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“Ensüledigüng”

Ein Gast-Beitrag von Charlin, ihres Zeichens PTA in einer deutschen Apotheke:

Abends spät um Dunkeln lief ich nach der Arbeit hungrig und gestresst heim.

“Ensüledigüng!” Ein sichtlich aufgebrachter, grimmig dreinschauender ´Türkisch Baba´nebst mitgebrachtem Gorilla schnitten mir den Weg ab, bauten sich vor mir auf, und unterbrachen lauthals die Musik aus meinen Kopfhörern.

“Ensüledigüng,” er hämmerte an die Glastür der Apotheke vor der er stand, er käme nicht rein.

“Nun, es ist auch fast acht, diese Apotheke hat bereits geschlossen. Aber es gibt Notapotheken…” 

“Diese Notapotheke!”

“Ja? Sieht mir nicht so aus?” (Auch hinten war kein Licht.)

Er wedelte mit dem Handy, hier sei die Notapotheke, stehe im Internet. Der Gorilla hatte inzwischen die Nachtklappe entdeckt, und fragte was er tun müsse damit diese auf ginge.

Ich zeigte ihm die Nachtglocke.

Aber da habe er doch schon ganz oft drauf gedrückt?

Ja, aber es sei ja niemand da, der ihm öffnen… Beide zeigten sich wutentbrannt. Scheise Apotheke. Immer die gleiche. Keiner Arbeit.

Ich suchte das (tatsächlich etwas versteckte) Notdienstschild. Am ersten Tag des Wochenplans hatte diese Apotheke tatsächlich Dienst gehabt. In Deutschland dürfen (es gibt auf dem Land Ausnahmen) Notapotheken maximal 20km voneinander entfernt sein. Von der aktuell geöffneten trennten uns vielleicht 7km – und der Rhein.

Mit dem Auto … Nix Auto.

Ohne Auto ist der schnellste Weg zur Bahn laufen, die hoffentlich fährt, fast 45 min zum HBF fahren, umsteigen, die selbe Strecke auf der anderen Rheinseite, Apotheke finden, und zurück. Also mindestens 3h.

“Oh nein, ich muss Frau anrufen. Was sage Frau? Besser ich geh Krankenhaus!”

Krank sah er nicht aus. Er wirkte zunächst erleichtert, dann kamen Zweifel. “Krankenhaus gibt Medizin, ja?”

“Nein, im Krankenhaus erhalten Sie ein Rezept für Medizin, mit dem Sie dann in die nächste Notapotheke gehen.”

“Aber ich brauche Hustensaft gegen Fieber für meine kleine Sohn!” Baba wurde fast flehend, Gorilla hingegen noch unruhiger.

Der Gorilla bot an SEINE Frau anzurufen, schließlich habe er auch Kinder, und vielleicht wisse seine Frau was zu tun sei. Er zögerte dennoch. Klar. Zwei Patriarchen die heldenhaft die Nacht der einen Familie retten wollen und dabei auf die Hilfe einer fremden und der anderen Frau angewiesen sind? Das kratzt am Stolz. Außerdem liefen vor meinem inneren Auge eine Menge Erinnerungen an Geschichten ab, die ich aufgrund von Unwissen oder Sprachproblemen mit Medikamenten erlebt habe. Das arme Kind.

Ich hatte eine Idee: Ich gab mich als PTA zu erkennen, führte ein Beratungsgespräch durch. Im Background allerdings kein Regal zum Reingreifen, sondern die Hausapotheke der Frau des Gorillas. Am Ende stand Medikation und Dosierung für die Nacht fest, was am nächsten Morgen aus der offenen Apotheke zu holen sei, unter welchen Umständen man zum Arzt gehen solle und welche die Notapotheken der nächsten Nächte sind.

“Ist beste, ist beste!” Medikament war beste, Lösung war beste, alles war beste.

Als die beiden zum Heim des Gorillas rannten, war ich glücklich. Kein Zeitdruck, keine Verkaufszahlen, keine Diskussion über Apothekenpreise.

Hatten die ein Glück sind sie an fachkundige Hilfe geraten! Das war wirklich das beste, was ihnen in dem Moment passieren konnte … ausser vielleicht noch direkt die richtige Notdienstapotheke zu finden. Super Idee auch, von der schon in der Hausapotheke vorhandenen Mittel auszugehen.

Telefonetikette – mal wieder.

Letzthin mussten wir einer Firma anrufen um herauszufinden, ob eines ihrer Produkte einen bestimmten Hilfsstoff verwendet.

Die Firma ist in der Schweiz beheimatet und in einem Nachbarkanton.

Etwas überraschend deshalb dieser Austausch:

Grüetzi, do isch … vo Pharmamas Apotheke, Ich ha e Froog betreffend eme Produkt vo Ihne …“

Unterbricht sie ihr Telefonpartner: „Könnten Sie bitte Hochdeutsch sprechen? Ich verstehe sie nicht.“

„Oh. Natürlich. Ich rufe von Pharmamas Apotheke an. Ich habe eine Frage betreffend einem Ihrer Produkte. Es geht um XY hat das ZZZ drin?“

„Ich weiss es nicht.“

„Könnten Sie bitte nachschauen gehen? Es ist wichtig.“

„Hmpf, ja. Einen Moment.“

Hmmpf?!?!
(längere Pause in der Musik spielt)

„Ich habe die Unterlagen geholt … leider … ist das Licht hier drin so schlecht und das ist so klein geschrieben. Ich kann das im Moment nicht entziffern. Rufen Sie doch in etwa 2 Stunden noch einmal an.“

„Äh was? Haben Sie keine Möglichkeit das woanders nachzuschauen? Im Computer oder so?“

„Das geht im Moment nicht.“

„Nun – dann schauen Sie, dass Sie es herausfinden und rufen SIE mich bitte zurück. Unsere Nummer ist …“

Dass er kein Schweizerdeutsch versteht (in einer Schweizer Firma in der Nordschweiz) Naja – kann vorkommen. Immerhin konnte er Deutsch (das scheint inzwischen nicht einmal mehr eine Voraussetzung zu sein dafür, dass man als Arzt im Spital arbeitet). Dass er Mühe hat, die Info herauszufinden … unschön, denn wofür ist er denn am Telefon für diese Firma? Aber dass er dann noch will, dass man ihnen nochmals anruft (und wahrscheinlich das Ganze nochmals durchgeht um an die Info zu kommen) – das ist einfach schlechtes Telefongebaren und nicht wirklich eine Dienstleistung.

