Beruf verfehlt – oder: wenn einem andere den eigenen Beruf erklären wollen

Der grauhaarige Mann walzt in die Apotheke, als sei er auf dem Weg in einen mittelgrossen Konflikt.
Ich schaue gerade die Aufzeichnung des Vorfalls an. Interessant, wie die Körpersprache hier schon kommendes ankündet …. dabei sieht er doch so distinguiert aus. Aus dem was ich von meinen Mitarbeitern gehört habe, weiss ich was gesprochen wurde – zumindest auszugsweise.

Er drückt der Kollegin die Packung Condrosulf in die Hand – „Die will ich wieder.“
Sie schaut auf die Packung, sieht eine Etikette mit Namen und sucht im Computer. Er ist nicht drin, kein Patient von uns. Die Packung hat er von der Hausarztpraxis bekommen. Selbstdispensation.
Condrosulf ist ein Mittel gegen Knorpelabbau mit Chondroitinsulfat. Rezeptpflichtig und wird von der Grundversicherung übernommen.
„Für die Abgabe brauchen wir ein Rezept“ sagt die Kollegin ihm. 
„Ich brauche das aber wieder.“ sagt er.
„Moment, ich ziehe grad die Apothekerin bei.“

Sie kommt und er legt los. Viel Finger-zeigen, ruckartiges Kopfschütteln, lautes reden (wenn man den Bewegungen des Mundschutzes glauben kann). Auszugsweise:
„In der Packungsbeilage steht drin, dass man das mindestens 6 Monate nehmen muss. Der Arzt hat mir nur eine Packung mitgegeben, das reicht nirgends hin! … Ich will nicht wieder zum Arzt. Das ist reine Geldmacherrei! … Sie müssen mir das auch so geben. Wenn da drin steht, dass man es so lange nehmen muss, dann sind sie verpflichtet mir das zu geben!

Die Apothekerin versucht ihm zu erklären, wie es wirklich ist, wird aber schon nach wenigen Worten unterbrochen.
„Ich bin Advokat!“ Er schmeisst seine Visitenkarte auf den Tisch, die Apothekerin schaut sie an und legt sie wieder zurück. „Ich kenne das Gesetz und Sie sind verpflichtet mir das abzugeben!“

Nein. Das Gesetz sagt, die Apotheke braucht ein Rezept vor der Abgabe. Man könnte vielleicht noch darüber reden, dass wir ihm Rahmen unserer Verantwortung eine Ausnahme machen (auch wenn das kein lebensnotwendiges Mittel ist / das Risiko da bei der Einnahme etwas falsch zu machen, ist relativ gering) – in dem Fall könnten wir es ihm verkaufen, denn die Krankenkasse übernimmt das ohne Rezept nicht. Verpflichtet sind wir als Apotheker nicht, weder durch das Gesetz noch durch die Berufsethik. Aber da er da gar nicht hinhört und mit seinem Verhalten wirklich aneckt, fällt da auch die Bereitschaft meiner Apothekerin eine Ausnahme zu machen gegen Null. Die Ausnahme wäre nämlich zumindest theoretisch rechtlich anfechtbar.

Jetzt fängt er wirklich an zu „toben“. Die Maske rutscht ihm dabei wiederholt über die Nase, er zieht sie wieder hoch. Er ecchaufiert sich über Merkel (? wir sind hier in der Schweiz?) und die Gesundheitspolitik. Darüber, dass die Ärzte und wir nur am Geldverdienen interessiert sind, Dass meine Kollegin ganz offensichtlich den Beruf verfehlt hat, dass sie besser Lehrerin geworden wäre (?). Und natürlich, dass das hier Folgen haben würde – er würde sich persönlich beim BAG beschweren gehen. Über uns. Über die Apotheken allgemein. Und die Ärzte natürlich. Alles Geldmacherrei! (Das BAG hat glaub auch grad besseres zu tun)

Ich bewundere meine Apothekerin, wie sie bei dem ganzen nur ruhig stehen bleibt. Die Hände vor sich auf die Theke legt. Zuhört. Den Kopf schüttelt. Noch einmal ruhig erklärt. 
Erstaunlicherweise ist grad nur eine andere Kundin im Laden (die etwas irritierte Blicke wirft). Ansonsten hat er nur die anderen Mitarbeiter als Publikum im Hintergrund.

