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By proxy?

Im Computerdossier des Kindes dessen Rezept ich vor mir habe, ist schon ein Kommentar, der darauf hinweist, dass das Kind nach der letzten Infektion und Behandlung einen Rückfall gemacht hat … und dass es da schon ziemlich lange krank war. Jetzt ist es nur 2 Monate später und die Mutter steht wieder da mir einem Rezept für ein Antibiotikum.

Ein neues diesmal: Bactrim Sirup.

Und das macht mir jetzt ein bisschen Probleme: Der ist ausser Handel. Recht erfreut bin ich, dass wir aber noch einen an Lager haben – so dass die Behandlung gleich beginnen kann. Und dass es noch ein Generikum gibt, damit wir die Behandlung lange genug weiter führen können.

Ich schreibe das Mittel an, erkläre der Mutter die Anwendung, zeige ihr, wie das mit dem Löffel geht: untere Rille entspricht 5ml … dass es wichtig ist, das regelmässig (morgens und abends) und lange genug zu geben und gebe ihr den Abholzettel mit für den Nopil Sirup, damit die Behandlung auch wirklich lange genug weiter geführt werden kann.

Die meisten Eltern holen Medikamente wie Antibiotika die bestellt werden müssen sehr bald ab. Bei der hier dauerte es länger.

Was für uns in dem Fall übrigens noch gut war, denn wie sich herausstellte war es inzwischen so, dass auch der Nopil Sirup in der Schweiz ausser Handel gegangen ist. Genau an dem Tag, an dem ich ihn gebraucht hätte! Und bestellbar ist er auch nicht mehr. Damit gibt es in der Schweiz keinen Sirup mit Sulfamethoxazol und Trimethoprim (=Cotrimoxazol) mehr. Aus, fertig. Nur noch Tabletten, und die kann man einem etwa 4 Jährigen Kind nicht geben.

Mir blieb so nicht viel anderes übrig, als den Cotrim Sirup aus Deutschland zu besorgen.

Und dann kommt niemand die Packung abholen. Jedenfalls nicht zu dem erwarteten Zeitpunkt an dem die alte Packung fertig sein müsste.

Dafür kam ein Telefonanruf der Mutter … sie wollte wissen, wie schlecht es ist, wenn sie das gelegentlich abends nicht gegeben hat. Anscheinend hat sie mein „regelmässig morgens und abends“ so verstanden, dass wenn sie den Sirup nicht zur gleichen Zeit abends (ca. 7 Uhr, Nachtessenzeit) geben konnte, ihn dann einfach ganz weggelassen hat, weil es „zu spät“ dafür war. Argh! Das habe ich garantiert nicht mal ansatzweise so gesagt. Aber es erklärt, weshalb er so lange gereicht hat.

Man instruiert sie noch einmal über die korrekte Anwendung – ja, auch abends, auch wenn es eine oder 2 Stunden später ist, Hauptsache, sie nimmt es … und dass da noch die 2. Flasche bei uns ist zum abholen, damit man es lange genug geben kann.

Dann kommt sie sie abholen, nur um ein paar Tage später anzurufen: Sie brauche noch eine Packung.

Leichte Verwirrung auf unserer Seite: Was jetzt? wieso? Nach unserer Berechnung müsste diese 2. Flasche reichen.

Stellt sich dann heraus, dass sie von sich aus entschieden hat statt der unteren Rille im Löffel beim neuen jeweils den ganzen Löffel (also effektiv 10ml) zu geben, weil das andere zu kompliziert wurde (?)

Gut – sie hat Glück. Bei dem Medikament ist eine solche „Überdosierung“ nicht so ein Problem. Aber es ist nicht so, wie sie es anwendenden soll. Schon wieder nicht.

Also – ja, man bestellt noch eine Packung und erklärt noch einmal die korrekte Anwendung und gibt diesmal auch noch extra eine Dosierungsspritze mit ab – damit das Löffelproblem garantiert nicht mehr auftritt.

Aber jetzt mal ehrlich: nach all dem verstehe ich besser, weshalb das bei dem Kind so lange nicht besser wird. Ein bisschen tragisch ist das auch. Der Mutter fehlt es irgend an etwas, damit die Behandlung auch wirklich klappt – und bei Kindern ist der Behandlungserfolg halt vor allem davon abhängig, wie die Eltern mit involviert sind.

