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Retax-Story

Von P.sycho.T.A.nte habe ich nach meinem Aufruf folgende selber erlebte Retaxations-Geschichte bekommen:

Besonders gerne retaxieren uns diverse Krankenkassen wegen Hilfsmitteln. Hilfsmittel haben wir in der Apotheke darum schon besonders gerne und sind schon fast froh, wenn der Patient das dann vielleicht doch lieber im Sanitätshaus besorgen geht. Für die meisten haben wir keinen Vertrag mit den Krankenkassen, oder bekommen Preise vorgeschrieben, die teilweise noch unter unserem Einkaufspreis liegen, oder so knapp drüber, dass nach Abzug der MwSt. eine Spanne von ein paar Cent übrig bleibt.

Ein beliebtes Hilfsmittel, das immer noch gerne in der Apotheke besorgt wird, sind Kompressionsstrümpfe und Strumpfhosen. Nun haben wir inzwischen zum Glück von den Krankenkassen die “gnädige” Erlaubnis bekommen, die zu Festpreisen mit ihnen abzurechnen – auch wenn einige zwischendurch soweit waren uns die Erlaubnis für derartiges, sehr zur Freude unserer Patienten (haha) ganz zu entziehen.

Vor einem Jahr etwa, war es aber noch so, dass einige Krankenkassen vor Abgabe von Kompressionsware von uns eine Genehmigung wollten.

Das lief dann etwa so ab:
Oma Fienchen kommt mit ihrem Rezept über eine Strumpfhose in die Apotheke. Ein kurzer Blick in die Kartei sagt sie hat die bei uns noch nie bekommen, also muss ein Termin zum Abmessen ausgemacht werden. Nun ist sie aber in einer besagter Krankenkassen, die vorher eine Genehmigung fordert. Zum beantragen selbiger braucht es die zur Strumpfhose gehörige Hilfsmittelpositionsnummer, die steht dann an der fertigen Strumpfhose … was doof ist, da wir die dazu ja erst einmal bestellen müssen … bei einer Maßanfertigung natürlich noch besser, wenn man die im Falle einer Nicht-Genehmigung nicht zurück schicken kann. Wir haben uns dann immer mit einer Vorab-Genehmigung über allgemeine HM-Nummern beholfen. Ging meistens… irgendwie.

1-2 Wochen später haben wir dann auch endlich mal eine Genehmigung bekommen und Oma Fienchen kann zum Abmessen kommen.
Das dauert unterschiedlich lange, kennt man ja. Strümpfe gehen schneller als Strumpfhosen, bei der jungen Frau, die die provisorisch wegen der Schwangerschaft bekommt geht’s meistens schneller, als bei der 80-jährigen Omi, die sich nicht mehr so gut bewegen kann.
Strumpfhose wird bestellt, kommt in 5 Tagen bis 2 Wochen, je nach Ausfertigung, Farbe, was auch immer.

Oma Fienchen holt glücklich ihre Hose ab und wir schicken dieses Paket an die Krankenkasse.
– Rezept, bedruckt mit Hilfsmittelnummern, idealerweise noch unter Angabe einer Diagnose, die im schlimmsten Fall mit Stempel und Unterschrift vom Arzt nachgefordert werden muss und natürlich unter Angabe der Genehmigungsnummer und dem Vermerk unserseits, dass die Verordnung von der Kasse genehmigt ist
– Eine Kopie des Maßblattes, damit man uns auch glaubt, dass wir da wirklich was abgemessen haben und nicht einfach eine Maßgröße abrechnen und eine viel günstigere Seriengröße bestellen (Oder was weiß ich)
– Eine Kopie der schriftlichen Genehmigung der Krankenkasse – Sicher ist sicher

3 Monate später drückt mir el Cheffe dann einen Brief der Krankenkasse in die Hand … Inhalt kurzgefasst: Ihr habt eine Strumpfhose abgegeben ohne sie vorher genehmigen zu lassen, damit nehmen wir uns heraus für eure erbrachte Leistung nichts zu bezahlen. Alter Abrechnungsbetrag 149,55€, neuer Abrechnungsbetrag: 0,00€
……

Für mich hieß es jetzt also hinsetzen, Schreiben an die Krankenkasse fertig machen, ihnen noch einmal belegen, dass sie uns für eben jene Verordnung selbst eine Genehmigung erteilt hätten und das ganze wieder einschicken.

In diesem Fall ist es gut gegangen und nach noch einmal 2 Monaten haben wir das Ding dann doch erstattet bekommen.

Das ist vielleicht keine ganz so dramatische Story, weil es anscheinend “nur” ein Formfehler() bei der Krankenkasse war …
(
) Na aber wehe der Apotheke oder dem Arzt passiert mal “nur” ein Formfehler ><

Ja, siehe Post von gestern. Wer selber noch solche Geschichten hat, darf sie mir gerne schicken!

Retaxationen – wenn die Krankenkassen Leistung einfach nicht bezahlen

Wie schon länger mal angekündet hier eine kleine Zusammenstellung von Null-Retaxationen. Das ist ein Übel, das es (bisher) zum Glück nur in Deutschland gibt. Es bedeutet, dass die Krankenkasse den Apotheken ein verordnetes und dem Patienten bereits abgegebenes Medikament oder Hilfsmittel nicht bezahlt. Arbeit geleistet, Patient richtig versorgt und man bekommt für das eingekaufte und abgegebene Mittel … gar nichts. Die Krankenkasse spart durch diese Null-Retaxationen Millionen. Die Apotheken leiden. An die Patienten weitergeben dürfen sie diese Ausgaben in Deutschland aus gesetzlichen Gründen nicht. Also: ein späteres Einziehen nicht von der Krankenkasse, die sich weigert zu zahlen, sondern vom Patienten ist nicht möglich. Und die Gesetzgebung unterstützt die Krankenkassen auch noch, indem sie sagen, dass Retaxationen halt „Berufsrisiko“ seien.

Mein Beileid an meine deutschen Kollegen, die sich tagtäglich damit herumschlagen müssen und denen die abertausend Gesetzesvorschriften, Verträge mit den Krankenkassen und deren Rabattverträge mit den Pharmafirmen die Arbeit so unnötig schwerer machen. Die Mehrheit davon finde ich unlogisch, Patientenunfreundlich, rein paragraphenreiterisch und schon deshalb wohl schwer dem Patienten zu erklären.

Das soll auch als Hinweis für meine Schweizer Kollegen und Patienten sowohl hier als auch in Deutschland dienen: Wisst ihr überhaupt, in was für einem Meer von (teils unnötigen) Gesetzen die Deutschen Apotheker operieren müssen … und wie die Krankenkassen das Ganze penibelst zu ihren Gunsten ausnutzen?

Bei vielen Retaxationen handelt es sich um Formfehler – da ging das richtige Mittel raus, aber auf dem Rezept ist irgendein Detail nicht ganz korrekt.

