Wechselwirkungsspielchen

Interaktion ist der Fachausdruck für Wechselwirkungen zwischen Medikamenten – das Wort kann durchaus aber auch auf Menschen und ihre Interaktionen übertragen werden. Beide sind nicht immer positiv. Es folgt ein Beispiel für ein paar Interaktionen – auf allen Ebenen. Medikament-Medikament, Patient-Apotheke, Patient-Arzt und Apotheke-Arzt. Anlass: ein Arzt, der auf uns (die Apotheke) verärgert ist, weil wir ihm in „sein Gebiet“ reinreden (die Medikation eines gemeinsamen Patienten).

Es beginnt (hier) damit, dass die Patientin, nennen wir sie Frau Scherrer, eine ältere Frau und Stammkundin, ins Spital muss wegen einer Infektion. Das Spital entlässt sie Donnerstag morgen mit einem Rezept, für das sie zu uns in die Apotheke kommt. Auf dem Rezept: Ibuprofen (Schmerzmittel) und Metronidazol (Antibiotikum) und noch so ein paar mehr Sachen, die sie vorher schon hatte fürs Herz und den Blutdruck. Man führt das Rezept aus, schreibt die Medikamente an und sie geht damit nach Hause.

Am Nachmittag schickt Frau Scherrer ihren Mann mit einem Zettel vorbei, weil sie etwas vergessen hat einzukaufen. Sie ist nicht gut zu Fuss, aber geistig fit, der Mann ist körperlich noch fitter, aber leider ansatzweise dement, deshalb der Zettel. Zellerbalsam flüssig möchte sie gerne, ein altes Magenmittel, das sie schon gut kennt. Weil wir bei einem Einkauf immer nach der Kundenkarte fragen und der Mann (zum Glück) ihren Namen angibt, fällt bei uns sofort auf: WECHSELWIRKUNG mit dem Antibiotikum Metronidazol, wegen dem in dem Mittel enthaltenen Alkohol! Es besteht die akute Gefahr eines Antabus-Effektes, oder für die Laien: Metronidazol plus Alkohol und es kann einem extrem schlecht werden: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Herzklopfen … Man informiert ihren Mann, dass das keine gute Kombination ist, er will das trotzdem mitnehmen, denn sie hat ihn ja extra geschickt dafür! Man erklärt, dass er ihr das sagen muss und als man merkt, dass er dazu wahrscheinlich nicht in der Lage ist, schreibt man das freiverkäufliche Mittel mit einer Dosieretikette an, dass man das auf keinen Fall zusammen mit dem Antibiotikum nehmen soll, sondern wartet bis die Behandlung vorbei ist.

Am nächsten Tag am Freitag-Nachmittag kommt Frau Scherrer mit einem neuen Rezept von ihrem Hausarzt in die Apotheke. Auf dem Rezept: Motilium 10mg 3x täglich 1 Tablette. Unser System gibt bei Eingabe gleich diverseste Warnmeldungen bei ihr. Der Wirkstoff Domperidon, der gegen Übelkeit und bei Darmträgheit verwendet wird, steht heute unter Beobachtung und man wendet ihn wesentlich vorsichtiger an, da sich gezeigt hat, dass ein erhöhtes Risiko besteht für schwerwiegende Herzrhythmusstörungen oder plötzlichen Herztod vor allem bei Patienten über 60 Jahren, höheren Dosierungen und in Kombination mit anderen Medikamenten, die auch die QT-Zeit verlängern oder den Wirkstoffgehalt im Blut erhöhen. Frau Scherrer hat alles: Alter, Wechselwirkungen mit mehr als einem ihrer anderen Medikamente … Das schaut man lieber mit dem Arzt an. Man versucht den Arzt telefonisch zu kontaktieren, aber es geht keiner ans Telefon.
Was tun? Man bespricht die Situation zusammen mit Frau Scherrer – dass wir uns wegen den Wechselwirkungen sehr unwohl fühlen, das Medikament abzugeben, aber eventuell finden wir eine Alternative. Wofür sie es denn braucht? Ihr ist sehr übel und sie hat Schwindel. Das kam praktisch wie aus dem Nichts, seit sie die Medikamente vom Spital nimmt. Man geht in ihre Patientenhistorie im Computer und entdeckt dabei die Abgabe von Zellerbalsam und den Kommentar, den die Kollegin dort hinterlassen hat: Alkoholhaltig und nicht zusammen mit dem Antibiotikum zu nehmen. Man fragt Frau Scherrer, ob sie das denn vielleicht doch genommen hat? Ja, hat sie. Ihr war schon komisch im Magen von den anderen Medikamenten, deshalb hat sie das genommen. Die Etikette? Hat sie nicht gesehen. Der Mann hat auch nichts gesagt gehabt. Nein, dem Arzt habe sie nicht gesagt, dass sie das daneben nimmt. Die Medikamentenliste vom Spital hat er bekommen, ob er sie angeschaut hat, weiss sie nicht.
Man klärt Frau Scherrer also direkt über die Wechselwirkung mit dem Zellerbalsam auf und dass sie das und auch anderes alkohol-haltiges bitte nicht mehr nimmt, bis die Antibiotikakur vorbei ist (auf der Dosierungsetikette vom Metronidazol steht übrigens auch: KEIN ALKOHOL!). Und falls das nicht reicht, ersetzt man jetzt hier das Motilium mit einem Itinerol B6. Das enthaltene Meclozin macht keine dieser Wechselwirkungen, das kann sie nehmen. Den Austausch muss man trotzdem dem Arzt melden – wir wollen das nach dem Wochenende machen.