Die Abschiedsworte von ihm sind sicher nicht nett, aber nun steckt er seine Packung (inzwischen flach gedrückt vor Wut) ein und stapft aus der Apotheke. In die nächste?

Es fällt leiser Applaus aus dem Hintergrund.

Schwanken zwischen den Lagern

Ich bin Coronamüde. Ich geb’s zu. Ich schwanke täglich zwischen den Extremen – auf der einen Seite bekommt man im täglichen Leben aktuell hier nicht mehr so viel mit von der Covid-Situation. Die Erkrankten verschwinden still in den Spitälern (die gelegentlichen Sanitätsautos die man jetzt irgendwie häufiger sieht, ignoriert man gekonnt). In unserer Kundschaft hören wir weniger von Verstorbenen. Die Läden haben mehrheitlich wieder offen. Nächste Woche machen die Restaurantterassen wieder auf. Man könnte meinen, wir seien auf dem Weg aus der Covid-krise. Endlich.

Auf der anderern Seite sehe ich in meiner Twitter- und Facebook Bubble immer mehr Klagen von Ärzten, Sanitätern und Pflegepersonal, die kämpfen: mit bis über die Kapazität gefüllten Intensivstationen und Suche nach noch offenen Plätzen und Verschiebungen zwischen den Spitälern. Mit Überarbeitung und der ganzen psychologischen Belastung, die das mit sich bringt.

Twitter ist sehr schnell im informieren. Leider sind die Sachen auch so schnell wieder „weg“. Ich finde den Tweet nicht mehr von dem Sanitäter, der in 19 (!) Spitälern anfragen musste, bis er einen Platz für seinen Patienten fand. Hier und weg. Manchmal verschwinden solche Tweets auch, wegen dem enormen Gegenwind, den sie bekommen. Da gibt es so Reaktionen auf derartige Hilfeschrei-Tweets:

Ich höre und lese davon, dass die Leute, die jetzt auf die ITS kommen oder beatmet werden müssen nicht mehr die Grosseltern-Generation ist, nicht mal mehr die Eltern-Generation … das sind vermehrt Leute in meiner Altersklasse (Tendenz noch niedriger). Mütter und Väter von kleinen Kindern. Und die sterben genau so, wie die alten in der zweiten Welle. Das liegt nicht nur an der (in der höheren Altersklasse erfolgreichen) Impfung. Das liegt auch an den ansteckenderen (und gefährlicheren?) neuen Virusmutationen, die im Umlauf sind.

Auch der Tweet irgendwo von einer, die eben ihren 23 jährigen Cousin verloren hat. Er war zu Hause wegen Covid, offenbar gab es eine abrupte Verschlechterung seines Zustandes – er starb alleine. Die Sauerstoffsättigung kann ziemlich schnell schlecht werden … und hat akute Auswirkungen nicht nur auf den Allgemeinzustand, sondern auch auf die Entscheidungsfähigkeit. „Happy Hypoxie“ ist ein Begriff, der umgeht – man merkt den Sauerstoffmangel nicht / zu spät.

An was liegt das, dass es jetzt vermehrt jüngere trifft? Daran, dass das Ansteckungsgeschehen jetzt „unter uns“ stattfindet. Kinder können angesteckt werden und stecken dann die Eltern an …. Schulen und Kitas sind nicht mehr nur potentielle Infektionsherde. Ich lese von besorgten Eltern, die ihre Kinder nicht mehr da hin schicken wollen, deshalb – und davon, wie in manchen Schulen damit umgegangen wird. Bei uns finde ich das noch einigermassen vernünftig: einmal pro Woche wird klassenweise getestet (im Pool) – ist der Test positiv, wird benachrichtigt, in Quarantäne gesetzt und die Kinder einzeln getestet. An anderen Orten gibt es keine Tests, wird bei positivem Befund … gar nichts gemacht? Überall ist es unterschiedlich, die Behörden kommen aber (selbst wenn) kaum mit dem Benachrichtigen der Kontaktpersonen nach. Die Covid-App … funktioniert die eigentlich noch?