 

Das zweite war, wie mir meine Kollegin erzählte dass ihr Vater wegen einer defekten Heizung angerufen hat bei der Firma, die das vor etwa 10 Jahren installiert hat. Es gab damals irgendwelche Probleme weil ihr Vater es auf genau eine Art haben wollte – und die Firma das erst eigenmächtig anders gemacht hat. Es wurde dann gelöst – die Heizung funktionierte auch problemlos seit dem – bis dieses Jahr. Also ruft er bei der Firma an und nachdem er sein Problem geschildert hat bekommt er dies zu hören:

„Herr … Sie sind ein dermassen unmöglicher Kunde, von Ihnen nehmen wir Anfragen nur noch schriftlich an.“

Nach 10 Jahren. Das war ein Angestellter, nicht einmal der Chef von damals. Ich nehme an, dass ihr Vater da einen Vermerk in seinen Unterlagen bei der Firma dort hat, aber … ehrlich? Das hätte man doch auch anders sagen können? Zum Beispiel nur: “Wir brauchen einen schriftlichen Auftrag.” Ohne zu sagen, weshalb … dann wäre er auch nicht so vor den Kopf gestossen worden.

Er hat dann bei ein paar anderen Firmen angefragt, ob jemand das machen kann – es war in den Feiertagen, da ist das nicht ganz so einfach. Und er hat eine gefunden, die das Problem schnell behoben hat. Zu den andern geht er nicht mehr zurück.

Kollegin: “Weißt Du, wenn ich das vergleiche mit dem, wie wir hier sind mit den Kunden und auch am Telefon … wir bemühen uns so darum freundlich und kompetent zu sein und machen fast alles … ich glaube darum finde ich das speziell schockierend.”

Recht hat sie.

Eurogewinne in der Apotheke? Was? Wo?

Der Mindestkurs wurde aufgehoben. Der Franken ist unglaublich stark. Für den Laien hört sich das tatsächlich nach einer guten Sache an … bekommt er doch mehr für sein Geld . Naja, zumindest, wenn er im Ausland einkauft – der Wirtschaft im Lande selber tut das nicht speziell gut – wie ich hier sozusagen im Logenplatz mitbekomme.

Anscheinend bekommt der schweizerische Apothekerverein jetzt Anfragen, weshalb die Apotheken die „Eurogewinne“ denn nicht weitergeben.

Was für Gewinne?

Ich möchte hier kurz die Situation der Apotheken in der Schweiz überreissen, in vielleicht etwas einfacheren Worten (und nicht so schönen) wie der Apothekerverein.

Eine Apotheke ist Teil des Gesundheitssystems, untersteht einer Menge Gesetzen, Regulierungen und Vorschriften, bekommt aber kein Geld vom Staat. Sie fällt unter normale Kaufmännische Unternehmen und muss im wirtschaftlichen Umfeld überleben können.

Vom Betriebsaufwand einer Apotheke fallen 2/3 unter Warenaufwand (lies: in einer Apotheke hauptsächlich Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel etc.)

Die Apotheke darf nur in der Schweiz zugelassene Medikamente anbieten.

Sie bezieht alle Medikamente in der Schweiz. (Keine Reimporte erlaubt).

Die Preise für von der Krankenkasse übernommene Medikamente sind vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) festgelegt (in der Spezialitätenliste SL nachsehbar). Diese werden an den Eurokurs angepasst – aber nicht wöchentlich.

OTC Medikamente und andere Ware – also solche, die vom Patienten selber bezahlt werden, beziehen Apotheken von einem Grossisten in der Schweiz – der hat sie vom Hersteller.

Momentan sind Preisreduktionen der Industrie (Hersteller) aufgrund Wechselkursgewinne nicht vorhanden. (Stand 30.1.15)

Momentan ist es auch so, dass die Schweizer Grossverteiler nur einige wenige Produkte zum Aktionspreis anbieten – womit sie sich zwar Kritik entziehen, aber diese Aktionen sind nicht mehr als zu anderen Zeiten.

Wenn die Apotheke Rabatte bekommt vom Grossverteiler oder Hersteller, gibt sie die auch gerne an die Kunden weiter.

 

Viel Luft ist aber nicht mehr drin bei den Apotheken. In den letzten Jahren hatten wir 3 verordnete Preissenkungsrunden bei den SL-Medikamenten. Aktuell beträgt die Preisdifferenz zu den Vergleichsländern +/- 5%. Jede 3. Apotheke in der Schweiz ist jetzt schon in der Existenz gefährdet. Preissenkungen um weitere 20% können nur durch tiefere Personalkosten (lies: Stellenabbau) aufgefangen werden, da Mieten, Versicherung und Infrastrukturkosten nicht sinken.

 

Wir hier in den Apotheken bieten mit guter Infrastruktur, die stetig angepasst wird und qualifiziertem Personal, das immer weitergebildet wird hochstehende Dienstleistungen an. Wir verkaufen nicht nur die Medikamente, auch wenn wir kaufmännische Unternehmen sind. Und ich werde alles tun, damit das auch weiterhin so bleibt.

 

Liebe Leute – mich nervt das auch, dass manches in der Schweiz soviel teurer ist als in Deutschland (Ja – ich schau Dich an, Weleda, aber nicht nur!). Aber ich habe hier nicht viel Wahl.

Kurz: Preissenkungen bei den Apotheken können nur erfolgen, wenn gleichzeitig die Einkaufspreise sinken – was bis dato nicht erfolgt ist.

Schlechter Tag?