Ob da wirklich das Problem schon – wie ich im Titel andeute – ein Münchhausen by proxy ist, oder ob das einfach eine gewisse Unfähigkeit der Mutter ist … ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich das sehr gut im Auge behalten werde.

Stress mich nicht!

Eine Frau kommt am Morgen in die Apotheke. Die Pharmaassistentin gibt sie gleich an mich weiter, weil sie ein rezeptpflichtiges Medikament ohne Rezept verlangt.

Die Frau ist in meinem Alter und sehr chick – businessmässig angezogen. Dazu passt auch der Stress, den sie anfängt zu machen, kaum dass sie mich als Apothekerin erkennt:
“Ich habe wieder einmal eine Blasenentzündung. Geben Sie mir ein Antibiotikum, das hatte ich auch schon öfter ohne Rezept bekommen. Ich bin nur auf Geschäftsbesuch hier und habe keine Apotheke!”

„In Ordnung“ sage ich. „Was sind denn genau Ihre Beschwerden?“

„Muss das sein?“ fragt die Frau – „Ich weiss ja, was ich habe und was ich brauche — und mein Taxi wartet draussen. Ich hab’s eilig!“

Ich gehe einen halben Schritt zurück und hole Luft. Ich mag Leute, die mich unter Druck setzen, damit sie eher das bekommen, was sie grad wollen gar nicht. Ob ich ein rezeptpflichtiges Medikament abgebe oder nicht liegt in meiner Verantwortung. Und genau deshalb kläre ich das auch zu meiner Sicherheit individuell vorher ab.

Pharmama: „In dem Fall würde ich vorschlagen, Sie nehmen Ihr Taxi und versuchen das später noch einmal, wenn Sie genug Zeit haben ein paar Fragen zu beantworten.“

Jetzt habe ich sie wohl überrascht. Jedenfals schaut sie mich etwas erstaunt- ungläubig an.

„Ich bekomme das nicht?“

Pharmama: „Sie können das vielleicht hier bekommen, wenn ich das richtig abklären kann. Dafür brauche ich ein paar Minuten. Aber das ist Ihre Entscheidung.“

Am Ende hatte sie dann doch genug Zeit für die paar Fragen.
Ich reagiere nicht gut unter Druck. Tatsächlich neige ich dazu dann noch etwas langsamer und genauer zu werden, weil ich weiss, dass auch mir dann eher Fehler passieren. Und freundlicher werde ich dabei wohl auch nicht ….

Die guten alten Zeiten …

… die sich manche zurück wünschen. Waren die wirklich so gut? In der New York Times kann man im Archiv alte Zeitungen anschauen.

Da stand offenbar auch wöchentlich in der Zeitung, wieviele und woran die Leute gestorben sind. Das zu lesen kann ziemlich Augenöffnend sein:

Beispiel vom 4. Oktober 1851

timesdeaths1851

Quelle New York Times (paywall) via mentalfloss

Total 340 Tote, davon 58 Männer, 78 Frauen, 94 Mädchen und 110 Jungen. (Ziemlich hohe Kindersterblichkeit)

Woran starb man denn damals? Die veröffentlichte Statistik gibt eine interessante Übersicht:

