Der Arzt hat etwas anderes aufgeschrieben!

Die Kundin bringt die Packung Antibiotika zurück, die sie am vorigen Tag auf Rezept bekommen hat.
Sie reklamiert: „Das ist nicht das, was der Arzt aufgeschrieben hat!“

Das ist richtig und nicht richtig. Was sie bekommen hat ist das Antibiotikum Aziclav. Vom Arzt aufgeschrieben wurde Augmentin. Augmentin ist das Originalmedikament, Aziclav das Generikum. Wir haben nur noch das Generikum an Lager, weil es einiges günstiger ist und wirklich das gleiche. Wir fragen im Normalfall trotzdem beim Patienten nach, ob das Ersetzen ok ist – und für die Kundin war es das. Gestern.

Jedenfalls will sie jetzt unbedingt „Das was der Arzt aufgeschrieben hat – er hat gesagt, sie dürfen das nicht einfach austauschen! Ich vertrage Generika nicht.“
Die Diskussion ist fruchtlos – wir bestellen also ihr Augmentin …und wir rufen dem Arzt an.
Denn: Wenn er wirklich will, dass wir auf gar keinen Fall ein Medikament durch sein Generikum ersetzen, muss er das auf dem Rezept vermerken. Mit „sic“, oder, wenn es einen medizinischen Grund hat – und die Kasse das gleich übernehmen soll wie das Generikum mit aus medizinischen Gründen nicht substituieren.“

Ich darf zitieren aus dem Substitutionsrecht nach Art. 52a KVG

„Apotheker oder Apothekerinnen können Originalpräparate der Spezialitätenliste durch die billigeren Generika dieser Liste ersetzen, wenn nicht der Arzt oder die Ärztin beziehungsweise der Chiropraktor oder die Chiropraktorin ausdrücklich die Abgabe des Originalpräparates verlangt. Im Falle einer Substitution informieren sie die verschreibende Person über das abgegebene Präparat.“

Der Arzt nimmt das eher grummelnd zur Kenntnis.

Speziell lustig: Das Aziclav ist ein CoMarketing Präparat von Augmentin. Also: es ist derselbe Wirkstoff, sind dieselben Tabletten, in derselben Firma hergestellt, aber unterschiedlich verpackt. Und ja: in dem Fall verrechne ich die angebrauchte Packung Aziclav der Kundin.

Original, Comarketingmedikament, generisches Original und Generikum

Der Wirkstoff Pantoprazol ist ein Protonenpumpenhemmer der also die Magensäureproduktion hemmt. Man verwendet es demnach gegen Magenbrennen, saurem aufstossen sowie bei Magen- und Darmgeschwüren. Auf dem Markt in der Schweiz ist der Wirkstoff seit 1997 – und zwar vertrieben durch die Firma Nycomed. Die stellte sowohl Pantozol (s. Bild oben links) als auch Zurcal her – das Co-Marketingpräparat. Preislich waren beide identisch.

Diesen Sommer 2010 läuft das Patent für den Wirkstoff Pantoprazol aus und es werden diverse Generika erwartet. Aber schon jetzt ist es so, dass man das Pantozol günstiger haben kann, denn Nycomed (eben die Original-Herstellerfirma) vertreibt jetzt schon ihre eigene Arzneimittelkopie. Der Fachausdruck dafür ist „Generisches Original“. Es ist vollständig identisch mit dem Originalpräparat und unterscheidet sich nur (leicht) im Namen und Verpackung: Pantoprazol Nycomed (s. Bild oben rechts). Es ist einiges günstiger im Preis – ich bin dabei die Pantozol auszuverkaufen und nur noch die Pantoprazol an Lager zu haben.

Daneben gibt es aber (auch von der Firma Nycomed) jetzt frisch noch das freiverkäufliche und ohne Rezept erhältliche Pantoprazol Control (im Bild unten).

Also stellt die Firma Nycomed im Moment aus einem Wirkstoff 4 Medikamente her: Pantozol, Zurcal, Pantoprazol Nycomed und Pantozol Control. – Ich glaube die wollen den Markt überschwemmen.

Und im Sommer wird’s noch lustiger, wenn dann die ganzen „echten“ Generika kommen.

Ersatzpräparat

Es ist Samstag Mittag – die meisten Apotheken in der Umgebung haben bereits zu. Ein Kunde (mittelalter Mann) drückt mir ein Rezept mit angeheftetem Kassabon in die Hand.

