Scary legs :-)
Die Märchenapotheke (7)
Apotheken aus aller Welt, 421: Lillooet und Tofino, Kanada
Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936 (5)
Aus dem Buch Rezeptierkunde – Leitfaden zum Verschreiben und Anfertigen von Rezepten von Prof. Dr. Med T. Gordonoff
Wir sind immer noch bei der Anwendung / Dosierung. Da muss man natürlich speziell aufpassen, damit keine Fehler passieren! … und dann gab es auch da schon ein paar Tricks …
Der Arzt, besonders der angehende, muss das Rezept vor der Abgabe nochmals durchsehen und vor allem die Zahlen nachkontrollieren. Besondere Beachtung soll der Signatur geschenkt werden. Der Patient hat genaue Angaben zu bekommen, ob er das Mittel auf einmal oder verteilt auf den Tag, vor dem Essen oder nach dem Essen einnehmen soll. Grosses Gewicht legt der Patient auch auf die Frage, ob man das Pulver mit oder ohne Wasser herunterschluckt
Nun … ich bin mir nicht ganz sicher, aber – sieht nicht so aus, als ob die Arzneiform „Kapsel“ hier schon erfunden wurde. Jedenfalls nicht die Gelatinekapsel – Stärkekapseln vielleicht schon … unpraktisch, wie wir das heute ansehen, aber sicher besser als Pulver trocken zu schlucken. Bäh!“
Es folgt ein Beispiel, wie das schiefgehen kann:
Ein Arzt verschrieb einem Kinde:
Rp.
Chlorali hydrati 4.0
Tinctura Opii siml. 15.0
Aqua dest. 60.0
MDS
Er unterliess es dazu zu schreiben: S. gtts. XV und vergass auch, das Alter des Patienten anzugeben. Das Kind erhielt die gesamte Menge auf einmal und starb unmittelbar darauf (Grönberg).
Oh weh. Auch für den abgebenden Apotheker. Aber aus heutiger Sicht: Opiumtinktur und Chloralhydrat – für ein Kind?!?
An dieser Stelle wollen wir ganz kurz auch auf die Synonyma eingehen. Der Arzt muss nämlich sehr oft für ein bekanntes Arzneimittel eine andere Bezeichnung wählen. Zuweilen handelt es sich um ängstliche Patienten, die nicht wissen sollten, was sie erhalten. So z.B. kann Kalium arsenicosum solutum Angst einjagen, während die Solution Fowleri ohne weiteres genommen wird.
Das muss man einmal auf sich einwirken lassen …
Wikipedia sagt dazu: Die Fowlersche Lösung (Liquor Kalii arsenicosi) war ein vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bekanntes Medikament, das lange als medizinisches Wundermittel galt und als Fiebersenker, Heilwasser und sogar als Aphrodisiakum Anwendung fand.
Hauptbestandteil der Fowlerschen Lösung war die hochgiftige Arsenverbindung Kaliumarsenit die zur Geschmacksverbesserung mit Lavendelwasser vermischt wurde.
Benannt wurde das Medikament nach dem Briten Thomas Fowler, der – als Anhänger der Iatrochemie – Arsen in alkalischer Lösung als Fiebermittel empfahl.
In Deutschland war das Mittel zur Behandlung der Schuppenflechte bis in die 1960er Jahre im Einsatz. –
Okay. Da hätte auch ich etwas Angst das zu nehmen :-)
Allerdings … irgendwo ist es doch noch heute so. Der Arzt verschriebt etwas und – der Patient weiss häufig nicht wirklich, was er da bekommt. Gut, so giftiges wie das oben eher nicht, aber …
Oder der Patient behauptet nach Veronal nicht mehr zu schlafen; auf Acidum diaerhylbarbituricum wird er aber gut einschlafen, in der Überzeugung, dass der Arzt ihm ein anderes Arzneimittel verschrieben hatte. Das ist mit eine Möglichkeit, um zuweilen die besonders nach öfterer Verwendung hypnotischer Arzneien eintretende Empfindlichkeitsabnahme hintanzuhalten
Umm. Ja. Irgendwie sehe ich das zwar ein bisschen als „Patient angelogen / verarscht" an, aber – es hat was. Schlafmittel sind auch heute noch ein Problem wegen der Abhängigkeitsentwicklung und der Entwicklung einer Toleranz: dass dieselbe Dosis irgendwann nicht mehr dieselbe Wirkung hat – was dann häufig dazu führt, dass die Patienten die Dosis steigern. Der Arzt nützt hier also praktisch den Placeboeffekt aus – (oder sollte man dafür ein neues Wort erfinden?): derselbe Wirkstoff, anders „verpackt“ und die Wirkung ist (wieder) da.
Und jetzt kommt etwas, das heute noch Bedeutung hat:
Verschreibt der Arzt das Acidum diaethylbarbituricum, so darf der Apotheker dem Patienten das einheimische, viel billigere, in der Wirkung gleiche Präparat, nach der Ph.H.V auch als Barbital abgeben. Verschreibt er aber Veronal, so muss sich der Apotheker an das teurere Fabrikpräparat halten. Somit haben die Synonyma auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung.
Ta-Da … die vielleicht erste Erwähnung der Wirtschaftlichkeit von Generika?
Denn … auch wenn er damit wohl einfach die Grundsubstanz nennt, die dann abgefüllt / Pillen gemacht? wurde … der Apotheker durfte hier ersetzen!
Cool.
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (1) Einleitung
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (2) Zusammenarbeit mit Apotheken
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (3) – wie sieht das Rezept aus?
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (4) – Anwendung und lateinische Formulierung
Die Märchenapotheke (6)
Es ist nicht meine Versicherung, es ist Ihre!