Auf dem Betäubungsmittel-Rezept für eine langjährige Dialyse-Patientin fehlt der Hinweis dass die Patientin durch den Arzt schriftlich auf die Dosierung hingewiesen wurde. Es wurde das Richtige abgegeben, ein dringend nötiges Medikament, dass die Patientin in der gleichen Form schon länger nimmt. Retaxation auf Null – die Krankenkasse nimmt das als Vorwand gar nichts zu zahlen, obwohl ihr auch hier kein finanzieller Schaden entstanden ist. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=2050)

Auf dem Rezept für ein Hilfsmittel – in diesem Fall BD Microfine Nadeln (die braucht man für die Insulin-Pens) wurde vom Arzt bei der langjährigen Diabetikerin vergessen die Diagnose aufzuschreiben. Das Die Nadeln werden vollständig Nicht bezahlt von der Krankenkasse. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=2005)

Auf dem Betäubungsmittelrezept kann die Krankenkasse das Ausstellungsdatum schlecht lesen. Sie interpretieren das (ohne Nachzufragen und obwohl das ein Sonntag wäre) als ein Datum, das 10 Tage vor der Abgabe des Medikamentes auf Rezept liegt. Betäubungsmittelrezepte müssen in Deutschland innert 7 Tagen eingelöst werden. Das gesamte Rezept wird auf Null retaxiert. Auf dem Durchschlag gut zu lesen: Rezeptdatum von 2 Tagen vor der Abgabe. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1988)

T-Rezepte (für Thalidomid) sind noch schwieriger korrekt zu beliefern. Bei einem Formfehler des Arztes (wie auch nur einem falsch gesetzten Kreuzchen) verliert die Apotheke ein paar Tausend Euro … und macht sich womöglich noch strafbar. Siehe: https://knicksfussnoten.wordpress.com/2013/05/27/ich-geh-dann-mal-in-den-knast/

Die Apotheke gibt im Notdienst auf Telefon und Fax des Arztes ein Antibiotikum gegen Blasenentzündung ab. Es ist das rabattierte Medikament der Krankenkasse. Der Arzt schickt das Rezept nach. Auf dem Rezept ist das Datum von ein paar Tagen später (wo er das ausgestellt hat). Die Apotheke korrigiert das Datum handschriftlich mit der Begründung: „Notdienstabgabe am … Rezept per Post nachgereicht“. Die Krankenkasse retaxiert das ganze Medikament mit der Begründung. „Abgabe vor Verordnungsdatum“ und als die Apotheke das anfechtet mit der nächsten Begründung: „Abgabe in der Notdienstzeit ohne Vorlage einer ärztlich ausgestellten Verordnung“: (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1463)

Der Arzt verschreibt ein Parkinson-Medikament in der Menge 4 x 100 Stck und „Hinweis: ich habe bewusst 4 x 100 Stück verordnet, also bitte nicht eigenmächtig ändern! Exakte Menge“ Problem: Die Krankenkasse schreibt vor, dass die Maximalmenge bei diesem Medikament 2 x 175 Stück betragen darf und sie schreibt ausserdem vor, dass der Rabattvertrag eingehalten werden muss (auch mit Mengen von 175 Stck). Ausserdem muss der Patient bei Abgabe nach ärztlichem Wunsch 40 Euro zu-zahlen, bei Abgabe nach Vorgabe der Kasse nur 20 Euro. Der Arzt hat zwar auch in Deutschland Therapiefreiheit – wird aber so von den Krankenkassen genauso eingeschränkt. Und die Apotheke macht sich – was auch immer sie jetzt tut sehr unbeliebt. Entweder beim Arzt, oder beim Patient … nur die Krankenkasse freut sich, weil sie, wenn die Apotheke den Vorgaben des Arztes folgt, das gesamte Rezept auf Null retaxieren und gar nichts zahlen muss. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1928)

Bei anderen Retaxationen ging einfach nicht genau das raus, was die Krankenkasse gerne hätte: das Mittel von dem Hersteller, mit dem sie einen Rabattvertrag gemacht haben (von dem niemand weiss, wieviel genau die Kasse dafür bekommt) oder nicht das Importpräparat das momentan gerade etwas günstiger ist, oder nicht die vorgeschriebene Menge Tabletten (das geht in D nach N-Grössen und es ist streng reglementiert, was übernommen wird. 100 Stück und 98 Stück sind da nicht zwingend „dasselbe“). Das bedeutet keinen finanziellen Verlust der Krankenkasse, trotzdem wird auch hier retaxiert. 

Auf dem Rezept ist ein Medikament in der Packungsgrösse 28 Stück verordnet. Diese ist nicht verfügbar (nicht mehr lieferbar, tatsächlich hat der Hersteller sie ersetzt). Die Apotheke ersetzt das dringend benötigte Medikament mit eben der Packung zu 30 Stück vom selben Hersteller. Die Krankenkasse sagt, dass diese Packungsgrössenänderung durch den Arzt hätte genehmigt werden müssen … und ein neues Rezept ausgestellt werden müsste. Sie retaxiert die Apotheke auf Null. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=2039)

Auf das dringende Rezept, das sogar nach Ladenschluss vorgelegt wurde gibt die Apotheke nicht das von der Krankenkasse verlangte Rabattarzneimittel ab, da das nicht an Lager ist. Eine Bestellung und Lieferung am selben Tag war nicht mehr möglich. Statt dessen wurde (wie in solchen Fällen von der Krankenkasse vorgeschrieben) eines der 3 günstigsten Generika abgegeben. Auf dem Rezept wurde dokumentiert weshalb: „Akutversorgung“. Die Krankenkasse retaxiert auf Null mit der Begründung, dass es nicht das vom Rabattvertrag vorgeschriebene Arzneimittel ist und das nicht unter Akutversorgung fallen kann, da es ein Medikament zur Dauertherapie ist. Eigentlich ist aber das doch gerade der Grund: man sollte so eine Therapie auch nicht unterbrechen, oder?? (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=2056)

Der Arzt verschreibt auf Rezept Sandimmun Spritzen 100 Stück mit „Aut idem Kreuz“ – bedeutet: er will, dass das nicht durch etwas anderes ersetzt wird. Die Apotheke gibt es ab, dokumentiert auch dass ein eventuell vorhandenes Importpräparat nicht lieferbar ist (das sie auf Vorgabe der Krankenkasse sonst abgeben müsste). Sie wird dennoch retaxiert – es soll ihr nur eine Packung von 50 Stück bezahlt werden und nicht eine Packung zu 100 Stück, da 2 Packungen zu 50 Stück in dem Fall tatsächlich etwas günstiger gewesen wären … Man retaxiert also nicht nur die Differenz. (Auf der anderen Seite verbietet sie solche Stückelungen und retaxiert auch dafür) (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1862)