Wir hatten da eine etwas …. schwierige Kundin. Angefangen hat das eigentlich, als ich bei ihrer Beratung kurz von der sich entschuldigenden Pharmaassistentin unterbrochen wurde um ein Rezept zu kontrollieren. Eine kleine aber wichtige Sache von hier nicht mal einer Minute und taktischer-weise zu einem Zeitpunkt, wo die Kundin gerade einen Moment überlegte, ob sie das Medikament jetzt kauft oder nicht.

Das gab dann die leicht gereizte Reaktion: „Sind Sie im Stress?“,

„Nein“ antworte ich freundlich „… ich habe nur diverse Aufgaben. Jetzt sind Sie wieder dran.“

Nachdem ich ihr ihr Wunschprodukt verkauft habe (waren es Tabletten gegen Allergie?) geht die Kundin noch in die Kosmetikabteilung.

Die Drogistin ist dort und begrüsst sie freundlich.

Wieder eine eher giftige Reaktion: „Ich kann selber schauen. Ich klaue schon nichts!“

Die sehr liebe Drogistin, die dafür da ist, zu helfen, ist darob zwar etwas vor den Kopf gestossen, lächelt aber tapfer und geht zur Kasse nicht weit daneben, um weiter Produkte etikettieren.

Währenddem hufft und pufft die Kundin und wirft ihr böse Blicke zu, während sie Lippenstifte malträtiert, äh … testet.

Schliesslich wirft sie ihren letzten Lippenstift hin und stampft zurück zu mir in die Apotheke, wo sie laut reklamiert, wie übel sie sich von der Drogistin behandelt fühle.

Ich höre ihr zu, mache einen Erklärungsansatz von wegen: „Das ist bei uns Vorschrift, dass immer jemand in der Nähe des Kunden bleiben muss…“ aber eigentlich hört mir die Kundin gar nicht zu.

Ganz offensichtlich merkt sie aber, dass ich die Kollegin NICHT deswegen massregeln will. Worauf sie auch mir gegenüber ausruft von wegen: „Mieser Service“ und „wie man hier Kunden behandelt ist unglaublich“ und “ob sie mir ihr vorher gekauftes Produkt zurück geben soll?!?”

Bevor ich etwas dazu sagen kann (es wäre auch nicht viel mehr gekommen als: „Das ist ganz allein Ihre Entscheidung … aber überlegen sie sich das, bevor sie gehen, wenn sie später wieder kommen, kann ich eine Retoure nicht mehr akzeptieren“) geht sie.

Ich schaue meine Drogisten-Kollegin an; Sie schaut mich an und zuckt die Achseln, da … kommt die Kundin zurück! Aber nur um in den Raum zu werfen: „Sie brauchen gar nicht über mich zu reden!“

Wieder aus dem Laden, über die Strasse und zum Cafe gegenüber, wo sie anfängt sich bei irgendeinem dort sitzenden und Kaffe trinkenden Kunden – der sie offenbar gar nicht kennt, so entsetzt wie er aussieht – lautstark über uns zu beklagen.

Mangels adäquater Reaktion lässt sie schliesslich auch ihn stehen (oder besser sitzen) und stapft davon.

Der Mann schaut uns an, wir ihn. – Er lächelt bloss und hebt die Tasse zum Gruss.

Ja, die hatte einen schlechten Tag.

Aber die kommt wieder.

Und sei es nur um sich auch noch bei meiner Kollegin beklagen.

Bitte?

Der nicht mal so alte Typ kommt zur Apo-Theke, deutet auf das Regal hinter mir und grunzt:

„Aspirin“.

Ich musste mich stark zurückhalten, nicht auch zu zeigen und zu grunzen: „Apotheke.“, „Regal.“ „Kasse“

Ich war natürlich anständig, aber das erinnert mich an das Restaurant-Schild auf dem stand:

  • Sirup! – 2 Franken
  • Sirup, Bitte – 1 Franken
  • Könnte ich bitte ein bisschen Sirup haben? – 0 Franken

Original hier:

Autschie!

Ihr kennt das: Ihr seid grad daran einen Kunden zu bedienen (oder in meinem Fall einen Patienten am beraten) und dann … schliesst ihr die Schublade direkt auf euren Finger. Fest.

“Autsch.” sage ich  und rede normal weiter mit dem Kunden. Oder besser, ich versuche normal weiter zu reden und das Gesicht nicht zu verziehen, denn mein Finger macht WEH! SEHR!

Unter dem Tisch schüttle ich ihn unauffällig und hoffe, dass der Nagel dran bleibt.

Wenigstens blutet es nicht, so dass ich die Beratung ohne weitere Unterbrechung beenden kann. Sowas ist wirklich peinlich / doof.

Nein, der Nagel bleibt wohl dran, aber der Finger wird schon schön blau.

Und Ihr so?

 

Stimmt.

Patient in der Apotheke: “Sie haben hier aber viel mit kranken Menschen zu tun!”

Genie.

Warum Tabletten abfüllen NICHT besser ist

Immer wieder gelesen in Kommentaren zu Sachen, die auch nur annähernd mit den Apotheken hier zu tun haben: Leute, die verlangen, dass nicht mehr ganze Packungen abgegeben werden, sondern Tabletten entsprechend der Behandlungsdauer abgefüllt werden.

