Besserwisser

Telefon.

ältere Frau: „Bitte legen sie mir doch die Medikamente von meinem Rezept auf die Seite. Ich komme sie später holen.“

Pharmama: „Gern, welche denn?“

Frau: Ich hätte gerne die Triatec 2.5 Zentimeter (cm) und die Torem 10 Zentimeter.“

Pharmama: „Sie meinen die 2.5 Milligramm (mg) und  10 mg.“

Frau: „Nein, nein! Das heisst Zentimeter!“

Ich beschliesse, dass das so ein Fall ist, wo es nichts nutzt den Leuten erklären zu wollen, wie es richtig ist. In manchen Fällen ist es für den eigenen Seelenfrieden dann besser, man hält den Mund und macht einfach weiter.

Die Frau fährt fort im Telefongespräch:  „Ausserdem stimmt etwas nicht mit meiner Gallenblase. Ich muss viel zu häufig auf die Toilette!“

Pharmama: „Sie meinen mit ihrer Blase stimmt etwas nicht?“

Frau: „Nein! Mit meiner Gallenblase! Ich muss viel zu häufig Wasser lassen!“

… (siehe oben)

Pharmama: „Haben Sie darüber schon mit ihrem Arzt gesprochen?“

Frau: „Ja, aber der hat keine Ahnung! Der fragt mich doch tatsächlich über meinen Magen und meine Verdauung aus, dabei habe ich doch Probleme mit der Gallenblase!“

Falls jemand das nicht kennt (- jetzt mach ich den Besserwisser):

cm = Zentimeter ist eine Masseinheit, das hundertste Teil von einem Meter. Eine Längenangabe

mg = Milligramm, der tausendste Teil eines Gramms. Eine Gewichtsangabe.

Gallenblase: Teil des Verdauungssystems. Sammelt und gibt die von der Leber produzierte Galle ab, die wir zur Fettverdauung brauchen.

Blase: Teil des Ausscheidungssystems. Sammelt und gibt den Urin ab, der durch die Nieren produziert wurde.

Es ist *wirklich* nicht so schwer

Also … die meisten Verhütungspillen funktionieren so, dass man 21 Tage lang täglich 1 Pille nimmt, dann 7 Tage Pause macht und dann wieder die Pille nimmt …

7 Tage Pause = 1 ganze Woche.

Das heisst, wenn ich die Pille jeweils an einem Montag anfange zu nehmen, nehme ich sie bis an einem Sonntag; mache dann Pause (mitzählen): Montag (1), Dienstag (2), Mittwoch (3), Donnerstag (4), Freitag (5), Samstag (6) und Sonntag (7), -das heisst ich fange immer wieder am gleichen Wochentag – einem Montag an.

Ich denke das ist wirklich nicht so schwer zu begreifen, aber nachdem ich obiges Konzept der Kundin drei mal mit unterschiedlichen Formulierungen und noch einmal mit aufmalen demonstriert habe und das immer noch nicht bei ihr angekommen ist, fange ich an mir an zu zweifeln.

Drauf gekommen, dass sie es nicht richtig nimmt, bin ich übrigens, als sie auf meine Frage, ob sie mit der Einnahme zurechtkommt, ihre Agenda gezeigt hat, wo sie feinsäuberlich vermerkt hat, wann sie mit der Pille aufhört und wieder anfängt. Weil das immer an einem anderen Wochentag war, bin ich schnell drauf gekommen, dass sie die 1 Wöchige Einnahmepause nur während 6 Tagen macht. Gut, das ist von der Wirkung her nicht so tragisch (besser eine zu kurze Pause als eine zu lange), aber es macht es 1. komplizierter als nötig und 2. verliert sie dadurch 1 Tag pro Monat, also 12 Tage im Jahr und nach 2 Jahren macht das doch schon eine ganze Monatspackung Pillen aus.

Immer wieder erstaunlich, was rauskommt, wenn man nachfragt. Auch wenn jemand etwas schon länger hat, heisst das nicht, dass immer alles ok ist.