Wir kommen nicht dazu. Montag früh ruft Frau Scherrers Arzt in der Apotheke an und bemüht sich, meine Kollegin zur Schnecke zu machen: Was ihr denn einfalle, ihm in sein Medikationsmanagement reinzureden? Er überlege sich etwas, wenn er etwas verschreibe! Er lese natürlich auch immer alle Austrittsberichte vom Spital! Wir würden seine Patienten verunsichern mit so Aktionen und ihn schlecht dastehen lassen. Meine Kollegin kommt gar nicht zu Wort, aber – offenbar war Frau Scherrer bei ihm und hat ihn informiert. Als er endlich eine kleine Pause macht, versucht sie ihn zu fragen, was er denn stattdessen will: dass wir unkontrolliert einfach alles abgeben, was er aufschreibt? Nein, dass wir vorher nachfragen – ja, haben wir versucht. Dann halt trotzdem abgeben, auch wenn wir in dem Fall vielleicht mehr Informationen haben als er? Sie erzählt ihm das mit dem Zellerbalsam – gut *das* war ihm auch neu. Trotzdem äussert er weiterhin seine Unzufriedenheit mit uns.

Im Ganzen war das eine eher unerfreuliche Interaktion mit dem (alteingesessenen) Arzt. Ich verstehe, dass sich da mancher Arzt bei Nachfragen oder so Therapieänderungen durch uns in der Autorität untergraben fühlen kann, aber: das ist heute unsere Arbeit. Das war sie früher schon: Wir sind die Medikationsspezialisten. Wir haben die aktuellsten Programme dafür. Bei uns laufen (im Idealfall) die ganzen Informationen zusammen: aus Spital, vom Hausarzt, vom Spezialisten … und auch was die Patient/in OTC selber kaufen. Und wir handeln aufgrund von diesen Informationen nach bestem Wissen und auch Gewissen.

Auf einen Punkt möchte ich noch speziell aufmerksam machen hier. Von unserer (Apotheken-) Seite waren 3 verschiedene Apotheker beteiligt: Beim Ausführen des Spitalrezeptes, beim Abgaben des OTC-Medikamentes (nachdem die Interaktion aufgefallen ist) und beim Hausarzt-Rezept. Trotzdem ging die wichtige Info hier intern weiter – zugunsten der Patientin! Das ist möglich, dank des Patientendossiers in der Haus-Apotheke. Vielleicht fallen so Sachen aufmerksamen Apotheker/innen oder Ärzt/innen mit einer zentralen Patientenakte häufiger auf – aber das gibt es zumindest in der Schweiz noch nicht.

Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!

„Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!“ – Ich weiss nicht mehr, wer das gesagt hat, aber es war an einer unserer zahllosen Weiterbildungen. Und Recht hat der Mensch!