Ich meine: das hört sich doch echt gut und praktisch an: Der Arzt verschreibt einfach genau die Anzahl Tabletten, die für eine Behandlung gebraucht werden – und der Apotheker füllt die ab und gibt sie ab. Statt bei einer 1 Wöchigen Behandlung mit einem Antibiotikum, das 2 x täglich zu nehmen ist und bei dem es nur 20er Packungen gibt, dann 6 Tabletten zu entsorgen, die man nicht gebraucht hat …

Vorteil: Preisersparnis, weniger Abfall.

abzaehlentabletten

Ich sag mal, das ist die Theorie. Die Praxis hält einige Nachteile parat … und Dank den USA, wo das üblich ist, kennen wir auch die Nachteile:

  • Es dauert wesentlich länger, bis zur Abgabe. Die Medikamente werden aus der Originalverpackung abgezählt und dann in Dosen abgefüllt. Bei 20 Tabletten geht das noch – bei 100 und mehr wird die Zeit signifikant länger. In Amerika gibt es deshalb Wartezeiten nach der Abgabe des Rezeptes mit einem Medikament … von 5 Minuten bis … (je nach Andrang) 2 Stunden (und mehr). Wenn nicht genug Tabletten an Lager sind, gibt es partielle Abfüllungen und die Kunden müssen danach trotzdem zusätzlich zurückkommen.
  • die Fehlerquote erhöht sich: Nach dem Ab- und Umfüllen müssen sie vor der Abgabe zusätzlich kontrolliert werden. Also nicht nur, was aussen auf der Packung steht, sondern ob der Inhalt mit damit übereinstimmt. Dafür braucht es den Vergleich mit einer Datenbank, die die Tabletten/Kapseln auch optisch zeigt. Die Patienten selber sehen so noch weniger, ob das, was sie bekommen, auch das richtige ist. Die Packungen sehen aussen immer gleich aus … und innen können die Kapseln im Aussehen wechseln, selbst wenn derselbe Wirkstoff verschrieben wurde. (Siehe Generika).
  • Der Abfall wird nicht geringer: Zusätzlich zu den kleinen Dosen, in die das dann abgefüllt wird, muss jedes Mal eine Packungsbeilage ausgedruckt und mitgegeben werden. Die wird zwar ziemlich sicher (da ausserhalb der Packung mit einem Gummiband oder so befestigt) bald entsorgt. Das verringert das Abfallproblem (bis auf die Tabletten selber) nicht wesentlich.
  • Es ist einiges Unhygienischer: Pillendosen in die man reinfasst, sind einiges unhygienischer als die Blisterpackungen. Die Tabletten sind so auch mehr der Luftfeuchtigkeit ausgesetzt und gehen schneller kaputt. Dass es zum Beispiel in Amerika durchaus üblich ist, beim abfüllen heruntergefallene Tabletten trotzdem abzupacken und das ganze (ausser bei gefährlicheren Wirkstoffen) üblicherweise nicht mit Handschuhen passiert, will ich hier nicht allzu breit treten. Immerhin gibt es für feste Arzneiformen wie Tabletten und Kapseln keine Vorschriften, dass die annähernd steril sein müssen …
  • Verfall wird kürzer: Die Tabletten in den abgepackten Blistern haben nicht annähernd das selbe Verfalldatum, wie die geöffneten Originalpackungen – sie dürfen nicht. Verfall von wenigen Monaten ist dann üblich. Klar, wenn man die Tabletten akut braucht und abgibt/nimmt, dann braucht es das auch nicht. Bei Dauermedikation (die dann aber auch so abgefüllt wird) schon eher.
  • Lagerhaltung wird mühsamer: Statt der lange haltbaren einzelnen Packungen, kann man nur noch Grosspackungen bestellen. Die nach dem Öffnen dann nur begrenzt haltbar sind. Das wird bei wenig gebrauchten Sachen sehr rasch unrentabel, weshalb man das noch weniger (gerne) an Lager hält. Das muss extra bestellt werden … und läuft danach im Regal halb oder nur teilweise angebraucht) dann ab. Und darf entsorgt werden. = Lagerverlust.
  • Von der Kontrolle bei den Betäubungsmitteln will ich hier nicht mal anfangen (einzeln täglich Tabletten nachzählen??)
  • Die Auswahl nimmt ab. Bei den Generika konzentriert man sich dann wirklich nur noch auf sehr wenige (ein einziges?), möglichst günstig eingekaufte Generika … das demnach auch häufiger mal wechseln kann. Je nachdem, welches aktuell das günstigste ist.
  • Ist das wirklich eine Preisersparnis? Zumindest in Amerika ist es trotz dem abfüllen nicht so, dass die Medikamente wesentlich weniger kosten … teils sind sie sogar einiges teurer als hier. Das hängt natürlich noch von mehr als dem ab, die haben ja ein ganz anderes Gesundheitssystem als wir. Allerdings sollte man bedenken, dass das hier dann auch angepasst werden müsste, denn bis jetzt ist das Abfüllen von Packungen so nicht erlaubt / gewünscht vom Gesetzgeber.
  • Die Arbeit des Apothekers verändert sich dadurch sehr – meiner Meinung nach nicht zum besseren. Statt vorne für die Patienten und ihre Fragen da zu sein, wird es zur Hauptaufgabe des Apothekers hinten zu kontrollieren, ob die Tabletten / Kapseln richtig abgefüllt wurden. Die Kontrolle machen wir heute auch schon, aber in einer Form, die uns genug Zeit lässt für die Patienten selber.

An der Kasse und auch beim Abfüllen stehen in Amerika hauptsächlich „Techs“ … faktisch Pharmaassistenten, aber mit wesentlich geringerer Ausbildung als hierzulande. Das liegt daran, dass man eine Menge Leute braucht, um alle Medikamente abzufüllen. Da nimmt man dann eher die “günstigeren”.

Also: Nein, ich hoffe, das kommt so nicht zu uns. Da steht Aufwand in keinem Nutzen zum Vorteil.

So – und nach diesem kurzen Ausflug in andere Systeme, mache ich wieder etwas Pause. Ich hoffe, ihr seid alle gesund und gut durch die Feiertage gekommen!

Ein Rezept ist kein Gutschein um etwas gratis zu bekommen

… oder: ein Einblick in das Schweizer Gesundheitssystem.

Die Frau bringt mir 3 Rezepte und 3 Kassabons.

Sie hat die Medikamente (nicht rezeptpflichtiges) ohne Rezept gekauft.