So das haben wir: auf der einen Seite das Erleben der Mitarbeiter im Gesundheitsdienst, die an den Spitaleingängen sehen, wie das Infektionsgeschehen ist. In derselben Richtung die besorgten Eltern, die mitbekommen, wie die Schulen geöffnet werden, die Inzidenz steigt, klassenweise Ansteckungen stattfinden – und nicht wirklich etwas dagegen unternommen wird, die Ansteckungsketten zu unterbrechen / die Eltern zu schützen (auch wenn positive Kinder zum Glück selber immer noch wenig Symptome haben, Folgeschäden sind auch hier ein Thema). Und auf der anderen Seite diejenigen, die halt im Alltag kaum etwas davon mitbekommen, ausser den Einschränkungen, denen sie unterliegen. Das scheint auch die Politik zu sein …oder wie erklärt man sich, dass in der Situation nicht adäquat reagiert wird? Oder zumindest richtig informiert? Statt dessen wird geöffnet und erleichtert.

Ich bin Coronamüde. Ich wäre sehr dafür, dass das bald vorbei ist. Aber: die Situation ist nicht gut im Moment. Die Krankheit ist (immer noch) da, und (immer noch) gefährlich. Ich will nicht angesteckt werden. Ich möchte eine Impfung, dass ich auch geschützt bin (ich würde auch Astra Zeneca nehmen). Ich möchte auch nicht, dass sich andere anstecken, krank werden und eventuell im Spital landen. Ich möchte nicht in einer Zeit leben, in der man eigentlich keinen Unfall haben darf oder sonst krank werden, weil kein Platz und keine Leute, keine Kapazitäten mehr frei sind, die sich im Fall um einen kümmern können. Weil das Gesundheitssystem überlastet – und keiner redet darüber (ausserhalb der Bubble) in der Öffentlichkeit, weil „Panikmache“ und Fake News und was einem sonst noch alles vorgeworfen wird.

Also (auch wenn das ausserhalb „meiner“ Bubble kaum jemand lesen wird und ich denke, die sind schon vernünftig und informiert) – Auch wenn jetzt geöffnet wird. Das passiert gegen jegliche Vernunft und Evidenz. Das bedeutet nicht, Covid ist weg. Nicht mal, dass es jetzt besser ist mit den Ansteckungen und den Spitaleinweisungen. Bitte bleibt vorsichtig!

Gratis Selbsttests aus der Apotheke – so geht’s

Etwas der Klickbait-Titel, aber da es seit Wochen in der Presse ist, dass die Selbsttest-Abgabe kommt – und wir jetzt auch endlich in der Schweiz zugelassene Selbsttests gegen Covid haben, ist das hier meine Q&A dazu:

Wo gibt es die Selbsttests in der Schweiz? Nur in der Apotheke. Damit das für die Bevölkerung gratis ist, wird das den Krankenkassen verrechnet, deshalb geht das nur so.

Was ist es für ein Test? Er nennt sich Roche Sars-CoV-2 Rapid Antigen Test Nasal und wird als Nasenabstrich (nicht so tief wie die PCR und Schnelltests) durchgeführt. Der Test wurde erst am 30. März von den Behörden offiziell zugelassen, ist aber in anderen Ländern schon in Gebrauch.

Was brauche ich für den Bezug? Die Krankenkassenkarte! Auch wenn Du bei einer Kasse bist, bei der Du sonst selber zahlen musst (Assura, Supra, Compact und Co.), musst Du sie für den Bezug dabei haben.

Kann jeder diese Tests beziehen? Ja – jeder mit Krankenkassenkarte. Wenn Eltern für die Kinder die Karte mitbringen, können sie für das Kind beziehen. Momentan gibt es seitens BAG keine offizielle Empfehlung für die Anwendung von Selbsttests bei Kinder. Bei Kindern > 6 Jahren mit Symptomen wird ein PCR-Test empfohlen (in Testzentren, beim Arzt etc.).

Wieviele Selbststests sind gratis? Pro Person und Monat (= 30 Kalendertage) sind 5 Selbststests gratis. Bitte merken: Die Apotheke kann nicht nachkontrollieren, ob innert einem Monat (woanders) schon bezogen wurde – Aber die Krankenkasse kann das! Die schickt für zu viel oder zu früh bezogene Tests dann die Rechnung an den Patienten.

