Die Unbekannte aus der Seine – oder: warum wir eine Tote aus dem letzten Jahrhundert versuchen wiederzubeleben

Sie wurde um 1900 tot aus der Seine bei Paris gezogen. Wahrscheinlich eine Selbstmörderin. Es war Brauch rasch eine Totenmaske aus Wachs anzufertigen, bevor der Verfall die Gesichtszüge zu sehr zerstören konnte. Anhand der Totenmaske konnte man sie auch später noch identifizieren.
Wenn das Opfer unidentifiziert blieb und niemand Anspruch auf die Leiche erhob, wurde das Wachs nach einiger Zeit wieder eingeschmolzen und für andere weiterverwendet. Die Leiche landete in einem Armengrab.

Traurigerweise war das wohl auch das Schicksal dieses toten Mädchens. Selbst wenn ihre Identität entdeckt würde, es war unwahrscheinlich, dass sich die Familie eine richtige Beerdigung leisten könnte.
Zumindest sah das Mädchen friedlich aus – so wenige, die man aus dem Wasser der Seine zog taten das. Und die rasch angefertigte Totenmaske aus Wachs war ebenso schön im Ausdruck. Das Gesicht des Mädchens hatte eine stille Ernsthaftigkeit, ein wissendes Lächeln. Sie war eine Wachs-Mona Lisa.

Der Maskenmacher war so angetan von ihrer Schönheit, dass er es einem Freund erzählte der Journalist war und ihre Geschichte und ihr Bild weiterverbreitete.

Niemand kam, um ihre Leiche abzuholen. Sie kam unidentifiziert ins Grab. Aber ihre Maske wurde nicht eingeschmolzen. Es wurden Abdrücke gemacht, die bei vielen Künstlern an den Wänden landeten. Von den Abdrücken wurden weitere Abdrücke gemacht und von Frankreich aus auf dem ganzen Kontinent verbreitet. Sie wurde zum Schönheitsideal einer ganzen Generation von jungen Deutschen Frauen. Es wurden Romane und Gedichte über sie geschrieben.

Dann kam der Krieg und mit ihm ging ihre Geschichte vergessen, die Masken aber fanden sich noch in dunklen Ecken alter Häuser, in Kisten und bei dem Kleinkram, der auf Flohmärkten verkauft wird.

Aber ihre Geschichte ist noch nicht vorbei.

1958 war Doktor Peter Safar unterwegs, ein Pionier auf dem Feld der Herzlungen-Wiederbelebung, des CPR (cardiopulmonary resuscitation) und dabei seine Erkenntnisse weiterzugeben. Während er in Stavanger, Norwegen einen Vortrag hielt, war ihm einmal mehr bewusst, dass es keine einfache Methode gab, den Leuten seine lebensrettendende Technik beizubringen. Er selbst hatte zum üben stark betäubte Freiwillige verwendet, aber das war zu unpraktikabel um das anderen so beizubringen. Obwohl seine neue Technik effektiv war, schien es, als würde sie im dunkeln verschwinden.

Unter seinen Zuhörern war ein anderer Arzt, Bjorn Lind, der eine plötzliche Eingebung hatte: warum nicht ein Mannequin benutzen, eine lebensgrosse Puppe? Sein Freund, Asmund Laerdal, dessen Sohn letztes Jahr beinahe ertrunken war, war Spielzeughersteller und gerade dabei von Holz zu weicherem Plastik zu wechseln. Lind dachte, dass Laerdals Wissen um das neue Material und um die Herstellungsmethoden vielleicht eine Lösung anbieten könnte und dass ihn das Projekt vielleicht auch persönlich interessierte.

In Zusammenarbeit entwickelten die drei Männer ein lebensgrosses Mannequin. Safar und Lind steuerten ihr Wissen um die Anatomie bei, Laerdal sein Wissen um Material und Puppenproduktion. Sie schafften es und hatten schliesslich einen Prototyp, der anatomisch korrekt im Ansprechen und Widerstand war, wenn man auf den Brustkorb drückte.

Obwohl der Prototyp funktionell war, hatten sie dennoch das Gefühl er war nicht ganz fertig. Der Kopf des Mannequins hatte keinerlei Gesichtszüge ausser einem Mund. Weil sie glaubten, dass eine realistischere Erscheinung die Studenten besser motivieren würde, entschieden sie, dass ihre Puppe ein Gesicht bräuchte.

Laerdal traf, als er eine ältere Verwandte besuchte auf eine Keramik- Replika der Unbekannten aus der Seine und fand es perfekt für sein Vorhaben.

1960 ging das CPR Mannekin in Produktion – Resusci-Anne … und Laerdals Fabrik stellte kein anderes Spielzeug mehr her.

Seit dieser Zeit haben sich unzählige Leute bemüht, das Leben eines Mädchens zu retten, für das – schon als es gefunden wurde – es keine Hoffnung mehr gab. Aber … indem sie es versuchen haben sie die Fähigkeiten gelernt, das Leben von anderen zu retten, für die es noch Hoffnung gibt.

Im Bild oben eine der ursprünglichen Resusci-Anne Puppen. Heute sind die Gesichtszüge zwar immer noch an die Unbekannte aus der Seine angelehnt, aber doch schon sehr vereinfacht – siehe unterstes Bild.

Ich werde nie mehr einen CPR Kurs besuchen können, ohne an die Unbekannte an der Seine zu denken. Auf eine seltsame Art hat sie doch überlebt.

Quelle:  http://www.laerdal.com/docid/1117082/The-Girl-from-the-River-Seine , Wikipedia und mehr.

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Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 15. Januar 2012 in Allgemeines und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 10 Kommentare.

  1. Beeindruckende Geschichte.

  2. Wow. Ob ich bei der nächste Rea daran denken werde?

  3. Das ihr Gesicht dafür benützt wurde, wusste ich gar nicht. Wirklich sehr beeindruckend und bewegend!
    Schade, dass sie immer namenlos bleiben wird, man würde gerne mehr über sie und ihr Leben erfahren….

  4. Schön zu wissen wo das Gesicht von Anne herkommt. Als EH-Ausbilder wird mich diese Geschichte ab jetzt bestimmt sehr oft begleiten.

    • Das ist ja eine spannende Geschichte! Danke dafür,ich hatte keine Ahnung, wo die allgemein bekannte Rescusci-Anne herkommt.
      Gleich nachgefragt: es gibt ja auch noch eine Kinder- und eine Baby-Version (“Little Anne”) – sind das dieselben Gesichtszüge?

  5. wow – interessante Geschichte

  6. Danke, Pharmama, wirklich eine bewegende Geschichte. :)

  7. Da kriegt man ja direkt Gänsehaut…

  8. Wou… man lernt doch nie aus. Und ich habe sie auch schon mal wiederbelebt… naja, zumindest versucht :)

    Eine echt gute Geschichte aus dem Leben! Klasse.

  9. Danke für diese interssante Geschichte. Ich war jahrelang im DRK und habe viele Puppen reanimiert. Aber diese Geschichte kannt ich noch nicht

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