„Könnten Sie mir das Geld dafür zurück geben und das der Krankenkasse abrechnen?“

Hmm … ich mache das gelegentlich. Hauptsächlich dann, wenn ein Patient etwas gleich braucht und sowieso zum Arzt geht, dann kann er sich beim Arzt dafür ein Rezept ausstellen lassen. Aber bei frei verkäuflichen Sachen, wie die, die auf den Quittungen stehen empfehle ich das eigentlich niemandem, denn: Das Rezept ausstellen lassen kostet beim Arzt auch etwas. In den meisten Fällen lohnt sich das nicht wirklich. Und dann ist da noch die Sache mit der Franchise … aber dazu kommen wir noch.

Jetzt … sind aber 2 der 3 Kassabons nicht von unserer Apotheke.

Das mag ich dann gar nicht, denn das bedeutet hauptsächlich erst mal, dass ich da ausser der Arbeit gar nix dran habe.

Für eine Stammkundin, die das woanders holen musste, weil wir zu dem Zeitpunkt geschlossen hatten (selten, wir haben echt lange Öffnungszeiten), würde ich das machen. Aber … die Frau ist noch nicht mal bei uns im Computer erfasst. Sie hatte noch nie ein Rezept bei uns, keine Kundenkarte oder ähnliches.

Ich könnte jetzt sperren, aber ich bin ja nett und kundenfreundlich.

„Haben Sie mir die Krankenkassenkarte?“ frage ich

„Weshalb?“

„Nun, wenn Sie wollen, dass ich Ihnen dafür das Geld zurückgebe und das via die Krankenkasse abrechne, dann brauche ich die dafür.“

Sie fängt an in ihrem Portmone zu suchen und findet nichts.

„Sie könnten natürlich auch einfach die Quittungen an die entsprechenden Rezepte hängen und das so selber der Krankenkasse einsenden. Dann bekommen sie auch ihr Geld dafür zurück.“

Die Frau verzieht das Gesicht. „Ich weiss noch nicht einmal, ob ich die Franchise erreicht habe“ meint sie.

Die Franchise ist der Teil, den man erst mal selber bezahlt. Sie ist frei wählbar bei Vertragsantritt und erst ab erreichen der Franchise zahlt die Krankenkasse die Medikamente oder Untersuchungen / Behandlungen.

Pharmama: „Nun, wenn Sie sie nicht erreicht haben, dann bekommen Sie, wenn ich das der Krankenkasse einschicke, wieder eine Rechnung von der Krankenkasse dafür. Wenn Sie es selber einschicken, wird es zusammengerechnet und Sie bekommen gegebenenfalls das Geld zurück.“

Das ist – in meinen Augen – unnötiger Ping-Pong und genau die Art Bürokratischer Aufwand, der vermeidbar wäre.

Frau: „Ich weiss nicht, wie man das macht, selber einschicken.“

Pharmama: „Oh, das ist einfach: Sie packen einfach die Rezepte zusammen mit den Quittungen in ein Couvert mit der Adresse der Krankenkasse drauf und schreiben eine kurze Notiz mit Ihrem Namen und vielleicht noch ihrer Versichertennummer dazu.“

Frau: „Das ist mir zu aufwändig. Machen Sie das.“

Pharmama: „Dann brauche ich jetzt die Krankenkassenkarte.“

Frau: „Ich habe sie nicht dabei – ich gehe rasch meinem Mann telefonieren.“

Und geht, noch bevor ich ihr sagen kann, dass sie nicht nur den Kassen-Namen, sondern die 21stellige Nummer braucht, die drauf ist.

Es geht nicht lange, dann kommt sie zurück.

Frau: „Es ist die Assura.“

Oookayyy … dann brauche ich die Nummer gar nicht ….

Pharmama: „Diese Krankenkasse hat keinen Vertrag mit den Apotheken. Ich kann also nicht direkt mit der Krankenkasse abrechnen. Da bleibt ihnen nichts übrig als die Rezepte und die Quittungen so, wie ich gesagt habe selber einzuschicken.”

Frau: „Aber man hat mir gesagt, dass das geht mit dem Geld zurück und dass Sie das direkt mit der Krankenkasse abrechnen!“

Pharmama: „Im Normalfall ist das auch so. Aber: es gibt Ausnahmen bei den Krankenkassen. Das ist eine davon. Dasselbe gilt für die Intras, die Supra, die Compact …“

Die Frau verzieht noch mehr das Gesicht, packt ihre Rezepte und Quittungen zusammen und geht wieder.

Ja, sieht so aus, als wäre ich wieder die Böse. Wenn sie mir nicht glaubt, kann sie es ja noch in den anderen beiden Apotheken versuchen, wo sie die anderen Quittungen her hat.

Fällt mir auf, dass ich gar nicht so weit gekommen bin, sie auf das Problem hinzuweisen.

Und dann ist noch die Frage, ob sie auch eine Zusatzversicherung hat, denn nicht alle Medikamente (speziell wenn sie frei erhältlich sind) werden von der Grundversicherung übernommen.

Die war nicht alt, die Frau. Und Schweizerin. Und trotzdem keine Ahnung von unserem Gesundheitssystem und keine wirkliche Übersicht über ihre eigenen Ausgaben oder Leistungen der Kasse.

Da sie dafür vom Arzt Rezepte hat ausstellen lassen, wird sie dafür auch zahlen, der Arzt schickt einfach eine Rechnung später – also hat sie mehr Ausgaben gemacht als nötig / sinnvoll. Und vom Aufwand mal ganz abgesehen …

Weihnachts – Aktion für “Einmal täglich”

Mitte November haben wir jetzt (schon) … und bis Weihnachten sind es nur noch 5 Wochen.

… und vielleicht suchst Du noch etwas, mit was Du dieses Jahr Deinen Mitarbeitern und Angestellten eine Freude machen kannst? Vielleicht braucht Dein Chef eine Idee?

Falls ja, hätte ich da genau das richtige für Dich! Falls Du mich noch nicht kennst: Ich bin Pharmama, Apothekerin irgendwo aus der Nordwestschweiz aus meinem gut frequentierten Blog ist letztes Jahr das Buch “Haben Sie diese Pille auch in grün?” entstanden.

NEU gibt es die Geschichten aus der Apotheke als Cartoons:

bookcovereinmal

Einmal täglich: – mit 210 Seiten Cartoons aus der Apotheke.