Die Metoclopramid Tropfen, ein Medikament gegen Übelkeit, das schon lange verordnet und von vielen verwendet wird, aber wegen Nebenwirkungen unter Beobachtung stand, werden recht plötzlich letztes Jahr vom Markt zurückgezogen. Das auf eine ziemlich seltsame Art und Weise: erst kommt eine Pressenachricht und dann (um Tage verzögert) der offizielle Rückruf. Verunsicherte Apotheker haben Rezepte für die Tropfen in der Zwischenzeit deshalb mit Nachfrage beim Arzt und dessen Bestätigung, dass das Medikament dringend notwendig ist abgegeben. Jede Abgabe der Tropfen nach dem Tag des Rückrufs und auch für den Tag des Rückzugs selber (Veröffentlichung im Internet in der PZ) wurde den Apotheken deshalb nicht vergütet. Offenbar wird verlangt die Datenbanken stündlich zu prüfen. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1950)

Der Arzt (ein Spezialist für Gastrointestinale Tumore) verschreibt ein Mittel gegen Erbrechen in Lutschtablettenform. Der Patient hat einen Magentumor – und kann normale Tabletten nicht gleich aufnehmen. Die Krankenkasse hat nur die Tabletten in den Rabattverträgen und retaxiert die Apotheke, die Lutschtabletten abgibt auf Null. Es reicht nicht, wenn der Spezialist das so verschreibt, die Apotheke selber hätte den Nicht-Austausch mit dem Rabattarzneimittel auf dem Rezept mit „pharmazeutische Bedenken“ zusätzlich extra festhalten müssen. (Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1518)

Auch die Herstellung von Rezepturen (eigens auf ärztliches Rezept hergestellte Mischungen) werden retaxiert. Mit diesen Begründungen:

  • Preise außerhalb der Hilfstaxe werden bei der Vergütung zugrunde gelegt.
  • Anbruchberechnungen der Apotheken werden retaxiert. (das ist, wenn man von einem Inhalt nicht die ganze Menge braucht für die Herstellung, den Rest aber später vielleicht weiter verwenden kann – häufig auch nicht.)
  • Rezeptprüfstellen bestimmen über die zu verwendenden Wirkstoffe, über die Haltbarkeit von Inhaltsstoffen und überhaupt über die eventuell mangelnde Wirksamkeit. –  (Wer sitzt denn dort? Wohl kaum Apotheker oder Ärzte?)
  • Rezepturen mit Fertigarzneimitteln wurden auf Importe retaxiert. (die KK zahlen also nur das, was das Importpräparat gekostet hätte)
  • Rezeptur mit Fertigarzneimitteln auf Verwendung eines Off-label-Arzneimittels retaxiert. (Also: statt Viagra Tabletten wurden Revatio Tabletten zur Herstellung von Sildenafil Kapseln genommen … und nicht bezahlt).
  • Rezepturverordnungen mit Rx-pflichtigen Inhaltsstoffen nicht mehr erstattet, wenn sie ebenfalls nicht apothekenpflichtige Hilfsstoffe oder Grundlagen enthalten. – Zum Beispiel Salben, die sonst Kosmetika sind.

(Quelle: http://www.deutschesapothekenportal.de/newsletter_beitrag.html?id=1849)

Manche dieser Fälle sind eigentlich Arzt-Fehler: wenn das Rezept nicht richtig ausgestellt ist. Nur wird nicht der Arzt zur Rechenschaft gezogen, sondern die Apotheke. Die Krankenkassen machen die Apotheken zu „ihren“ Bürokraten und stellen faktisch Formulare vor das Patientenwohl.

In manchen von diesen Fällen konnte die Apotheke erfolgreich Berufung einlegen. Allerdings auch in diesem Fall: das bedingt einen derartigen Mehraufwand und Bürokratie… Sollten wir Apotheker uns nicht mehr um das kümmern, wofür wir da sind? Nämlich Patienten mit den richtigen Medikamenten zu versorgen und sie zu beraten, ihre Krankheiten zu behandeln und zu die Behandlung verfolgen?

Für das oben haben die Apotheker auch in Deutschland nicht studiert. Eine derartige Behandlung haben sie nicht verdient.

Man stelle sich vor, wenn derartiges zu uns käme.

Bitte nicht.

Das ist auch ganz sicher nicht im Sinn der Patienten.

Kein „grosser Bruder“ mehr

Das soll als Warnung dienen für andere Schweizer Apotheker, dass sie da auch ein Auge drauf haben können.

Früher war es so (und ist es heute meist noch), dass es für Medikamente kleine Packungen gibt und auch grosse Packungen. Die grossen Packungen sind vergleichsweise meist günstiger im Preis,

Oder waren.

Zum Beispiel Lioresal 10mg 50 Stück und Lioresal 10mg 200 Stück. Oder Leponex 50mg 50 Stück und Leponex 50mg 500 Stück.

Die kleine Packung ist in der SL, die grosse Packung dagegen auf der NLP. Das bedeutet eigentlich, dass die Krankenkasse die grosse Packung nicht in ganz zahlen müsste, da sie nicht in der Grundversicherung ist. Sie hat es dann aber (doch) getan, weil der Preis von einer grossen Packung kleiner war, als der Preis von X kleinen Packungen. Die grosse Packung nannte sich deshalb im Apothekenjargon „Grand frère“ (also grosser Bruder).

Als Grand-Frères Produkte werden alle grösseren Handelseinheiten einer SL-Packung bezeichnet, deren Preis tiefer ist als ein entsprechendes Mehrfaches der SL-Packung

Und jetzt Achtung: Inzwischen gibt es (aufgrund Preissenkungen bei den SL Medikamenten?) einige Produkte, wo das nicht mehr stimmt!

Also wo mehrere kleine Packungen weniger kosten als eine grosse Packung mit derselben Menge Tabletten. Ich habe das mal mit unserem Computerprogramm gegenübergestellt, damit man das sieht:

grandfrere

Wenn ich jetzt nicht wirklich gut aufpasse und die Preise jeweils vergleiche, gebe ich eine Grosspackung ab (die war ja bisher immer günstiger, also …), der Computer reklamiert überhaupt nicht – vor allem, wenn der Patient auch eine Zusatzversicherung hat … und der Patient bekommt am Ende von seiner Krankenkasse eine Rechnung.

Weil das via Zusatzversicherung läuft, bestimmt die Kasse wie viel sie am Medikament zahlt. In einem Fall mit Leponex, den ich selber mitbekommen habe sind das 50% gewesen (und nicht nur der Preis, den dieselben kleinen Packungen gehabt hätten). Das waren dann grad etwa 300 Franken (!) – anstatt dem normalen Selbstbehalt von 10% um die 50 Franken.

Das war eine mehr als unangenehme Überraschung … und mir nirgends recht.

Darum hier ein „Achtung“ an alle Apotheker in der Schweiz: das ändert! Bleibt aufmerksam!

Kennt ihr noch mehr so Beispiele?

Karten: Lesen und Löschen

Die Frau am frühen Morgen hält mir ihre Krankenkassenkarte direkt ins Gesicht und sagt dazu: „Ich möchte, dass Sie mir die Daten darauf löschen!“

Jetzt … ich bin morgens früh nicht die schnellste. Kaffee hilft … bis zu einem gewissen Grad. An dem Morgen hatte ich aber noch keinen.