Das bedeutet nicht, dass wir Apotheken nicht jährlich mehrmals getestet werden – und diese Tests auch bestehen. Es gehört zum Vertrag mit den Krankenkassen, dass die Qualität in der Apotheke mittels Testkäufen, Telefonanrufen und Rezepten durch sogenannte „Mystey“-Patienten evaluiert wird. Jedesmal mit ausgiebiger Besprechung der Resultate. Die haben wir bisher immer bestanden.

Nicht so mit den Tests, die Zeitschriften wie zum Beispiel der Saldo durchführen. Sowas können „die Apotheken“ nicht bestehen – und das sollen wir auch nicht. Wo blieben da die sensationsgeilen Überschriften?

Aktuelles Beispiel: Gefährliche Wechselwirkungen nicht erkannt (Saldo Artikel, kostenpflichtig).

Kurzfassung: 20 Apotheken wurden „getestet“. Es wurde auf Rezept Efexor (Venlafaxin) eingelöst und geschaut, ob da das Generikum angeboten wird. Danach wurde OTC der Hustendämpfer Bexin (Dextrometorphan) verlangt. Zitat saldo:

Bei der Kombination der beiden Präparate kann gemäss Packungsbeilage von Efexor das lebensbedrohliche Serotoninsyndrom auftreten.“

Während sie sich bei der Generikum Abgabe noch halb positiv überrascht zeigen – 13 von 20 Apotheken haben das günstigere Generikum von Efexor abgegeben (im Gegensatz zu 6 in 2013) – sind sie bei der Abgabe der Kombination „entsetzt“, dass das 15 von 20 Apotheken abgegeben haben.

Der Apothekerverband hält sich hier dezent zurück mit einem öffentlichen Kommentar, bis auf eine Facebook- Mitteilung, in der sie angeben von dem Test abweichende Resultate bekommen zu haben vom saldo als später publiziert, habe ich nichts gesehen. Vielleicht weil pharmasuisse im Artikel zitiert wird, angeblich mit: „pharmasuisse kritisiert die Apotheken: «Der Patient muss darauf hingewiesen werden, dass sich die beiden Medika-mente nicht vertragen.“

Dann will ich dazu mal etwas schreiben und ein paar Sachen erklären. Diese „lebensbedrohliche Wechselwirkung“ des Serotoninsyndroms gibt es. Es ist ein Komplex aus Krankheitszeichen die durch eine Anhäufung des Neurotransmitters Serotonin hervorgerufen werden. Charakteristisch sind neuromotorische und kognitive Störungen sowie Verhaltens-veränderungen, Ruhelosigkeit, rasche unwillkürliche Muskelzuckungen, Schwitzen, Schüttelfrost und Zittern. Das Serotonin-Syndrom ist häufig das Resultat einer Arzneimittelnebenwirkung, die zu einer Erhöhung der Serotoninaktivität führen kann und insbesondere bei einer kombinierten Anwendung von serotonergen Arzneistoffen mit MAO-Hemmern beobachtet wird.

Ich bin also tendenziell Vorsichtig bei Medikamenten, die das machen können (wie Efexor) und gebe andere „zentral wirksame Medikamente“ – zu denen ich auch den Hustenstiller Dextrometorphan zählen will – zur Wechselwirkungs-Kontrolle im Computer ein. Und unser System bleibt dabei ruhig! Naja, nicht ganz ruhig. Ich habe es so eingestellt, dass bei uns Warnhinweise der Stufen 1, 2 und 3 angezeigt werden. Das heisst: 1: kontrainduziert (Darf man so nicht zusammen nehmen), 2: vorsichtshalber kontrainduziert (sollte man so nicht zusammen nehmen) und 3: Überwachung / Anpassung notwendig. Wenn ich das höher einstelle, habe ich bei so ziemlich jeder Kombination irgendeine Anzeige – die dann mit der Zeit wegen „Alarmmüdigkeit“ einfach nur noch weggedrückt wird. Das will ich nicht. Bei denen, die es jetzt anzeigt, muss man reagieren. Aber bei der Kombi, die getestet wurde?

