Auf die Apotheke abwälzen (1)

Bei uns in der Schweiz ja total unbekannt (zum Glück!) in Deutschland aber gang und gäbe: Retaxationen. Das bedeutet, die Krankenkasse zahlt der Apotheke ein dem Patienten bereits abegegebenes (und verwendetes) Medikament nicht zurück – mit teils unglaublichen Begründungen wie kleinsten Formfehlern (der Arzt hat auf dem Rezept die Dosierung nicht ausgeschrieben, Kreuze nicht nochmal visiert, bei Gemeinschaftspraxen den verschreibenden Arzt nicht genau gekennzeichnet, die Nummer des Arztes nicht korrekt ist), oder wenn nicht genau das von der Kasse verlangte Rabattarzneimittel abgegeben wurde (auch dann wird auf Null retaxiert, also gar nichts zurück bezahlt, nicht nur die Differenz nicht).

Hier ein Aufruf an meine deutschen Apotheker – Leser (und -innen): Bitte schickt mir doch Eure Beispiele von Fällen wo die Kasse retaxiert hat, ich würde gerne einmal mehr über diese üble Praxis schreiben! : an Pharmama08(at)gmail.com

Jetzt haben die Kassen offenbar entdeckt, dass sie mit ähnlicher Methode auch bei den Patienten direkt Geld sparen können. Ein privat versicherter Patient (der die Medikamente erst zahlen muss und dann den Beleg einschicken um das Geld zurück zu erhalten) hat von seiner Krankenkasse den Brief bekommen, dass von seinem bezogenen Medikament nur X Euro übernommen werde – die restlichen 17 Euro Differenz zum bezahlten Betrag dürfe er aber in der Apotheke zurück fordern, da der Preis, den die Apotheke verlangt hat, widerrechtlich über dem von der Kasse festgelegten Verkaufspreis für das Produkt liege. Dass dieser Preis hier auf Basis des günstigsten Reimportes (!) festgelegt wurde und dass dieses zu dem Zeitpunkt nicht einmal lieferbar gewesen ist (!!), ist dabei nebensächlich.

Die Kasse lässt die Apotheken also so aussehen, als verlangen sie absichtlich zu viel für das Medikament.

Der erboste Patient erschien dann in der Apotheke, um das auszudiskutieren, verstand aber nach einer längeren Erklärung den Sachverhalt. Der wird jetzt auch mit der Krankenkasse abgeklärt, ob ihr Verhalten da rechtlich ist. (Quelle: Apotheke-adhoc)

 

Das mag jetzt für die deutschen Patienten überraschend sein, aber bei uns gibt es das schon länger, dass die Krankenkasse einen Preis für etwas festlegt, der Abgabepreis aber höher sein kann und der Patient dann die Differenz selber übernehmen muss. Das passiert bei uns häufiger bei Produkten der MiGeL (Mittel- und Gegenstände-Liste) wie Blutzuckerteststreifen, Nadeln, Verbandmaterial etc.

Je nachdem übernimmt das auch die Zusatzversicherung, aber wenn so etwas bei uns auftritt (das sehen wir beim Eingeben im Computer) kassieren wir das entweder grad ein oder informieren den Patienten, dass er eventuell eine Rechnung zu erwarten hat. Im Gegensatz zu Deutschland verlangt die Krankenkasse das dann aber nicht von der Apotheke zurück.

Das Verhalten der Krankenasse hier gegenüber Patienten und vor allem gegenüber der Apotheken finde ich frech – aber es geht noch besser.

Heute Mittag: wie man als selbstdispensierender Arzt Arbeit und Preisdiskussion auf die Apotheke abwälzt.

12 Antworten auf „Auf die Apotheke abwälzen (1)

  1. Wenn ich das so verfolge, bin ich froh, dass ich nicht mehr in der öffentlichen Apotheke arbeite… auch wenn ich eigentlich nicht froh bin, nicht mehr arbeiten zu können. * seufz * :-(

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  2. Kurz tauche ich aus der Versenkung auf… und bin auch gleich wieder weg. Nur so viel – so die Quelle noch nicht bekannt ist, einfach mal hier schauen und die einzelnen Links anklicken: http://www.deutschesapothekenportal.de/1565.html

    Zugegeben, ein Großteil der Beispiele betrachtet „theoretische Retaxationsmöglichkeiten“ der Kranken Kassen, und wie man sie als Apotheke möglichst vermeidet. Es sind aber auch genug Beispiele für durchgeführte Retaxationen dabei, sehr gut aufbereitet mit allen (deutschlandrelevanten) rechtlichen Hintergründen. Lesenswert, um unser absurdes System zu betrachten. (Ich wollte erst „zu verstehen“ schreiben, aber das schaffe ich ja selbst nicht. Wie soll ich von anderen erwarten, was mir selber nicht möglich ist?)

