Archiv der Kategorie: Apotheke

Patientengeheimnis – Fragen

Ich bin mir meiner Berufs-mässigen Schweigepflicht und dem Patientengeheimnis sehr bewusst. In der Apotheke wird jedes Zettelchen, wo der Name eines Patienten drauf steht separat gesammelt und dann geschreddert, nicht mit dem normalen Abfall entsorgt. Von zurückgebrachten Medikamenten knübeln wir die Dosierungsetiketten, die Druckpatronen und Farbbänder der Eikettendrucker werden auch separat vernichtet. Ich bringe meinen Leuten bei, was sie wem sagen dürfen (und was nicht). Wenn wir wegen einer Bestellung telefonieren müssen, wird abgeklärt, ob der Empfänger auch der Patient ist – und ansonsten nur gesagt: “Bitte teilen sie ihm/ihr mit, sie soll uns zurück rufen” oder, wenn es nur ein Anrufbeantworter ist nur mitgeteilt: “Die Bestellung ist angekommen und liegt für Sie auf der Seite” – Nie was. 

Die Krankenkassen bekommen Auskunft über die Bezüge soweit es für die Abrechnung nötig ist.

Mit dem Arzt kommuniziere ich insoweit es für die korrekte Behandlung des Patienten notwendig ist (unleserliche Rezepte, Dosierungsnachfragen etc.).

Es ist also ein interessantes und spannendes Thema, das viel zu wenig dran kam im Studium und das in der Praxis für einige Fragen und auch Unsicherheiten sorgt. (siehe vorherige Erlebnisse).

Vielleicht habt ihr noch Fragen oder Erlebnisse, die wir hier diskutieren können? 

Stellt sie direkt in den Kommentaren oder mailt sie mir!

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Patientengeheimnis und Abgabe an Minderjährige

Die absolute Horrorversion – wenigstens nicht bei mir in der Apotheke passiert – und das kann es auch nicht. Jedenfalls nicht so. Das erkläre ich noch.

Sehr grosse, sehr gut frequentierte Apotheke zur Mittagszeit.

Die Frau um die 40 stürmt in die Apotheke. In der Hand eine Packung Norlevo (das ist hier die Pille danach).

Frau (aufgebracht): “Das hier  …” (wedelt mit der Packung) “habe ich im Zimmer meiner minderjährigen Tochter gefunden! Das hat ihre Preisetikette drauf! Ich will wissen, ob sie das von Ihnen bekommen hat!”

Apotheker: “Das … darf ich ihnen nicht sagen.”

Frau: “Aber Sie können das sicher nachschauen. Sie heisst …”

Apotheker: “Das könnte ich nachschauen, aber das werde ich nicht.”

Frau: “Was? Wieso? Ich bin die Mutter! Ich muss das wissen – und sie ist minderjährig! Sie ist 15! Sie hätten das ohne meine Erlaubnis nicht abgeben dürfen!!”

Apotheker: “Das stimmt so leider nicht. Falls wir ihrer Tochter etwas abgegeben haben, fällt das unter das Patientengeheimnis. Auch wenn ihre Tochter noch nicht 18 ist.

Und die Pille danach dürfen wir auch an unter 16 jährige abgegeben werden, soweit die Jugendliche mündig ist im Sinne von: versteht um was es geht und wie man das anwendet.”

Die Frau hat dann noch einen Riesen-Aufstand gemacht, aber nichts weiter erreicht.

Übrigens, das kann bei mir nicht passieren. Nicht, weil ich das nie an unter 16jährige Abgeben würde (ich würde, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind). Ich gebe bei der Pille danach meist den Prospekt der Firma mit. Eventuell auf Wunsch noch die Packungsbeilage. Die ganze Packung nicht (aus Gründen wie dem oben) und die Pille selber lasse ich grad in der Apotheke schlucken.

Das Ganze erinnert an die gerade aktuelle Situation in Deutschland, wo die Apothekerin einer minderjährigen (13jährigen) ein Schlankheitsmittel verkauft hat. Das ist unglücklich, speziell aus dem Grund, da hier in der Packungsbeilage steht, man soll das nicht an Kinder oder Jugendliche abgeben, die sich noch im Wachstum befinden. Bei Norlevo steht: “Über die Anwendung bei Jugendlichen unter 16 Jahren liegen nur limitierte Daten vor. Bei Kindern vor der Menarche besteht keine Indikation.” – also kein Verbot hier.

