / 4

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Patient: „Kann ich diese beiden Medikamente zusammen einnehmen?“

Apothekerin: „Lassen Sie mich zur Sicherheit nachschauen … … Ja. Das geht.“

Patient: „Oh gut – das mache ich nämlich schon seit 2 Monaten.“

Interessanterweise kommt das (bei uns) meist von Patienten, die die Medikamente nicht von uns haben – entweder von einer anderen Apotheke oder vom Arzt oder gar aus dem Internet.

Gut – wenn sie beide Medikamente von uns hätten, dann wäre das bei der Abgabe schon abgeklärt: wir führen ja Computerdossiers über die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente und man kann (zum Beispiel wenn er/sie eine Kundenkarte hat) da auch freiverkäufliche Sachen darüber nehmen und sieht dann auch beim Multimineralpräparat, dass das sich jetzt nicht mit dem neuen Antibiotikum verträgt.

Auch gut (finde ich), dass überhaupt gefragt wird … wenn es denn nicht meist nach der Tatsache ist – so wie oben.

Angewandte Wechselwirkung

Die ältere Kundin kommt beunruhigt mit den Ovestin Ovula zurück, die der Arzt auf dem letzten Rezept verschrieben hat.

„Ich habe die Packungsbeilage gelesen“ fängt sie an …

Oh weh. Eigentlich ist das ja etwas Gutes, zeigt es doch Eigenverantwortung … nur finde ich, sind inzwischen die Packungsbeilagen derart kompliziert (mal abgesehen von: winzig geschrieben, unübersichtlich, ein Origami-Kunstwerk), dass sie der Interpretation eines Fachmanns (oder – frau) bedürfen. So auch hier.

Frau: „Da drin steht unter Wechselwirkungen…“

Und sie holt die Packungsbeilage hervor, in der das zu lesen ist:

Gewisse Krankheiten können sich unter der HRT verschlechtern: Epilepsie,… Teilen Sie Ihrem Arzt bzw. Ihrer Ärztin mit, wenn sich etwas an Ihrem Zustand ändert während Sie Ovestin Ovula anwenden …

„Und da!:“

Anwendung anderer Arzneimittel

Andere Arzneimittel können die Wirkungen von Ovestin beeinflussen oder Ovestin kann sich auf andere Arzneimittel auswirken. Sie müssen Ihren Arzt oder Apotheker bzw. Ihre Ärztin oder Apothekerin informieren, wenn Sie andere Arzneimittel anwenden oder beabsichtigen anzuwenden, wie z.B.:

Arzneimittel gegen Epilepsie (z.B. Barbiturate, Hydantoine und Carbamazepin),

 „Ich nehme doch Tegretol, das ist doch auch ein Antiepileptikum, oder?“

Pharmama: „Ja, das ist das Carbamazepin. ABER … schauen Sie, ich habe noch ein bisschen mehr Information zu den Medikamenten in der Fachinformation dazu. Und da steht drin:“

Die meisten hier erwähnten Risiken wurden mit Präparaten zur Hormonersatztherapie festgestellt, welche auf den ganzen Körper wirken, z.B. zur Behandlung von Hitzewallungen. Das Risiko bei der Anwendung von meist lokal wirkenden Präparaten wie Ovestin Ovula bzw. für den Wirkstoff Estriol ist weniger gut bekannt. Eine sorgfältige Abwägung des Nutzens und der Risiken und eine ärztliche Überwachung vor bzw. im Laufe der Therapie sind unerlässlich.

Pharmama: „Das bedeutet, dass das Problem mit den Wechselwirkungen vor allem mit den Hormonen, die man einnimmt auftritt. Sie bekommen sie aber als Vaginalzäpfchen – da wirken sie mehr lokal … am Ort. Und dann sollten wir auch noch schauen, worum es sich bei der möglichen Wechselwirkung hier handelt. Da steht:“

Der Metabolismus der Östrogene kann erhöht sein, wenn gleichzeitig Induktoren des Cytochroms 3A4 verabreicht werden. Dies gilt beispielsweise für Antiepileptika (z.B. Hydantoine, Barbiturate, Carbamazepin) und bestimmte Antiinfektiva (z.B. Griseofulvin, Rifamycine, die antiretroviralen Wirkstoffe Nevirapine und Efavirenz).