Kann ich die Tests einzeln beziehen? Theoretisch schon, aber praktisch werden sie wohl grad in den 5er Einheiten zu beziehen sein. Die Tests müssen von der Apotheke vorher nämlich aus Grosspackungen ausgeeinzelt werden – und das bedeutet jedesmal in ein Plastikbeutel abfüllen: Teststreifen, Röhrchen mit Extraktionspuffer, Spenderkappen, sterile Wattestäbchen plus Packungsbeilage – und alles Dolumentieren. Vom Aufwand her, vom Material und vom Abrechnen nachher ist das vernünftiger das grad einmal für die 5 Tests zu machen als 5 x einzeln.

Kann ich mehr Tests bekommen, wenn ich selber bezahle? Nein.

Kann ich Tests vor- oder nachbeziehen? Nein. 5 Tests pro Monat, wenn man sie einmal nicht gebraucht oder geholt hat, kann man sie nicht nachbeziehen. Auch nicht früher beziehen und die Apotheke rechnet das dann im nächsten Bezugsmonat ab. Start der Abgabe ist der 7.4.2021 – nicht vorher!

Hilft die Apotheke mir bei der Durchführung der Tests? Nein. diese Dienstleistung können wir nicht anbieten. Es wird wegen der Testabgabe ein enormer Mehraufwand erwartet und das liegt einfach nicht drin. Der Test ist aber sehr einfach, so dass man ihn sehr gut selbstständig durchführen kann. Nur ein Tipp von mir zur Durchführung: verwende eine Wäscheklammer als Halterung für das Röhrchen mit Extraktionspuffer.

Können mit den Tests die bestehenden Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen gelockert werden? Nein. Der Selbsttest ist kein Ersatz für Hygiene-, Abstands-und Verhaltensregeln und bestehende Schutzkonzepte.

Wann ist ein Selbsttest sinnvoll? Bei Personen ohne Symptome und ohne Kontakt zu Covid-19-Fällen, die einen Test zu Hause vornehmen möchten. Zum Beispiel vor einem Besuch von der Familie oder Freunden.

Wann sollte kein Selbsttest gemacht werden? Bei Personen, die Krankheits-Symptome haben. Diese sollten einen PCR-Test oder Antigen-Schnelltest in einem Spital, einer Arztpraxis, einem Testcenter oder einer Apotheke durchführen. Ebenfalls kein Selbsttest vor einem Besuch von besonders gefährdeten Personen und Gesundheitseinrichtungen wie Altersheim oder Spital – der Selbsttest zählt da nicht.

Zählt der Selbsttest als Covid-Test vor einer Reise? Das lässt sich leider nicht verbindlich beantworten, aber meist werden PCR Tests verlangt. Bitte schau dir die Angaben für das Reiseland auf deren Botschaftsseite an oder die Übersicht auf der offiziellen BAG Seite.

Was mache ich bei einem positiven Resultat des Selbsttests? Nach Anweisung des BAG: Isolation. Ausserdem muss zur Bestätigung des Resultates ein PCR-Test durchgeführt werden. Der Test wird dann auch vom BAG bezahlt und kann in den Testzentren durchgeführt werden.

Was mache ich bei einem negativen Resultat des Selbststests? Das Testresultat ist nur am Testtag gültig. Hygiene-, Abstands- und Verhaltensregeln des BAG müssen weiterhin befolgt werden.

Das ist alles, was ich bis jetzt darüber weiss. Ich hoffe, es hilft.

Die Vor-Ort Apotheke ist für Sie da!

#hauslieferung #medikamente #telefonisch #apotheke

Nur eine Erinnerung zwischen den Jahren. Darf gerne geteilt werden, heruntergeladen und weiterverbreitet (auch nur auszugsweise). Die Online Apotheken hier (eigentlich nur eine, aber da steckt so viel Geld dahinter) nutzen die Covid-Situation ja sehr zu ihren Gunsten und machen Werbung mit ihren Medikamentenlieferungen. Dabei geht bei vielen Leuten vergessen: Hauslieferungen machen die Apotheken schon ewig. Jetzt um so mehr. Sichere Übergabe und keine unterwegs verlorenen oder verspäteten Päckli inklusive … und man muss auch nicht auf die Post anstehen zum abholen.