Mich würde ja interessieren, wie das Mädchen denn ausgesehen hat – die Apothekerin hat sich inzwischen mehrfach entschuldigt, sie ‘habe nicht realisiert, wie jung das Mädchen gewesen ist.’ Das kann ich mir tatsächlich noch vorstellen, dass die älter ausgesehen hat. Dann hat sie es wohl auch gezielt verlangt …

 

Bei dem Mittel handelte es sich um Formoline – Nahrungsfasern, die im Darm Fett zurückhalten sollen und so eine fettarme Diät unterstützen.  Ein nicht-apothekenpflichiges Präparat, das man auch im Supermarkt oder im Versandhandel hätte bekommen können. Das ist auch nicht wirklich ein gefährliches Mittel – die Wechselwirkungen, die das machen *kann” hätte man auch bei einer Faserreichen Diät.

Die Mutter scheint sich, wenn man das liest, aber fast mehr darüber aufzuregen, dass es 1. ein Abnehmpräparat war … die Apothekerin also die überzogenen Schönheitsvorstellungen der Öffentlichkeit unterstützt und dass sie 2. das in der Apotheke verkauft hat. Da werden schliesslich höhere Erwartungen angesetzt.

Erinnert sich noch jemand an Alli? Das war auch toll, die Leute dazu Zwangs-zu-beraten.

Hat jemand Lust …

… mir bei meinem neusten Projekt zu helfen?

Ich könnte noch Hilfe und Kritik brauchen bei manchen Texten.

:-)

Es nimmt Formen an.

vorenthaltene Information

Noch Mal zum Thema Patientengeheimnis: wir steigern das Ganze ein bisschen:

Ein Mann ruft in die Apotheke an.

Er sagt (mit relativ starkem, aber für mich jetzt nicht zuordnenbarem Akzent): “Hallo? Mein Name ist Terces*, ich bin Patient bei Ihnen, ich brauche eine Auskunft.”

Pharmama: “Natürlich. Worum geht es?”

Herr Terces: “Ich habe eine Rechnung bekommen von der Krankenkasse. Können Sie mir sagen, wann ich bei Ihnen war und was ich bekommen habe?”

Pharmama: “Ja. Moment.”

Ich rufe sein Dossier auf und vergewissere mich mittels ein paar Fragen, dass es sich wirklich um den Patienten selber handelt, dann gebe ihm die Antwort. Wie gesagt: jeder kann jederzeit seine Daten einsehen / nachfragen. Offenbar kontrolliert er eine von der Krankenkasse bekommene Abrechnung.

Herr Terces: “Ja. Jetzt noch für meine Frau. Ich denke, sie war auch bei ihnen. Ihr Name ist …”

Pharmama: “Tut mir leid, aber … da darf ich Ihnen keine Auskunft geben.”

Herr Terces (ungläubig): “Was? Aber das ist meine Frau.”

Pharmama: “Ja, Aber auch dann fällt das unter das Patientengeheimnis. Ich darf es Ihnen nicht sagen.”

Herr Terces, aufgebracht: Was, aber ich brauche diese Information!”

Pharmama: “Ich kann ihrer Frau direkt die Informationen geben, oder, wenn ich von ihr die Erlaubnis erhalte, DANN kann ich es Ihnen sagen.”

Herr Terces: “Aber meine Frau ist im Moment nicht erreichbar. Sagen Sie mir doch einfach, wann sie bei Ihnen war und was sie bezogen hat.”

Pharmama: “Das darf ich so nicht. Tut mir leid.”

Er ist hörbar wütend, hängt aber auf ohne weiter zu diskutieren.

Ja – das ist jetzt genau so ein Problem. Es ist der Ehemann. Wahrscheinlich wäre es kein Problem ihm die Auskunft zu geben – aber wirklich sicher sein kann ich nicht. Sie waren noch nie zusammen hier. Die Medikamente die sie geholt hat … hmmm … ich sag’s mal so: offenbar weiss er bis jetzt nicht, was sie genommen hat (oder noch nimmt) und auch wenn er die Rechnungen kontrolliert – das ist eines der Dinge, die die Krankenkasse hier nicht weiter gibt. Nur die Gesamtsumme und woher die Rechnung kam. Das finde ich bisher in den meisten Fällen Ober-doof, hat man so doch selber kaum Kontrolle. Ausser man ruft an. Wie er. Nur … für jemand anderen als den Patienten selber darf ich das nicht einfach sagen. Auch wenn er die Rechnungen bezahlt. Auch wenn er der Mann ist. Auch wenn sie vielleicht nicht so gut deutsch kann (irgendwo hatte ich das Gefühl, das war das Problem).