Diese beiden Medikamente zeigt es mit einer Wechselwirkung der Stufe 5 an:

Relevanz: 5 Vorsichtshalber überwachen. Gruppen: Serotonin-Reuptake-Hemmer / Opioide
Kurztext: Erhöhtes Risiko eines Serotonin-Syndroms und von Krampfanfällen

Die genannten Opioid-Analgetika und das zentrale Antitussivum Dextromethorphan haben ebenso wie die Serotonin-Reuptake-Hemmer serotoninerge Effekte, so dass additive serotoninerge Wirkungen vermutet werden. Dies wurde nicht systematisch untersucht; allerdings liegen etliche Fallberichte vor.

Die Fallberichte beziehen sich aber nach dem was ich gesehen habe tatsächlich auf die starken Opioide wie Durogesic, Valoron, Palexia und nicht auf Abkömmlinge wie dem Dextrometorphan. Deshalb auch die niedrige Einstufung der Gefahr. Demnach steht da auch:

Bei gleichzeitiger Behandlung mit den genannten Opioiden und
Serotonin-Reuptake-Hemmern ist Vorsicht geboten. Die Patienten sollen sorgfältig über die Zeichen des Serotonin-Syndroms sowie über das Risiko von Krampfanfällen informiert werden. Auf Dextromethorphan in Erkältungspräparaten kann verzichtet werden. 

Also ist in meinen Augen eine Abgabe möglich ohne grosse Gefahr des Patienten. Will man ganz sicher sein, kann man einen anderen Hustenstiller wählen (die Wirksamkeit ist halt meist auch nicht ganz entsprechend) und falls doch Bexin gewollt ist, würde ich den Patienten informieren, dass er auf das Auftreten von Zittern, Muskelzucken oder Schwitzen achtet und falls das auftritt, kein Bexin mehr nimmt. Aber nochmal: wir reden hier von Einzelfällen, einer in der Kombination kaum erwarteten Nebenwirkung.

Anders sieht es beim zweiten Test von saldo aus, bei der die Kombination von Plavix (Clopidogrel) und Aspirin (Acetylsalicylsäure) versucht wurde.

Das ist etwas, wo man reagieren muss:

Relevanz: 3 Ueberwachung/Anpassung
Gruppen: Thrombozytenaggregationshemmer / Antiphlogistika, nicht steroidale
Kurztext: Möglicherweise erhöhtes Blutungsrisiko

Und das haben die Apotheken auch:

Positiv: Nur eine Apotheke verkaufte Plavix und Aspirin ohne Warnung vor der Blutungsgefahr. Negativ: 7 von 20 verkauften den Blutverdünner Plavix, ohne auf ein Generikum hinzuweisen.

Das könnte man natürlich auch so formulieren: 13 von 20 Apotheken haben auf das Generikum hingewiesen oder es verkauft! Aber das liest sich halt nicht so gut. Dann schreibt man lieber:

Insgesamt arbeiteten nur drei Apotheken vorbildlich

Jaaa – wie gesagt: Noch nie wurde so ein Test bestanden. Kein Wunder, wenn man das so zeigen will und entsprechend selten auftretende Wechselwirkungen aussucht – notabene eine Wechselwirkung, die bei dem Medikament schon als Nebenwirkung alleine auftreten kann. Ebenfalls selten, also weniger als 1 von 1000 Behandelnden bekommt das.

Übrigens. Nein, wir sind nicht getestet worden. Aber ich habe von Apotheken gehört, die bei dem saldo-Test dabeiwaren und die die Kombi abgegeben haben. Deshalb sei hier noch angefügt: nicht alles, was die Apotheke dazu gesagt hat, schlägt sich im Artikel nieder. Das dürfte bei mehreren der Fall gewesen sein.

Es geht bei den Wechselwirkung halt auch darum, die zu interpretieren – und dann den Patienten gegebenenfalls zu informieren. Abgegeben hätte ich das wahrscheinlich auch.

Einmal alles, bitte.

Man ist sich schon bewusst, dass manche Leute eine ganze Menge Medikamente nehmen müssen. Aber wie viel, merkt man nur, wenn man mal wirklich alles vor sich hat. Der Arzt hat von uns eine Aufstellung von allem was die Patientin im letzten Jahr so hatte verlangt, weil er ein neues Dauerrezept ausstellen wollte. Das hat er dann auch:

rpvoll

Das ist viel. Auch wenn nicht alles Medikamente sind. Da hat es Inkontinenzeinlagen drauf (zuunterst) und auch Hautpflege, ursprünglich vom Hautarzt verschrieben. Ein ziemlich extremes Beispiel – und vielleicht braucht sie auch nicht wirklich alles, und das Vita Merfen (eine Wund-Heilsalbe) gibt es gar nicht mehr. Magenschutz sind gleich zwei verschiedene drauf: Antra und Pantoprazol, diverse Blutdruck- und Herz-Medikamente und auch gegen Depression.