Pharmama: „Da haben die Antiepileptika wohl einen grösseren Einfluss auf die Hormone als umgekehrt– Tegretol (Carbamazepin) ist ein Enzyminduktor … also werden die Hormone schneller abgebaut. Das ist nicht so schlimm.“

Ich konnte sie also beruhigen und ihr versichern, dass sie das Medikament anwenden kann. Sie solle es dem Arzt nur melden, falls sie doch eine Veränderung feststellen würde.

Verwirrenderweise steht in der Fachinformation dann noch dieses (das habe ich bei der Besprechung aber auf der Seite gelassen, sie war schon beunruhigt genug):

In der klinischen Praxis gibt es keine Beispiele von Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln. Obwohl nur limitierte Daten vorliegen, sind Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln möglich.

Möglich, Wahrscheinlich, Falls, Konjunktive noch und noch. Man sichert sich als Medikamentenhersteller ab gegen Wahrscheinlichkeiten. Auch kleine.

Sie verträgt die Ovestin übrigens gut.

Pharmazeutisches Wissen

Ich habe schon ein paar Artikel zusammen, über das Wissen, dass wir in der Apotheke brauchen – und mehr. Die Artikel sind vor allem für Apotheker (oder andere Mitarbeiter im Gesundheitssystem) interessant, aber vielleicht findet sich auch etwas für den medizinischen nicht vorbelasteten – und sei es nur als Einblick, dass es oft nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Wichtiges Wissen über Medikamente

Spezielle Medikamente

Generika – genauer hingeschaut

Wechselwirkungen und Interaktionen:

Die Arbeit der Apotheke am Beispiel Wechselwirkungen

Abhängigkeiten

Die Arbeit in der Apotheke

Für die Apotheke im Ort:

Diverses:

0001-14244733

Na, die für’s Herz!

Die freundliche, ältere Dame kommt in die Apotheke mit ihrem Einkaufszettel:

notiz

Herzkapseln also. Okay, welche denn?

Dame: „Ich habe ein Dauerrezept hier. Da sind sie drauf“

Das hilft natürlich enorm:

(Das sind die Medikamente von ihrem Dauerrezept)

drp

Also: „Für’s Herz“ – mal sehen … der Blutverdünner? (Aspirin cardio, nimmt man zur Herzinfarktprophylaxe), oder das Blutdruckmedikament (Nifedipin?) oder gar der Cholesterinsenker (Atorvastatin – auch zur Herzinfarktprophylaxe) ?? Was darf’s denn sein?

Und zweites Problem: auf dem Einkaufszettel steht noch Alcacyl … ein frei verkäufliches Schmerzmittel. Das unglücklicherweise diverse Wechselwirkungen mit ihren Medikamenten vom Rezept hat. Speziell unangenehm: mit dem Blutverdünner zusammen riskiert sie Blutungen. Wir haben sie dann auf Paracetamol gewechselt.

Wie sag ich’s meinem Patienten?

Immer schwierig: Wechselwirkungen. Noch schwieriger: Wechselwirkunge bei Medikamenten wie Antidepressiva und Antipsychotika.

Leider gibt es gerade bei den erwähnten Medikamenten häufig welche … auch „wichtigere“ wie Herzrhythmus-störungen und gegenseitige Wirkverstärkungen – letztere können auch gewollt sein, können sich aber auch in verstärkten Nebenwirkungen äussern.

Und viele, die das nehmen müssen haben schon eine kompliziertere Persönlichkeitsstruktur und Probleme mit Wechseln / neuen Medikamenten / Anpassungen und derartigem. Sie auf Wechselwirkungen aufmerksam zu machen (wie ich eigentlich sollte*) verwirrt sie oft noch mehr und verunsichert sie, so dass sie am Schluss die (nötigen) Tabletten doch nicht nehmen.

Was tun? Bisher habe ich es so gehandhabt, dass – wenn so etwas auftritt und das Medikament neu ist – ich dem Patienten erst mal sage, dass ich rasch noch etwas mit dem Arzt klären muss (ich sage nicht unbedingt was) … und dann das mache. Der Arzt soll dann – mit dem Wissen um die Wechselwirkung -entscheiden, wie wichtig es ist, dass der Patient informiert ist und ob er auf eine mögliche Wechselwirkung oder auch Nebenwirkung achten soll.