Etwas später bekomme ich ein weiteres Telefon.

Herr Terces: “Hallo, ich habe vorher schon angerufen, wegen einer Auskunft.”

Pharmama: “Ja, ich erinnere mich.”

Herr Terces: “Ich habe beim Arzt angerufen, der hat mir gesagt, dass sie bei ihm war… (Aua**) und meine Frau meinte, dass sie bei Ihnen in der Apotheke das bezogen hat. Könnten sie mir jetzt noch genau sagen, wann und was?”

Pharmama: “Es tut mir leid, aber wie ich vorher gesagt habe – ich muss zuerst mit ihrer Frau sprechen und von ihr die Erlaubnis bekommen, diese Information herauszugeben. Könnten Sie ihr nicht sagen, Sie soll selber anrufen? Wenn Sie kommt, kann ich ihr die Information auch ausdrucken, aber ich darf es Ihnen nicht sagen.”

Herr Terces: “Aber … das ist meine Frau!”

Pharmama: “Tut mir leid, aber … das Patientengeheimnis besteht auch gegenüber Familienangehörigen.”

Herr Terces: “Ich finde das nicht gut, was Sie da machen!”

Sagt er und hängt (böse) auf.

Seufz.

Jetzt bin ich die böse Apothekerin, die ihm Information vorenthält.

Ich finde das in dem Fall auch nicht sehr sinnvoll – wahrscheinlich braucht er die Informationen nur zum Kontrollieren der Rechnung … und gewisse Informationen hatte er schon. Aber – das Patientengeheimnis besteht trotzdem.

Und es könnte ja auch anders sein, dass sie ihm nämlich nicht gesagt hat, was sie nimmt, weil sie nicht will, dass er es weiss. Das wäre dann ein übler Vertrauensbruch und rechtlich verfolgbar wenn ich die Info einfach rausgebe.

Die Frau kam dann übrigens später am Tag und hat von uns den Ausdruck ihrer Bezüge erhalten. Das ging problemlos und unspektakulär ohne weitere Aufregungen.

 

  • alle Namen wie üblich geändert

**Ich weiss natürlich nicht, wie das mit dem Arzt genau ging, dass er die Auskunft gegeben hat. Vielleicht hatte der Arzt vorher das Einverständnis der Frau. Wenn sie ihm gegenüber mal gesagt hat, dass ihr Mann in die Behandlung einbezogen ist, reicht das theoretisch schon, oder wenn sie zusammen beim Termin waren. Ansonsten … Hmmm.

 

Einblick verboten?

Patient in der Apotheke: “Habe ich noch offene Dauerrezepte?”

Pharmama: “Lassen Sie mich nachschauen …”

Ich rufe sein Computerdossier auf und stelle den Bildschirm so, dass er auch drauf schauen kann.

Patient: “Sollte ich mich umdrehen?”

Pharmama: “Wieso?”

Patient: “Damit ich nicht sehe, was auf dem Computerbildschirm ist?”

Pharmama: “Ah. Nein, das ist schon okay, das sind ihre eigenen Daten, die dürfen sie sehen.”

Es hat im übrigen jeder das Recht Einblick in seine eigenen Daten zu erhalten – das gilt sowohl bei uns, als auch beim Arzt. Das Patientengeheimnis greift nicht gegenüber dem Patient selber. Aber: gegenüber seinen Angehörigen schon.

In der Grauzone – oder: ein Schatten der Dinge, die da kommen …

Meine liebe Nachbarin bringt mich in die rechtliche Grauzone. Und gerade sie könnte / sollte das wissen. Dabei macht sie es aus den best-möglichen Motiven … Es geht um das Patientengeheimnis. Sie war die erste, aber nicht die letzte – das Thema kam in den letzten Wochen grad ein paar Mal.

Kennt ihr das, wenn ein bestimmtes Thema auf einmal wieder und wieder auftaucht? Und wenn die Phase vorbei ist, hat man wieder lange Ruhe? Ich hoffe, das stimmt hier.

Jedenfalls ruft meine Nachbarin Julia, die weiss, wo ich arbeite, und die – ich sag’ jetzt Mal auch in einem medizinischen Bereich arbeitet, in der Apotheke an.