Aber eines weiss ich: „Ich kann da nichts löschen.“

„Die Krankenkasse hat gesagt, ich kann das in jeder Apotheke machen lassen!“

„Dann … hat die Krankenkasse da etwas falsches gesagt. Schauen Sie“ – ich zeige auf das EC-Gerät, das bei uns auch als Krankenkassenkartenleser dient, seit sie alle Karten auf den Chip umgestellt haben „damit kann ich die Karte lesen, löschen kann ich nichts.“

„Ich will aber nicht, dass da Daten von mir drauf sind.“

Inzwischen bin ich etwas wacher, deshalb frage ich mal nach: „Was für Daten denn?“

„Na, Sachen wie meine Blutgruppe, Allegien, Medikamente, die ich nehme …“

„Ah. Haben Sie die da drauf laden lassen?“

„Nein!! Ich dachte die Krankenkasse macht das.“

„Und hat die Krankenkasse denn diese Information von Ihnen?”

„Ich habe die Kasse gewechselt, ich bin sicher, das haben sie von der alten Kasse bekommen.“

„Ich bin ziemlich sicher, das haben sie nicht. Meistens wissen die Krankenkassen das nicht einmal.“

„Aber ich habe gelesen, dass auf dem Chip diese Information drauf ist.“

„Das ist nicht ganz richtig. So ich weiss ist es geplant, dass man diese Information auch da drauf abspeichern KANN – aber das muss man nicht. Wenn man will, kann man das dann zum Beispiel beim Arzt machen lassen … sofern der dazu ausgerüstet ist. Das braucht technische Grundlagen, die ich hier nicht habe … und ich denke, auch noch nicht viele Ärzte.“

„Aber … was steht denn auf dem Chip jetzt drauf?“

„Soll ich es ihnen zeigen? Ich kann ihn rasch lesen. Ich muss das ja nicht speichern.“

„Ja, gut.“

Sie gibt mir die Karte. Ich lese sie ein in das EC Gerät.

Sie war tatsächlich noch nie hier, jedenfalls nicht mit einem Rezept, deshalb zeigt mir mein Computer sie als neue Patientin an.

„Also, da steht drauf: Ihr Name, Ihre Adresse, Ihr Geburtsdatum, die Krankenkasse und die Versicherungsnummer … mit der kann ich dann im Internet ihre aktuelle Deckung abrufen.“

„Ich will aber nicht, dass da mein Geburtsdatum drauf ist. Da wird so viel Missbrauch damit getrieben.“

„Das verstehe ich – aber ich kann es nicht löschen und … das Geburtsdatum ist noch wichtig, damit ich Sie als die richtige Patientin identifizieren kann, wenn Sie mit einem Rezept kommen.“

„Aber, wenn ich schon in einer anderen Apotheke gewesen bin …“

„Ja, wir sind nicht untereinander vernetzt. Ich kann nicht nachschauen gehen bei der anderen Apotheke. Darum brauche ich die Krankenkassenkarte.“

Ich ziehe die Karte aus dem Leser und gebe sie zurück. Nein, ihre Daten habe ich nicht gespeichert.

„Und Sie können da wirklich nichts löschen?“

„Nein, und nichts drauf speichern. Vielleicht kommt das irgendwann, aber jetzt nicht.“

Wir unterhalten uns noch ein bischen. Stellt sich heraus, dass sie das vor allem wollte, weil sie ständig Anrufe bekommt von Leuten, die ihr Krankenkassenvergleiche anbieten … Ich habe ihr dann versucht zu erklären, dass die nicht zwingend ihre Daten dafür brauchen (auch wenn manche sie vielleicht tatsächlich haben). Eigentlich ist so eine Kaltaquise inzwischen verboten … es sei denn, es ist eine Krankenkasse, bei der man schon war. Die dürften tatsächlich Geburtsdatum und mehr wissen … und manche von denen geben die wohl auch an unseriöse Vermittler weiter. Ich hier nicht.

Nachtrag: hier findet sich die Info zur Karte und was drauf ist / sein kann:

http://www.bag.admin.ch/themen/krankenversicherung/04114/07062/?lang=de

Da steht drin, dass Ärzte Daten wie Allergien, Blutgruppe etc. aufnehmen können (aber nicht müssen) … irgendwo steht auch, dass es “Apothekern erlaubt ist die Medikationsdaten aufzunehmen und zu löschen” … ich frage mich nur, wie, wenn ich nur ein Lesegerät habe.

Ausserdem sollen diese zusätzlichen Daten mit einem PIN schützbar sein. Nun, das macht Sinn … bis zu dem Moment, wo man einen Notfall hat und die Fachperson nicht an die eigentlich vorhandene Allergieinfo kommt…

Aber vielleicht bin nur ich hier noch nicht in der Zukunft angelangt- Irgendwelche Apotheker mit der Fähigkeit die Karte nicht nur zu lesen, sondern auch was drauf zu schreiben hier?

Krankenkassen-Wahrheiten für die Patienten

(von der Apothekerin)

Es ist anscheinend nie Ihre Verantwortung über ihre Deckung Bescheid zu wissen. Und jetzt sind Sie sauer auf mich (statt auf sich) wenn ich Ihnen sage, dass Sie nach ihrem Krankenkassenwechsel jetzt eine Krankenkasse haben, wo Sie in der Apotheke direkt bezahlen müssen.

Je besser versichert Sie sind, desto mehr ärgern Sie Sich darüber, wenn ich Ihnen sage, dass etwas nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.

Ein Spital-Zusatz bei der Versicherung bedeutet nicht, dass auch Medikamente übernommen werden, die über die Zusatzversicherung für Medikamente gehen.

Denken Sie nicht, dass ich weniger Prämie bezahle, nur weil ich in der Apotheke arbeite.

Nein, ich bezahle auch nicht weniger, wenn ich Apothekerin bin.

Ja, auch meine Prämien sind wieder gestiegen.

Nein, an den “Apothekerpreisen” liegt das nicht*, sondern an den Mehrausgaben für Spitalaufenthalte und Pflege zu Hause – und ich bin sicher, dass die Verwaltungskosten der Krankenkassen da auch mit reinschlagen.

Auch wenn ich das Gefühl habe, dass ich da in der Apotheke einen Grossteil mit übernehme – siehe oben.

 

*(siehe http://issuu.com/interpharma/docs/gws_2015_d_web_final/1?e=6980957/11248296 S. 42/43 und S. 60 … es wird tatsächlich durchschnittlich weniger für Medikamente ausgegeben im Haushalt als für das Telefon.)

Step by Step

Step 1: Der Arzt verschreibt der Frau auf einem Dauerrezept Mandelmilch-Körperlotion. Es wird ihr abgegeben, die Anwendung erklärt und gesagt, dass es ein Dauerrezept ist.