Auf und Nieder, Immer wieder.

Die Woche war ein Auf und Nieder. Steigende Fallzahlen überall. Stammpatienten von uns, die es nicht überlebt haben. Die Meldung, dass die erste Covid-Impfung in der Schweiz zugelassen wurde. Mitzubekommen, dass die Schwiegermama im Notfall war (sie war innert Stunden wieder draussen – lange behalten die niemanden wegen nicht-akuten Sachen da). Die Meldung der neuen Coronavirus-Mutation – und dann die Reaktion die Flüge zu streichen von den UK und Südafrika.

Es ist nervenaufreibend, es ist zermürbend, für so ziemlich alle. Ich verstehe jeden, der versucht, sich selber zu schützen, zum Beispiel indem er keine Nachrichten schaut und versucht auf das Positive zu sehen. Auf das, was geht, auf das, was wir (trotzdem) haben. Ich verstehe aber diejenigen nicht ganz, die immer noch überall verbreiten, das sei nur Panikmache und so weitermachen, als gäbe es überhaupt kein Covid.

Photo by cottonbro on Pexels.com

Ich hatte diese Woche eine Diskussion mit dem Apotheker (Ja, DerApotheker). Er ist etwas auf einem Kreuzzug gegen die Leute, die ohne oder mit falsch angezogener Maske in die Apotheke kommen. Ich meinte dann, dass das bei uns nicht so ein Problem sei. Es besteht zwar Maskenpflicht in den Läden, aber kein Zwang das durchusetzen. Eigentlich weisen wir die Leute nur darauf hin, sie (richtig) anzuzuehen, oder wir bieten grad eine an. Ausser unseren eigenen Masken haben wir immer noch die Plexiglasscheiben vor der Kasse. Wenn jemand wirklich keine anziehen will, schauen wir, dass wir sie nur von hinter der Scheibe und/oder mit genügend Abstand bedienen und dass sie so rasch wie möglich wieder draussen sind – auch den anderen Patienten zuliebe. Aber wirklich viele oder gar problematische Fälle hatten wir nicht.

Nur einen Tag später dann das:

Kundin kommt ohne Maske in die Apotheke und stellt sich direkt (praktisch auf die Fersen) der Patientin vor ihr.

Donna (die Pharmaassistentin) die grad an der älteren Stamm-Patientin ist, sieht das und fragt sie: „Kann ich ihnen eine Maske geben?“

„Nein, ich darf keine anziehen!“

Donna fragt nicht nach, weshalb, aber sie bittet Sie: „Dann nehmen Sie bitte etwas mehr Abstand zu den anderen Kunden.“

Cue sehr säuerliche Miene der Kundin, aber sie steht „etwas“ weiter weg.

Als sie dran ist, fragt sie nur, ob wir ihr einen Verband wechseln können. Das machen bei uns die Apotheker, also kommt Donna mich fragen – und weist mich grad darauf hin, dass die Kundin keine Maske anhat und auch nicht vorhat eine anzuziehen.

Ich: „Uh. Nein. In den engen Beratungsraum gehe ich nur mit, wenn die Kundin eine Maske anzieht. Weil …“

Donna: „Hab ich mir schon gedacht. Ich erkläre es ihr.“

Hat sie dann. So: „Tut mir leid, aber wenn Sie keine Maske anziehen ist das momentan nicht möglich. Wissen Sie, WIR haben die Masken zu IHREM Schutz an. Und Sie ziehen sie an zu UNSEREM Schutz, vor allem bei so engem Kontakt wie einem Verbandwechsel.“

Das gab dann eine so säuerlichere Reaktion, aber man hat sich am Schluss geeinigt, dass sie den Beratungsraum nutzen kann, um sich selber den Verband zu wechseln – und wir haben ihn hinterher gut desinfiziert.

Ich lasse mich nicht auf unnötige Diskussionen ein. Ich brauche nicht darüber zu reden ob und welche Masken jetzt vielleicht schützen, oder ob die Massnahmen übertrieben sind oder gar ob Covid-19 nicht schlimmer als eine normale Grippe ist.