Also ist es ein bisschen ein Dilemma. Wie viel soll / kann ich sagen?

Und meine Kollegin ist da letztens ein bisschen „reingelaufen“. Sie hatte abends eine Patientin, die sich schon reichlich beunruhigt in der Apotheke präsentierte. Auf dem Rezept ein neues Antidepressivum zu ihren bereits vorhandenen. Bei Eingabe in den Computer zeigt dann auch eine schwerwiegende Wechselwirkung an – noch nicht kontrainduziert aber im Sinne von „von einer Kombination wird stark abgeraten“.

…. was soll ich schreiben? Den Rest könnt ihr dem Brief entnehmen, den ich dem Arzt auf dessen erboste Reaktion hin geschrieben habe. In seinem Brief  beklagt er sich darüber, wie wir die Patientin behandelt haben, speziell, dass wir ihr gesagt hätten, sie solle das Medikament nicht nehmen. Sie braucht für ihre Behandlung dringend das – und wie wir dazu kämen, sie zu verunsichern?

Sehr geehrter Herr Dr. …

Erstmals: vielen Dank für Ihren Brief. Ich nehme ihn als konstruktive Kritik gerne an.

Dann möchte ich mich entschuldigen, dass das so unglücklich gelaufen ist. Es liegt natürlich auch in unserem Interesse, dass die Patientin die bestmögliche Behandlung und Beratung bekommt.

Am betreffenden Tag arbeitete (meine Kollegin). Sie hat mir erklärt, dass die Patientin zu einem Zeitpunkt mit dem Rezept kam, an dem Sie nicht mehr erreichbar waren. Darum hat sie der Patientin erklärt, dass sie wegen einer Wechselwirkung erst mit Ihnen, dem Arzt Rücksprache nehmen möchte. Die Patientin hat darauf erklärt, dass sie das dann lieber selbst mit Ihnen besprechen möchte.

Wir haben also der Patientin nicht gesagt, dass sie das Medikament nicht nehmen soll. Wir haben ausserdem versucht, sie als verschreibender Arzt zu erreichen, respektive angeboten, es gleich am nächsten Tag abzuklären, was die Patientin abgelehnt hat.

Wir sind uns bewusst, dass ein sensibler Umgang vor allem auch mit depressiven Patienten wichtig ist und dass es wichtig ist, dass diese ihre Medikamente (regelmässig) nehmen. Leider können wir angezeigte Wechselwirkungen nicht vollständig ignorieren. In dem Sinne wäre es das nächste Mal vielleicht sinnvoll, etwas weniger Info an die Patientin zu geben – vor allem wenn der Arzt gerade nicht erreichbar ist.

Dennoch denke ich nicht, dass meine Kollegin falsch gehandelt hat. Falls Sie aber eine bessere Vorgehensweise vorzuschlagen haben, nehme ich diese gerne entgegen.

mit freundlichen Grüssen Pharmama

Vielleicht sage ich das nächste Mal in so einem Fall am besten „ich muss das Medikament erst bestellen, ab morgen habe ich es hier.“ ?

* mehr zum Thema: die Arbeit der Apotheke am Beispiel Wechselwirkungen

Schnippisch

Pharmama: „Nehmen sie sonst noch andere Medikamente ein?“

(Ihr kennt das schon – das muss ich wissen, um eventuelle Wechselwirkungen abzuklären)

Kunde (schnippisch): „Ich nehme nur die Medikamente, die ich nehmen muss.“

Das ist keine Antwort auf meine Frage! Aber was er kann, kann ich auch:

Pharmama: „Okayyy … und was für welche müssen sie nehmen?“

Gelernt ist gelernt (2)

Vaseline ist kein guter Ersatz für KY Gel. – Schau nicht allzu überrascht, wenn deine Partnerin dir erklärt, dass sie schwanger ist, obwohl ihr ein Kondom benutzt habt.

Erinnern Sie sich daran, dass ich sie gewarnt habe ja nicht die Grapefruit Diät zu starten, wenn die Medikamente, die sie nehmen Nifedipin, Sortis, Zoloft und Valium sind?