Von Reklamationen und Forderungen


Ich verstehe sehr gut, wenn die Leute gestresst sind. Wir sind so ziemlich alle gestresst in diesen Zeiten. Schubweise kommt es zu Phasen, an denen wir in der Apotheke wirklich am Limit arbeiten – vermehrtes Patientenaufkommen und gleichzeitig internen Ausfällen geschuldet. Wir versuchen unsere Motivation und Empathie zu erhalten … die Patienten kommen ja nicht zu uns, weil es so Spass macht. Aber in den letzten Monaten haben wir gefühlt immens mehr ungeduldige und vor allem fordernde Patienten und Kunden.

Als Leiterin der Apotheke habe ich allein in dem Monat folgende Reklamationen bekommen:

  1. Mir wurde die Beratung aufgedrängt!
  2. Ich musste ewig warten, bis jemand kam!
  3. Mein Medikament ist nicht an Lager, wenn ich das einmal im Monat abholen will!

Das hört sich übel an, wenn man das so liest, oder? Ganz schlechte Apotheke? Unpassende Mitarbeiter?
Gut, dass ich dazu etwas mehr Hintergrund kenne.

Fall 1 mit der aufgedrängten Beratung war eine Frau, die bei uns in der Apotheke Nelkenöl kaufen wollte. Meine Kollegin hat sie gefragt, für was sie das Öl braucht und was für Beschwerden bestehen. Nelkenöl gibt es als ätherisches Öl frei zu kaufen – ihr kennt diese kleinen Flaschen für die Aromatherapie von anderen ätherischen Ölen. Das „Problem“ beim Nelkenöl ist einfach, dass es praktisch nie zur Aromatherapie genutzt wird. Und die Anwendungen für die es als altes Hausmittel angepriesen wird (es wirkt lokal entzündungshemmend, etwas betäubend, oder auch verdauungsfördernd) wie Entzündungen in der Mundhöhle, Zahnschmerzen, Insektenstiche – macht es eigentlich zum Arzneimittel. Die kleinen Fläschchen für die Aromatherapie haben keine Arzneimittelzulassung … und sind qualitativ auch oft nicht so hochwertig, dass man da wirklich empfehlen könnte, das praktisch einzunehmen. Es kann ausserdem Nebenwirkungen haben: unverdünnt wirkt es Hautreizend und kann das Gewebe kaputt machen und es ist genverändernd, hat also Auswirkungen, wenn man schwanger ist (wehenauslösend wäre es ausserdem auch noch). Wir fragen also korrekterweise nach, für was es gebraucht wird, schauen, ob es dafür anwendbar ist (oder empfehlen Alternativen), ausserdem können wir Hinweise geben zur Anwendung. Meine Kollegin kam gar nicht so weit, weil die Kundin ihr gleich nach der ersten Frage ins Gesicht explodiert ist und rausgestürmt ist, nur um ein paar Minuten später anzurufen und „die Betriebsleitung“ verlangte.

Fall 2 mit der ewigen Wartezeit war eine Frau, die ein Rezept gebracht hat, bei dem wir bei dem neu verschriebenen Medikament eine Wechselwirkung festgestellt haben mit einem bereits genommenen Dauer-Medikament. Wir mussten den Arzt rasch anrufen, um eine mögliche Alternative bestätigen zu lassen. Sie hat sich prustend auf den Stuhl gesetzt, den wir für Patienten, die etwas warten müssen, bereit haben – und ist nach 6 Minuten aufgestanden und aus der Apotheke gelaufen, weil sie nicht mehr warten wollte. Sie ist dann später am Tag zurückgekommen und wollte mit „dem Chef“ sprechen.