Im Moment lege ich alles daran mich, meine Mitarbeiter, meine Patienten und vor allem meine Familie zu schützen. Ich gehe keine Risiken ein (vor allem so vermeidbare). Ich will nämlich morgen einen zumindest kurzen Besuch zu Weihnachten bei meinen Eltern machen, die beide Hochrisikopatienten wären, wenn sie Covid bekommen würden.

Und ich appelliere hier an alle, das auch zu tun: Bitte seid vorsichtig! Tragt die Maske, wo nötig und wo sinnvoll. Wechselt die Maske regelmässig! Wascht euch wieder häufig die Hände und desinfiziert sie (ich weiss, dass das bei vielen wieder verlorengegangen ist)! Vermeidet Menschenaufläufe! Vermeidet es Euch privat mit zu vielen zu treffen – ihr wisst nicht, wer sich davon wirklich an die Vorsichts- und Hygienemassnahmen haltet. Seid speziell vorsichtig, wenn ihr die Grosseltern trefft – verzichtet im Moment noch auf die Umarmung oder aufs Händegeben, haltet Abstand, trefft Euch – aber vielleicht nicht so lange, an Orten wo gut gelüftet werden kann oder draussen.

Ich bin grad in pessimistischer Stimmung, was die Zeit nach Weihnachten / Neujahr angeht. Ich befürchte, dass zu viele sich nicht an die Vorsichtsmassnahmen halten werden und die Zahlen dann explodieren – zusammen mit den Spitaleinweisungen, denn wer verzichtet schon wirklich auf „Weihnachten mit Familie“? (und irgendwo verstehe ich wie wichtig das psychologisch ist). Zu viele Leute können ja offenbar auch jetzt nicht darauf verzichten, Skiferien im Ausland zu machen. Echt: 92 Flieger mit über 10’000 Personen aus England sind allein letztes Wochenende in der Schweiz gelandet. (*Das* verstehe ich dann weniger).

Die Impfung ist da! (Ein Weihnachtsgeschenk)

Gestern, Samstag die kleine Sensation – und ein Hoffnungsschimmer in dieser wirklich düsteren Zeit: Die Schweiz hat den Covid-Impfstoff zugelassen. Und zwar – im Gegensatz zu anderen Ländern – NICHT als Notfallzulassung, sondern nach dem geregelten üblichen Verfahren. Damit sind wir weltweit die ersten. Es ist ein Impfstoff (der von Pfizer/Biontech) von mehreren, die aktuell in der letzten Studien-Phase sind und es ging deshalb so schnell, weil es ein „rollendes“ Verfahren war: die Pharmafirma lieferte laufend alle verfügbaren Daten, die sie zum Impfstoff hatten. Da auch die letzte Phase mit über 40’000 Teilnehmern und auch erste Erfahrungen in anderen Ländern (mit inzwischen über 100’000 geimpften) saubere und gute Ergebnisse lieferte, wurde der Impfstoff durch die swissmedic und das BAG zugelassen.

Das wissen wir:

Es braucht 2 Impfungen im Abstand von (mindestens) 3 Wochen. 1 Woche nach der 2. Impfung besteht ein über 90% Impfschutz gegen das neue Coronavirus. (Das ist phantastisch gut – besser als man sich das hätte vorstellen können. Ausserdem nicht mal ein Jahr nach Beginn der Pandemie. Da wurde wahnsinnig geforscht weltweit und man konnte auf bereits bekannte Forschung und Erkenntnisse mit RNA-Impfstoffen aufbauen.)

Der Impfschutz besteht ausdrücklich auch für die älteren Personen und solche mit (kontrollierten) Vorerkrankungen.
(Die Studien hat man diesmal auch mit nicht-gesunden und älteren Personen gemacht!)

Die Nebenwirkungen entsprechen etwa denen von anderen Impfungen, hauptsächlich lokale Reaktionen am Einstichort (Schmerzen, Rötung), vielleicht 1-2 Tage generalisierte Beschwerden wie Krankheitsgefühl, Gliederschmerzen, Fieber etc, vor allem nach der 2. Impfung.
(Sie sagen, es kann etwas heftiger sein als bei zum Beispiel der Grippeimpfung, die sie mit einem „Mückenstich“ vergleichen. Etwa wie ein „Bienenstich“.)