Es ist keine sehr gute Idee, Isopropyl-Alkohol auf eine Windeldermatitis zu geben. Wenn Sie schon desinfizieren möchten, nehmen sie etwas sanfteres. (Aua!)

Wenn man Unterhaut-Fettgewebe, Muskel oder Knochen sehen kann … dann ist es KEIN Kratzer.

Sehr starke, stechende Schmerzen sollten das Zeichen für sie sein, dass sie einen Arzt aufsuchen – nicht, dass sie den Dritten Tag in Folge Ibuprofen oder Naproxen nehmen.

Mehr?

Aber bitte.

Wenn Sie ein Rezept bringen für ein Medikament -sagen wir mal Marcoumar -und danach noch ein Aspirin kaufen wollen und die Apothekerin Sie auf die (gefährliche) Wechselwirkung zwischen den beiden aufmerksam macht, sagen Sie: „Das macht nichts, ich will das trotzdem!“

Und wenn die Apothekerin sich dann weigert, ihnen das zu verkaufen, stürmen Sie aus der Apotheke, dann kommen sie nach 2 Minuten wieder zurück um weiter zu schimpfen.

Wenn auch der Kunde, der das ganze gezwungenermassen mitbekommen hat, Ihnen dann noch sagt, dass sie besser auf den Rat der Apothekerin hören, rufen sie noch in die Runde: „Ich mache ihnen einen Gefallen, indem ich diese Apotheke benütze! Aber von jetzt an, gehe ich nur noch in die (Discountapotheke), DIE stellen nie in Frage, was ich nehme!“

Und das ist natürlich viel besser für Sie.

Pharmazeutisches Wissen

Ich habe schon ein paar Artikel zusammen, über das Wissen, dass wir in der Apotheke brauchen – und mehr. Die Artikel sind vor allem für Apotheker (oder andere Mitarbeiter im Gesundheitssystem) interessant, aber vielleicht findet sich auch etwas für den medizinischen nicht vorbelasteten – und sei es nur als Einblick, dass es oft nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Wichtiges Wissen über Medikamente

Spezielle Medikamente

Generika – genauer hingeschaut

Wechselwirkungen und Interaktionen:

Die Arbeit der Apotheke am Beispiel Wechselwirkungen

Abhängigkeiten

Die Arbeit in der Apotheke

Für die Apotheke im Ort:

Diverses:

Der Vorteil der Hausapotheke

Nein, nicht von der Zuhause, die man im Apothekenschrank hat, sondern die Apotheke, wo man nach Möglichkeit alle seine Medikamente holt …

Telefon von der Frau eines unserer Patienten. Sie ist beunruhigt, weil ihr Mann sich nicht wie er selbst benimmt und irgendwie „neben sich steht“.
Sie will wissen, ob das neue Antibiotikum, das er bekommen hat die Ursache dafür ist.

Ich schaue sein Dossier an.
Er nimmt Tegretol, ein Antiepileptikum (Carbamazepin)– und ist damit seit einigen Jahren stabil.

Das Antibiotikum das er neu nimmt? Erythromycin.
Das Problem ist, dass das Antibiotikum den Abbau von Tegretol in seinem Körper drastisch reduziert – was dann praktisch eine Überdosierung von Tegretol für ihn bedeutet. Kein Wunder benimmt er sich so seltsam, wegen der geringen Therapeutischen Breite (dem Bereich zwischen der noch wirksamen Dosis und der Grenze zur Vergiftung) müssen Antiepileptika genau eingestellt werden und bei Änderungen irgendwelcher Art muss man gut aufpassen.

Warum wir das nicht bemerkt haben?
Weil er das Antibiotikum nicht bei uns, sondern in einer anderen Apotheke eingelöst hat. Und verschrieben wurde es ihm nicht vom Hausarzt – der Ferien hatte – sondern im Notfall im Spital.

Was macht man in so einem Fall? Ich habe hier geraten das Antibiotikum zu stoppen und mit dem Arzt Kontakt aufzunehmen wegen einem Ersatz. … und es das nächstemal entweder bei uns beziehen und unbedingt zu sagen, dass er Antiepileptika nimmt.