Julia: „Hallo Pharmama! Ich muss dich etwas fragen. Du weißt ja, dass ich auch mit älteren Leuten arbeite, dabei habe ich Frau Zipfel kennengelernt und wir hatten auch immer wieder Kontakt …“

Ich versteife mich ein wenig innerlich, denn Frau Zipfel und ihr Mann sind Kundin/Patientin bei uns, und alles, was sie mich fragen könnte … dürfte unter das Patientengeheimnis fallen. Gleichzeitig bin ich ein bisschen erleichtert, denn ich ahne was kommt.

Julia: „Frau Zipfel wohnt ja fast genau neben Euch. Und sie ist Patientin bei Euch, das hat sie mir erzählt ….“

Pharmama: (möglichst neutral) „Ummm….“

Julia: „Jedenfalls, ich bin beunruhigt, weil ich sie nicht erreichen kann. Wir haben gelegentlich telefoniert und jetzt ist das Telefon abgeschaltet?… Ich habe einfach Angst, dass ihr vielleicht etwas passiert ist. Sie und ihr Mann sind doch schon älter und …“

Ich unterbreche sie.

Pharmama: „Julia, Du weißt, dass Ich Dir eigentlich gar nichts sagen darf. Nur soviel: Ich weiss, dass es ihr gut geht. Sie und Ihr Mann haben aber beschlossen umzuziehen. Deshalb kannst Du sie momentan nicht erreichen. Ich bin sicher, sie meldet sich wieder.“

Julia: „Ah, da bin ich beruhigt. Danke Dir!“

Die beiden (Frau und Herr Zipfel) waren gute und liebe Kunden bei uns. Mit zunehmendem Alter wurden sie aber beide … fragiler. Deshalb haben sie beschlossen gemeinsam ins Altersheim zu gehen. Sozusagen bevor sie „müssen“. Zusammen. Was ich wahnsinnig süss finde. Vor allem, weil sie extra vorbeigekommen sind, um sich zu verabschieden und zu bedanken.

Aber eigentlich … hätte ich nicht mal das sagen dürfen, was ich gesagt habe.

Was hättet ihr getan?

Die Apotheke als Notaufnahme …

Kommentar von gerade vorhin:

Jetzt bist Du auch noch Notaufnahme :)

Das bin ich schon länger … ihr habt ja keine Ahnung. Ich weiss nicht, ob das in anderen Apotheken auch so ist, aber … hier mal ein Überblick, was ich alleine letzten Monat so alles hatte in der Apotheke:

Bauarbeiter, dem ein Backstein auf den Kopf gefallen ist. Das hört sich schlimmer an, als es war: es stellte sich einfach als eine 1cm Platzwunde auf der Kopfhaut heraus, die höllisch blutete (tun die meistens). Druckverband gemacht und ins Spital geschickt zum Nähen und für die Tetanus-Spritze.

Jüngere Dame mit Schwindel und hyperventilierend. Hingesetzt und einen Plastiksack zum reinatmen gegeben, sowie Traubenzucker und etwas zu trinken. Blutdruck okay – und es wurde rasch besser mit dem Plastiksack-atmen. Vermutlich eine kleine Panikatacke – wofür auch spricht, dass sie nach eigener Aussage vom Arzt schon Beruhigungsmittel bekommen hat. Sie ging, nachdem sie sich bei uns erholt hat selbständig wieder nach Hause.

Handwerker, der sich mit der Kreissäge in den Daumen gesägt hat. Zum Glück nicht wirklich tief und geblutet hat es auch nicht mehr (das wurde wohl gleich kauterisiert). Gründlichst desinfiziert, verbunden und ihm gesagt, er soll das sauber und geschlossen halten mit regelmässigem Verbandswechsel und beobachten. Falls es anfängt mehr zu schmerzen oder rot wird, sofort zum Arzt. Der hier hatte eine Tetanusspritze gemacht bei seinem Unfall vor einem Jahr …

Ältere Dame mit von Sturz förmlich zerfetztem Unterarm. Die Haut (bei älteren eh’ schon dünner und reisst eher) hing in diversesten Fetzen und sie blutete stark: Blutverdünner. Ich habe den groben Dreck entfernt und steril abgedeckt bis die Sanität kam um sie ins Spital zu bringen.

Der nette Tourist, der sich am kaputten Regenschirm geschnitten hat. Verbunden und Pflaster / Desinfektionsmittel verkauft.

Mittelalte Dame mit diffusen Beschwerden (“fühle mich einfach nicht wohl”) und Schwindel, will Blutdruck messen. Der ist viel (!) zu hoch: über 190. Ins Spital geschickt, auch weil ihr Hausarzt momentan in den Ferien ist und sie (wirklich!) gleich gehen soll das zeigen.