Man muss sich bei derartigen Listen bewusst sein, dass da zwischen den verschiedenen Medikamenten Wechselwirkungen stattfinden – eine ausgesprochen relevante sehe ich auf den ersten Blick: Euthyrox (Schilddrüsenmedikament) und Magnesiocard (Magnesium) beides am Morgen verordnet. So eingenommen wird das Schilddrüsenmedikament praktisch wirkungslos. 2 Medikamente können wir vergleichen, ab 3 Medikamenten wird das mit den Wechselwirkungen übrigens so komplex, dass da praktisch das Chaos herrscht und nicht mehr wirklich vorhersehbar ist, was herauskommt.

Eine Medikamentenliste wie die oben stellt nicht nur den Patienten, sondern auch den Arzt und Apotheker vor diverse Probleme – und eine gute Kommunikation ist hier wichtig. Vielleicht könnte man das sogar optimieren, damit man nicht mehr so viel nehmen muss.

5 (gefährliche) Fehler, die Du vielleicht mit freiverkäuflichen Schmerzmitteln machst

Die meisten Leute benutzen freiverkäufliche Medikamente, wenn sie Schmerzen haben. Wendet man sie korrekt an, dann sind diese Medikamente im Normalfall sicher und effektiv – aber viele Leute sehen sie als harmlos an und lesen deshalb auch nicht die Packungsbeilage oder informieren sich bei einer Fachperson darüber. Das ist ein Fehler! Auch wenn heute propagiert wird, dass Schmerzmittel auch bei uns im Supermarkt oder gar am Kiosk zu kaufen sein sollten … das sind wirkliche Medikamente mit wirklichen Konsequenzen.

Hier sind 5 weitverbreitete Fehler, die man mit den Schmerzmitteln machen kann – und was dann passiert.

Schmerzmittel Fehler Nr. 1: Du nimmst zu viele Tabletten

Die allgemeine Ansicht ist immer noch: Viel hilft viel. Also: wenn ich mehr Tabletten nehme, ist auch die Schmerzstillung besser. Was aber passiert ist, dass man die Chance auf Nebenwirkungen erhöht … und man kann sich wirklich damit vergiften. Zu viele Leute lernen das nur auf die harte Tour. Zu viel Paracetamol (einem häufig verwendeten Schmerzmittel sowohl freiverkäuflich als auch in rezeptpflichtigen Medikamenten) ist eine der Hauptursachen für Vergiftungsfälle weltweit. Sie sind sicher (und effektiv) bei den in der Packungsbeilage angegebenen Dosierungen. Man muss unbedingt unter der Maximaldosierung bleiben – und die beträgt (nur) 4000mg (4g) pro Tag. Höhere Dosierungen und man riskiert nicht nur Übelkeit und Magenprobleme, sondern Nieren und vor allem Leberschäden.

Schmerzmittel Fehler Nr. 2: Du nimmst die Schmerzmittel zu häufig

Ausser auf Anweisung eines Arztes sollte man auch freiverkäufliche Tabletten nicht häufiger als ein bis zwei Tage pro Monat einnehmen. Wer ein Schmerzmittel länger braucht als die (eine freiverkäufliche) Packung enthält sollte einen Arzt aufsuchen. Paracetamol zum Beispiel täglich oder auch wöchentlich genommen kann das Risiko für Leberversagen und auch Tod erhöhen. Und auch wenn niedrigdosiertes Aspirin helfen kann, wenn man schon ein erhöhtes Risiko für Herzprobleme hat – kann es der Magenschleimhaut und dem Darm schaden. Magengeschwüre und ähnliches sind die Folge. Tatsächlich erhöht das täglich genommene Aspirin das Risiko von ernsten inneren Blutungen um 55%.