„die Pille“ und Wechselwirkungen

Orale hormonelle Kontrazeption (OC) – oder „die Pille“ ist die am häufigsten gebrauchte Verhütungsmethode.

Es gibt noch andere Verhütungsmethoden: Vaginalring. Hormonpflaster, Östrogenfreie Ovulationshemmer, Kupferspirale, Hormonspirale, Minipille, Dreimonatsspritze, Hormonimplantat, Kondome, Pille danach (letzteres nur als Notfall).

Die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva ist bei korrekter Anwendung mit einem Pearl Index < 1 sehr viel höher als die anderen Verhütungsmethoden.

Trotzdem kommt es gelegentlich zu „Versagern“, einerseits, wenn sie nicht richtig genommen werden, andererseits, wegen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten – und an diese muss man denken – wir in der Apotheke, aber auch die Patientin selbst, die die Pille oder eine andere hormonelle Verhütungsmethode verwendet:

Diese Interaktionen sind wesentlich bei Oralen Kontrazeptiva, Hormonimplantaten, Pflaster und Vaginalring:

Antibiotika, Chemotherapeutika, Antimalariamittel:
Diese sind verantwortlich für viele ungewollte Schwangerschaften.
Sie beeinträchtigen die Wirkung der Verhütung, wobei  der Mechanismus nicht restlos geklärt. Störung des enterohepatischen Kreislaufs, und wenn sie Durchfall machen (eine häufige Nebenwirkung) ist die Aufnahme in der Körper gestört.

Bei Antibiotika-Therapie ist neben der „Pille“ eine zusätzliche Anwendung nichthormonaler Methoden für die Zeit der Anwendung, sowie bis zu (7-) 14 Tagen danach zu empfehlen.

Probleme machen:

  • Penicilline (Amoxicillin, Pieperacillin, Benzylpenicillin, Phenoxymethylpenicillin, Flucloxacillin, Clavulansäre, Tazobactam)
  • Tetracycline (Doxycyclin, Minocyclin, Demeclocyclin,Lymecyclin, Tigecyclin)
  • Cephalosporine (Cefaclor, Cefazolin, Cefuroxim, Cefamandol, Cefotaxim, Ceftriaxon, Cefixim, Ceftibuten, Cefpodoxim, Ceftazidim, Cefprozil, Cefepim, Ceftobiprol)
  • Chloramphenicol
  • Sulfonamide (Sulfadiazin, Sulfamethoxazol – Cotrimoxazol, Sulfasalazin)
  • Nitroimidazole (Metronidazol, Ornidazol, Tinidazol)

Bei Makrolid AB (Azithromycin, Clarithromycin, Erythromycin, Roxithromycin, Spiramycin) ist die Datenlage nicht restlos geklärt

Tuberkulostatika
Rifampicin (zusätzlich noch Enzyminduktion, also werden die Hormone schneller abgebaut)

Antimykotika:
Griseofulvin

Antidepressiva:
Imipramin: (auch wegen Verstärktem Abbau)

Antihistaminika
Cimetidin– (auch wegen Verstärktem Abbau)

Antiepileptika:
Sind Enzyminduktoren (CYP3A4) und erhöhen den Abbau der Steroide in der Leber und im Gastrointestinaltrakt. Verminderter kontrazeptiver Schutz.

Müssen diese genommen werden, muss eine Barriere-Methode zur Verhütung bis 28 Tage nach Absetzen angewendet werden. Das ist wegen der Dauer-anwendung oft nicht möglich, dann kann man als Alternative eine Pille nehmen mit höherem Östrogengehalt. Oder ein anderes Antiepileptikum wählen.

Wirksamkeit der Pille vermindert bei: Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Phenytoin, Oxacarbazepin, Felbamat, Topiramat(?).

Wirkung nicht beeinträchtigt bei: Valproat, Gabapentin, Levetriacetam, Lamotrigin, Tiagabin, Vigabatrin

Johanniskraut und Kontrazeptiva
Ein bisschen ein Streitthema, ob das jetzt wirklich einen Einfluss hat. In der Kombination traten vermehrt Zwischenblutungen auf. Abnahme der kontrazeptiven Wirkung ist wahrscheinlich.
Also: andere kontrazeptive Massnahmen (andere Verhütungsmittel wie Kondom, Spirale etc) oder andere psycho-pharmakologische Massnahmen (andere Therapie der Depression).