Fall 3 – der Kunde mit dem Medikament, das bestellt werden musste. „Sein“ Medikament, das er wirklich ziemlich regelmässig einmal im Monat holen kommt ist ein rezeptpflichtiges Lifestyle-Medi (will sagen: nicht lebenswichtig), das aktuell gelegentlich Lieferprobleme hat. Wir haben das Medikament eigentlich sogar an Lager – nur für ihn, sonst brauchen wir das nicht. Aber das Mittel war jetzt in den letzten Monaten nicht lieferbar, weshalb wir einen Ersatz organisieren mussten. Einmal von einer anderen Apotheke, dieses Mal ein anderes Generikum (von denen haben auch manche Lieferschwierigkeiten). Jetzt will der Mann „weil es immer Probleme damit gibt“, „die verantwortlichen Person“ sprechen.

Reklamationen sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie bieten die Möglichkeit etwas zu lernen, Probleme zu erkennen und sich zu verbessern, den Kunden zu behalten oder neu zu gewinnen. Ich habe ja diverse Kurse gemacht, die zeigen, wie es geht. Ich höre also ruhig zu und biete kein „Aber“. Ich Entschuldige mich, erkläre den Sachverhalt und zeige Lösungsansätze.

Das ist das Ergebnis / was ich von den Patienten oben darauf zu hören bekommen habe:

  1. Wenn ich bei ihnen nicht einfach ausgehändigt bekomme, was ich will, dann kaufe ich es mir halt online!
  2. Wenn sie mir nicht garantieren können, dass ich nie mehr warten muss, wechsle ich die Apotheke!
  3. Wenn sie nicht dafür sorgen, dass mein Mittel gegen Haarausfall immer schon da ist, wenn ich es möchte, komme ich nie mehr!

Es war eine gewisse Überraschung spürbar, als ich diesen drei gesagt habe, dass die Forderungen nicht durchsetzbar sind und ich ihnen viel Glück wünschte damit in der nächsten Apotheke. Vielleicht nicht ganz „Vorlagenmässig“ meine Reaktion, aber ich habe sie auch erklärt:

  1. Wir sind eine Apoheke, als solche habe ich zumindest die Pflicht auch bei freiverkäuflichen Arzneimitteln eine Beratung anzubieten. Wenn sie das nicht wünschen, okay, aber andere sind darum ganz froh, wenn sie von professioneller Seite Tipps und Hilfe bekommen.
  2. Ich kann schauen, dass alle Kunden und Patienten möglichst rasch bedient werden. Das ist allerdings abhängig vom Kundenaufkommen und der Anzahl Mitarbeiter, die in dem Moment arbeiten. Wenn ich etwas von einem anderen Dienstleister im Gesundheitswesen nachfragen muss, dann bin ich abhängig von dessen Reaktion. Wir geben grundsätzlich unser Bestes. Ich kann einer einzelnen Person keinen VIP-Service garantieren.
    Weil diese Kundin sich schon ein paar Mal so aufgeführt hat (und noch diverses weiteres vorgefallen ist), habe ich das als Steilvorlage genommen, sie zu fragen, an welche Apotheke ich ihre Rezepte denn weiterleiten darf.
  3. Ich bin gerne weiter bereit, ihr eines Medikament an Lager zu halten. Was ich in ihrem Fall nicht tun werde (und sie verlangen) ist, da rund um die Uhr ein Auge darauf zu halten, ob es hier und lieferbar ist – und wenn nicht, zusätzlich ein Generikum an Lager zu nehmen. Aber sie könnten einfach einen halben Tag, bevor sie es wieder brauchen / holen wollen, rasch bei uns anrufen und wir schauen, ob es da ist, oder was für Ersatz wir bekommen können.

Interessanterweise habe ich alle drei Kunden wieder gesehen. Die erste hat gelernt, dass sie einfach sagen kann, wenn sie nicht mehr Info braucht. Die zweite kommt (leider) immer noch, aber nicht mehr mit Rezepten – dafür habe ich Mitarbeiter der anderen Apotheke gehört, dass sie auch am liebsten als Patientin „spicken“ würden. Und beim dritten haben wir inzwischen ein Generikum, das besser lieferbar ist an Lager und auch er kommt weiterhin.