Step 2: Frau kommt das sehr früh wiederholen. Man weist sie auf die Limitation der Körperlotion hin: dass die Krankenkasse nur eine bestimmte Menge davon in einem bestimmten Zeitraum zahlt.

Step 3: Frau kommt das nach kurzer Zeit schon wieder holen, im Gespräch rutscht ihr raus, dass sie die letzte Flasche offenbar der Freundin geschenkt hat (!). Man weist sie wieder auf die Limitation hin.

Step 4: Frau kommt das wiederholt beziehen. Bei einem Besuch erwähnt sie gegenüber der Pharmaassistentin (PA) dass sie das ja ‚eigentlich nicht mehr beziehen dürfte’.

PA: „Oh, Sie dürfen das schon beziehen – auch weiterhin. Es ist nur so, dass die Krankenkasse das irgendwann nicht mehr bezahlt. Dann bekommen Sie von der Krankenkasse eine Rechnung für die bezogenen Flaschen.“

Frau: „Wieviel kosten die?“

PA: „30 Franken für diese grosse Flasche.“

(steht übrigens auch auf jeder Dosierungs-Etikette, die wir bei der Abgabe drauf kleben.)

Frau: „Ah, dann ist ja gut, dass das über die Krankenkasse geht!“

Sie nimmt nochmals 2 Flaschen.

Frage: sie wurde jetzt mehrmals darauf hingewiesen. Hat sie es wirklich verstanden? Wie reagiert sie wenn (nicht falls) sie die Rechnung von der Krankenkasse bekommt?

Und das reicht?

“Und das reicht?”

War die Reaktion einer Kundin, nachdem ich ihr das Prinzip der LOA (Vertrag zwischen Krankenkasse und Apotheken in der Schweiz) mit den Pauschalen als Abgeltung für unsere Arbeit erklärt habe.

Im Normalfall erwarte ich da (aus schlechten Erfahrungen) schon fast Reaktionen wie: „Für was? Ich brauche ja keine Beratung*. Sollte ich also auch nicht bezahlen müssen“

Statt dessen Sie: „Und das reicht für Sie als Einkommen?“

Nun – sagen wir es mal so: Es ist ein Anfang, zum Glück gibt es auch nicht rezeptpflichtiges …

*Das ist auch keine Beratungs-Taxe!

In dem Zusammenhang darf ich neu auch erwähnen, dass die Discount-Apotheken-Kette Sun Store, die bis anhin werbetechnisch grosszügig auf die Pauschalen verzichtet hat … das per 1. Januar 2015 (jetzt) auch nicht mehr macht. Ganz offensichtlich haben auch die gemerkt, dass sie auf das Einkommen nicht verzichten können, wenn sie weiterhin als Apotheke existieren wollen. (sie auch Artikel in 3min).

Auf die Apotheke abwälzen (1)

Bei uns in der Schweiz ja total unbekannt (zum Glück!) in Deutschland aber gang und gäbe: Retaxationen. Das bedeutet, die Krankenkasse zahlt der Apotheke ein dem Patienten bereits abegegebenes (und verwendetes) Medikament nicht zurück – mit teils unglaublichen Begründungen wie kleinsten Formfehlern (der Arzt hat auf dem Rezept die Dosierung nicht ausgeschrieben, Kreuze nicht nochmal visiert, bei Gemeinschaftspraxen den verschreibenden Arzt nicht genau gekennzeichnet, die Nummer des Arztes nicht korrekt ist), oder wenn nicht genau das von der Kasse verlangte Rabattarzneimittel abgegeben wurde (auch dann wird auf Null retaxiert, also gar nichts zurück bezahlt, nicht nur die Differenz nicht).

Hier ein Aufruf an meine deutschen Apotheker – Leser (und -innen): Bitte schickt mir doch Eure Beispiele von Fällen wo die Kasse retaxiert hat, ich würde gerne einmal mehr über diese üble Praxis schreiben! : an Pharmama08(at)gmail.com

Jetzt haben die Kassen offenbar entdeckt, dass sie mit ähnlicher Methode auch bei den Patienten direkt Geld sparen können. Ein privat versicherter Patient (der die Medikamente erst zahlen muss und dann den Beleg einschicken um das Geld zurück zu erhalten) hat von seiner Krankenkasse den Brief bekommen, dass von seinem bezogenen Medikament nur X Euro übernommen werde – die restlichen 17 Euro Differenz zum bezahlten Betrag dürfe er aber in der Apotheke zurück fordern, da der Preis, den die Apotheke verlangt hat, widerrechtlich über dem von der Kasse festgelegten Verkaufspreis für das Produkt liege. Dass dieser Preis hier auf Basis des günstigsten Reimportes (!) festgelegt wurde und dass dieses zu dem Zeitpunkt nicht einmal lieferbar gewesen ist (!!), ist dabei nebensächlich.

Die Kasse lässt die Apotheken also so aussehen, als verlangen sie absichtlich zu viel für das Medikament.

Der erboste Patient erschien dann in der Apotheke, um das auszudiskutieren, verstand aber nach einer längeren Erklärung den Sachverhalt. Der wird jetzt auch mit der Krankenkasse abgeklärt, ob ihr Verhalten da rechtlich ist. (Quelle: Apotheke-adhoc)

 

Das mag jetzt für die deutschen Patienten überraschend sein, aber bei uns gibt es das schon länger, dass die Krankenkasse einen Preis für etwas festlegt, der Abgabepreis aber höher sein kann und der Patient dann die Differenz selber übernehmen muss. Das passiert bei uns häufiger bei Produkten der MiGeL (Mittel- und Gegenstände-Liste) wie Blutzuckerteststreifen, Nadeln, Verbandmaterial etc.

Je nachdem übernimmt das auch die Zusatzversicherung, aber wenn so etwas bei uns auftritt (das sehen wir beim Eingeben im Computer) kassieren wir das entweder grad ein oder informieren den Patienten, dass er eventuell eine Rechnung zu erwarten hat. Im Gegensatz zu Deutschland verlangt die Krankenkasse das dann aber nicht von der Apotheke zurück.

Das Verhalten der Krankenasse hier gegenüber Patienten und vor allem gegenüber der Apotheken finde ich frech – aber es geht noch besser.

Heute Mittag: wie man als selbstdispensierender Arzt Arbeit und Preisdiskussion auf die Apotheke abwälzt.

Ein Rezept ist kein Gutschein um etwas gratis zu bekommen

… oder: ein Einblick in das Schweizer Gesundheitssystem.

Die Frau bringt mir 3 Rezepte und 3 Kassabons.

Sie hat die Medikamente (nicht rezeptpflichtiges) ohne Rezept gekauft.

„Könnten Sie mir das Geld dafür zurück geben und das der Krankenkasse abrechnen?“

Hmm … ich mache das gelegentlich. Hauptsächlich dann, wenn ein Patient etwas gleich braucht und sowieso zum Arzt geht, dann kann er sich beim Arzt dafür ein Rezept ausstellen lassen. Aber bei frei verkäuflichen Sachen, wie die, die auf den Quittungen stehen empfehle ich das eigentlich niemandem, denn: Das Rezept ausstellen lassen kostet beim Arzt auch etwas. In den meisten Fällen lohnt sich das nicht wirklich. Und dann ist da noch die Sache mit der Franchise … aber dazu kommen wir noch.