  • Abzess – Eiteransammlung 1
  • Apoplexy 9 (Schlaganfall, aber auch allgemeine Blutungsstörung und konnte verschiedene Organe betreffen)
  • Asthma 2
  • Bleeding – Blutung (Verblutet nach Unfall?) 1
  • Leberblutung 1
  • Magenblutung 1
  • Lungenblutung 1
  • Burn’d or Scal’d – Verbrannt oder Verbrüht 1
  • Bronchitis 1
  • Catarrh 1 (eigentlich auch eine Schleimhautentzündung, weshalb hier die Differenzierung zur Bronchitis?)
  • Cancer of Breast – Brustkrebs 1
  • Casualities – Unfall  1
  • Cholera im Kindesalter 1
  • Colic – Kolik 1 (Magenkrämpfe? Was für Ursache?)
  • Consumption – damit ist wohl Tuberkulose gemeint 46
  • Convulsions – Krampfanfall (Epilepsie? Tetanus? ) 27
  • Croup – Krupp 8 – Ja, nicht Pseudokrupp, sondern der Echte, die Kehlkopfentzündung, die bei Diphtherie auftritt
  • Congestion – Blutandrang 2 (mir ist nicht ganz klar wo hier?)
  • Blutandrang in der Lunge (Lungenembolie?) 3
  • Debility – (Schwächezustand …ev. Unterernährung?) 5
  • Delirium Tremens 1 (Entzugserscheinung meist wegen Alkoholabhängigkeit)
  • Diarrhea – Durchfall 9
  • Dropsy – eig. Ödeme. die sind aber Ausdruck von anderen zugrundeliegenden Problemen … ev. auch Unterernährung, Herzinsuffizienz … 5
  • Ödeme im Kopf  17
  • Ödeme in der Brust 3
  • Ödeme in den Gedärmen 1
  • Drowned – Ertrunken 4
  • Dysentery – Ruhr (entzündliche Erkrankung des Dickdarms wegen Viren und Bakterien) 32
  • Epilepsy 1
  • Erysipelas – Wundrose (entzündliche Hauterkrankung) 1
  • Fractured Skull – Schädelbruch 1
  • Fever – Fieber 5
  • Puerperal Fever – Kindbettfieber 2
  • Scarlet – Scharlach 5
  • Typhoid – Typhoides Fieber 2
  • Typhus 10
  • Herzkrankheit 5
  • Hooping Cough – Keuchhusten 4
  • Inanition – Unterernährung 1
  • Infma’n of Brain – Hirnentzündung (Meningitis) 11
  • Darmentzündung 12
  • Brustentzündung 1
  • Nierenentzündung 1
  • Lungenentzündung 9
  • Magenentzündung 1
  • Halsentzündung 2
  • Leberentzündung 3 (Hepatitis)
  • Jaundice – Gelbsucht 2 (eigentlich auch eine Leberentzündung: Hepatitis?)
  • Lues venerea – Syphillis 2
  • Malformation – Missbildung 1
  • Marasmus – Proteinmangelernährung (Unterernährung) 26
  • Measles – Masern 2
  • Old Age – 3
  • Poison – Gift 1
  • Premature Birth – Frühgeburt 8
  • Scrofula – Form der Tuberkulose v.a. bei Kindern 2
  • Small Pox – Windpocken – 1
  • Sprue – Zöliakie 1
  • Teething – Zahnen?? 6 ?!
  • Ulcer Intestines – Magengeschwüre 1
  • Halsgeschwür 2
  • Varioloid – Windpockenartig (irgendetwas mit Hautausschlag) 1
  • Unbekannt 6

Man sieht die hohe Kindersterblichkeit 204 starben in der einen Woche (gegenüber 136 Erwachsenen): Frühgeburten überlebten kaum, (Kinder)krankheiten gegen die man heute impfen kann forderten ihren Tribut (Masern, Windpocken, Keuchhusten, Diphtherie, Scharlach …) … und das Zahnen scheint auch gefährlich gewesen zu sein. Das war allerdings eine Fehldiagnose … respektive etwas, was wohl häufig als Todesursache angegeben wurde, aber wahrscheinlich andere Ursachen hatte. Der plötzliche Kindstod kommt mir hier in den Sinn. Später ist dann Mangel- und Unterernährung ein Problem.

Bei manch anderem ist es nicht ganz klar, was genau die Ursache war: wir haben diverse Male Durchfallerkrankungen, Ödeme und Entzündungen, Blutungen und Geschwüre, die Ausdruck von anderen Krankheiten (auch Infektionen) sind.

Ohne Impfungen erkrankten und starben Millionen an heute vermeidbaren Erkrankungen. Ohne Antibiotika war noch manche Infektion tödlich, die wir heute ohne grössere Probleme mit ihrer Hilfe überstehen. Mangelnde Hygiene verschlimmerte die Probleme … allerdings haben wir dafür wesentlich weniger Asthmatiker und Allergiker.

An “hohem Alter” starben sehr wenige … und auch nur wenige an Krebs: die meisten wurden einfach nicht alt genug dafür, ihn zu entwickeln …

Wir nehmen vieles heute als “gegeben”, weil wir es nicht anders kennen. Unter anderem, dass die Leute um uns herum nicht wie die Fliegen sterben. Und das liegt zum Grossteil an der modernen Medizin. Daran, dass wir heute eine Vielzahl von Krankheiten und Gebrechen behandeln und sogar vorbeugen können. Dafür sollten wir dankbar sein.