    Das Beispiel der AXA ist aber noch viel dramatischer. Nicht nur, dass die AXA – vermutlich wissentlich – beio der Begründung der Kürzung „Verstoß gegen AmPreisV“ rotzfrech gelogen hat. Die AXA als private Kranke Kasse bezieht sich als „Lösung“ auch noch auf die Sozialgesetzgebung der gesetzlichen Kranken Kassen. Dabei dürfte (und müsste) die AXA wissen, dass ein Austausch von Arzneimitteln bei Privat-Verordnungen in D schlicht verboten ist, ich darf eigentlich nicht mal das verordnete Original gegen einen Reimport erstetzten – der bei der GKV ja als „genau das selbe Arzneimittel“ und nicht etwa als Generikum gilt – ansonsten bin ich als Apotheker für die Therapie voll haftbar. (Das ich so etwas trotzdem ab und an mache zum „Wohle des Patienten“ ist schlimm genug.)

    Ich bin SO müde ob dieses Wahnwitzes der KKen und des täglich gelebten Apothekenbashings aller Seiten in Deutschland…

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    1. Nein! Bleib hier!
      Danke für den Link, gedankenknick und für die Erläuterungen. Ich find’s auch der Hammer, was bei Euch ab geht – und wenn ich auch nicht viel machen kann, so möchte ich das doch einem etwas breiterem „Publikum“ zeigen. Für die Apotheker.

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    2. Bleib hier, werter Gedankenknick! Wenn du zu lange abtauchst, streichen wir dir die Sauerstofftabletten… :)

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      1. Tja, dann wirds wohl nichts mit „Ente süß-sauerstoff“ zum Fest. Aber da die GKV-Spitzen-Fürst(inn)en schon meinen, als Apotheker lebe ich auch prima von Luft und Liebe – werde ich mich halt auch daran gewöhnen, dass es mit der Luft enger wird. ;-)
        .
        Werden die Herzallerliebste & das Kindelein halt für mehr Liebe herhalten müssen. Na hoffentlich bekomme ich da keinen Ärger anschließend wegen Kindesausbeutung… seufz

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  3. Hachja der liebe Retax und wie sie so viele Gründe finden, immer wieder was abzuziehen. Ich freu mich schon immer, wenn el Cheffe mir die Differenzaufstellung hinlegt und ich schonmal vorab forschen kann, wegen was ich mich mit der Krankenkasse streiten darf…

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    1. Die machen den bürokratischen Aufwand dermassen eine Hürde, ich glaube, die hoffen, dass man das irgendwann einfach aufgibt und sein lässt. (Nein: Weiterkämpfen, liebe Apotheker und PTAs!)

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      1. Ich geh weiterhin gegen jeden Retax an, wenn ich nicht erkenne, wo wir da einen schwerwiegenden Fehler gemacht haben. Die Ordner werden immer dicker, aber Papier ist ja bekanntlich geduldiger als El Cheffe ^^

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  4. Das mit dem Zuzahlen ist für mich (auch D) aber irgendwie normal. Vor allem bei Medis für meine Kinder, die ja eigentlich (!) zuzahlungsfrei sind, passiert mir das fast immer, dass unser Doc das „falsche“ aufgeschrieben hat und ich dann irgendeinen bescheuerten (weil äußerst krumm) Betrag drauflegen muss.

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    1. Das liegt dann aber an dem „Festbetrag“ auf diesem Arzneimittel. Die KrankeKasse denkt sich einen Maximalbetrag aus, den sie für eine ArzneimittelGRUPPE bereit ist zu bezahlen – hierbei werden gerne Äpfel und Birnen in die selbe Arzbeimittelgruppe „OBST“ eingeordnet, zusammen mit Pflaumen, Kiwi und Karotten(!). Geht der Hersteller der Kiwi nun nicht unter den Apfel-Festbetragspreis, muss der Versicherte die Differenz bezahlen.

      Früher [TM] – so in den Jahren bis 2004 – habe ich persönlich gerne mal gegen die Arzneimittelpreisverordnung verstoßen und auf die paar Cent (damals) verzichtet. In der Zwischenzeit kann ich mir das so leider nicht mehr leisten, sowohl aus juristischer als auch aus finanzieller Sicht. Die „Mischkalkulation“ wurde uns aufgekündigt, damit hat sich „Nachsicht mit den Kranken Kassen“ für mich erledigt. Leider wahr.

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