Wer also Schmerzmittel täglich oder wöchentlich nimmt, sei das für Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen oder andere chronische Beschwerden – sollte zum Arzt gehen um das Problem abklären zu lassen und um die beste Lösung zur Behandlung zu finden.

Wer Schmerzmittel während mehr als einer Woche pro Monat nimmt (auch verteilt), hat ausserdem das Risiko, dass er sogenannte Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen auslöst: Also (Kopf)Schmerzen wegen der Schmerzmittel.

Schmerzmittel Fehler Nr. 3: Du denkst alle Schmerzmittel sind gleich

Der Wirkstoff von Dafalgan (Tylenol, Panadol etc) unterscheidet sich vom Wirkstoff in Saridon (Algifor …) oder von dem in Aleve oder Aspirin. Wenn man ein Schmerzmittel für sich aussucht, sollte man deren spezifische Wirkungen mit einbeziehen – besser, als einfach zu nehmen, was man gerade im Schrank hat.

Ibuprofen zum Beispiel wirkt entzündungshemmend, ist also besser für Arthritis und Schmerzen wegen Schwellungen. Paracetamol ist nicht entzündungshemmend kann aber besser sein bei Kopfschmerzen und macht keine zusätzlichen Magenprobleme.

Verschiedene Schmerzmittel können eben auch unterschiedliche Nebenwirkungen haben. Aufgrund der persönlichen medizinischen Vorgeschichte – wie zum Beispiel ob man einen hohen Blutdruck hat oder viel Alkohol trinkt – gilt es auch manche dieser Medikamente zu vermeiden.

Leute, die viel Alkohol trinken (oder getrunken haben) sollten kein Paracetamol nehmen, weil das ihr Risiko für Nieren- und Leberschäden noch mehr erhöht. Dagegen sollten Leute mit einem hohen Blutdruck in betracht ziehen, dass Naproxen (wie in Aleve) oder auch Ibuprofen das Risiko von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen kann.

Schmerzmittel Fehler Nr. 4: Du nimmt freiverkäufliche Schmerzmittel zusammen mit rezeptpflichtigen Schmerzmitteln (oder anderen Medikamenten)

Fast die Hälfte der Leute die Schmerzmittel kaufen denken nicht daran, dass sie auch rezeptpflichtige Medikamente nehmen, die einen Einfluss haben könnten. (Studie der US Schmerzstiftung). Viele verschriebene Medikamente enthalten schon Paracetamol, zum Teil auch in Kombinationen (Zaldiar, Co-Dafalgan). Nimmt man die zusammen mit den frei verkäuflichen Mitteln mit Paracetamol, kann das rasch zu Problemen wegen Überdosierung führen.

Andere Medikamente wie Blutverdünner, Betablocker, Antidepressiva können, wenn sie zum Beispiel mit Ibuprofen oder Naproxen genommen werden das Risiko für Magengeschwüre, Nierenschäden, Herzinfarkt oder weitere schwerwiegende Gesundheitsprobleme verursachen.

Schmerzmittel Fehler Nr. 5: Du mischt verschiedene freiverkäufliche Medikamente

Bis 65% der Schmerzmittel-Verwender bedenken nicht, dass ihr Schmerzmittel auch mit anderen freiverkäuflichen Medikamenten interagieren kann. Aber auch viele von diesen enthalten denselben Wirkstoff wie die Schmerzmittel.

Zum Beispiel dieses Szenario: Ein Mann nimmt regelmässig sein vom Arzt verordnetes Aspirin Cardio (oder ein anderes ASS 100). Das ist Acetylsalicylsäure in niedriger Dosierung zur Vorbeugung von Herzproblemen. Jetzt wird er krank und kauft ein Erkältungsmittel – ohne nachzuschauen, ob das ebenfalls Acetylsalicylsäure enthält. Da gibt es einige. Dasselbe kann passieren, wenn man regelmässig Dafalgan 1g  (auf Rezept) erhält und dann ein „Grippemittel“ wie NeoCitran oder Pretuval dazu nimmt. Beides enthält Paracetamol.

Deshalb ist es wichtig und richtig, dass es diese Medikamente nicht im Supermarkt gibt – und auch bevor man sich das im Internet bestellt: Reden Sie am besten mit ihrem Arzt oder Apotheker darüber. Apotheken sind die besten Quellen was Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und die richtige Anwendung der Medikamente angeht.