Die Impfung ist nicht zugelassen für Schwangere und unter 16 Jährige, da hier die Datenlage zu dünn ist. Ausserdem gehören die jüngeren nicht zu den durch Covid gefährdeten Personen.

Jetzt geht es weiter. In den Kantonen sind sie schon seit ein paar Wochen dran die nötige Infrastruktur für die Impfungen aufzubauen. Die Logistik ist hier etwas komplizierter als bei anderen Impfstoffen, da der Covid-Impfstoff von Pfizer bei Temperaturen von -70°C transportiert und gelagert werden muss. Deshalb wird es vorläufig auch keine Impfung in der Apotheke geben, die meisten Kantone scheinen auf Impfzentren und mobile Impfgruppen zu setzen. Noch im Dezember beginnen die Kantone der Innenschweiz: Uri, Schwyz, Nidwalden, Obwalden, Luzern und Zug – und Freiburg. Der Rest folgt im Januar. Wir bekommen monatlich etwa 250’000 Impfungen – die wollen möglichst sinnvoll eingesetzt werden.

Wer wird geimpft? Die Impfung ist prioritär für folgende Zielgruppen vorgesehen:
1. Besonders gefährdete Personen (ohne schwangere Frauen)
2. Gesundheitspersonal mit Patientenkontakt / Betreuungspersonal von besonders gefährdeten Personen
3. Enge Kontakte (Haushaltsmitglieder) von besonders gefährdeten Personen
4. Personen in Gemeinschaftseinrichtungen mit erhöhtem Infektions- und Ausbruchsrisiko (mit altersdurchmischten Bewohnern).
Im weiteren Verlauf wird auch eine Impfung für alle anderen Erwachsene, die nicht unter 1.-4. fallen, möglich sein. – Das kann ein paar Monate dauern.

Ich weiss noch nicht, ob wir in der Apotheke zur 2. Gruppe gehören und dann geimpft werden, aber ich bin froh, dass meine Eltern voraussichtlich bald drankommen. Dann kann ich mich etwas sicherer fühlen, auch wenn ein paar Fragen betreffend der Impfung noch offen sind: kann das Virus durch geimpfte Personen noch übertragen werden? Wie lange hält der Impfschutz an? Die geltenden Hygienemassnahmen müssen auf jeden Fall noch eine ganze Weile weiter durchgeführt werden.

Für das Gesundheitssystem ist das aber sicher eine Entlastung – eine dringend benötigte ausserdem. Inzwischen sind die Spitäler voll, das Pflegepersonal am Anschlag (und darüber) – die Situation ist wirklich furchtbar, auch wenn das trotz gelegentlicher Meldungen in den Medien immer noch nicht zu den Leuten auf der Strasse durchgedrungen ist. Aktuell will ich nicht krank werden oder einen Unfall haben und im Spital landen müssen. Nach aussen „verhält“ das noch als Sicherheitsnetz, aber … nein. Eigentlich will ich nicht mal drüber schreiben. Wir sind vielleicht noch knapp nicht am „sterbende Leute in den Spital-Gängen liegen lassen“, aber soooo weit davon auch nicht mehr. Denkt mal darüber nach und (Bitte) passt euer tägliches Verhalten danach an. Grad jetzt in der Ferien- und Feier-Zeit. Übrigens: Man kann sich jetzt immer noch gegen die Grippe impfen lassen. Bitte tut das – das macht grad jetzt noch Sinn.

Aber konzentrieren wir uns auf die guten Dinge. Wir haben jetzt eine wirksame und sichere Impfung. Meine Familie ist gesund: immer noch alle, wofür ich wahnsinnig dankbar bin. Sogar meine Eltern haben dieses Jahr überstanden (und das sah aus verschiedenen Gründen zeitweise nicht gut aus). Wir haben mehr als genug zu essen, eine warme Wohnung (die aufgeräumter sein könnte), Kontakt mit den Liebsten – halt nicht mehr so häufig und vor allem meist nicht mehr als Treffen, sondern mit Telefon, Chat etc. Dafür bin ich dankbar.

In dem Sinne: Euch allen schöne Festtage und bleibt gesund!