Und es ist auch Ihre eigene Verantwortung, zu schauen, was für einen Vertrag Sie haben.
Das gerade passend zum Rerun von wegen Versicherungswechsel. Wobei es hier tatsächlich nicht um etwas geht, was sich verändert hätte…
Aber von Vorne:
Der Mann kommt mit einem Rezept für Stützstrümpfe in die Apotheke – es ist für seine Frau.
Ich schaue das Rezept an und erkläre ihm, dass wir die erst anmessen müssen, am besten am morgen.
Mann: "Kann ich Ihnen nicht die Masse des alten Strumpfes durchgeben?"
Pharmama: "Wie alt ist der?"
Mann: "Etwa ein halbes Jahr."
Pharmama: "Dann kann es sein, dass sich ihre Masse inzwischen verändert haben. Es wäre besser, wenn sie zum anmessen kommt."
Mann: "Sie kann nicht kommen, sie ist schwanger."
Ookay. Also: Ich persönlich bin der Meinung, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist – und wenn das das einzige „Problem“ ist, das sie hat, dann kann sie anmessen kommen. Aber was weiss ich schon. Es könnte ja eine Risikoschwangerschaft sein und sie darf nur im Bett liegen oder so …
Pharmama: "Es tut mir leid, aber ich kann im Moment niemanden schicken, der das messen geht. Entweder zeige ich Ihnen, wie und wo sie messen müssen und gebe ihnen alles dafür mit – oder Sie versucht vorbeizukommen – am besten am Morgen."
Er wählt die erste Variante und ich verbringe 15 Minuten im Beratungsraum ihm das zu erklären und ihn auszurüsten.
…
Mit den richtigen Massen kommt er am Morgen zurück.
Mann: "Ich will aber genau wissen, wieviel das kostet!"
Ich schaue nach, welcher Strumpf das sein wird und welche Qualität er will und sage ihm: "Das Paar Strümpfe kostet 90 Franken."
Mann: "Übernimmt das die Krankenkasse?"
Pharmama: "Nun – Stützstrümpfe gehen über die MiGeL, die Mittel-gegenstände-Liste und werden von der Grundversicherung übernommen. Die Kassen haben für diese Preise festgemacht, die teils unter dem Verkaufspreis der Sachen liegen – so auch bei den Strümpfen. In dem Fall zahlen sie pro Jahr maximal 2 Paar Strümpfe. Zu einem Preis -bei dieser Länge- von 72 Franken. Die Differenz müssen Sie bezahlen."
Mann: "Das sind?"
Pharmama: "In dem Fall 18 Franken."
Mann: "Okay – bestellen sie die."
Ich mache das.
…
Einen Tag später – die Strümpfe sind noch unterwegs – kommt der Mann wutentbrannt in die Apotheke gelaufen – eine Rechnung der Krankenkasse schwingend.
Mann: "Wieso bekomme ich für die Strümpfe eine Rechnung von Ihnen?! Sie haben doch gesagt, die werden bezahlt!"
Pharmama: "Umm, das kann noch gar nicht von uns sein, zeigen Sie mal."
Die Rechnung war von der Krankenkasse. 72 Franken für Stützstrümpfe.
Nach etwas diskutieren kommt heraus, dass die Frau schon ein Paar Strümpfe in einer anderen Apotheke erworben hat. Der Patient hat dort – wie bei uns – die Differenz zum MiGeL Betrag gleich bezahlt. Das Rezept sonst wurde der Krankenkasse zur Abrechnung eingeschickt. Die haben das der Apotheke erstattet …. aber die Krankenkasse verlangt nun das Geld vom Patienten zurück – was passiert, wenn man die Franchise noch nicht erreicht hat.
Man versucht das zu erklären und kommt bis … Franchise. (Französisch ausgesprochen)
Mann: "Franchise? Was ist das?"
Pharmama: "Das ist der Teil der Gesundheitskosten, die Sie erst mal selber zahlen. Die Kasse zahlt erst nach Erreichen dieses Betrages. Die Höhe des Betrages kann unterschiedlich sein."
Grundsätzlich: je höher die Franchise, desto niedriger die monatlich zu bezahlenden Prämien.
Mann: "Weshalb hat man mir das nicht gesagt?"
Pharmama: "Ah – weil wir nicht wissen können was für einen Vertrag Sie mit der Kasse haben – geschweige denn wie hoch die Franchise ist oder ob Sie sie schon erreicht haben oder nicht."
Aber offensichtlich ist das jetzt auch meine Aufgabe :-(
Das Endergebnis war, dass der Patient, weil seine Frau wohl auch mit den neuen Strümpfen nicht den Betrag der Franchise erreichen wird … sie abbestellt hat.
Leute: Bitte kümmert Euch selbst darum, was die Bedingungen der Krankenkasse sind, damit / was bezahlt wird.
Ich kann in der Apotheke Auskunft geben, was ein Medikament oder Mittel kostet, wieviel schon bezogen wurde, wie die Limitationen auf den Medikamenten sind, ob etwas von der Grundversicherung übernommen wird, ob die Zusatzversicherung etwas daran zahlt (hier aber nicht: wieviel).
Ich kann nicht wissen, wo sie versichert sind, wenn Sie mir die Krankenkassenkarte nicht geben – dann müssen sie es eben selber zahlen und die Rechnung einschicken. Ich kann nicht wissen, was Sie für eine Franchise haben oder ob Sie sie schon erreicht haben … da spielen noch andere Sachen, wie Arzt- und Spitalrechnungen mit. Da ein bisschen die Übersicht zu behalten ist Ihre Aufgabe.