Da waren noch mehr, aber das sind nur die, die mir grad einfallen. Daneben natürlich noch die üblichen kleineren Beschwerden, Erkältungen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Durchfall nach Reisen, Durchfall ohne Reisen etc.

An der Stelle noch ein Hinweis auf den letzten Artikel in 3min: Hausarzt gesucht? Nein, neue Modelle sind gefragt.

 Dabei wäre doch zum Beispiel ein Gesundheitszentrum mit Apotheke und angeschlossener Hausarztpraxis eine vernünftige Lösung. Davon würden beide profitieren. Die räumliche Nähe erlaubt eine enge Zusammenarbeit bei der Betreuung der Patienten. Die Apotheke weist dem Arzt die Fälle zu, die die Kompetenz des Apothekers übersteigen, und der Arzt überlässt der Apotheke die Medikation. Wetten, dass die Apotheke bei einem solchen Zusammenschluss eine wesentliche Entlastung für den Hausarzt bringt. Sie könnte zum Beispiel – warum nicht? – Arzttermine vereinbaren und erste Massnahmen wie Schmerzlinderung, Wundversorgung und ähnliches einleiten, bis der Arzt wieder da ist. Es kommt ja nicht jeder mit dem Kopf unter dem Arm. Nach einer Erstbetreuung können mit Sicherheit die meisten Patienten auch mal ein paar Stunden oder einen Tag auf die ärztliche Untersuchung warten. Ausserdem wäre durch die enge Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker letzterer viel besser informiert und könnte besser abschätzen, ob das Haus in Vollbrand steht oder der Feuerlöscher genügt.

Ja … siehe oben. Das wäre vielleicht wirklich etwas für die Arztpraxen / Apotheken auf dem Land.

heisse Suppe

Eine junge Frau mit schreiendem Baby im Kinderwagen stürmt in die Apotheke:

„Bitte helfen Sie mir – mein Baby hat sich verbrannt!“

Pharmama: „Was ist passiert?“

Frau: „Wir wollten im Restaurant etwas essen – und da hat sie als die Suppe kam am Tischtuch gezogen … die Suppe ist ihr über das Bein …“

Autsch. Ich versuche einen Blick auf das Bein zu werfen und schäle es aus Überdecke und Kleidchen…

Pharmama: „Haben Sie schon gekühlt?“

Das freigelegte Bein ist bedeckt mit etwas weissem … Creme?

Frau: „Ja, im Restaurant haben wir etwas Wasser darüber gelassen … und die Serviererin hat etwas Salbe darauf gemacht …“

Ich sehe nicht wirklich viel unter der Cremeschicht. Es ist etwas rot, wie Sonnenbrand, aber sonst? Mir gefällt nicht, wie das Baby schreit.

Pharmama: „Wie lange? Das muss wirklich ausgiebig gekühlt werden, nicht mit sehr kaltem Wasser, aber lange … am besten, wir nehmen sie nach hinten und wir kühlen noch etwas, dann kann ich das auch anschauen.“

Beim Lavabo wasche ich vorsichtig die Creme mit kühlem Wasser ab … es ist etwas mühsam, weil ich ihm ja auch nicht noch mehr weh tun will. Der Mutter fällt wohl mein Stirnrunzeln auf.

Frau; „War das nicht gut? Hätten wir besser Butter darauf gemacht?“

Raah!

Pharmama: „Nein! Keine Butter, nichts derartiges. Zuallererst ist kühlen wichtig, damit eventuelle Gewebeschäden durch die Verbrennung nicht weiter gehen und zur Schmerzstillung.“

Das Baby schreit immer noch. Wie ich ihr Bein weiter freilege sehe ich auch weshalb: das Bein ist oben rot … und weiter unten löst sich gar die Haut ab. Handflächengross – ziemlich gross also.

Die Mutter sieht das auch: „Oh weh! Können wir nichts gegen die Schmerzen tun?“

Pharmama: „Ja. Aber erst : mehr Wasser.“

Ich setze das Baby an den Rand des Waschbeckens und lasse die Mutter es festhalten, Das Wasser lassen wir langsam über das Bein laufen und unten mache ich den Abfluss zu – damit ein Bad entsteht und das ganze Bein im Wasser ist.

Dann gehe ich den Algifor Sirup holen. Das Baby ist älter als 6 Monate (8 sagt die Mutter) und das wirkt schnell und stark (Brandverletzungen schmerzen enorm) und es ist entzündungshemmend.