Und (ja, ich weiss, inzwischen nervt das wahrscheinlich, weil es Wiederholung ist): Wir können uns und unsere Kinder schützen vor einigen gefährlichen Krankheiten indem wir Impfen. Nur weil wir heute nicht mehr direkt erleben und direkt sehen, was diese Krankheiten anrichten (wie zur Zeit des Zeitungsartikel oben), sollten wir da nicht nachlassen und nicht impfen. Ansonsten … bekommen wir doch wieder Gelegenheit dazu Statistiken, wie die oben zu sehen. Einen Fall haben wir ja jetzt schon in Berlin, wo ein Kind an den Masern gestorben ist.

Wie steht’s eigentlich mit Eurem Impfstatus?

Nimm es so.

 

Ich mag ja gut geschriebene Rezepte – dazu gehören auch solche mit klaren Dosierungsanweisungen.

Zu oft sehen wir in der Apotheke nur noch das absolute Minimum – manchmal sogar noch weniger als das, nämlich gar nichts, was die Anwendung angeht. Zum Beispiel bei Monuril. Das ist ein Antibiotikum gegen einfache Blasenentzündungen, das  in einer Einzeldosis kommt. Einfach genug, aber auch das muss man korrekt anwenden, damit es wirkt. Die meisten Ärzte schreiben nichts als Anweisung wie, da es “klar” ist (es gibt nur eine Möglichkeit) und die das in der Apotheke ja schon erklären und anschreiben werden.

Um so schöner ist dann das hier:

rpanweisung

Hach wie schön! Da weiss man doch, was man zu machen hat. Jetzt noch dazu, dass man das in genügendem Abstand nach dem Essen machen soll (2 Stunden), und dass das Pulver zu lösen ist, dann ist es perfekt.

So steht die Anweisung in der Packungsbeilage:

Erwachsene: Nehmen Sie Monuril mit leerem Magen ein, d.h. 2–3 Stunden vor oder nach dem Essen, am besten abends nach Entleerung der Blase. Lösen Sie dazu Monuril in einem Glas Wasser oder einem anderen nichtalkoholischen Getränk auf und trinken Sie es sofort.

Lieber Arzt, auch wenn ich mich darüber ein bisschen amüsiert habe – ich finde das toll von Ihnen, dass Sie das so aufgeschrieben haben. Es ist nur so ungewöhnlich heutzutage.

Ausverkauft

So das wars’s. Wir haben keinen Co-Amoxicillin-Sirup mehr. Ziemlich erstaunlich, wie eine einzige (Gross)Familie es schafft, unseren Vorrat zu leeren.

Morgen dann wieder.

Ich weiss ja schon, was ich habe!

Morgens in der Apotheke:

Mann: „Meine Freundin wurde gerade mit Chlamydien* diagnostiziert und hat vom Arzt Antibiotika verschrieben bekommen. Können Sie mir eines geben? Ich weiss ja schon, was ich habe.“

Pharmama: „Das mag so sein, aber Antibiotika brauchen in der Schweiz ein Rezept.“

Mann: “Was meinen sie mit – ich bräuchte ein Rezept? Ich weiss ja, was ich haben muss … und es ist ja nicht so als würde das abhängig machen!“

Pharmama: „Nein. Trotzdem brauche ich ein Rezept vom Arzt, wenn ich ein Antibiotikum abgebe.“

Mann: „Ich will einfach kein Geld ausgeben für den Arzt!“

(Ah, daher weht der Wind.)

Pharmama: „Nun, dann könnten Sie noch ihre Freundin fragen, wo sie das Rezept eingelöst hat – eventuell hat der Arzt eine Partnerbehandlung aufgeschrieben, dann kann das über das Rezept ihrer Freundin laufen.“

Mann: „Wir sind nicht mehr zusammen.“

Pharmama: „…..“

 

  • sexuell übertragbare Krankheit.

Hat denn sonst keiner gemerkt …?

… dass da ein Loch im Messbecher ist?

Der Messbecher ist hier zum abmessen der Menge Wasser, die man zum Zubereiten (Lösen) des Antibiotikums braucht.

Im Normalfall mache ich das in der Apotheke noch gerne auf der Waage, wo ich das Wasser dazu wäge. Das hat den Vorteil, dass ich nicht von den Strichen auf der Flasche abhängig bin, die anzeigen, bis wohin man auffüllen muss. Denn das geht, wenn man es richtig machen will, nur in 2 Etappen mit einer langen Wartezeit dazwischen, da der gezwungenermassen heftig geschüttelte Sirup (Lös.Dich.Endlich!) erst wieder die Bläschen loswerden muss, bis man sieht, wo der Flüssigkeitspegel denn jetzt ist. Dazu ist es so einiges genauer.