Bilder sagen mehr als 1000 Worte und mit „Einmal täglich“ zeigt Autorin Pharmama nach dem Buch “Haben Sie diese Pille auch in grün?”, dass sie auch zeichnen kann … und liefert einen humorigen und optisch ansprechenden Einstieg in die Arbeit der Apotheke und die Tücken der Patientenbetreuung und des Gesundheitswesens. So ganz nebenbei lernt man noch etwas über die richtige Anwendung der Medikamente.

Haben Sie diese Pille auch in grün? Ist im Buchhandel oder bei Amazon erhältlich und kostet nur  EUR 9,99

Einmal täglich ist bei Amazon oder direkt bei Createspace erhältlich. Der Verkaufspreis beträgt EUR 10,63

WEIHNACHTS-AKTION:

RED-BOWwebMit dem GUTSCHEIN-Code bekommst Du bei der Bestellung von Einmal täglich direkt bei Createspace  50% auf den Verkaufspreis.  (Egal, wie viele Bücher Du nimmst).

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Bei einer Bestellung ab 10 Stück erhältst Du damit ein Buch (Inklusive Priority Versand) für ca. EUR 7,60 …  was umgerechnet einer Ersparnis von etwa 30% auf den Verkaufspreis bei amazon entspricht.  Noch günstiger wird es bei längeren Versandzeiten – früh bestellen lohnt also!

Ein Weihnachts  oder Jubiläumsgeschenk für unter 10 Euro pro Person – das ausserdem noch passend ist, qualitativ hochwertig und lange für gute Erinnerungen sorgen wird!

Bei Bestellungen ab 10 Büchern bei Createspace oder Amazon bis am 20. Dezember gebe ich ausserdem GRATIS noch Grusskarten im Wert von EUR 1,20/Stck mit einem Bild und persönlich signiert dazu – so viele, wie Bücher bestellt wurden!

Nicht warten, gleich bestellen!

In dem Sinn wünsche ich gutes Arbeiten und frohe Festtage!

Deine Pharmama

P.S: Um die Karten zu bekommen, muss man einfach das Bestätigungsemail der Bestellung von Amazon / createspace mit der angehängten Adresse, wohin die Karten gehen sollen, an mich weiterleiten: pharmama08@gmail.com


4 Apotheken haben von dem Angebot schon Gebrauch gemacht. Wäre das nicht auch etwas für Euch?


(Zur Bestellung bei Create-Space gibt es bei Problemen hier eine Anleitung:) Lies den Rest dieses Beitrags

Multitalent

Die recht bunt angezogene Frau um die 50 kommt in einer ruhigen Minute spät-nachmittags in die Apotheke.

Ich empfange sie am Tresen.

Frau: „Ich wollte fragen – sie brauchen jemanden zum putzen?“

Pharmama: „Putzen? Sie meinen hier in der Apotheke?“

Frau: „Ja. Ich Putzfrau. Sehr gut.“

Pharmama: „Ah –  wir haben schon jemanden, der für uns putzen kommt.“

Frau: „Sie nicht brauchen noch jemand?“

Pharmama: „Nein, tut mir leid.“

Frau: „Oh – aber Danke fürs sagen – ich sehe, sie nette Frau!“

Pharmama: „Danke?“

Frau: „Soll ich ihnen Aura lesen?“

Pharmama: „Äh – was?“

Frau: „Ich ihnen mache eine Probelesung, okay? Sie nette Frau, das sehe ich! …

(sie nimmt meine Hand und dreht sie)

… Sie sehr freundliches Gemüt und feste Persönlichkeit. Ja, ich sehe sie starke Frau. Sie alles machen selber, nicht?“

Momentan schon – die andern haben Pause  :-)

Ich nicke freundlich, aber nicht überzeugt. Klassische Komplimente zum Anfang?

Frau: „Ich sehe aber, dass sie Neider haben. 2 Neider. Eine ist schon länger her und nicht so nahe, aber eine davon ganz in der Nähe. Sie wissen, wen ich meine?“

Naja – eigentlich habe ich damit schon genug gehört. Wer hat schon keine Neider – oder zumindest irgendwann im Leben gehabt, aber … ich brauche das momentan nicht. Vielleicht ist das reine Verdrängungshaltung, vielleicht will ich einfach nicht unnötig Unruhe rein bringen, aber ich vermute, das nächste was sie mir erzählen wird ist wo ich den Neider zu suchen habe … und das … will  ich einfach nicht. Wenn man so etwas erzählt bekommt, eigentlich fast egal von wem, dann fängt man automatisch an, nachzudenken auf wen das zutreffen könnte. Und: Ich bin zufrieden und ich brauche weder Neider noch Aura-leser dafür. Also … klemme ich sie ab.

Pharmama: „Das ist sehr nett von ihnen, dass sie mir das gezeigt haben….“

Frau: „Wenn ihnen das gefällt, kann ich ihnen noch mehr sagen, wir dann einfach machen Termin für grosse Aura-lesen.“

Pharmama: “Danke vielmals, aber ich glaube, das ist nichts für mich.“

Die Frau zuckt die Schultern, wir wünschen uns gegenseitig noch einen „Schönen Abend!“ und sie geht wieder.

Später fällt mir ein: das wäre vielleicht ein Ersatz für meine kaputte Glaskugel gewesen.

Hättet ihr Verwendung für eine Auralesende Putzfrau?

Wie finde ich eine Stelle als Apotheker? (Rerun)

Also, falls Du von all den Kundengeschichten nicht abgeschreckt worden bist und Dich entschlossen hast, nach dem Studium Offizin – Apotheker zu werden:

herzliche Gratulation!

Das ist (immer noch) ein sehr gesuchter Beruf wo es auch jetzt noch recht problemlos möglich ist, Arbeit zu finden. Aus Mangel an qualifizierten Pharmazeuten, gibt es sogar Vollzeitstellen, die nicht besetzt werden können … aber man kann sehr gut auch Teilzeit arbeiten, also ideal für Frauen.