Und dann gibt es noch andere Einflüsse, die die Wirksamkeit der oralen Kontrazeptiva herabsetzen:

Magenetzündungen, Darmentzündungen, Zöliakie, Morbus Crohn, Mukoviszidose
Schädigen Magen- und Darm-Schleimhaut, Verringerte Resorption, verringerte Serumspiegel

Durchfall, Erbrechen: Verringerte Aufnahme im Darm, verringerte Serumspiegel

Starkes Untergewicht, Kohlenhydratarme und proteinreiche Diät – führen zu erhöhter Aktivität der P450 Enzyme, also stärkerem Abbau der OC

Rauchen: Induktion der P450 Enzyme

Alle Angaben ohne Gewähr…  Habe ich noch etwas vergessen?

Lakritze und Medikamente

Auf Wunsch einer „einzelnen Dame“ 🙂 gibt es hier noch einen Nachtrag zur Serie „Wechselwirkungen zwischen Nahrungs- und Genussmitteln und Medikamenten“ zum Thema Lakritze / Bärendreck/ Süssholzwurzelextrakt

Die Lakritze, auch Bärendreck genannt hat bei uns ein sehr hohes Ansehen als Süßigkeit und ist daher fast jedem bekannt. Lakritze wird aus der Pflanze Süssholz, lat. Glycyrrhiza glabra hergestellt. Verwendung finden die Wurzeln der Pflanze, welche im Herbst geerntet werden. Diese werden getrocknet und in der Medizin- und Süßwarenproduktion eingesetzt.

Wirkung von Lakritze:
Lakritz-Produkte können bei regelmäßigem Verzehr zu Bluthochdruck und Wassereinlagerungen im Gewebe führen. Glycyrrhizin, ein natürlicher Bestandteil des zur Lakritzgewinnung benötigten Süßholzsaftes, hemmt ein Schlüsselenzym im hormonell gesteuerten Mineralstoffhaushalt. Bei häufigem Genuss größerer Mengen wird der Harnfluss gesteigert und es drohen Veränderungen des Mineralstoffwechsels mit Kaliumverlusten und Natriumanreicherungen. Ein konstanter Kaliumspiegel ist aber sehr wichtig für Herz, Nerven und Muskeln. Symptome von Kaliumverlust: Muskelschwäche, langsame Reflexe, erhöhter Blutdruck und Müdigkeit.

Wechselwirkungen:
Da Lakritze dieselbe Wirkung hat wie ein Entwässerungsmittel, muss man bei Diuretika aufpassen:
Azosemid, Bemetizid, Bendroflumethiazid, Benzylhydrochlorothiazid, Bumetanid, Butizid, Chlortalidon, Clopamid, Cyclothiazid, Etacrynsäure, Etozolin, Furosemid, Hydrochlorthyazid, Hydroflumethiazid, Indapamid, Mefrusid, Metolazon, Piretanid, Polythiazid, Torasemid, Trichlormethiazid, Xipamid.

Auch Organempfänger sollen sich vor Lakritze hüten, eine Studie zeigt, dass die Süßigkeit im Körper die Aufnahme des Wirkstoffs Ciclosporin blockiert. Das Immunsuppressivum soll nach der Transplantation eines Organs die Abstoßungsreaktion der Körpers verhindern. Eine unterbundene Wirkung könne fatale Folgen haben.

Ausserdem gibt es erste Hinweise, dass die Anti-Baby-Pille die Empfindlichkeit für Glycyrrhizin erhöht. Dies ist insofern bedenklich, als Frauen ohnehin sensibler auf das Naturprodukt zu reagieren scheinen und schon die Pille allein zu Bluthochdruck und Wassereinlagerungen führen kann.

Rat:
Pillen-Anwenderinnen sollten vorsorglich auf den Genuss größerer Lakritzmengen verzichten. Dies gilt auch für Menschen mit Bluthochdruck (v.a. wenn Diuretika genommen werden) , Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Lebercirrhose, sowie Schwangere und Organtransplantierte.

Das ist alles, was ich dazu gefunden habe. Wer noch mehr weiss, soll sich melden!

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