Dafür brauche ich aber die Angabe der Menge Wasser, die dazu kommt. Die steht heute (Danke, liebe Pharmafirmen) sogar meist aussen auf der Verpackung drauf. Nur nicht beim Cedax. Da musste ich den Beipackzettel auseinandernehmen und suchen. Dafür geben sie einem diesen Messbecher mit.

Die Flasche mit dem Pulver leicht beklopfen, um das Pulver aufzuschütteln. Bei der 30-ml-Packung den Messbecher bis genau zur 28-ml-Markierung mit Leitungswasser auffüllen. Das Leitungswasser in die Flasche mit dem Pulver geben. Die Flasche verschliessen und solange schütteln, bis sich das Pulver im Wasser gleichmässig verteilt hat. Dies ergibt 30 ml gebrauchsfertige Suspension. Vor jedem Gebrauch ist die Flasche erneut zu schütteln.

Aha. 28ml. (Steht zwar nicht auf dem Messbecher, aber glauben wir jetzt mal).

Aber … das Loch?

Lustigerweise liegt das Loch unterhalb des Striches, bis zu dem man Wasser einfüllen muss. Es funktioniert (Dank der Oberflächenspannung des Wassers) trotzdem. Hat aber den netten Effekt, dass, wenn man das auch nur etwas überfüllt, es da rausläuft. (Hoppla).

Vorteil: Da kann man gar nicht zuviel abmessen – was zuviel ist, läuft automatisch raus. Das könnten also auch nicht so fingerfertige Leute: sonst ist das Abmessen des Antibiotikasirups fast schon als “Feinarbeit” zu bezeichnen, wenn man das zu Hause mit dem Wasserhahn macht.

Aber man muss dann gut schauen, welche Seite des Bechers man nach unten nimmt beim Eingiessen (Hoppla 2).

Also: eigentlich eine coole Erfindung. Habe ich vorher noch nirgends gesehen.

Fällt was auf?

Letztens beim Zubereiten des Antibiotikasirupes: (Cedax in dem Fall)

absirup

Dosierung des Arztes übrigens: 1 x täglich 7.5ml geben für 5 Tage.

Warum lassen Sie mich nach Hause? – Aus dem Nacht- und Notfalldienst

Ist jetzt schon eine ganze Weile her, aber … den “Typ” werde ich nicht vergessen.

Ein ziemlich normal aussehender Mann (das täuscht manchmal :-) ) mit einem Rezept für ein Antibiotikum steht tief Nachts vor der Notfalltüre.

Nachdem ich das Rezept ausgeführt habe und ihm erklärt habe, wie er es nehmen muss, sagt er in fast anklagendem Ton:

“Ich habe eine Lungenentzündung.”

Pharmama: “Ah – ja? Dann gute Besserung.”

Mann: “Warum lassen die mich so nach Hause? Sollten die mich nicht im Spital behalten? Eine Lungenetzündung ist doch etwas ernsthaftes!”

Pharmama: “Teils schon, aber ich kann ihnen nicht sagen, warum sie Sie nicht da behalten haben.”

Mann:Warum lassen die mich mit einer Lungenentzündung nach Hause? Es sterben Leute wegen Lungenentzündungen!”

Pharmama: “Wenn Sie Bedenken haben, dann würde ich Ihnen empfehlen noch einmal zurück zu gehen und mit einem Arzt darüber zu reden. Aber ich denke, wenn die Sie nach Hause geschickt haben, dann waren sie ziemlich sicher, dass es nicht so ernst ist, dass Sie darum im Spital bleiben müssten.”

Er geht weg, aber kaum mache ich die Klappe in der Türe zu und will mich hinlegen, läutet die Notfallglocke wieder.

Mann: “Meine Freundin hat mir erzählt, dass ihre Grossmutter an einer Lungenentzündung gestorben ist. Sie sollten mich wirklich nicht so nach Hause schicken!”

Pharmama:Ich schicke Sie nicht nach Hause. Aber wenn Sie denken, dass es Ihnen so schlecht geht, dann … gehen Sie zurück in den Notfall und reden Sie mit einem Arzt. Hier kann ich gar nichts machen …”

Mann: “Aber ich könnte sterben!”