Jetzt … sind aber 2 der 3 Kassabons nicht von unserer Apotheke.

Das mag ich dann gar nicht, denn das bedeutet hauptsächlich erst mal, dass ich da ausser der Arbeit gar nix dran habe.

Für eine Stammkundin, die das woanders holen musste, weil wir zu dem Zeitpunkt geschlossen hatten (selten, wir haben echt lange Öffnungszeiten), würde ich das machen. Aber … die Frau ist noch nicht mal bei uns im Computer erfasst. Sie hatte noch nie ein Rezept bei uns, keine Kundenkarte oder ähnliches.

Ich könnte jetzt sperren, aber ich bin ja nett und kundenfreundlich.

„Haben Sie mir die Krankenkassenkarte?“ frage ich

„Weshalb?“

„Nun, wenn Sie wollen, dass ich Ihnen dafür das Geld zurückgebe und das via die Krankenkasse abrechne, dann brauche ich die dafür.“

Sie fängt an in ihrem Portmone zu suchen und findet nichts.

„Sie könnten natürlich auch einfach die Quittungen an die entsprechenden Rezepte hängen und das so selber der Krankenkasse einsenden. Dann bekommen sie auch ihr Geld dafür zurück.“

Die Frau verzieht das Gesicht. „Ich weiss noch nicht einmal, ob ich die Franchise erreicht habe“ meint sie.

Die Franchise ist der Teil, den man erst mal selber bezahlt. Sie ist frei wählbar bei Vertragsantritt und erst ab erreichen der Franchise zahlt die Krankenkasse die Medikamente oder Untersuchungen / Behandlungen.

Pharmama: „Nun, wenn Sie sie nicht erreicht haben, dann bekommen Sie, wenn ich das der Krankenkasse einschicke, wieder eine Rechnung von der Krankenkasse dafür. Wenn Sie es selber einschicken, wird es zusammengerechnet und Sie bekommen gegebenenfalls das Geld zurück.“

Das ist – in meinen Augen – unnötiger Ping-Pong und genau die Art Bürokratischer Aufwand, der vermeidbar wäre.

Frau: „Ich weiss nicht, wie man das macht, selber einschicken.“

Pharmama: „Oh, das ist einfach: Sie packen einfach die Rezepte zusammen mit den Quittungen in ein Couvert mit der Adresse der Krankenkasse drauf und schreiben eine kurze Notiz mit Ihrem Namen und vielleicht noch ihrer Versichertennummer dazu.“

Frau: „Das ist mir zu aufwändig. Machen Sie das.“

Pharmama: „Dann brauche ich jetzt die Krankenkassenkarte.“

Frau: „Ich habe sie nicht dabei – ich gehe rasch meinem Mann telefonieren.“

Und geht, noch bevor ich ihr sagen kann, dass sie nicht nur den Kassen-Namen, sondern die 21stellige Nummer braucht, die drauf ist.

Es geht nicht lange, dann kommt sie zurück.

Frau: „Es ist die Assura.“

Oookayyy … dann brauche ich die Nummer gar nicht ….

Pharmama: „Diese Krankenkasse hat keinen Vertrag mit den Apotheken. Ich kann also nicht direkt mit der Krankenkasse abrechnen. Da bleibt ihnen nichts übrig als die Rezepte und die Quittungen so, wie ich gesagt habe selber einzuschicken.”

Frau: „Aber man hat mir gesagt, dass das geht mit dem Geld zurück und dass Sie das direkt mit der Krankenkasse abrechnen!“

Pharmama: „Im Normalfall ist das auch so. Aber: es gibt Ausnahmen bei den Krankenkassen. Das ist eine davon. Dasselbe gilt für die Intras, die Supra, die Compact …“

Die Frau verzieht noch mehr das Gesicht, packt ihre Rezepte und Quittungen zusammen und geht wieder.

Ja, sieht so aus, als wäre ich wieder die Böse. Wenn sie mir nicht glaubt, kann sie es ja noch in den anderen beiden Apotheken versuchen, wo sie die anderen Quittungen her hat.

Fällt mir auf, dass ich gar nicht so weit gekommen bin, sie auf das Problem hinzuweisen.

Und dann ist noch die Frage, ob sie auch eine Zusatzversicherung hat, denn nicht alle Medikamente (speziell wenn sie frei erhältlich sind) werden von der Grundversicherung übernommen.

Die war nicht alt, die Frau. Und Schweizerin. Und trotzdem keine Ahnung von unserem Gesundheitssystem und keine wirkliche Übersicht über ihre eigenen Ausgaben oder Leistungen der Kasse.

Da sie dafür vom Arzt Rezepte hat ausstellen lassen, wird sie dafür auch zahlen, der Arzt schickt einfach eine Rechnung später – also hat sie mehr Ausgaben gemacht als nötig / sinnvoll. Und vom Aufwand mal ganz abgesehen …

LOA Diskussionen … immer noch

Seit 2001 (Oh Gott, ist das wirklich schon 13 Jahre her??) haben wir in der Schweiz die LOA – die Leistungs-Orientierte-Abgabe. Was eigentlich bedeutet, dass unsere Arbeit in der Apotheke nicht mehr über Medikamentenmargen abgerechnet wird, sondern über separate Checks (früher auch Taxen oder Pauschalen genannt). Die LOA ist ein Vertrag zwischen den Krankenkassen und den Apotheken – und hat ihnen Einsparungen im 3 stelligen Millionenbereich gebracht.

Seit Einführung der LOA gab das Diskussionen mit Patienten, weil die nicht begreifen konnten, wieso sie auf einmal neben dem Medikamentenpreis auch noch etwas drauf zahlen sollten. Dabei war das eigentlich gar nicht ein “drauf zahlen” – es war einfach nicht mehr im Medikamentenpreis drin enthalten. Es ist auch keine “Beratungstaxe”, wie von manchen suggeriert wird – meist noch mit dem Anhang, dass sie das nicht bereit wären zu zahlen, da sie ja gar keine Beratung in der Apotheke bräuchten, sie wüssten schon alles.

Jedenfalls: Diskussionen noch und noch. Sie haben in den letzten Jahren etwas abgenommen, aber von “aufgehört” kann man nicht reden – wie auch dies hier zeugt:

Eine andere Apotheke ruft an, der Lehrling gibt das Telefon an mich weiter.

Apothekerin: “Ich hatte gerade eine … eher unangenehme Begegnung mit einem Patienten, der mit mir wegen der Checks diskutiert hat. Jetzt … wollte ich fragen, ob ihr die verrechnet?”

Pharmama: “Ja, tun wir.”

Apothekerin: “Es ist nur … er hat steif und fest behauptet, dass er bei Euch noch nie irgendwelche Checks hat zahlen müssen.”