Artikel inspiriert von: http://www.foxnews.com/health/2016/11/21/5-dangerous-mistakes-make-with-your-over-counter-painkillers.html

Frage- und Antwort-Spiel

Ich hatte einen Physiklehrer, der häufiger mit den Leuten spielte, indem er ihre Fragen wörtlich nahm. Mit der Zeit merkte man das natürlich und fing im Normalfall an, die Fragen auch korrekt zu stellen, denn oft genug macht man das heute falsch, ohne dass das einem bewusst ist.

Beispiel:

Auf die Frage: „Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?“ Oder gar: „Haben Sie die Uhrzeit?“ hat er immer mit „Ja.“ (und fertig) geantwortet. Immerhin hat man da nicht gefragt wieviel Uhr es gerade ist.

Dasselbe mit: „Kann ich auf die Toilette?“ (während der Unterrichtsstunde.) Da kam statt der Antwort dann oft die Gegenfrage: „Keine Ahnung. Kannst Du?“

Ausserdem hatte er die Angewohnheit, wenn jemand niesen musste „Hunds-cheib“ zu sagen statt „Gesundheit“ – in den meisten Fällen antwortet die Person dann mit „Danke“, da das nicht erwartet und (deshalb) nicht richtig gehört wurde … aber darum geht es jetzt nicht.

Ich kann mir nur vorstellen, wie er in der Apotheke jemanden beraten würde.

Patient: „Kann ich mit diesem Medikament etwas trinken?“

Er: „Können Sie sicher, immerhin soll man das mit Wasser nehmen und wenn Sie gar nichts trinken, verdursten Sie ja innert etwa 3 Tagen.“

Patient: „Ich meine: Kann ich Alkohol trinken?“

Er: „Sie können sicher – ich meine, wenn Sie Wasser trinken können und andere Flüssigkeiten, bekommen Sie wahrscheinlich auch Alkohol runter.“

Patient: „Nein. Was ich meine ist: Ist es eine gute Idee, dieses Medikament zusammen mit Alkohol einzunehmen?“

Er: „Was? Nein! Auf gar keinen Fall.“

Arzt-Patient-Apotheke-Interaktionen

Auf dem Rezept des Patienten, der schon länger nicht mehr bei uns in der Apotheke war (ja – das kommt vor: manchmal eckt man aus irgendeinem Grund an und dann suchen sie sich eine andere Apotheke, manchmal wechseln sie den Arzt und dann sind wir nicht mehr die nächste Apotheke auf dem Weg, manchmal machen sie einen Abstecher in die Versand-medikation) Jedenfalls: alter Patient kommt mit neuem Dauerrezept für diverse Medikamente. Torasemid, Aspirin cardio, Aldactone, Amlodipin und KCl.

Logischerweise zeigt der Computer Wechselwirkungen an – dafür hätte ich in dem Fall allerdings nicht mal den Computer gebraucht. Kaliumsparendes Diuretikum (Aldactone) und dann Kalium selber. Torasemid mit dem Aspirin zeigt mir auch eine Wechselwirkung an, da das Aspirin aber in niedriger Dosierung genommen wird, kann ich das in dem Fall ignorieren. Das mit dem Kalium, das beim Diuretikum zusätzlich noch erhöht sein kann und eine ziemlich direkte Wirkung auf das Herz haben kann allerdings nicht.

Telefonanruf an den Arzt (da dem Patient nicht bewusst ist, dass es da ein Problem gibt) ob das so gewollt ist. Die Interaktion ist doch eher schwerwiegend – mein liebes Programm zeigt das sogar als kontrainduziert an.

Antwort: Der Patient hat tatsächlich einen niedrigen Kalium-spiegel. Sie messen ihn auch unter den Medikamenten regelmässig und das ist schon länger so. Also soll er das Kalium dazu bekommen.

Der Arzt fand das aber sehr positiv, dass wir das angeschaut haben und rückgefragt.

Aber nicht alle Ärzte reagieren so. Von facebook habe ich mal ein paar Beispiele gesammelt … die wir aber fast alle schon so oder ähnliche auch schon bei uns hatten.