Auf dem Rezept sind 3 Medikamente. 2 davon wurden laut Kassabon in einer anderen Apotheke bezogen. Ich entziffere das dritte als Voltaren Migräne. Voltaren Migräne? Noch nie gehört.

Der Kunde: Haben Sie das? Jetzt bin ich schon in drei anderen Apotheken gewesen, die das nicht hatten.“

Ich sage: „Nein, das muss neu sein, das haben wir noch nicht hier.“

Ich sehe seinen enttäuschten Gesichtsausdruck.

Pharmama: „Aber ich kann mal nachschauen, was da drin ist und es eventuell ersetzen, wenn es dringend ist.“

Es ist. Er braucht das gegen seine Kopfschmerzen, die ihn jetzt schon ein paar Tage am Stück plagen.

Der Computer sagt mir, dass da Diclofenac-Na 50mg drin ist. Wenn ich nach Generika suche, gibt es mir Voltaren rapid an – sogar als die gleiche galenische Form. Auf Deutsch: auch bei Voltaren Migräne handelt es sich wieder nur um ein Co-Marketing Medikament.

Dafür machen sie sicher Werbung bei den Ärzten (denn es ist auch rezeptpflichtig). Statt 10 oder 20 Tabletten wie in  Voltaren rapid, gibt es dafür nur 6 oder 12 Tabletten – und sie sind NLP, werden also nur zum Teil von der Zusatzversicherung bezahlt – Im Gegensatz zum rapid, das von der Grundversicherung übernommen wird.

Da das für den Kunden, der bei der Assura versichert ist, egal ist (er zahlt sowieso erstmal selber und er braucht es jetzt), stimmt er zu, dass ich ihm statt dem Voltaren Migräne das identische Voltaren rapid 10 Stück gebe.

Ich gebe ihm noch ein paar Tips, was er sonst noch machen kann gegen seine Migräne und er geht zufrieden aus dem Geschäft.

Ich bin auch zufrieden: Da habe ich wirklich mal wieder das Gefühl etwas gut gemacht zu haben. Für so etwas arbeite ich!

CoMarketing Produkte: Was und Wieso

«Co-Marketing-Arzneimittel»: Ein Unternehmen registriert dasselbe Produkt unter zwei oder mehr verschiedenen Namen, die dann auch unter diesen unterschiedlichen Namen vermarktet werden.

Wieso macht man das?

In der Schweiz ist es so: für Arzneimittel, die von der Krankenkasse übernommen werden (auf der Spezialitätenliste stehen), darf man keine Werbung machen.

Da aber nicht alle von denen rezeptpflichtig sind, und die Pharmafirmen ja ihre Produkte auch dem breiten Publikum (Dir und mir) zugänglich machen wollen, haben sie einen Trick entwickelt, um das zu umgehen.

Man stellt also ein Medikament her, das auf der SL Liste steht und von den Ärzten verschrieben wird und dann nimmt man dasselbe Medikament, gibt ihm einen leicht anderen Namen, eine andere Verpackung und macht Werbung dafür.

Inzwischen haben wir einige von der Sorte, zum Beispiel:

Padma 28 – Padmed Circosan

Hyperiforce – Hyperimed

Echinaforce – Echinamed

Aesculaforce – Aesculamed

Lamisil Pedisan – Lamisil

Voltaren Dolo – Voltaren

Bioflorina – Bioflorin

Hyperval – Remotiv

Premens – Prefemin

Rebalance – Redormin

Zeller Entspannungsdragees – Relaxane

Valverde Schlafdragees – Zeller Schlafdragees

=genau dasselbe!=

Man kann nicht sagen, dass es sich dabei um Generika handelt, denn die Produkte sind ja identisch, werden von derselben Firma hergestellt und auch vom Preis her unterscheiden sie sich meist kaum bis gar nicht.

Und dann gibt es noch einige, die zwar von einer Firma hergestellt werden, aber von verschiedenen anderen Firmen vermarktet werden. In dem Fall können auch beide Präparate auf der SL Liste sein und es wird für beide nicht Werbung gemacht. Hier besteht oft ein Preisunterschied und eines der beiden gilt als Generikum – bei denen soll mir keiner mehr kommen und sagen, es wirke nicht gleich wie das Original!

Beispiele:

Augmentin – Aziclav Spirig

Durogesic Matrix – Fentanyl Sandoz

Tramal – Tramadol Mepha


Inzwischen gibt es Listen, wo man das nachschauen kann – und die intelligenteren Computersysteme in der Apotheke zeigen das auch an: https://www.swissmedic.ch/arzneimittel/00156/00221/00222/00239/index.html?lang=de