Voraussetzungen für die Arbeit als Offizin-Apotheker: abgeschlossene Matura, 5 Jähriges Studium der Pharmazie und Assistenzjahr in einer Apotheke samt bestandener Prüfung.

Und wo findet man dann die Stelle? Apothekerstellen werden kaum in Zeitungen ausgeschrieben, das läuft alles über die Fachkanäle:

Die Zeitschrift des schweizerischen Apothekervereins: dem Pharmajournal – respektive deren Internetauftritt: Pharmajournal-Stellenanzeiger

Auch sehr beliebt: sammelt die Seite Pharmapro.ch offene Stellen.

Auf apotheke-adhoc.de findet man Stellenangebote für Deutschland.

Wie man sehen kann, habe ich nichts falsches geschrieben: tonnenweise offene Stellen. Also?

…. ergänzenderweise möchte ich noch erwähnen, dass man als Apotheker nicht in die Offizin muss, Es gibt ja noch die Möglichkeit in die Industrie zu gehen (Forschung und Entwicklung), in die Qualitätskontrolle oder in die Registrierung von Arzneimitteln.

Aber mir gefällt die Arbeit in der Offizin – auch wenn ich hier gelegentlich etwas jammere, oder mich abreagieren muss. Ich würde nichts anderes wählen.

Interessanterweise sehe ich jetzt (der Originalartikel ist von 2009) einen Trend, der zurück in die Apotheke geht. Leute, die in Industrie, Registrierung und Ausbildung gearbeitet haben wollen wieder zurück in die Apotheke – dem direkten Patientenkontakt zuliebe. Schön!

Wie wird man eine gute Apothekerin?

Frischer weisser Schurz und den Kopf voll von theoretischem Wissen – so stehen neue Apotheker in der Apotheke. – Bald ist es wieder soweit, die Abschlussprüfungen des hiesigen Jahrgangs sind bald fertig, dann fängt für einige Apotheker/innen die Arbeitswelt an.

Apotheker zu sein und fertig ist anders als die Arbeit im Praktikumsjahr. Auf einmal kann man sich nicht mehr hinter jemandem anderen verstecken – man hat niemanden mehr, der für einen hinsteht und die problematischen Fälle ausbügelt und Lösungen beschliesst. Auf einmal arbeitet man alleine.

Wahrscheinlich ist man nicht darauf vorbereitet. Als Neuling ist man das eigentlich nie. Ich war es sicher auch nicht.

Als ich hier in der Apotheke anfing, hatte ich einen Probetag hinter mir (eine Woche zurückliegend) und das war’s dann. Denn am Tag als ich eingeführt werden sollte, meinte mein Chef – „Ich fühle mich nicht so gut, ich denke, ich gehe nach Hause. Du machst das schon.“

Und weg war er. Krank zu Hause.

Und da stand ich. Allein. Mit der ganzen Verantwortung nur noch auf meinen Schultern.

Kein Sicherheitsnetz mehr.

Ich hab’s überlebt. Mich mit Hilfe der anderen Mitarbeiter ins Geschäft eingearbeitet – und ein paar Tage später dann doch noch eine richtige Einführung bekommen.

 

Aber ich habe hier ein paar Tipps für die frischen Pharmazeuten:

Das Studium der Pharmazie gibt einem ein Diplom, aber es bringt einem nicht wirklich bei, wie man ein Apotheker wird. Man ist nicht fertig mir lernen, nur weil man den Abschluss in der Tasche hat. Eigentlich … fängt man erst richtig an. Im Studium wird einem alles in schwarz/weiss beigebracht. Das ist aber nicht so, tatsächlich gibt es eine Menge graue Abstufungen. Was für die eine Person funktioniert, missrät bei der nächsten völlig. Es gibt keine Patentlösungen, die bei allen Situationen klappen. Wenn man das versteht, ist man schon sehr weit. Wer flexibel ist, wird nicht gebrochen.

Lass Dir Zeit. Entgegen dem, was manche zu denken scheinen, geht es nicht darum Rezepte so rasch wie möglich auszuführen. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst um es korrekt zu machen – bei jedem einzelnen Rezept. Mit der Übung geht es schneller – aber noch einmal: das Ziel ist richtig und nicht schnellstens.

Du bist nicht besser als andere, nur weil Du jetzt eventuell mehr verdienst. Es mag sein, dass Du alle möglichen Fakten und Statistiken im Gedächtnis hast, jede Art Behandlung für alle Krankheiten aufsagen kannst, aber gegenüber der eingesessenen Apothekerin, die Patienten hat, die man fast nur als Fans bezeichnen kann, hast Du nichts voraus. Sie kümmert sich um sie. Und sie wird deshalb zurückgeliebt.

Eine überhebliche Einstellung bringt einen nirgendwohin. Nur weil man einen weissen Schurz anhat, macht das einen nicht besser als andere. Oder weiser. Tatsächlich werden die Leute Deine ältere Pharmaassistentin lieber um Rat fragen … jedenfalls, bis man selber ein paar Jahre zugelegt hat. Wenn man jung und weiblich ist, gilt das noch viel mehr, als wenn man jung und männlich ist. Da muss man drüber wegkommen. Das ist nicht persönlich gemeint. Das ist einfach so.

Schau die Leute anders an. Man sieht im Normalfall das, was man sehen will. Wenn man sich antrainiert, etwas Gutes in jedem zu finden, wird man den Leuten auch einfacher verzeihen, wenn sie einen enttäuschen und – wichtiger, sie werden dir verzeihen, wenn du sie enttäuscht.

Du hast kein Recht unhöflich zu sein. Nie. Bis zu dem Moment, wo Du deinen eigenen Lohn zahlst, wirst Du immer jemanden haben, dem Du Rechenschaft schuldest und Unhöflichkeit wird von Deinen Vorgesetzten nicht verteidigt, sogar wenn sie vielleicht gerechtfertigt war.