Das geht so eine Weile hin und her. Endlich geht er.

Denke ich.

Nö. Ein paar Minuten später … läutet es wieder.

Mann: “Ich bin allergisch gegen Erdbeeren. Das habe ich Ihnen nicht gesagt. Hat das einen Einfluss auf meine Medikation?”

Pharmama: “Nein. Da sind keine Erdbeeren drin … Gute Nacht?”

Woher kommen unsere Medikamente? Am Beispiel Bacitracin

Bacitracin ist ein Antibiotikum – es wirkt vor allem gegen Grampositive Erreger wie Staphylokokken oder Enterokokken – die machen zum Beispiel Mittelohrentzündungen, Augeninfektionen und Nasennebenhöhlenentzündungen.

Es wird äusserlich und in Salbenform verwendet – innerlich ist es nephrotoxisch, also nierenschädigend.

Die meisten Quellen, die ich fand schreiben einfach, dass der Wirkstoff aus dem Erreger Bacillus subtilis extrahiert wird – das finde ich schon interessant genug: ein Mittel gegen Bakterien wird von anderen Bakterien hergestellt. Aber noch spannender ist die ganze Geschichte dahinter:

Es ist 1943 – der zweite Weltkrieg noch in vollem Gang … und deshalb sind auch viele Ärzte und andere Forscher auf der Suche nach neuen Antibiotika: um die paar wenigen, die man schon hat zu ergänzen. Andere suchten nach Möglichkeiten die Antibiotika wirksamer zu machen – zum Beispiel, indem man Probenecid dazu nahm. Das ist ein Mittel gegen Gicht, das die Ausscheidung von Harnsäure steigert … dabei aber die Ausscheidung anderer Mittel hemmt. So macht es zum Beispiel auch, dass das Penicillin via Niere nicht so rasch ausgeschieden wird – es wirkt länger. Man braucht weniger.

Im Juni 1943 also kam ein junges Mädchen in ein Spital in New York. Ihr Name würde schliesslich im Namen eines topischen Antibiotikums landen, das noch im 21. Jahrhundert in Gebrauch sein würde.

Es war Margaret Tracy, 7 Jahre alt. Sie wurde in den Notfall gebracht mit einem offenen Schienbeinbruch – wo sie von einem Auto angefahren worden war,

Die Verletzung war infiziert und eine Kultur der Bakterien wurde ins Labor geschickt.

Am nächsten Tag fand der Chef des Labors, Bakteriologin Balbina Johnson, dass die Staphylococcus Aureus, die sie noch am Tag zuvor in der Kultur mit dem Mikroskop nachgewiesen hatte … verschwunden war. Wieso?

Auf der Suche nach der Lösung fand sie zusammen mit dem Chirurgen Frank L. Meleney, dass der S. aureus von einer anderen Microbe gekillt wurde – Bacillus subtilis.

Man isolierte das Bakterium, züchtete es in verschiedenen Nährmedien und fand, dass es ein neues Antibiotikum produzierte. Erfreulicherweise war das isolierte Mittel nicht nur stark wirksam gegen verschiedene Bakterien, sondern ausserdem nicht toxisch auf den Menschen. Zumindest, wenn äusserlich angewendet.

Das Antibiotikum wurde dann Bacitracin genannt – als Kombination aus Bacillus und Tracy. Noch heute wird es verwendet.

Heute ist es leider wegen der Resistenzentwicklung nicht mehr so wirksam und es macht Allergien (was nicht?) – aber man findet es noch als Kombinationsprodukt. In Cicatrex – der einzigen Salbe mit Antibiotika, die in der Schweiz frei verkäuflich ist. In Bacimycin, Nebacetin und in der Augensalbe Neotracin – die wahrscheinlich noch einige Mütter und Väter hier kennen, da es noch gelegentlich bei Kindern eingesetzt wird. Das ist mir jetzt noch vom Namen her sympatisch – ist das Tracy doch auch da noch drin …

Quellen; https://files.nyu.edu/jmm257/public/other/bacitracin.html und http://en.wikipedia.org/wiki/Bacitracin

mehr Artikel der Reihe “Woher kommen unsere Medikamente?”

Mathematik – Nicht für die Schule, für’s Leben …

Telefon. Ein Mann am Apparat:

"Ich habe vorher Antibiotikum Sirup für meinen Sohn abgeholt."

Pharmama: "Ja?"