Neue Medikation des Patienten: Amlodipin zum bestehenden Simvastatin 40mg.
Problem: die Kombination führt zu signifikant erhöhnten Blutleveln von Simvastatin (dem Cholesterinsenker). Das erhöht auch die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen wie der seltenen, aber schwerwiegenden Rhabdomyolyse – die Muskeln lösen sich auf. Die Kombination braucht also entweder eine Verringerung der Simvastatin-Dosis und/oder regelmässige Kontrollen.
Reaktion des Arztes: Das ist kein Problem, deswegen ändere ich das Statin nicht.
Apotheke: Okay, wir halten das im Dossier fest, dass wir mit ihnen gesprochen habe und dass sie unseren Rat ignorieren. Und wir werden den Patienten darauf hinweisen auf Nebenwirkungen zu achten. (Das sind Muskelschmerzen).

Apotheke: Rät dem Patienten auf Atorvastatin der Muskelschmerzen zurückmeldet (siehe Problem oben), er soll unbedingt sein Blut beim Arzt testen lassen.
Arzt: Reklamiert nach dem Patientenbesuch bei ihm deswegen telefonisch in der Apotheke, dass das nicht deren Aufgabe sei und dass das eine seltene Nebenwirkung sei.
Die nächsten Rezepte vom Arzt sind dann aber alle für verschiedene Statine – offenbar ist es am durchprobieren. Ja, die Werte waren wohl etwas hoch.

Apotheke ruft Arzt an: die Alzheimer-Patientin ist auf ein von ihm verschriebenes Medikament allergisch – sie haben das in ihrem Patienten-Dossier festgehalten.
Reaktion des Arztes: Weshalb hat der Patient das nicht bei ihm erwähnt ?
Apotheke: Nun, sie hat Alzheimer und es könnte sein, dass sie sich vielleicht nicht mehr an alles in ihrer Medikationsgeschichte erinnern kann – aber die Familienangehörigen haben das so mitgeteilt bei der Entlassung aus dem Spital letztens.
Arzt: Sie soll das trotzdem nehmen und halt ein Cetirizin dazu. (Das ist ein Antiallergikum).
Apotheke: Rät stark von diesem vorgehen ab.
Der Arzt besteht darauf.
Der für die Patientin zuständigen Betreuungsperson wurde das mitgeteilt –sie haben dann den Arzt gewechselt.

Apotheke: teilt dem Arzt mit, dass der Patient vom Co-Lisinopril ein Angioödem bekommen hat: Ihre Lippen hatten die Grösse von kleinen Bananen.
Arzt: Ist der Meinung, dass die Apotheke sich irrt und das kein Angioödem sei und dass sie es weiter nehmen soll.
Patientin: hat auf den Arzt gehört und nicht auf die Apotheke.
Ratet mal, wer später im Notfall landete?

Arzt: verschreibt auf Rezept 1000 Einheiten Lantus pro Tag – das entspricht einem ganzen Fläschchen des Insulins.
Apotheke: ruft an, das abzuklären.
Praxisassistetin meint: Ich weiss nicht, aber das ist das, was der Arzt aufgeschrieben hat.
Apotheke: Und ich sage ihnen, das ist nicht richtig, so eine Dosis ist tödlich. Gehen Sie und fragen noch einmal nach.
Natürlich wurde die Dosis dann angepasst.

Nicht immer muss man wegen einem Problem dem Arzt anrufen. Manches lässt sich auch in direktem Patientenkontakt klären. Vieles ist dem Arzt auch schon bewusst und manchmal ist es auch gewollt so verschrieben. Allerdings sollte dem Arzt bewusst sein (auch wenn es manche nervt), dass die Apotheke nicht grundlos und aus reiner Freude an der Sache telefoniert. Und dass wir was Medikamente angeht doch mehr als nur ein bisschen Ahnung haben. Das ist das, was wir studiert haben: Medikamente, ihre Wirkung, ihre Anwendung, ihre Nebenwirkungen, ihre Wechselwirkungen. Wenn wir anrufen um etwas abzuklären, das uns aufgefallen ist, dann erwarte ich eigentlich, dass das auch ernst genommen wird. Und ich freue mich (auch wenn es wie in meinem Fall eigentlich doch nicht nötig war, anzurufen) wenn das gut ankommt.