Es ist nie die Nachricht, die schlecht ankommt bei den Leuten, es ist normalerweise, wie man es sagt. Effektive Kommunikation ist ein Kurs, wo sich die Weiterbildung lohnt. Rede nicht an jemanden heran, rede mit ihm. Es ist okay zu sagen, „Wenn ich sie richtig verstehe, dann …“ . wenn sie denken, Du verstehst sie, dann hast Du die halbe Schlacht gewonnen. Es ist wichtig, zu empathisiseren. Wenn Dein Kunde der Überzeugung ist, dass Du auf seiner Seite bist, wird er Dir weniger Probleme machen. Zum Beispiel: es hört niemand gerne, dass der Arzt immer noch nicht das Rezept geschickt hat. Da kann man durchaus sagen: „Ich verstehe, dass sie das ärgert! Uns macht es auch verrückt, wenn wir schon 2 x angerufen haben und trotzdem nichts passiert. Vielleicht rufen sie einmal an, schliesslich sind sie ja der Patient.“

Sei deinen Kunden ein Freund.

Rede mit Deinen Patienten. Das ist der gute Teil des Jobs. Natürlich gibt es darunter welche, die einen verärgern (manchmal auch absichtlich), langweilen oder schocken. Aber am Ende des Tages ist das der Teil der Arbeit, der einem am meisten zurückgibt. Versuch es, auch wenn Du (wie ich) eher zu den introvertierten Leuten gehörst.

Stell Fragen statt Dinge anzunehmen. In der Apotheke geht es oft um die Gesundheit – und damit auch um das Leben der Menschen. Dinge anzunehmen statt sie zu erfragen und damit zu wissen kann sehr negative Auswirkungen haben. Also frag beim Arzt nach, wenn etwas unleserlich oder eine Dosierung unklar ist. Frag den Patienten, ob er weiss, wie man etwas nehmen muss und erkläre es ihm noch einmal, selbst wenn er es schon hatte.

Deine Pharmaassistentinnen sind deine rechte Hand und dein Lebensretter. Sie können deine Arbeit einfach machen oder schwerer. Natürlich gibt es welche, die besser sind als andere, aber arbeite mal ein paar Stunden ganz alleine – dann weißt Du, was Du an ihnen hast. Nur weil sie kein Diplom haben, heisst das nicht, dass sie nicht auch wertvoll sind.

Lerne von Deinen Fehlern. Obwohl man von uns nahezu Perfektion verlangt, sind Apotheker doch auch Menschen und wir machen Fehler, wie jeder andere auch. Ich selber habe einige Fehler gemacht, falsches Medikament gelesen, falsche Dosis angeschrieben und manches falsch eingeschätzt. Wichtig ist, dass man wirklich von den Fehlern lernt und sie nicht wiederholt – wo möglich.

Involviere Dich in den Zukunft deines Berufes und halte Dich informiert, was um Dich herum passiert. Das Gesundheitswesen ändert sich schnell – und es gibt Sachen, die man machen kann, damit man am Schluss nicht nur das ausführende Opfer ist. Du entscheidest mit, wohin der Apothekerberuf gehen wird. Also ist es wichtig beim Apothekerverein Mitglied zu werden – und vielleicht auch in anderen involvierten Organisationen.

Wenn du etwas sagst, dann halte es. Versprich nicht jemandem etwas und mach es dann nicht. Und wenn du es nicht durchziehen kannst, dann solltest Du besser alles versucht haben, bevor du aufgibst. Wenn Du etwas nicht tun konntest für einen Patienten, dann sollte er wissen, dass Du dein Bestes gegeben hast.

Hab Spass. Natürlich ist die Arbeit anstrengend – auf so ziemlich allen Ebenen, aber es gibt immer wieder Möglichkieten bei der Arbeit Spass zu haben. Mit den Kollegen zu scherzen. Ausserhalb etwas zu unternehmen. Ergreife die.

 

Das sollte es etwa sein. Deine Patienten mögen nicht so gut zu dir sein, wie Du zu ihnen, aber wenn Du Haltung bewahrst, realistische Erwartungen hast, Deine Grenzen lernst und Dich anständig benimmst, und Dich um sie kümmerst – dann bist Du eine gute Apothekerin. Und das ist ein sowohl fordernder als auch lohnender Beruf.

Können wir hier helfen?

Zwei Primarschülerinnen kommen in die Apotheke und fragen mich: „Können wir hier helfen?“

Ich (total überrascht: die sind nicht älter als 10, Maximum): „Wie helfen?“

„Na, wenn neue Sachen kommen, ins Regal stellen, versorgen und so.“

Ah. Taschengeld aufbessern?

„Ihr meint, ihr wollt hier arbeiten?“

„Ja.“

„Oh, sehr nett von Euch, aber das geht nicht: erstens seid ihr zu jung und dann ist die Drogerie kein geeigneter Ort für Schulkinder: zu viele giftige Sachen und so.“

Aber als sie weg sind, musste ich das nochmals nachschauen. Wie war das noch? Info über Jugendarbeit findet sich hier.

Demnach sind Gefährliche Arbeiten für Jugendliche grundsätzlich verboten.

Und was gilt als gefährlich? Zum Beispiel das Arbeiten mit gesundheitsgefährdenden Chemikalien;

Das ist vielleicht noch diskutabel – immerhin sind unsere Chemikalien doch meist ziemlich gut verpackt … ausser man muss sie abfüllen gehen. Aber dann steht da noch:
Vor dem 15. Geburtstag ist eine Beschäftigung Jugendlicher grundsätzlich verboten.

Hmm … ich dachte aber, ich habe schon vorher … Ah, da steht auch:

Ab 13 Jahren sind leichte Arbeiten erlaubt. Damit sind z.B. kleine Erledigungen, Ferienjobs und Schnupperlehren gemeint. Die leichten Arbeiten dürfen keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit, die Sicherheit und die Entwicklung der Jugendlichen haben
und weder den Schulbesuch noch die Schulleistung beeinträchtigen.

Tja, Pech für die engagierten Schüler – aber Schule geht vor. Und sie sind auch wirklich noch etwas sehr jung gewesen.