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Milchprodukte, polyvalente Kationen und Medikamente

Nun also – wie gewünscht – Teil 5 der Reihe Wechselwirkungen zwischen Nahrungs- und Genussmitteln und Medikamenten

Zuerst ein bisschen Chemie: Polyvalente Kationen nennt man die mehrfach positiv geladenen Teilchen zu denen Calcium, Eisen, Aluminium, Magnesium oder auch Zink in Lösung werden: Ca++, Mg++, Fe++ oder Fe+++ etc.
Diese Kationen sind Bestandteil von Antacida sowie Mineralstoffpräparaten und werden häufig im Rahmen der Selbstmedikation erworben oder ärztlich verordnet.

Calciumsalze finden sich in etlichen Multivitamin- und Monopräparate, auf Rezept zur Osteoporoseprophylaxe. (Calcimagon, Calcium Sandoz, Calperos ..)
Eisenpräparate sind bei Eisenmangelzuständen indiziert, beispielsweise während oder gegen Ende der Schwangerschaft. (Maltofer, Tardyferon, Ferrosanol…)
Magnesiumpräparate dienen bei Magnesiummangelzuständen als Ersatz. In der Selbstmedikation werden sie häufig gegen nächtliche Wadenkrämpfe eingenommen. (Magnesium Biomed, Magnesium Diasporal, Mag2 …)
Präparate mit Zink sind indiziert bei Zinkmangelzuständen; (Redoxon mit Zink, Zinkvital…) Zink findet sich zudem in vielen Multivitaminpräparaten.
In Antacida sind neben Magnesiumionen auch Aluminium und Calcium enthalten. (Rennie, Alucol, Riopan,…)

Ausserdem muss man daran denken, dass auch Nahrungsmittel diese polyvalenten Kationen in grösseren Mengen enthalten können, z.B. das in Milch und Milchprodukten (Käse, Yoghurt, Quark) enthaltene Calcium. Oder calcium- und magnesiumreichen Mineralwässer.

Was alle diese polyvalenten Kationen machen ist, dass sie im Magen zusammen mit den Wirkstoffen in manchen Medikamenten Verbindungen eingehen, die schwer löslich sind. Und diese können danach nicht oder nur wenig in den Körper aufgenommen werden. Daraus folgt eine Wirkverminderung bis Wirkungsverlust.

Deshalb:
Abstand von 2 Stunden einhalten zwischen der Einnahme dieser Kationen- sei es in Medikamenten oder Nahrungsmitteln und:

  • Schilddrüsenhormone: Levothyroxin (Euthyrox, Eltroxin, Novothyral, Tirosynt)
  • Gyrasehemmer- Antibiotika (Ciprofloxacin, Norfloxacin)
  • Tetracyclin-Antibiotika (Doxycyclin, Minocyclin)
  • Bisphosphonate (Osteoporosemittel) wie Alendronat (Alendron, Fosamax) oder Etidronat (Bonviva)

Bei den Antacida (den Mitteln gegen Magenübersäuerung) wie Rennie, Riopan, Alucol etc sollte man sicherheitshalber diesen 2 Stunden Einnahme-Abstand auch mit anderen Medikamenten einhalten, da man hier nicht nur das Problem der Komplexbildung mit den Kationen hat, sondern wegen der Magensäureneutralisation auch eine Veränderung des pHs und damit verbunden eine eventuelle Veränderung der Wirkstoffaufnahme – meist auch eine Verschlechterung.

Übrigens: Bei den Tetracyclinen gibt es grosse Unterschiede wie sie durch die gleichzeitige Einnahme von Milch beeinflusst werden. Bei Doxyzyklin, Minozyklin haben wir eine bis ca. 30% verminderte Serumkonzentration – Aber: andere Tetracycline, die in der CH nicht im Handel sind, werden mehr beeinflusst: bis 70% Verminderung.

Der Grund liegt darin, dass Doxycyclin ist verhältnismässig gut lipidlöslich, darum scheint die Substanz auch als Calciumkomplex durch die Membranen zu diffundieren und aufgenommen zu werden.

Bei einigen Doxycyclin-haltigen Spezialitäten wird die Einnahme mit Milch zur Reduktion möglicher Magenbeschwerden empfohlen. Da frage ich mich, ob es nicht besser wäre, das Antibiotikum statt mit Milch einfach während dem Essen zu nehmen? Das sollte gegen eventuelle Magenbeschwerden genauso gut helfen und nicht so problematisch sein wegen den polyvalenten Kationen wie in der Milch.