Mann: "Auf der Etikette haben sie geschrieben 7.5 Milliliter zu geben 2 mal täglich … aber die Dosierspritze geht nur bis 5 Milliliter …"

Mathe: Nicht nur in der Schule wichtig.

Sind sie sicher?

Frau in der Apotheke nach dem Erhalt des Verschriebenen Medikamentes:

"Ich bin allergisch auf Penicillin. Kann ich das nehmen?"

Pharmama: "Ja. Das geht."

Frau (vorwurfsvoll): "Sind Sie sicher? Sie haben es nicht nachgeschaut, wie können Sie da sicher sein?"

Pharmama: "Das hier ist ein Mittel gegen Depressionen. Der Wirkstoff ist nicht verwandt mit Penicillin. Das macht keine Probleme."

Frau (schaut ihr Medikament an): "Ich denke, ich werde es noch nicht nehmen – ich muss das erst mit meinem Arzt besprechen."

Pharmama: "Dem Arzt, der Ihnen das aufgeschrieben hat und dem Sie ihre Allergien auch gesagt haben?"

Frau: "Ja."

Sie wollte das so.

Kommen Sie am Samstag mittag in unsere Apotheke – wahrscheinlich nur aus dem Grund, weil wir im Umkreis einige der wenigen sind, die noch offen haben – denn vorher waren Sie noch nie bei uns.

Bringen Sie ein 3 Tage altes Rezept mit für ein Antibiotikum, ausgestellt vom Notfall im Spital.

Sagen Sie bei der Abgabe rein gar nichts, drücken Sie es mir einfach in die Hand – zumindest gleich zusammen mit der Krankenkassenkarte (man muss auch für kleine Sachen dankbar sein).

Lassen Sie mich das Rezept ganz ausführen, kontrollieren, das Antibiotikum anschreiben, es zu Ihnen bringen, wo Sie nur einen Blick darauf werfen und sagen: „Sind das Tabletten?! Ich kann keine Tabletten schlucken!

Das stellt mich im Nullkommanix vor mehrere Probleme:

Von dem Antibiotikum gibt es keine Form, die flüssig ist – oder flüssig gemacht werden kann. Auch bei den (wenigen) Generika dafür nicht. Nada. Nix.

Ich kann das nicht einfach durch ein anderes Antibiotikum ersetzen – und der Arzt wird auch Mühe haben, da etwas gleichwertiges zu finden, das weiss ich jetzt schon.

Und der Arzt sitzt im Spital … wer hier mitliest weiss vielleicht, wie gerne ich ins Spital telefoniere. Wenn nicht: das ist furchtbar. Bis man da denjenigen am Apparat hat, der einem etwas sagen kann … und am Samstag …

Auf die Frage, ob man das auf Montag abklären kann (immerhin hat es schon ein paar Tage gedauert, bis sie das Rezept einlösen kommt, da könnte es auch nicht so dringend sein) sagen Sie: „Nein, ich brauche das jetzt gleich.“

Natürlich.

Der Arzt, den Sie im Spital hatten, arbeitet heute nicht mehr dort.

Sein Ersatz ist im Moment gerade am operieren.

Dessen Ersatz meint schliesslich (obwohl sie in der Packungsbeilage davon abraten), die Frau soll die Tabletten halt zermörsern, suspendieren und halt so nehmen.

Brrrr. Ich kann mir vorstellen, wie das schmeckt. Deshalb haben sie die Tabletten nämlich mit einem Überzug versehen. Aber: wenn das die einzige Lösung ist vor dem Wochenende …

… sie wollte das so.

Was ich nicht sagen kann …

Ihr Rezept für Flagyl Ovula ist vom (1 Monat vorher) und jetzt stehen Sie hier und es ist ein NOTFALL!? …. Wenn ich auf schlechte Witze stehen würde, würde ich sagen, hier riecht etwas fischig.

Erklärung für nicht-medizinische: Flagyl ist ein Antibiotikum für (hauptsächlich) anaerobe (also nicht-Sauerstoff-brauchende) Bakterien. Verschrieben als Ovulum – also als Vaginaltablette wird es vor allem gegen Gardnerella-Infektionen. Das ist ein Bakterium, das auch in der normalen Scheidenflora vorkommt, das aber bei starker Besiedelung zu üblen Vaginalentzündungen und aufsteigenden Infektionen führen kann. Das Bakterium macht einen typischen fischig-fauligen Ausfluss …