Das Baby schreit jetzt nicht mehr, es weint nur noch. Ich gebe ihm den Sirup und es wird noch etwas ruhiger. Die Mutter auch. Das Wasser wirkt. Trotzdem:

Pharmama: „Das sieht nicht gut aus. Die Haut löst sich.“

Frau: „Ich hab’s gesehen. Ich gehe mit ihr ins Spital.“

Pharmama: „Ja. Ich rufe im Notfall an und melde es an und dann rufe ich ihnen ein Taxi. Bis das da ist kühlen wir – und dann wickeln wir für den Transport ein nasses Tuch darum.“

Das machen wir dann. Bis das Taxi hier ist, ist das Baby – vom schreien so erschöpft und dank wirkendem Sirup am einschlafen. Gut so – im Spital wird das einen Moment unangenehmer, bis die Wunde richtig versorgt ist.

Pharmama: „Sagen Sie denen im Spital, was wir ihm schon gegeben haben“ (tatsächlich hat sie den Sirup bezahlt und nimmt ihn jetzt mit)

Sie bedankt sich und die beiden verschwinden mit dem Taxi.

Es vergehen ein paar Wochen, dann kommt eine Mutter mit Baby im Kinderwagen in die Apotheke.

„Erinnern Sie sich noch?“ fragt sie mich.

Ich schaue die beiden an … ich bin nicht sehr gut mit Gesichtern … besser mit Geschichten, aber irgendwie … ja?

„Die Suppe – sie haben uns geholfen, als Mia sich verbrannt hat!“

„Oh ja!“ sage ich – und schaue mir das Baby an – das sitzt im Wagen und strahlt mich an … vorher habe ich es (mit Grund) ja nur schreiend gesehen … „Wie geht es ihr und dem Bein?“

Frau: „Schauen Sie selber!“

Das besagte Bein ist zwar immer noch rot, vor allem unten, aber die Haut ist schön wieder drüber … es sieht nicht so aus, als ob da etwas zurückbleibt. Obwohl es noch dauern wird, bis man gar nichts mehr sieht. Ich sage etwas in die Richtung.

Frau: „Ja, und das ist nur ihr Verdienst – Danke vielmals! Ich hätte mir das nie verziehen, wenn da eine Narbe geblieben wäre.“

Ich winke ab: „Das ist so schnell passiert. Das nächste Mal wissen sie: nichts drauf-machen, aber lange, lange mit Wasser kühlen. Es muss nicht speziell kalt sein.“

Das war toll – speziell, dass sie zurückgekommen sind. Mir zeigte es nur wieder, dass immer noch viele nicht wissen, was man bei so einem Notfall machen muss (kühlen!)

Die richtige Reihenfolge?

Ein Foto von Siegfried, der sich fragt:

ob das die richtige Reihenfolge ist ;-) ?

reihenfolge

Hmmm… 

auf jedenfalls eine Apotheke in Österreich – dem “A” nach.

Apotheken aus aller Welt, 509: Vilnius, Litauen

 

Nochmal Bari und Vilnius: diesmal vom Bahnhof:

vliniusBahnhof

 

und vom Busbahnhof:vliniusbusbahnhof1

vliniusbusbahnhof2

Kristall-klar? Ich glaube nicht.

Wenn ich lese, wie die Medien erzählen, dass die billige und gefährliche Droge Meth (Crystal) in der Schweiz kaum Abnehmer finden würde, weil die Schweizer Drogensüchtigen sich besseren Stoff leisten können („Viele Konsumenten haben genügend Geld für den Kauf von Drogen“), sie die langfristigen Folgen von Crystal Meth kennen und einen risikoarmen Konsum bevorzugen würden … dann muss ich immer an die Drogensüchtige denken, die mir in der Apotheke erzählt hat, dass sie deswegen wieder eine abzessierende Wunde hat, weil der Stoff, den sie sich zum spritzen gekauft hat angeblich mit eine Tier-entwurmungsmittel gestreckt wurde.

Ugh.

Drogensüchtige ziehen sich so ziemlich alles rein. Risiko sei verdammt.

Darum glaube ich auch, dass da eher der dritte Grund eine Rolle spielt, weshalb Meth bei uns noch nicht so angekommen ist: es ist hier noch (!) kaum erhältlich.

Aber in Deutschland ist das Problem stark am kommen. Psychiatrietogo machte letztens auch auf die Seite Crystal.Sachsen.de aufmerksam, wo Sachsens Polizei informiert.