Die Namen in den Klammern sind die in der CH zugelassenen Medikamente – es handelt sich um eine Auswahl, es gibt noch mehr mit den Wirkstoffen. Die Liste erhebt auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

8 Antworten

  1. Interessant.
    Mein Mann hat gelegentlich Probleme mit einem “gluckernden” Bauch, er ist auch komplett durchgecheckt worden ohne Befund. Er hat ein paar Mal freiverkäufliche Mittel wie Rennie oder Motilium ausprobiert (da der Auslöser ja nicht klar ist hat er halt vorsichtig “gepröbelt”), mittlerweile hat er herausgefunden, dass ihm ein Glas Milch am besten hilft…

  2. ich bin schon länger stille treue Leserin deines Blogs – großes Kompliment: es ist unterhaltsam und gleichzeitig informativ…
    jetzt hab ich aber doch eine konkrete Frage:
    ich schlucke morgens brav gleich nach dem Aufstehen mein Thyroxin – nach ca. 30min frühstücke ich dann meinen Kaffee mit Milch und Müsli mit Joghurt – habe ich damit nun tatsächlich die Wirkung der Hormone zunichte gemacht?
    und wie mach ichs besser?
    und was ist mit dem Zinkpräparat, das ich nach dem Frühstück schlucke?
    Danke für deine Antwort!!
    Ich schäme mich ein bisschen, dass mein erster Kommentar hier gleich so eine persönlich Belästigung ist..
    aber mach weiter so mit deinem tollen Blog!

    • Wenn Du das Thyroxin immer gleich nimmst, also in gewissem Abstand dahinter die Milch, dann hat sich der Körper an diese Konstellation gewöhnt. Die Wirkung ist nicht zunichte, denn es geht Dir ja (hoffentlich) gut. Wenn das Thyroxin aber nichts hilft, dann könnte es an der Milch liegen.

      Fehlt die Milch, dann kann es an dem Tag mal zu Überdosierungserscheinungen kommen. Thyroxin ist nicht umsonst in vielen Stärken erhältlich, damit jeder seine passende Dosis bekommt.

    • So: hallo! tut mir leid, dass ich erst so spät antworte, bin in den letzten Tagen einfach zuviel am arbeiten und sonst unterwegs gewesen.
      Mr. Gaunt hat ja schon das wichtigste gesagt, hier noch meine “Version”:

      In der Packungsbeilage steht: “Die gesamte Tagesdosis wird morgens nüchtern, mindestens 1/2 Stunde vor dem Frühstück, unzerkaut mit etwas Flüssigkeit eingenommen.”

      Ganz zunichte machst Du die Wirkung also nicht. Aber eine Beeinflussung ist natürlich möglich, weil die halbe Stunde eine Mindestangabe ist.
      Jetzt nimmst Du es aber schon eine Zeitlang so – das heisst, wenn du mit dieser Einnahmeart eingestellt worden bist und das so ok ist, kannst Du dabei bleiben. Wenn Du jetzt nämlich das Joghurt weglässt, könnte es tatsächlich sein, dass mehr aufgenommen wird und die gleichen Tabletten stärker wirken.
      Wenn Du allerdings erst nach der Einstellung angefangen hast, den Joghurt danach zu essen, wäre es vielleicht eine gute Idee ihn noch etwas weiter nachhinten zu schieben – also, dass Du 45 Minuten wartest, bis du etwas zu dir nimmst.
      Das Zink *nach* dem Frühstück macht da keinen grossen Unterschied mehr.

  3. Muss auch mal ein Kompliment loswerden für die ganzen Aufstellungen und muss leider feststellen, dass mir doch einiges abhanden gekommen ist mit der Zeit.

    Wieviel hast Du von den ganzen Sachen den sofort im Kopf sicher parat?

    • Das mit den polyvalenten Kationen kommt so häufig vor (!) das habe ich im ff. Schwieriger ist das mit dem Coffein – da hatte ich bisher 1 Kunden, bei dem das wirklich relevant war. Der bekam immer Herzklopfen, Übelkeit und Flush – ausser am Wochenende. Nach intensiver Befragung stellte sich heraus, dass der Kaffee morgens das Problem war – vertrug sich nicht mit seinem Medikament.
      Das mit dem Alkohol ist wieder relativ klar – erwähnen wir aber v.a. bei den Antibiotika, wo die Mischung wirklich schlecht ist (Übelkeit) und Paracetamol, wenn der Verdacht besteht, dass die Person sonst sehr viel trinkt.
      Ansonsten bin ich schon froh um den Computer und dass wir Dossiers führen, das hilft enorm.

  4. [...] man Medikamente nicht mit Grapefruitsaft, Milch, Kaffee oder Alkohol nehmen soll, sieht man, wenn man auf die Links [...]

  5. [...] Pharmama berichtete in mehreren sehr informativen Artikeln über die Interaktionen von Medikamenten mit Nahrungsmitteln, angefangen von Alkohol, Koffein, Nikotin bis hin zu Milch. [...]

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