Pharmama: “Hmpf. Vielleicht ist ihm das noch nie aufgefallen, oder er hatte bisher immer Sachen, wo keine Checks draufkommen…” (also: alles eigentlich nicht rezeptpflichtige oder nichts, das über die Grundversicherung abgerechnet wird).

Apothekerin: “Habe ich auch gedacht, aber er behauptet, dass er das (Medikament, das unter den LOA Vertrag fällt) ... letztens von Euch hatte. Ohne Checks.”

Pharmama: “Nicht möglich. Ich hatte auch schon Diskussionen wegen dem und ich bestehe darauf: Das ist unser Einkommen, das ist der Lohn für unsere Arbeit. Nur weil das nicht mehr im Preis eingeschlossen ist, gibt es ewig Diskussionen.”

Apothekerin: “Sehe ich auch so. Jedenfalls, wollte ich Euch auch vorwarnen: er hat damit gedroht deshalb von jetzt an alles nur noch bei Euch zu holen.”

Da kann ich mich auf weitere Diskussionen freuen, wenn er merkt, dass das bei uns genau gleich ist.

Es gab tatsächlich hauptsächlich Ketten, die auf die Checks verzichtet haben. Ich habe mich immer gefragt, wie die das finanziell machen. Inzwischen brauche ich mich nicht mehr zu fragen. Die Sun-Store Apotheken, diese Discount-Apotheken, eben die, die so gross damit geworben haben, dass sie die “Taxen” nicht verlangen (Nerv: das hat nichts mit Steuern zu tun, also sollte man das auch nicht Taxen nennen!) … werden das per Januar 2015 wieder. (Quelle 3min).

Leider liessen und lassen sich Ketten und auch einzelne Apotheker dazu hinreissen, freiwillig auf die LOA zu verzichten. Dies in der Hoffnung, Kunden zu gewinnen. Doch da inzwischen etliche Medikamente auf Geheiss des Bundes nur noch ein paar Franken kosten dürfen, lässt sich ohne LOA nicht einmal mehr kostendeckend arbeiten, geschweige denn, dass genügend finanzielle Mittel übrig bleiben, um der Apotheke langfristig das Überleben zu sichern.

Die Einsicht von Sun Store kommt spät, aber sie kommt.

Ganz offensichtlich kann auch dieser Discounter und Grosseinkäufer und Teil des Riesen-moguls Galenica sich das nicht mehr leisten. Interessant.

Soll ich die Krankenkasse wechseln? (Rerun)

Das fragen sich bestimmt im Moment ein paar hier in der Schweiz. Der Oktober ist der Monat, wo die Krankenkassen die Prämien für das nächste Jahr bekanntgeben müssen – und für einige dürfte das auch unangenehme Überraschungen (lies: höhere Prämien) beinhalten.

Es gibt verschiedenes das man sich fragen muss vor einem Kassenwechsel:

Lohnt sich das?

Dafür kann man neu auch neben den kommerziellen Vergleichsdiensten der Krankenkassen wie comparis.ch auch den Prämienvergleicher des Bundes zu Hilfe nehmen: der findet sich unter www.priminfo.ch und ist mindestens so gut.

Kann ich bei meiner eigenen Kasse auch sparen?

Praktischerweise lässt sich auf  www.priminfo.ch auch gleich für die eigene Kasse schauen, ob man mit einer höheren Franchise etwas spart.  Die Franchise ist der Teil der Gesundheitskosten, den man selber zahlen muss, bevor die Krankenkasse etwas übernimmt. Sie ist frei wählbar von 300 Franken (500, 1000. 2000 …) bis 2500 Franken. So hat mein Kuschelbär zum Beispiel gesehen, dass er, wenn er die Franchise auf 2000 Franken hochsetzt, er 2400 Franken weniger Prämien zahlt im Jahr – das bedeutet er spart – auch wenn er die Franchise berappen muss, weil er etwas braucht – doch 400 Franken im Jahr.

Weitere Sparmöglichkeiten sind Modelle wie das Hausarztmodell – dann nimmt man im Kauf, dass man vor dem Besuch eines Spezialisten immer erst zum Hausarzt muss. Wer als Hausarzt zählt, dafür gibt es Listen bei den Kassen. Praktischerweise war mein Arzt auch da drauf, das bedeutet, ich musste nicht wechseln. Andere Modelle wie das HMO-Modell verlangen Besuche in Gesundheitszentren, oder erst Telefone an die Ärzte der Kasse.

Zu erwähnen sind auch die Kassen – und Modelle innerhalb der Kassen, die verlangen, dass man erst mal alles selbst zahlt (tiers garant) und die Rechnungen dann (gesammelt) selbst der Krankenkasse einschickt. Das sind  Assura, Fondation Natura Assurances (GM), Intras,  Maxi.ch, Sana Top, Sanagate, Sanitas Compact, Supra … diese Modelle sind oft günstiger, können aber im Einzelfall zu erheblichen finanziellen Belastungen des Patienten führen, wenn Rechnungen von mehreren hundert (oder tausend) Franken “vorgeschossen” werden müssen.

Zusatzversicherungen – Während die Leistungen der Grundversicherung bei allen Krankenkassen dieselben sind – und man da auch problemlos wechseln kann, gibt es grössere Unterschiede bei den frei wählbaren Zusatzversicherungen. Dort kann man auch bestimmen, ob man eine Komplementärversicherung will – also, ob man homöopathische und anthroposophische Mittel und weiteres, das nicht in der Grundversicherung ist rückerstattet haben will- und mehr. Man braucht nicht zwingend eine Zusatzversicherung, aber es gibt eine Menge Medikamente, die dann nicht mehr bezahlt werden von der Krankenkasse – meist aber nicht unbedingt “wichtige”. Zu bedenken ist hier auch noch, dass eine Krankenkasse einen nicht nehmen muss (im Gegensatz zur Grundversicherung) – das bedeutet, man kann abgelehnt werden. Das gilt vor allem für die “schlechten Risiken”: ältere Patienten, übergewichtige, auch Raucher etc. Darum sollte man vor Kündigung der Zusatzversicherung bei der alten Kasse sicher sein, dass die neue einen nimmt – oder die alte dort behalten.

Reicht das noch?

Wer wechseln will, muss auch die Kündigungsfristen beachten:

Grundversicherung: Kann per Ende Jahr (31. Dezember) gekündet werden. Der (am besten eingeschrieben) Brief mit der Kündigung muss bis am 30. November bei der Krankenkasse eintreffen. Unterjährige Kündigung (bis am 30. Juni) können nur Kunden mit Minimalfranchise (Kinder 0 Franken, Erwachsene 300 Franken) und ohne HMO- oder Hausarztmodell. Hier muss der Kündigungsbrief bis am 31. März bei der Kasse eintreffen.

Franchise:  Änderungen in der Franchise müssen per eingeschriebenem Brief der Krankenkasse bis am 30. November mitgeteilt werden.