Amerika leidet stark unter den Auswirkungen dieser (Billig?)Droge. Man sieht das den Leuten auch an, wenn sie das nehmen. Viele haben Hautprobleme, einerseits, weil Akne neu auftritt oder sich verschlimmert, andererseits, weil an der Haut gepickt wird, weil die Leute im Rausch denken, sie hätten Käfer darunter. Man magert ab (Amphetamine wurden früher ja auch als Appetitzügler benutzt), man scheint viel schneller zu altern- ganz allgemein scheint das Erscheinungsbild einfach nicht mehr wichtig zu sein. Wer das nimmt ist häufig auch aggressiv und psychotisch – eine üble Kombination. Ehrlich, ich hoffe, das kommt bei uns nicht auf.

facesofmeth1

Apotheken in aller Welt, 508: Vilnius, Litauen

Da war ich stehengeblieben, bevor die Computer HD ausgestiegen ist: Bari mit Apotheken aus Vlinius – also weiter! (Dankeschön)

Eine Apotheke in der alten Ecke des deutschen Viertels:

Vliniusdtviertel1

vliniusdtviertel2

Hin- und Her

Mittwoch nachmittag. 13.30 Uhr. In der Apotheke steht eine Patientin, Frau Luna, eine nett aussehende ältere Dame: „Ist mein Rezept für die Stilnox schon gekommen?“

Ich schaue im Computer, auf dem Fax, in der Briefablage. Nix.

Pharmama: „Nein. Wann haben sie es beim Arzt verlangt?“

Frau Luna: „Heute morgen.“

Pharmama: „Soll ich anrufen und fragen, wo es bleibt?“

Frau Luna: „Nein, das mache ich schon selber. Ich komme später wieder.“

15 Uhr. Frau Luna ist wieder da.

„Moment“ sage ich „Ich habe noch nichts gesehen, aber … (suche) Nein. Es ist noch nichts hier. Soll ich nicht vielleicht anrufen?“

Frau Luna : „Noch immer nicht? Ja, bitte.“

Ich rufe beim Arzt an. Die Praxisassistentin hört sich genervt an. „Das Stilnox Rezept für Frau Luna? Der Arzt muss es erst noch ausstellen. Ich kann auch nicht zaubern. Er ist beschäftigt.“

Pharmama: „Okay, aber ich habe die Patientin hier in der Apotheke, die wartet. Stellt er es denn aus? Dann kann ich es vorher …?“

Praxisassistentin: „Das weiss ich nicht. Warten Sie, bis es kommt.“

Ich überbringe der Patientin die Nachricht.

Frau Luna: „Ich gehe etwas besorgen, ich komme später wieder.“

Wir haben viel zu tun, darum denke ich nicht weiter daran, bis er 17.15 Uhr ist … und Frau Luna wieder in der Apotheke steht.

Oh. Nein.

Das Rezept ist natürlich immer noch nicht gekommen.

Und ein weiterer Telefonanruf zeigt: Der Arzt ist jetzt auch nicht mehr in der Praxis.

Argh!

Und weil mir die Praxisassistentin auch keine Bestätigung gegeben hat, dass der Arzt das auch wirklich ausstellt – kann ich ihr das nicht einfach vorbeziehen.

Man kann sich vorstellen, wie „zufrieden“ die Patientin mit dieser Auskunft war.

Frau Luna : „Ohne diese Tabletten kann ich nicht schlafen. Sie (ja, ich) sind schuld, wenn ich eine schlaflose Nacht habe!“

Das Rezept kam dann am nächsten Morgen kurz nach 8 Uhr per Fax.

Danke vielmals.

Ein Dauerrezept für 12 Monate – was bei dem auch nicht möglich ist.

Ich informiere die Praxisassistentin, dass ich das als Dauerrezept aufnehme, aber nur für die maximalen 6 Monate. („Ja, ja.“).

Dann der Patientin telefonisch die gute Nachricht überbracht. Sie kam das dann am Nachmittag bei meiner Kollegin abholen.

Die hinterlässt mir einen Zettel – Frau Luna hat sich beklagt, sie war sehr unzufrieden mit uns, wie das gelaufen ist. Vielleicht sollten wir uns entschuldigen?

Hmpf.

Ich entschuldige mich nicht gerne für Dinge, die nicht wirklich meine Schuld sind. Aber ich behalte das im Hinterkopf – und noch bevor ich dazu komme den Brief zu schreiben … (ich weiss noch nicht, ob das ein Entschuldigungsbrief oder eher ein Erklärungsbrief geworden wäre) … kommt Frau Luna wieder in die Apotheke mit etwas ganz anderem (Hautarztrezept oder so).