Zusatzversicherungen: Falls die Krankenkasse die Prämien für die Zusatzversicherungen im Folgejahr nicht erhöht, gilt eine Kündigungsfrist von 3 Monaten, das heisst bis spätestens 30. September auf Ende Jahr. Bei einigen Krankenkassen gilt eine 6-monatige Kündigungsfrist oder der Vertrag wurde für mehrere Jahren abgeschlossen. Man erkundige sich bei der Krankenkasse. Bei Prämienerhöhungen können Sie je nach Krankenkasse innert 25 – 30 Tagen nach Ankündigung der Prämienerhöhung, oder per Ende Jahr, kündigen.

Wieder was gelernt

Der Kunde, ein freundlicher älterer Herr (Typ Gentleman) kommt mit einem Dauerrezept für diverse Medikamente. Er braucht noch nicht alles, gibt mir an, was er will und bekommt von mir das gewünschte.

Am Ende will er sein Rezept wieder, da er „sonst nichts in der Hand hat, wenn er es einmal in einer anderen Apotheke holen will.“

Wenn er es selbst bezahlt, hätte er das Rezept mitbekommen, aber die Medikamente darauf sind unproblematisch, darum mache ich ihm eine Kopie, vermerke die bisherigen Abgabe, stemple es auf der Rückseite und erkläre ihm, dass die andere Apotheke mir so anrufen kann, falls sie eine Frage hat.

„Reicht denn das?“ fragt er mich.

„Ja.“ Sage ich bestimmt. „Immerhin ist es ein Dauerrezept. Die Medikamente drauf sind auch nicht problematisch – wir nehmen auch solche Rezeptkopien an.“

Er geht wieder.

Eine Woche geht vorbei, dann ruft er an und sagt: „Ich brauche doch das Originalrezept.“

… das ist inzwischen unterwegs zur Abrechnungsstelle, wo es eingescannt wird.

Pharmama: „Weshalb? Hat die Apotheke ein Problem? Dann kann sie mich anrufen.“

„Es ist eine Versand-Apotheke. Die sagen, sie brauchen das Original.“

Ich verspreche ihm, dort anzufragen, ob das nicht auch anders geht.

Ich telefoniere also und erkläre der Telefonistin woher ich anrufe und weshalb. Dass ich für die Kopie verantwortlich bin und das Original inzwischen der Krankenkasse eingeschickt habe. Und ob das für sie denn so nicht reicht – mit meiner Bestätigung und so.

„Nein, tut es nicht. Wir brauchen das Originalrezept. Kopien dürfen wir nicht annehmen.“

Sie lässt sich nicht umstimmen – auch wenn sie mir zustimmt, dass das nicht wirklich Kundenfreundlich ist. Offenbar haben sie da andere Vorschriften wie wir.

Okay – wirklich unsinnig ist das nicht mit den Originalrezepten, dann wird sicher weniger Missbrauch damit getrieben. Andererseits … Hmmm. Unflexibel.

Ich überbringe dem Kunden die schlechte Nachricht und entschuldige mich für die Falsch-Auskunft. Das habe ich vorher auch nicht gewusst. An das Original-Rezept komme ich jetzt auch nicht mehr hin – wie gesagt, das wird eingescannt. Danach kann ich es wieder-holen und ausdrucken. Das wäre dann aber auch eine Kopie …

Er nimmt das (zum Glück) erstaunlich gut auf: „Ach, dann komme ich einfach das bei ihnen holen. Sie rechnen das ja auch der Krankenkasse ab – und gegebenenfalls kann ich das telefonisch bestellen und sie würden es ja auch bringen?“

Pharmama: „Ja – natürlich!“

Das ist ja ganz gut für uns ausgegangen. Für das nächste Mal weiss ich dann, dass (falls die Person das nachher beim Versand holen will) sie das Originalrezept braucht und ich dann halt die Kopie zur Abrechnung mit der Krankenkasse nehme. Bei uns geht das nämlich.

So wie die momentan wieder Telefonwerbung für Krankenkassenwechsel machen …

… ist das fast die beste Werbung für eine Einheitskrankenkasse.

Liebe Krankenkassen: DAS NERVT!

Noch mehr, wenn man weiss, dass das gar nicht mehr erlaubt ist. Die Frau hat dann auch rasch wieder aufgehängt, als ich ihr das gesagt habe und gefragt habe, für wen sie denn anruft. Mein Kuschelbär hatte gestern mehr Mühe die eine wieder loszuwerden. Er ist aber auch zu lieb.

(Nein, ich bin nicht für eine Einheitskrankenkasse – auch wenn das mit der Werbung dann prompt aufhören würde).

Verschreibungs- und Abgabe-einschränkungen

Ja. das gibt’s bei uns auch. Nicht alles darf “einfach so” verschrieben werden. Für manche braucht es spezielle Rezeptformulare (Betäubungsmittel), bei anderen ist das nicht so offensichtlich. Zum Beispiel beim Wirkstoff Isotretinoin, der für schwere Akne verordnet wird.
So gefallen mir derartige Rezepte überhaupt nicht:

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Das fängt eigentlich schon beim verordnenden Arzt an: Allgemeinmediziner, nicht Hautarzt – das Mittel sollte nur von Ärzten verschrieben werden, die sich mit der Behandlung auskennen. Aber das ist noch das wenigste. Wegen der Nebenwirkungen und speziell weil das Missbildungen macht (nicht: machen kann, sondern: macht) darf das Medikament nur mit Vorbehalten Frauen im gebärfähigen Alter verordnet werden. Die dürfen nicht schwanger sein und während der Behandlung auch ja nicht schwanger werden. Deshalb sind auch regelmässige Kontrollen angebracht – monatlich eigentlich:

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Da steht dann also drin (und meiner Meinung nach deutlich genug): Bei Frauen: nicht mehr als 30 Tage Therapie verordnen, dann neue Kontrolle. Keine Dauerrezepte.

Und dann bekomme ich WIEDER ein Rezept für eine 100er Packung – und wiederholbar 6 Monate !

Eigentlich darf ich das sogar nur einmal ausführen … immerhin steht da auch in der Packungsbeilage “Die Abgabe muss innerhalb von maximal 7 Tagen nach Ausstellen des Rezeptes erfolgen” … aber erzähl das mal der Patientin – und Du glaubst ja nicht, was Du zu hören bekommst, wenn du dem Arzt (wieder einmal) wegen dem anrufst.

Bei uns gibt es zum Glück ja keine (Null-)Retaxation. Das Maximum ist hier noch, dass die Krankenkasse das der Patientin nicht bezahlt, weil das in 100er Packung für sie “Off label use” ist, also eine Anwendung ausserhalb der (Packungs)vorschrift. Damit zumindest bekomme ich die Patientin dazu bei uns 30er Packungen zu beziehen … und wir können sie jeweils fragen, wie das aussieht mit Verhütung und Schwangerschaft. Wenn das der Arzt schon ganz offensichtlich nicht macht. :-(