Ich bediene sie und als wir fertig sind (sie ist die ganze Zeit gewohnt freundlich), spreche ich sie direkt auf die Sache die Woche vorher an.

„Frau Luna, wegen dem Stilnox-Rezept letzte Woche …“

Frau Luna: „Oh. Ja. Es tut mir leid. Als ich das abgeholt habe, da hatte ich eine üble Nacht hinter mir und war nicht so … Ich weiss ja, dass das nicht ihre Schuld war. Das ist nur diese Praxisassistentin bei dem Arzt. Wissen Sie, als ich angerufen habe das erste Mal am Mittag, da hat sie mir gegenüber behauptet, sie habe das schon gefaxt. Und als ich am Morgen noch einmal angerufen habe, da hat sie gesagt: ‘Ich habe es jetzt gerade geschickt’. Da sehen Sie, dass das das erste Mal nicht stimmte. Wahrscheinlich lag es auch an ihr, dass das am Nachmittag nicht kam und nicht am Arzt.“

Pharmama: (erleichtert): „Oh, okay.“

Frau Luna: „Und der Arzt – der verschreibt mir das sowieso. Schon seit Jahren. Der will mich nicht einmal sehen, um ein Rezept auszustellen. Wissen Sie, ich weiss, dass das ein problematisches Mittel ist und ich abhängig bin.“

Pharmama: „…“

Frau Luna: „Ich nehme auch nicht gerne Tabletten und auch nur eine halbe Tablette am Abend von diesen – aber im Moment kann ich nicht schlafen ohne. Ich will auch davon wegkommen. Haben Sie mir nicht etwas, das ich sonst noch versuchen kann? Etwas pflanzliches vielleicht?“

Zusammen mit ihr finde ich ein geeignetes pflanzliches Mittel und wir versuchen ein Abbauschema (ja, auch von einer halben Tablette aus).

Das Gespräch mit ihr war wirklich interessant. Sie ist ein ziemlich typischer Fall von jemandem der nicht beabsichtigt in die Abhängigkeit reingerutscht ist.

Frau Luna: “Als mir das ursprünglich verschrieben wurde hat der Arzt damals gemeint: ‘Diese Tabletten sind kein Problem, das sind keine Benzodiazepine, die abhängig machen’.“

Pharmama: „Ja, das hat man ursprünglich bei den Z-Wirkstoffen gedacht. Leider stellte sich dann heraus …“

„Frau Luna: „…dass das genau dasselbe Problem macht. Ich hab’s gemerkt.“

Pharmama.: „Wissen Sie, ich verstehe Sie gut – und auch ihre Reaktion am letzten Donnerstag. Ich bin sehr froh, dass wir geredet haben. Viel Erfolg mit dem Abbauen!“

Wie ihr geht es leider einer ganzen Menge vor allem älterer Leute. Aus einer einmaligen Verschreibung wegen einem eigentlich kurzfristigen Problem werden wiederholte Bezüge und Dauerrezepte. Je länger das geht, desto schwieriger wird es, auch weil eine Gewöhnung eintritt, man kann nicht nur ohne das Schlaf- oder Beruhigungsmittel sein, man muss auch mehr nehmen, damit es noch wirkt. Ein Riesen-Problem mit tausenden Abhängigen. Und den Patienten selber merkt man das oft nicht an – im Alltag funktionieren sie ja … problematisch wird es nur, wenn die Medikamente ausgehen. Siehe oben.

Kleines Hallo an einen deutschen Arzt …

Einen der vielen, die in der Schweiz arbeiten:

Foto-3

Es “muss” ein deutscher Arzt sein, der das Rezept ausgestellt hat. Das erkenne ich an der N1 …
Allerdings muss ich hier zugeben, dass ich damit nichts anfangen kann. Welche Grösse soll das sein? Hierzulande schreibt man die Anzahl g dazu … oder lässt die Grössenangabe ganz sein (dann ist es automatisch die kleinste Grösse) oder schreibt dazu “grosse OP”

Aber das macht nicht viel – der Rest stimmt wunderbar – schreibt doch (endlich) einmal ein Arzt den Inhaltsstoff auf, statt einen Markennamen. Das dürfte wirklich öfter vorkommen. Und die Dosierung ist auch genau angegeben. Toll!

Von dem her: wink! Lieber Arzt: mach weiter so! Egal woher Du kommst.